In Serbien ist eine Bewegung, die aus den Protesten nach dem tödlichen Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad hervorging, an die Urne getreten und hat mit gut 53 Prozent die absolute Mehrheit errungen. Dass ihre Liste kaum Studierende, dafür aber Fachleute versammelte, zeigt einen Aufbruch, der sich nicht mehr allein auf die Straße stützen will. Ob aus dem Zorn eine Regierung wird, die Justiz, Medien und Verwaltung tatsächlich erneuert, bleibt jedoch offen, denn die Frage nach dem Regierungschef ist noch nicht entschieden.
Studentenliste gewinnt Wahl in Serbien: Protestbewegung steht vor der Regierungsbildung
Ein Regime zu stürzen ist das eine, ein Land zu regieren etwas anderes.
Die Studentenliste hat über 53 Prozent. Was ist daran der große Einschnitt?
Sie kann allein regieren, mit voraussichtlich 140 Abgeordneten. Und Vucic hat noch in der Nacht seine Niederlage eingeräumt, was viele nicht erwartet hatten.
Wichtig: Die 53 Prozent sind vorläufige Angaben der Wahlkommission, kein Endergebnis.
Wer wird denn nun Regierungschef?
Das ist offen. Listenführer Ilija Srdanovic gilt nicht automatisch als Kandidat. Die Ämter sollen in den nächsten Tagen verteilt werden.
Warum ist Regieren schwerer als Protestieren?
Bieber sagt, eine Bewegung könne eine Regierung stürzen, aber nicht regieren. Dazu kommt, dass Justiz und Staatsanwaltschaft laut ihm unter Kontrolle von Vucics Leuten stehen.
Das ist Biebers Einschätzung, auch die Aussage, Vucic hätte nicht mehr fälschen können. Belegt ist das im Text nicht.
Und Europa?
Brüssel und Berlin signalisieren Unterstützung. Techet erwartet aber, dass die neue Regierung wegen EU-skeptischer Wähler kein bequemer Partner wird.
Wie viele Wähler das genau betrifft, nennt der Bericht nicht. Auch das Programm der Liste in der Außenpolitik bleibt offen.
Il Polso
- Die Studentenliste hat mit gut 53 Prozent die absolute Mehrheit errungen, Vucics SNS fiel auf gut 39 Prozent zurück.
- Vucic räumte seine Niederlage bemerkenswert schnell ein, und das Land blickt gespannt auf die Machtübergabe.
- Wer Regierungschef wird und welches Ministerium an wen geht, muss in den kommenden Tagen entschieden werden.
- Justiz, Staatsanwaltschaft und Medien gelten als tief mit dem alten System verflochten, und die EU-Annäherung stockt seit Jahren.
In Serbien ist eine Bewegung, die aus den Protesten nach dem tödlichen Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad hervorging, an die Urne getreten und hat mit gut 53 Prozent die absolute Mehrheit errungen. Dass ihre Liste kaum Studierende, dafür aber Fachleute versammelte, zeigt einen Aufbruch, der sich nicht mehr allein auf die Straße stützen will. Ob aus dem Zorn eine Regierung wird, die Justiz, Medien und Verwaltung tatsächlich erneuert, bleibt jedoch offen, denn die Frage nach dem Regierungschef ist noch nicht entschieden.
Die Nacht verlief anders, als viele in Serbien erwartet hatten. Kaum lagen die ersten Zahlen vor, erkannte Aleksandar Vucic, der das Land lange geprägt hat, seine Niederlage an. Die Studentenliste kam laut vorläufigem Ergebnis auf gut 53 Prozent, Vucics Serbische Fortschrittspartei auf gut 39 Prozent.
Die Bewegung entstand vor zwei Jahren nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad, bei dem 16 Menschen starben. Kritiker machten Korruption und Schlamperei verantwortlich, und aus den Protesten wurde eine breite Bewegung gegen die Regierung. Auf der Liste standen kaum Studierende, sondern Fachleute, die basisdemokratisch bestimmt worden waren. Nun kann sie allein regieren, voraussichtlich mit 140 Abgeordneten.
Doch vieles ist ungeklärt. Listenführer Ilija Srdanovic gilt nicht automatisch als Regierungschef. Analysten warnen, dass eine Bewegung eine Regierung stürzen, aber nicht zwingend regieren kann. Vedran Dzihic sieht als Kern des Programms die Befreiung der Justiz von politischem Einfluss und den Kampf gegen Korruption. Peter Techet erwartet, dass sich das Lager schwer zusammenhält und dass die neue Führung mit personellen Wechseln und der Wiederherstellung der Medienfreiheit die alte Elite abbauen will.
International wird aufmerksam beobachtet, ob Serbien seinen seit fast 15 Jahren laufenden EU-Beitrittsprozess wiederbelebt. Brüssel signalisierte Unterstützung, während Techet vor einem nicht immer bequemen Partner warnt, da viele Wähler der EU skeptisch gegenüberstehen. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, wer das Land führen soll.
Die Nacht verlief anders, als es viele in Serbien erwartet hatten. Kaum waren die ersten Zahlen da, räumte Aleksandar Vucic, der das Land seit Langem prägt, seine Niederlage ein. Nach vorläufigen Angaben der Wahlkommission kam die Studentenliste auf gut 53 Prozent der Stimmen und damit auf die absolute Mehrheit. Vucics Serbische Fortschrittspartei (SNS) erreichte gut 39 Prozent.
Für viele Beobachter kam nicht nur das klare Ergebnis überraschend, sondern auch Vucics schnelles Eingeständnis. Florian Bieber, Professor für südosteuropäische Politik und Geschichte an der Universität Graz, sagt, alle hätten mit einer langen Nacht gerechnet, womöglich mit einem tagelangen Hin und Her. Das eindeutige Resultat habe Vucic aber kaum eine andere Wahl gelassen. Selbst mit allen Mitteln der Wahlmanipulation hätte er es nach Biebers Einschätzung nicht mehr fälschen können.
Die Studentenliste kann nun allein regieren. Sie dürfte voraussichtlich 140 Abgeordnete ins Parlament schicken. Auf ihrer Liste standen allerdings kaum Studierende, sondern Fachleute, die basisdemokratisch bestimmt worden waren. Entstanden ist die Bewegung vor zwei Jahren nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad, der zweitgrößten Stadt des Landes. 16 Menschen starben. Kritiker machten Korruption und Schlamperei der Regierung Vucic dafür verantwortlich. Die Proteste der Studentinnen und Studenten erfassten breite Teile der Bevölkerung und wuchsen zu einer Bewegung gegen die Regierung und die verbreitete Korruption.
Trotz des Siegs ist vieles offen. Die größte Frage lautet, wer Regierungschef wird. Listenführer Ilija Srdanovic gilt nicht automatisch als Anwärter auf das Amt. Wer Premierminister wird und wer welches Ministerium übernimmt, soll in den kommenden Tagen entschieden werden.
Bieber nennt das ein spannendes, aber riskantes Experiment. Bis Sonntagabend sei die Strategie der Bewegung clever gewesen, nun müsse sie an die Öffentlichkeit gehen und transparenter werden. Eine breite Bewegung könne eine Regierung stürzen, aber nicht regieren. Dazu kommt, dass Justiz, Staatsanwaltschaft und alle Institutionen laut Bieber unter der Kontrolle von Vucics Leuten stehen. Kritiker werfen Vucic vor, die Demokratie ausgehöhlt und Andersdenkende wie unabhängige Medien unterdrückt zu haben.
Vedran Dzihic vom Österreichischen Institut für internationale Politik in Wien sieht in den tagesthemen Konturen eines Programms: die Befreiung der Justiz vom politischen Einfluss und den Kampf gegen Korruption. Andere Fragen, etwa bestimmte Aspekte der Außenpolitik, seien ausgeklammert und müssten noch ausdiskutiert werden. Das Regime zu stürzen sei das eine, einen demokratischen Neubeginn aufzubauen etwas anderes.
Peter Techet vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa verweist auf die Heterogenität von Studierenden, Abgeordneten und Wählerschaft. Es werde schwierig, dieses Lager zusammenzuhalten, zumal es konsequent basisdemokratisch arbeite. Offen sei, welche Rolle die Studenten künftig spielen und ob aus der Bewegung neue Parteien entstehen. Vucics Partei werde eine schwierige Opposition, da sie in Gesellschaft, Wirtschaft und der „kriminellen Unterwelt“ tief verankert sei. Techet erwartet, dass die neue Regierung die alte autoritäre Elite abbauen will, mit personellen Wechseln, Strafprozessen und der Wiederherstellung der Medienfreiheit.
Auch international wird der Wahlausgang aufmerksam verfolgt. Serbien ist seit fast 15 Jahren EU-Beitrittskandidat, der Kurs der bisherigen Führung ließ den Prozess weitgehend stocken. Techet glaubt, dass die neuen Regierenden „kein bequemer Partner für Brüssel“ würden, da ein bedeutender Teil ihrer Wähler der EU skeptisch gegenübersteht. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sieht die Chance auf mehr Einigkeit und Zusammenhalt und erwartet eine strategische Ausrichtung auf die EU. Ursula von der Leyen bot Unterstützung bei Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit, Korruptionsbekämpfung und demokratischen Institutionen an. Bundeskanzler Friedrich Merz würdigte, die Liste habe mit ihren Forderungen die Menschen erreicht. Regierungssprecher Sebastian Hille sagte, die Erwartungen im In- und Ausland seien nun groß. In den nächsten Tagen zeigt sich, wer das Land führen soll.
Citazioni salienti
Das Regime zu stürzen, ist das eine, einen neuen demokratischen Beginn in Serbien auf die Beine zu stellen, ist die andere Frage.— Vedran Dzihic, Österreichisches Institut für internationale Politik
Die Erwartungen an die studentische Liste im In- und Ausland sind nun groß.— Regierungssprecher Sebastian Hille