In der Frankfurter Paulskirche, einem Ort, der für sich allein schon Geschichte atmet, nahm der Völkerrechtler Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen und wandte die Auszeichnung sogleich in eine Frage zurück an das Land, das sie verlieh. Mit ruhiger Dringlichkeit mahnte der 65-jährige Professor, dessen eigene Familie im Holocaust ermordet wurde, dass Schweigen gegenüber Völkerrechtsverletzungen keine Staatsräson sein könne — auch nicht gegenüber Freunden. Er sprach nicht als Ankläger, sondern als jemand, der weiß, wohin das Schweigen führt.
Schriftsteller Philippe Sands nimmt Friedenspreis entgegen
Schweigen ist nicht der Weg. Nicht für eine Familie. Nicht für ein Land.
Was hat Sands mit dieser Rede eigentlich erreicht? War das nicht einfach eine Kritik, die in Deutschland ohnehin schon viele hören wollen?
Das ist der Punkt — er hat es auf einer der wichtigsten Bühnen des deutschen Kulturlebens gesagt, vor Bundespräsident und Justizministerin. Das ist nicht dasselbe wie eine Kundgebung oder ein Meinungsartikel. Es war eine Preisrede.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Sands spricht als Völkerrechtler, nicht als Politiker. Seine Kritik an Deutschland ist eine Kritik an der Rhetorik, nicht an konkreten Maßnahmen. Was genau soll Deutschland anders machen?
Er sagt ja, dass andere Staaten Palästina anerkannt oder Sanktionen verhängt haben. Das sind konkrete Beispiele.
Stimmt, aber er nennt keine Länder beim Namen. Und er sagt nicht, dass Deutschland das tun soll — er fragt nur, warum Deutschland nicht ähnlich handelt. Das ist eine andere Sache.
Inwiefern ist das relevant, dass Sands selbst aus einer jüdischen Familie aus Lemberg stammt? Ändert das die Gewicht seiner Kritik?
Für viele Menschen in Deutschland ja. Es macht deutlich, dass man Israel kritisieren kann und gleichzeitig jüdisch sein kann. Das ist für die deutsche Debatte wichtig.
Aber das ist auch ein rhetorisches Spiel. Sands nutzt seine Familiengeschichte, um Kritik zu immunisieren. Das ist nicht falsch — es ist nur wichtig zu sehen, dass es passiert.
Hat die Rede etwas verändert?
Das werden wir erst sehen. Aber sie hat die Debatte auf eine neue Ebene gebracht — nicht mehr nur Aktivisten oder Intellektuelle, sondern ein international anerkannter Jurist, der den Friedenspreis erhält.
Und doch: Sands sagt selbst, dass die Hamas-Angriffe "entsetzlich" waren. Das ist wichtig. Er versucht nicht, Israel zu delegitimieren. Er sagt, dass Kritik an Völkerrechtsverletzungen möglich sein muss, ohne dass man automatisch als antisemitisch gilt.
The Pulse
- Auf einer der bedeutendsten Bühnen des deutschen Kulturlebens brach ein international anerkannter Jurist ein weithin als tabu geltendes Schweigen — öffentlich, namentlich und ohne Umschweife.
- Sands bezeichnete Deutschlands Umgang mit israelischen Völkerrechtsverletzungen als 'unanständiges Schweigen' und die wachsende Einschränkung der Debatte im Land als 'beunruhigend'.
- Er anerkannte das Recht Israels auf Selbstverteidigung nach den Hamas-Angriffen vom 7. Oktober 2023, bestand aber darauf, dass dieses Recht nicht grenzenlos sei und innerhalb des Völkerrechts ausgeübt werden müsse.
- Mit der rhetorischen Frage 'Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung — warum dann das Schweigen?' verwies er auf andere Staaten, die Palästina anerkannt oder Sanktionen verhängt haben, und stellte Deutschlands Sonderweg infrage.
- Die Rede endete mit einem Zitat aus Leonard Cohens 'Anthem' — ein Bild des Lichts, das durch den Riss dringt — und wurde von Bundespräsident Steinmeier, Bundestagsvizepräsident Nouripour und weiteren hochrangigen Gästen mit Applaus bedacht.
In der Frankfurter Paulskirche, einem Ort, der für sich allein schon Geschichte atmet, nahm der Völkerrechtler Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen und wandte die Auszeichnung sogleich in eine Frage zurück an das Land, das sie verlieh. Mit ruhiger Dringlichkeit mahnte der 65-jährige Professor, dessen eigene Familie im Holocaust ermordet wurde, dass Schweigen gegenüber Völkerrechtsverletzungen keine Staatsräson sein könne — auch nicht gegenüber Freunden. Er sprach nicht als Ankläger, sondern als jemand, der weiß, wohin das Schweigen führt.
In der Frankfurter Paulskirche erhielt Philippe Sands, französisch-britischer Völkerrechtler und Autor, den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Professor für Internationales Recht am University College London ist einem breiten Publikum durch sein Buch 'Rückkehr nach Lemberg' bekannt, das anhand seiner eigenen Familiengeschichte von der Ermordung jüdischer Menschen in der heute ukrainischen Stadt Lwiw erzählt. Diese persönliche Verwurzelung in der Geschichte gab seiner Dankesrede in Frankfurt ein besonderes Gewicht.
Sands nutzte die Ehrung für eine ungewöhnlich direkte Kritik an Deutschland. Er warf dem Land 'unanständiges Schweigen' gegenüber israelischen Völkerrechtsverletzungen vor und warnte vor einer 'Debattenbeschränkung', die er als beunruhigend bezeichnete. Wer Völkerstraftaten benenne, dürfe dafür nicht zum Schweigen gebracht oder bestraft werden. 'Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht Anti-Israel. Es ist die Wahrheit', sagte er. Zugleich betonte er, dass die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023 eine schwere Verletzung des Völkerrechts gewesen seien und Israel das Recht auf Selbstverteidigung habe — jedoch nur innerhalb völkerrechtlicher Grenzen.
Mit Blick auf Staaten, die Palästina anerkannt oder Sanktionen verhängt haben, fragte Sands rhetorisch, warum Deutschland diesen Weg nicht gehe. Eine echte Staatsräson müsse das Schweigen über Völkerstraftaten brechen — 'wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden, auch wenn es Freunde sind'. Am Ende seiner Rede zitierte er Leonard Cohens 'Anthem': ein Riss in allem, durch den das Licht hereindringt. Die Laudatio hielt Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, die Sands als 'einen der wichtigsten Völkerrechtsexperten unserer Zeit' würdigte. Unter den Gästen waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig.
In der Frankfurter Paulskirche überreichte die Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung an Philippe Sands, einen französisch-britischen Völkerrechtler und Autor, dessen Werk sich seit Jahren der Verfolgung von Gerechtigkeit durch das Prisma des internationalen Rechts widmet. Die Ehrung würdigte seinen Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Einhaltung völkerrechtlicher Normen — ein Thema, das Sands in seiner Dankesrede mit ungewöhnlicher Direktheit zur Sprache brachte.
Der 65-jährige Professor für Internationales Recht am University College London ist einem breiten Publikum vor allem durch seine literarischen Sachbücher bekannt geworden. Sein 2018 auf Deutsch erschienenes Werk "Rückkehr nach Lemberg" erzählt anhand seiner eigenen Familiengeschichte von der Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen in der heute ukrainischen Stadt Lwiw während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Diese persönliche Verbindung zur Geschichte prägte auch den Ton seiner Rede in Frankfurt.
Sands warf Deutschland in seiner Ansprache "unanständiges Schweigen" im Umgang mit Israel vor. Er argumentierte, dass Völkerrechtsverletzungen klar benannt werden müssen — gerade unter Freunden. "Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht Anti-Israel. Es ist die Wahrheit", sagte er. Die Debatte darüber, ob Israel an den Palästinensern einen Genozid verübe, bezeichnete Sands als "ein nutzloses Ablenkungsmanöver". Stattdessen betonte er: "Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten." Sie müssten angeprangert werden, und diejenigen, die dies täten, sollten nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden, nur weil sie ihre Rede- und Meinungsfreiheit ausübten. Die "Debattenbeschränkung" in Deutschland bezeichnete er als "beunruhigend".
Sands verwies darauf, dass viele Staaten inzwischen Palästina als Staat anerkannt, Sanktionen gegen Israel verhängt oder das Handeln Israels in den besetzten Gebieten als ethnische Säuberungen bezeichnet haben. "Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?", fragte er rhetorisch. Eine echte Staatsräson für Deutschland müsse das Schweigen über Völkerstraftaten brechen — "wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden, auch wenn es Freunde, vor allem, wenn es Freunde sind". Unter Applaus sagte er: "Schweigen ist nicht der Weg. Nicht für eine Familie. Nicht für eine Gemeinschaft. Nicht für ein Land."
Gleichzeitig machte Sands deutlich, dass er die Komplexität der Situation anerkennt. "Die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023 waren entsetzlich", sagte er und bezeichnete sie als "eine ungeheuerliche Verletzung grundlegender Normen des Völkerrechts". Wie jeder Staat habe Israel das Recht, sich zu verteidigen. Aber: "Dieses Recht ist nicht unbegrenzt und muss innerhalb der Grenzen des Völkerrechts ausgeübt werden."
Am Ende seiner mit viel Applaus bedachten Rede zitierte Sands unter Live-Begleitung aus Leonard Cohens Lied "Anthem", in dem es heißt, dass in allem ein Sprung sei und durch ihn das Licht hineingelange. Die Laudatio hielt Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Sie würdigte Sands als "den Nachkommen einer großen jüdischen Lemberger Familie" und "einen der wichtigsten Völkerrechtsexperten unserer Zeit". Dass er den Friedenspreis erhalte, sei "nicht weniger als ein Anlass zur Hoffnung".
An dem Festakt in Frankfurt nahmen zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gesellschaft teil, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig. Auch frühere Preisträger wie die Publizisten Navid Kermani und Carolin Emcke sowie der Historiker Karl Schlögel waren anwesend. Die Rede von Sands markierte einen seltenen Moment, in dem ein international anerkannter Jurist und Autor auf einer der wichtigsten Bühnen des deutschen Kulturlebens eine Debatte über Deutschlands Rolle bei der Kritik an Völkerrechtsverletzungen führte — eine Debatte, die in Deutschland selbst vielen als tabu gilt.
Notable Quotes
Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht Anti-Israel. Es ist die Wahrheit.— Philippe Sands, in seiner Dankesrede zur Kritik an Deutschlands Israel-Politik
Dieses Recht ist nicht unbegrenzt und muss innerhalb der Grenzen des Völkerrechts ausgeübt werden.— Philippe Sands, über Israels Verteidigungsrecht