Steinmeier: "Es geht um die Selbstbehauptung der Demokratie"

Es geht in Zukunft um die Selbstbehauptung der Demokratie
Steinmeier warnt, dass die Demokratie neu angefochten wird und sich selbst behaupten muss.
Mark

Warum hat Steinmeier diese Warnung vor Extremismus ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit ausgesprochen? Das wirkt wie ein bewusster Kontrast.

Mimi

Es ist mehr als ein Kontrast — es ist eine Konfrontation. Der Tag erinnert an einen Moment der Hoffnung und des Friedens. Steinmeier nutzt diesen Moment, um zu sagen: Das, wofür Menschen 1989 gekämpft haben, ist jetzt wieder bedroht. Das macht die Warnung schwerer.

Luke

Aber wie konkret ist diese Bedrohung? Steinmeier spricht von "extremistischen Kräften" und "Demagogie", nennt aber keine Partei, keine Bewegung beim Namen. Wir wissen, dass er die AfD meint, aber das steht nicht in seiner Rede.

Mark

Er sagt, dass ein Viertel der Wähler sich von Grundrechten abwenden. Das ist eine sehr große Zahl. Woher kommt diese?

Mimi

Das ist seine Interpretation von Wahlentscheidungen. Er sagt nicht, dass ein Viertel der Menschen Extremisten sind — er sagt, dass ihre Wahlentscheidung zeigt, dass sie sich von Grundrechten abwenden. Das ist eine Deutung, keine Messung.

Luke

Genau. Und das ist wichtig zu unterscheiden. Eine Wahlentscheidung kann viele Gründe haben. Steinmeier interpretiert sie als Abkehr von Grundrechten, aber das ist seine Lesart, nicht eine objektive Tatsache.

Mark

Was meint er mit "Selbstkritik" der Regierungen? Klingt, als würde er sich selbst kritisieren — er war ja Außenminister.

Mimi

Er tut das indirekt. Er fragt, ob Regierungen genug gegen Arbeitslosigkeit getan haben, ob sie Ostdeutsche genug in Positionen gebracht haben. Das sind alte Fragen, aber er stellt sie neu, weil die Antwort offensichtlich "nein" war.

Luke

Aber auch hier: Das sind Hypothesen. "Möglicherweise" habe die Politik zu wenig getan — das ist keine Analyse, das ist eine Frage. Wir wissen nicht, ob weniger Arbeitslosigkeit oder mehr Ostdeutsche in Führungspositionen die Wähler tatsächlich zurückgeholt hätte.

Mark

Was ist mit seiner Forderung nach Reformen? Das klingt vage.

Mimi

Es ist vage, weil Steinmeier nicht sagen kann, welche Reformen konkret. Das ist Sache der Regierung. Aber er sagt: Ohne Veränderung wird es nicht besser. Das ist sein Auftrag an die Nachfolger.

Luke

Und das ist das Interessante: Er sagt nicht, dass die Reformen funktionieren werden. Er sagt, dass man sie "um der Hoffnung willen" versuchen muss. Das ist ehrlich — aber es ist auch ein Eingeständnis, dass er nicht weiß, ob es reicht.

  • Bundespräsident Steinmeier warnte am 3. Oktober vor extremistischer Demagogie, die Freiheit, Demokratie und nationale Einheit gefährdet
  • Ein Viertel der Wähler wendet sich laut Steinmeier durch ihre Wahlentscheidung von Grundrechten ab
  • Steinmeier scheidet im März 2026 aus dem Amt aus; dies war seine letzte Rede als Bundespräsident an einem Nationalfeiertag
  • Er forderte Regierungen auf, Versäumnisse bei Arbeitslosigkeit und Integration von Ostdeutschen in Führungspositionen zu überprüfen
  • Steinmeier rief zur "Erneuerung" und zu Reformen auf, um Zusammenhalt und Sicherheit zu stärken

Steinmeier warnte vor extremistischer Demagogie, die Freiheit, Demokratie und nationale Einheit gefährdet und forderte eine echte Streitkultur. Ein Viertel der Wähler wendet sich von Grundrechten ab; Steinmeier kritisierte Regierungen für Versäumnisse bei Arbeitslosigkeit und Ostintegration.

Bundespräsident Steinmeier nutzte den Tag der Deutschen Einheit für eine Warnung vor Extremismus und forderte die Verteidigung demokratischer Grundrechte. Er mahnte Reformen an und kritisierte das Misstrauen vieler Bürger gegen die politische Ordnung.

Frank-Walter Steinmeier stand am 3. Oktober vor der Nation und sprach von einer Demokratie unter Druck. Der Bundespräsident nutzte die zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit nicht für Jubelreden, sondern für eine deutliche Warnung: Extremistische Kräfte, sagte er, lebten eine Lust an der Zerstörung aus, verhöhnten und bedrohten Menschen — und gefährdeten damit nicht nur Freiheit und Demokratie, sondern die Einheit des Landes selbst.

Steinmeier erinnerte daran, dass die Wiedervereinigung 1990 mutigen Menschen zu verdanken war, die sich gegen die SED-Diktatur aufgelehnt hatten. Sie hätten die erste friedliche Revolution in Deutschland ermöglicht. Diesen Moment, warnte er, dürfe die Gegenwart nicht verdrängen. "Vergessenheit wäre Verrat", sagte der Bundespräsident — eine Mahnung, die das Gewicht der Geschichte in die Gegenwart zog.

Doch Steinmeier verschloss nicht die Augen vor einer unbequemen Realität: Viele Menschen im Osten und Westen des Landes waren enttäuscht. Fast vier Jahrzehnte nach der Einheit, trotz beispielloser Anstrengungen beim Aufbau und der Erneuerung, erklärte ein großer Teil der Bevölkerung sein Misstrauen gegen die politische Ordnung der Bundesrepublik. Ein Viertel der Wähler und mehr, so Steinmeier, bekunde durch ihre Wahlentscheidung, dass sie sich von wichtigen Grundrechten der Republik abwenden.

Der Bundespräsident mahnte eine echte Streitkultur an, zog aber eine klare Grenze: Es dürfe keine Brücke geben zwischen Recht und Rechtsverachtung, zwischen dem Bemühen um Wahrheit und der Bereitschaft zur Lüge, zwischen Argument und Demagogie. Er warnte vor antijüdischen Stimmungen und der Angst von Jüdinnen und Juden um ihre Sicherheit. In den sozialen Medien sah er absurdeste Idiotien und eine schrille Emotionalisierung, begleitet von Verwirrung darüber, ob noch ein Mensch schreibe oder eine Maschine.

Steinmeier gestand ein, dass er seine Demokratie für gesichert gehalten habe. Nun musste er erfahren, dass sie neu angefochten wird. "Es geht in Zukunft um die Selbstbehauptung der Demokratie", sagte er — ein Satz, der seine ganze Sorge verdichtete. Er rief die politischen Entscheidungsträger zur Selbstkritik auf: Was hätten Regierungen in Bund und Ländern in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten versäumt, dass so viele Menschen sich abwenden und Extremisten so viel Resonanz finden? Möglicherweise, fragte er, habe die Politik zu wenig getan, um Arbeitslosigkeit zu verhindern und Ostdeutsche stärker in einflussreiche Positionen zu bringen.

Steinmeier zog auch Bilanz seiner eigenen Amtszeit. Der SPD-Politiker, 2017 zum Bundespräsidenten gewählt und 2022 bestätigt, scheidet im März aus dem Amt aus. Dies war seine letzte Rede als Staatsoberhaupt an einem Nationalfeiertag. Mit Blick auf seinen Nachfolger warnte er: Das Amt des Bundespräsidenten sei "kein Amt, das auf die leichte Schulter zu nehmen ist". Es werde in den kommenden Jahren anstrengender und fordernder werden, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern und die Einheit des Landes zu wahren.

Deutschland durchlebe gegenwärtig eine "wirklich tiefgreifende Krise", sagte Steinmeier. Neues Wachstum könne nicht gewonnen werden, wenn alles so bleibe wie es ist. Durch gründliche Erneuerung aber werde Deutschland sicherer und stärker und habe "mehr Kraft für Solidarität und Zusammenhalt". Er rief die Bundesregierung zur Fortsetzung des Reformkurses auf: "Reformen sind immer ein Wagnis — aber wir gehen es ein um der Hoffnung willen, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen." Und dann, in einem Appell an Entschlossenheit trotz Widrigkeiten: "Bleibt entschlossen, auch wenn uns der Wind ins Gesicht bläst — habt Mut zur Erneuerung!"

Vergessenheit wäre Verrat
— Bundespräsident Steinmeier, zur Mahnung, den Moment der friedlichen Revolution 1989 nicht zu vergessen
Ich habe unsere Demokratie für gesichert gehalten und muss erfahren, dass sie jedenfalls neu angefochten wird
— Bundespräsident Steinmeier
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