Kinder in Heimerziehung kennen Erwachsene meist nur als Betreuer oder Lehrer und leiden unter der Fluktuation im Hilfesystem. Der Verein 'Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland' führt strenge Auswahlverfahren durch und begleitet die Partnerschaften kontinuierlich.
Ehrenamtliche Wegbegleiter füllen Lücke im Leben von Heimkindern
Einfach mal im Mittelpunkt stehen und sich was aussuchen dürfen
Warum ist das so wichtig? David hat doch Betreuer und Erzieher, die sich um ihn kümmern.
Das ist genau der Punkt – David kennt Erwachsene nur in professionellen Rollen. Betreuer, Lehrer, Erzieher. Das sind Menschen, die für ihn zuständig sind, weil es ihr Job ist. Katja kommt, weil sie es will. Das ist ein fundamentaler Unterschied für ein Kind.
Aber wie unterscheidet sich das wirklich von einer guten Betreuerin, die sich engagiert? Wo ist die Grenze?
Die Grenze ist die Kontinuität über das System hinaus. Wenn David 18 wird und die Wohngruppe verlässt, ist die Betreuerin weg. Katja bleibt – oder soll bleiben. Das ist das Versprechen.
Und wie stellt der Verein sicher, dass dieses Versprechen gehalten wird?
Durch strenge Auswahl, Schulungen, regelmäßige Supervision und klare Regeln. Der Verein bleibt in Kontakt, die Paare berichten über eine App, es gibt feste Ansprechpartner.
Das klingt nach viel Kontrolle für ein "ehrenamtliches" Verhältnis. Ist das nicht auch eine Form von Professionalisierung?
Ja, aber das ist notwendig. Diese Kinder haben oft schlimme Erfahrungen gemacht. Sie brauchen Sicherheit und Struktur, nicht nur gute Absichten.
Wie viele Kinder werden durch diesen Verein begleitet?
Das steht nicht in der Geschichte. Wir wissen von David und Katja, aber nicht, wie groß das Programm ist oder wie viele Anfragen es gibt.
Das ist eine wichtige Frage. Es zeigt, ob das wirklich eine Lösung für das Problem ist oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Was passiert, wenn die Beziehung nicht funktioniert?
Der Verein begleitet kontinuierlich. Es gibt Supervision, Ansprechpartner. Aber ja, es gibt ein Risiko, dass auch das schiefgehen kann.
Und dann? Ist das nicht noch eine Enttäuschung für das Kind?
Theoretisch ja. Aber die Hoffnung ist, dass die Auswahl und Vorbereitung das Risiko minimieren.
The Pulse
- David, 14 Jahre, lebt in einer betreuten Wohngruppe im Rheinisch-Bergischen Kreis
- Katja, 58, begleitet David seit zwei Jahren mindestens zweimal monatlich ehrenamtlich
- Der Verein 'Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland' führt mehrstufige Auswahlverfahren durch, einschließlich Hausbesuche und Schulungen
- Wegbegleiter sollen langfristige Bezugspersonen bleiben, auch nach dem Verlassen des Hilfesystems
Kinder in Heimerziehung kennen Erwachsene meist nur als Betreuer oder Lehrer und leiden unter der Fluktuation im Hilfesystem. Der Verein 'Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland' führt strenge Auswahlverfahren durch und begleitet die Partnerschaften kontinuierlich.
Ein Kölner Verein vermittelt ehrenamtliche Wegbegleiter für Kinder ohne Eltern, um ihnen verlässliche Beziehungen zu Erwachsenen außerhalb des Betreuungssystems zu ermöglichen.
David wartet jeden zweiten Samstag an der Tür seiner Wohngruppe. Mit 14 Jahren hat er gelernt, auf bestimmte Dinge zu achten: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, die einfache Tatsache, dass jemand kommt, weil er es will und nicht, weil es sein Job ist. Katja, 58 Jahre alt, Mutter zweier erwachsener Kinder und Angestellte in einem Hörgeräteunternehmen, kommt seit zwei Jahren mindestens zweimal im Monat. Sie kommt ehrenamtlich. Sie kommt, um Zeit mit David zu verbringen – nur mit ihm, für ihn allein.
David ist nicht sein echter Name. Der Verein schützt die Identität der Kinder, auch den genauen Ort ihrer Unterbringung im Rheinisch-Bergischen Kreis nennt man nicht. Was man über David weiß, ist, dass er ohne Eltern aufwächst. Er hat keinen Kontakt zu seinen leiblichen Eltern. Die Pflegefamilie, bei der er mehrere Jahre lebte, gab ihn in betreute Wohngruppen ab – das, was früher Heim genannt wurde. Seine Erfahrungen mit Erwachsenen waren enttäuschend. Deshalb sind seine Anforderungen klar: Sie müssen normal sein, zuverlässig, vertrauenswürdig. "Das habe ich früher bei vielen vermisst", sagt er. "Dabei soll ich das ja auch sein: zuverlässig."
Katja erfüllt diese Anforderungen. Wenn sie den Weg zu Davids Wohngruppe hinaufkommt, läuft er ihr meist schon entgegen und springt ihr in die Arme. Die Erzieher berichten, dass diese Treffen Highlights seiner Woche sind. Was sie zusammen tun, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass sie es zusammen tun. Manchmal spielen sie Badminton – beide bewegen sich gern. Manchmal bauen sie mit Lego oder gehen spazieren. Das Entscheidende ist: David verlässt die Wohngruppe, verlässt die Schule, ist woanders, und er ist nicht allein. "Wir machen etwas Tolles, nur für uns", sagt er.
Katja kam zu diesem Ehrenamt, weil sie neben ihrer Arbeit etwas tun wollte, das nichts mit Geldverdienen zu tun hat. Sie hatte selbst eine schöne Kindheit, zwei tolle eigene Kinder. Sie wollte etwas zurückgeben. Vor zwei Jahren hörte sie vom Verein "Ehrenamtliche Wegbegleitung Deutschland" und wurde neugierig. Der Verein bringt Menschen wie Katja mit Kindern wie David zusammen – was einfach klingt, ist tatsächlich eine große Herausforderung. Julius Daven, der Gründer, erklärt das Verfahren: Wer Wegbegleiter werden möchte, durchläuft mehrere Stufen der Auswahl und Qualifizierung. Es gibt ausführliche Selbstauskünfte, ein polizeiliches Führungszeugnis ist erforderlich. Der Verein besucht mögliche Wegbegleiter zu Hause, spricht mit ihren Familien. Es folgen Seminare und Schulungen. Danach, wenn Kinder und Wegbegleiter zusammengebracht wurden, bleibt der Verein in engem Kontakt. Katja und David berichten später über eine App, wie ihr Tag war.
Die Regeln sind klar. Der Schutz der Kinder hat höchste Priorität. Wegbegleiter sind wichtige Bezugspersonen, aber kein Familienersatz. Es gibt feste Ansprechpartner, kontinuierliche Begleitung durch den Verein. Katja schätzt diese Struktur. "Für mich ist das ein wichtiges Backup", sagt sie. "Auch wenn es bisher gut gelaufen ist, fühlt es sich gut an, sowas zu haben."
Der Verein versucht, eine Lücke im Hilfesystem zu schließen. Viele Kinder in der Jugendhilfe wünschen sich vor allem eines: einen Menschen, der ihnen langfristig zugewandt bleibt. Kinder, die ohne Herkunftsfamilie aufwachsen oder bei denen der Kontakt wegbricht, fühlen sich in der Heimerziehung manchmal unendlich allein. Sie werden von gut ausgebildeten Fachkräften gefördert und unterstützt, aber sie leiden unter der hohen Fluktuation im Hilfesystem. Sie wünschen sich eine exklusive Bezugsperson an ihrer Seite. Das große Ziel der ehrenamtlichen Wegbegleitung ist eine Beziehung, die bleibt – eine, die nicht endet, wenn das Kind die Einrichtung verlässt, erwachsen wird, sein eigenes Leben führt. "Wenn das Kind erwachsen wird, die Einrichtung verlässt, sein eigenes Leben führt, dann dass es dann noch einen Erwachsenen gibt, bei dem es Rat suchen kann", sagt Katja. "Wenn ich dieser Part sein darf, dann hat es sich gelohnt."
Nach dem Badminton spendiert Katja ein Eis. David sucht sich den größten Früchtebecher aus, der auf der Karte steht. Einfach mal im Mittelpunkt stehen und sich was aussuchen dürfen – für Kinder wie David seltene Momente. Und deswegen umso wertvoller.
Notable Quotes
Man muss ihnen vertrauen können, das habe ich früher bei vielen vermisst. Dabei soll ich das ja auch sein: zuverlässig.— David, 14 Jahre
Wenn das Kind erwachsen wird, die Einrichtung verlässt, sein eigenes Leben führt, dann dass es dann noch einen Erwachsenen gibt, bei dem es Rat suchen kann. Wenn ich dieser Part sein darf, dann hat es sich gelohnt.— Katja, ehrenamtliche Wegbegleiterin