In Ankara haben sich deutsche und türkische Rüstungsunternehmen zusammengefunden, um eine neue Form der Zusammenarbeit zu erkunden – nicht mehr als Käufer und Verkäufer, sondern als Partner. Was jahrelang durch politische Exportbeschränkungen verhindert wurde, öffnet sich nun angesichts einer erstarkten türkischen Rüstungsindustrie und eines veränderten sicherheitspolitischen Klimas in Europa. Doch hinter den wirtschaftlichen Versprechen steht eine ältere, schwerere Frage: ob zwei Länder mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und außenpolitischen Wegen einander wirklich vertrauen können.
Deutschland und Türkei sondieren tiefere Rüstungskooperation
Wenn jeder seine eigene Suppe kocht, macht das keinen Sinn
Warum ist diese Konferenz jetzt plötzlich möglich, wenn Deutschland die Türkei jahrelang blockiert hat?
Die Türkei hat sich selbst hochgerüstet. Sie brauchte Deutschland nicht mehr so dringend. Jetzt haben deutsche Unternehmen Angst, den Anschluss zu verlieren, während die Türkei mit anderen Partnern zusammenarbeitet.
Aber das erklärt nicht, warum die politischen Bedenken plötzlich weg sind. Rechtsstaatlichkeit und die Sache mit Griechenland – das hat sich nicht geändert.
Nein, das stimmt. Die Botschafterin hat das auch gesagt – es gibt echte Debatten darüber. Aber die Sicherheitslage in Europa hat sich verschärft, und Deutschland braucht schnell Rüstung.
Also geht es um Pragmatismus statt Prinzipien?
Es geht um beides. Deutschland will Know-how schützen, aber auch schnell hochrüsten. Das ist ein Spagat.
Und die Türkei? Was gewinnt die Türkei konkret?
Zugang zu deutscher Technologie und Qualität, und Zugang zu neuen Märkten. Havelsan könnte deutsche Werften beliefern.
Aber Ünal hat auch gesagt, dass das schnell wieder vorbei sein könnte, wenn es Probleme gibt.
Das ist das Risiko. Wenn die Verhandlungen scheitern, könnte das Vertrauen wieder weg sein – für lange Zeit.
Deshalb war Verteidigungsminister Güler beim Abendessen. Das ist ein Signal: Die Türkei nimmt das ernst.
Und Deutschland?
Deutschland muss entscheiden, ob es der Türkei wirklich traut – oder ob es nur Zeit gewinnen will.
Le Pouls
- Die Türkei hat sich in wenigen Jahren von einem Rüstungsimporteur zu einem ernstzunehmenden Produzenten entwickelt – mit eigenen Drohnen, Kampfjets und Lenkwaffen, die weltweit gefragt sind.
- Deutsche Unternehmen wie Renk, die früher durch Exportverbote blockiert wurden, sehen nun eine Chance auf echte Industriepartnerschaften statt bloßer Handelsbeziehungen.
- Türkische Firmen wie Havelsan locken mit konkreten Projekten: gemeinsam entwickelte Militärsoftware für deutsche Kriegsschiffe, gefolgt von gemeinsamem Marktzugang in Afrika und darüber hinaus.
- Die deutsche Botschafterin mahnt offen: Strategische Kooperation braucht Vertrauen – und das ist angesichts türkischer Russland-Nähe, NATO-Spannungen und Rechtsstaatlichkeitsdebatten nicht selbstverständlich.
- Türkische Vertreter warnen, dass das Momentum schnell verloren gehen kann, wenn bürokratische oder politische Hindernisse die Zusammenarbeit ausbremsen.
In Ankara haben sich deutsche und türkische Rüstungsunternehmen zusammengefunden, um eine neue Form der Zusammenarbeit zu erkunden – nicht mehr als Käufer und Verkäufer, sondern als Partner. Was jahrelang durch politische Exportbeschränkungen verhindert wurde, öffnet sich nun angesichts einer erstarkten türkischen Rüstungsindustrie und eines veränderten sicherheitspolitischen Klimas in Europa. Doch hinter den wirtschaftlichen Versprechen steht eine ältere, schwerere Frage: ob zwei Länder mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und außenpolitischen Wegen einander wirklich vertrauen können.
Auf der vierten Deutsch-Türkischen Wirtschaftskonferenz in Ankara rückte ein lange gemiedenes Thema in den Mittelpunkt: Rüstungskooperation. Jahrelang hatte die Bundesregierung Waffenexporte in die Türkei blockiert – wegen militärischer Aggressionen und innenpolitischer Repressionen. Doch in dieser Zeit hat die Türkei ihre eigene Rüstungsindustrie aufgebaut. Der Tarnkappenjäger KAAN absolvierte im Februar 2024 seinen Erstflug, die Drohne Bayraktar ist längst ein Exportschlager, und türkische Lenkwaffen sowie Korvetten sind international konkurrenzfähig.
Florian Gleich vom Augsburger Rüstungskonzern Renk reiste eigens nach Ankara. Renk, bekannt für das Getriebe des Leopard-II-Panzers, hatte früher in die Türkei geliefert, bis Exportbeschränkungen dies verhinderten. Jetzt sieht Gleich eine neue Möglichkeit: keine Käufer-Verkäufer-Beziehung mehr, sondern echte Partnerschaft – deutsches Know-how trifft auf türkische Produktionskapazitäten. Auf türkischer Seite formuliert Sevket Ünal von Havelsan das Angebot konkret: Deutsche Werften bauen Schiffe, haben aber keine eigene Militärsoftware – Havelsan könnte diese gemeinsam mit deutschen Partnern entwickeln und dann gemeinsam Weltmärkte erschließen.
Doch die deutsche Botschafterin Sibylle Katharina Sorg sprach aus, was viele nur denken: Industrielle Kooperation basiert auf Verträgen, strategische Kooperation auf Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist nicht selbstverständlich. Die Türkei hat sich den westlichen Russland-Sanktionen nicht angeschlossen, droht wiederholt dem NATO-Partner Griechenland, und Debatten über Rechtsstaatlichkeit bleiben ungelöst. Gleich sieht das pragmatisch: Europa müsse gemeinsam aufrüsten, anstatt jeder seine eigene Suppe zu kochen. Ünal hingegen warnt, dass das Vorhaben so schnell erlöschen könne, wie es begonnen hat, wenn Hindernisse die Motivation ausbremsen. Das Interesse ist da – ob daraus Taten werden, hängt davon ab, ob die Vertrauensfrage gelöst werden kann.
In Ankara fand kürzlich die vierte Deutsch-Türkische Wirtschaftskonferenz statt, und diesmal stand ein Thema im Mittelpunkt, das lange Zeit tabu war: Rüstungskooperation. Deutsche und türkische Unternehmen trafen sich, um auszuloten, wie sie gemeinsam Waffen- und Verteidigungssysteme entwickeln könnten. Das ist bemerkenswert, denn jahrelang hatte die Bundesregierung Rüstungsexporte in die Türkei blockiert – wegen türkischer Aggressionen gegenüber Nachbarländern und innenpolitischer Repressionen. Doch in dieser Zeit hat sich die türkische Rüstungsindustrie rasant entwickelt.
Im Februar 2024 flog der türkische Tarnkappenjäger KAAN zu seinem Jungfernflug auf – ein Kampfflugzeug, das die Türkei selbst entwickelt hat. Nur das Triebwerk muss noch aus den USA zugekauft werden. Daneben hat die Türkei längst Drohnen wie die Bayraktar zu Exportschlagern gemacht, produziert Lenkflugkörper und Korvetten, die international konkurrenzfähig sind. Diese Erfolge wecken Aufmerksamkeit, nicht nur bei Staaten, die in Rüstung investieren, sondern auch bei deutschen Unternehmen, die erkannt haben, dass die alte Blockadepolitik überholt ist.
Florian Gleich von Renk Germany, einem der größten deutschen Rüstungskonzerne mit Sitz in Augsburg, kam eigens nach Ankara. Renk baut unter anderem das Getriebe für den Leopard-II-Panzer und lieferte früher auch in die Türkei, bis die Bundesregierung Exportbeschränkungen verhängte. Jetzt sieht Gleich eine Chance für etwas Neues. "Der große Unterschied zu vorher ist, dass es nicht mehr eine Käufer-Verkäufer-Beziehung ist, sondern es geht in Richtung Partnerschaft", sagte er. "Wir wollen zusammenarbeiten. Wir haben Know-how und die Türkei hat Produktionskapazitäten." Das ist das Kernversprechen dieser Konferenz: nicht Verkauf, sondern echte Zusammenarbeit.
Auf türkischer Seite ist das Interesse ebenso groß. Sevket Ünal, Vizepräsident für internationale Geschäftsentwicklung bei Havelsan, einem Unternehmen, das ferngesteuerte, KI-gestützte Militärroboter und Militärsoftware entwickelt, sieht darin gegenseitige Vorteile. "Made in Germany" stehe immer noch für Qualität, sagte er, während die Türkei Zugang zu neuen Absatzmärkten in Afrika und anderswo habe. Ünal stellte konkrete Projekte in den Raum: Deutsche Werften bauten Kriegsschiffe, hätten aber keine eigene System-Software. Havelsan könnte diese zusammen mit deutschen Partnern entwickeln und dann gemeinsam den Weltmarkt erschließen.
Doch unter all diesen Plänen liegt ein tieferes Problem: Vertrauen. Die deutsche Botschafterin in der Türkei, Sibylle Katharina Sorg, machte deutlich, dass industrielle Kooperation auf Verträgen basiert, strategische Kooperation aber auf Vertrauen – Vertrauen, dass Technologien geschützt werden, dass Vereinbarungen eingehalten werden, dass Partner berechenbar bleiben. Sorg sprach offen aus, dass europäische Bedenken gegenüber der Türkei nicht nur auf Missverständnissen beruhen. Es gebe echte Debatten über Rechtsstaatlichkeit, politische Berechenbarkeit und außenpolitische Entscheidungen.
Die Sonderrolle der Türkei in der NATO ist dabei zentral. Die Türkei hat sich Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen, obwohl Russland die Ukraine angreift. Hinzu kommen wiederkehrende Drohungen gegen Griechenland, einen anderen NATO-Partner. Diese Themen müssen geklärt werden, wenn die Zusammenarbeit gelingen soll. Florian Gleich von Renk sieht das pragmatisch: "Auf der einen Seite muss man Know-how schützen. Das ist ganz klar, dass das für Deutschland wichtig ist. Und auf der anderen Seite müssen wir schauen, wie wir als gesamtheitliches Europa schnell und ordentlich hochrüsten und uns auch austauschen. Es macht ja keinen Sinn, wenn jeder seine eigene Suppe kocht."
Doch die Zeit drängt. Sevket Ünal warnte: "Wir können uns sehr schnell mit deutschen Firmen zusammentun und schnell gemeinsame Dinge entwickeln. Wenn wir aber auf Hindernisse stoßen, die unsere Motivation ausbremsen, dann könnte das ganze Vorhaben so schnell wieder erlöschen, wie es begonnen hat." Das Interesse auf beiden Seiten ist derzeit hoch – so hoch, dass Verteidigungsminister Yaşar Güler zum Abschlussdinner kam. Aber ob aus den Worten tatsächlich Taten werden, hängt davon ab, ob Deutschland und die Türkei die Vertrauensfrage lösen können.
Citations marquantes
Es geht nicht mehr um eine Käufer-Verkäufer-Beziehung, sondern um Partnerschaft. Wir haben Know-how und die Türkei hat Produktionskapazitäten.— Florian Gleich, Renk Germany
Strategische Industriekooperation basiert auf Vertrauen – darauf, dass Technologien geschützt werden, Vereinbarungen eingehalten werden und Partner berechenbar bleiben.— Sibylle Katharina Sorg, deutsche Botschafterin in der Türkei