In Oermten am Niederrhein, einem Straßendorf mit kaum tausend Seelen, verbrachte ein Autor eine Kindheit, die er selbst als uneingeschränkt großartig beschreibt – und die er dennoch nie wieder als Lebensform wählen würde. Diese Spannung zwischen dem, was man liebt, und dem, was man will, ist keine persönliche Schwäche, sondern eine der stillen Grundfragen des modernen Lebens: Warum kehren wir nicht dorthin zurück, wo wir glücklich waren? Die Antwort liegt weniger in der Vergangenheit als in dem, was die Stadt uns gibt – und was sie uns erspart.
Landleben: Glückliche Kindheit, aber kein Zurück
Die Skepsis gegenüber dem Landleben sitzt tief.
Was hat sich denn seit deiner Kindheit in Oermten so grundlegend verändert, dass du nicht zurück willst? Das Dorf selbst oder du?
Wahrscheinlich beides. Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das Dorf sich so sehr verändert hat – zwei Kneipen sind zu, ja, aber das war es auch schon. Ich glaube, ich habe mich verändert. Die Stadt hat mich anders gemacht.
Aber du sagst, deine Skepsis sitzt tief. Das klingt, als wäre es nicht nur eine Frage von Gewöhnung. Was genau macht dir Angst am Landleben?
Angst ist vielleicht das falsche Wort. Es ist eher... ich weiß nicht, ob ich die Enge noch ertragen könnte. Jeder kennt jeden. Deine Entscheidungen sind öffentlich.
Und in der Stadt ist das anders?
In der Stadt kannst du anonym sein. Du kannst dich neu erfinden. Auf dem Dorf bist du immer das Kind von deinen Eltern, der Junge, der auf dem Bauernhof war.
Aber du hast gerade gesagt, dass deine Kindheit großartig war. Das klingt nicht nach Enge.
Nein, als Kind war es großartig. Aber ich bin kein Kind mehr. Und ich weiß nicht, ob ein Erwachsener dort leben kann, ohne sich gefangen zu fühlen.
Deine Großmutter lebt noch dort, oder?
Ja. Und meine Schulfreunde auch, manche von ihnen. Deshalb bin ich hingefahren – um zu verstehen, was sie hält.
Hast du es verstanden?
Das wird sich zeigen.
The Pulse
- Eine Kindheit voller echter Freiheit – Kälber bei der Geburt, Kaninchenschlachten, Waldgänge, Scheunenfeten – hinterlässt tiefe, unromantisierte Spuren, die der Autor nicht leugnet.
- Trotz dieser Erinnerungen zieht es ihn nicht zurück: Seit dem Studium lebt er in der Stadt, und selbst die Pandemie, die viele aufs Land trieb, erschütterte seine Skepsis nicht.
- Die Spannung wächst, als er Vater wird und andere Schulfreunde oder seine Großmutter das Landleben als Erfüllung erleben – während er sich fragt, warum er nicht wollen kann, was er einst geliebt hat.
- Er fährt zurück nach Oermten – nicht um zu bleiben, sondern um zu verstehen: Was verlangt das Dorf, das die Stadt ihm erspart? Was gibt die Stadt, das das Dorf nicht geben kann?
- Die Antwort bleibt offen, aber die Frage selbst ist der Kern: Nostalgie und Lebenswahl sind zwei verschiedene Dinge, und das Erkennen dieser Trennung ist vielleicht die eigentliche Reife.
In Oermten am Niederrhein, einem Straßendorf mit kaum tausend Seelen, verbrachte ein Autor eine Kindheit, die er selbst als uneingeschränkt großartig beschreibt – und die er dennoch nie wieder als Lebensform wählen würde. Diese Spannung zwischen dem, was man liebt, und dem, was man will, ist keine persönliche Schwäche, sondern eine der stillen Grundfragen des modernen Lebens: Warum kehren wir nicht dorthin zurück, wo wir glücklich waren? Die Antwort liegt weniger in der Vergangenheit als in dem, was die Stadt uns gibt – und was sie uns erspart.
Oermten am Niederrhein ist ein Straßendorf mit rund tausend Einwohnern – kein Bäcker, keine Kirche, aber einst zwei Kneipen, heute beide geschlossen. Hier verbrachte der Autor die ersten neunzehn Jahre seines Lebens, und er beschreibt diese Zeit ohne Beschönigung: als großartig.
Er war dabei, als auf dem Bauernhof gegenüber Kälber zur Welt kamen und Kaninchen geschlachtet wurden. Er spielte mit Freunden im riesigen Familiengarten, fast täglich ging er mit Mutter und Hund in den Wald. Als Jugendlicher ersetzte die Scheunenfete den Club, das Fahrrad die U-Bahn, die Bereitschaft der Eltern zum nächtlichen Abholen den Nachtbus. Das Leben war begrenzt – aber es war vollständig.
Dennoch wusste er beim Fortgehen zum Studium: Er würde nicht zurückkehren. Diese Gewissheit blieb, auch als die Pandemie viele Stadtmenschen aufs Land trieb, auch als er selbst heiratete und Vater wurde. Seine Skepsis gegenüber dem Landleben sitzt, wie er selbst sagt, tief – nicht rational erklärbar, aber unerschütterlich.
Also fuhr er zurück – nicht um zu bleiben, sondern um zu verstehen. Um zu begreifen, was Schulfreunde und seine Großmutter am Dorfleben reizt, und um der eigentlichen Frage ins Gesicht zu sehen: Warum kann man nicht das wollen, was man einst geliebt hat? Die Antwort liegt wohl in dem, was die Stadt gibt und das Dorf nicht geben kann – oder in dem, was das Dorf verlangt und die Stadt einem erspart. Nostalgie und Lebenswahl, so zeigt sich, sind zwei grundverschiedene Dinge.
Oermten liegt am Niederrhein, ein Straßendorf mit etwa tausend Einwohnern, wo der Autor die ersten neunzehn Jahre seines Lebens verbrachte. Es gab dort keinen Bäcker, keine Kirche – aber ein Autohaus und zwei Kneipen, beide inzwischen geschlossen. Diese Details zeichnen ein Bild von Ort und Zeit, von dem, was war und was verschwunden ist.
Die Kindheit dort war, wie der Autor es beschreibt, großartig. Er stand auf dem Bauernhof gegenüber dabei, als Kälber zur Welt kamen und Kaninchen geschlachtet wurden – die rohen, ungefiltertesten Momente des Landlebens, nicht romantisiert, sondern erlebt. Der riesige Garten seiner Familie war ein Ort, an dem er und seine Freunde scheinbar ohne elterliche Kontrolle spielten. Fast jeden Tag ging er mit seiner Mutter und dem Hund in den Wald. Das ist nicht die Nostalgie eines Erwachsenen, der sich etwas schönredet; das ist die Erinnerung an echte Freiheit.
Auch als Jugendlicher funktionierte das Landleben. Statt Clubs gab es Scheunenfeten. Statt öffentliche Verkehrsmittel gab es Fahrräder und die Bereitschaft der Eltern, nachts irgendwo abzuholen. Das Leben war begrenzt, aber es war vollständig. Doch als der Autor zum Studium fortging, wusste er bereits: Das war Vergangenheit. Er würde nicht zurückkehren, nicht dauerhaft.
Diese Gewissheit hielt an, auch als die Pandemie andere Menschen aufs Land trieb, auch als er selbst heiratete und Vater wurde. Während viele in jenen Jahren die Enge der Stadt verließen und sich nach Raum, Natur und Ruhe sehnten, blieb seine Skepsis gegenüber dem Landleben unerschüttert. Sie sitzt, wie er sagt, tief. Nicht oberflächlich, nicht rational zu erklären – tief.
Deshalb fuhr er zurück. Nicht um zu bleiben, nicht um zu prüfen, ob er sich geirrt hatte. Sondern um zu verstehen, was andere Menschen – Schulfreunde, seine Großmutter – am Landleben reizt. Um die Frage zu stellen, die unter allem liegt: Warum kann ich nicht das wollen, das ich geliebt habe? Die Antwort liegt nicht in der Vergangenheit. Sie liegt in dem, was die Stadt ihm gegeben hat und das Dorf nicht geben kann – oder in dem, was das Dorf verlangt und die Stadt ihm erspart.
Notable Quotes
Meine Kindheit in Oermten war großartig— Der Autor über seine frühen Jahre auf dem Dorf
Meine Skepsis gegenüber dem Landleben sitzt tief— Der Autor über seine Haltung zur Rückkehr