Arbeitszeitreform spaltet Koalition: Union drängt auf Flexibilisierung, SPD beharrt auf Schutz

Flexibilisierung ist keine Einbahnstraße
Die SPD argumentiert, dass längere Arbeitszeiten nur mit echter Mitsprache der Beschäftigten akzeptabel sind.
Mark

Warum ist das Arbeitszeitgesetz überhaupt so wichtig? Es geht doch nur um ein paar Stunden pro Tag.

Mimi

Es geht um die Frage, wer entscheidet, wie lange du arbeiten musst. Das Gesetz schützt Menschen davor, dass Chefs einfach sagen können: "Morgen arbeitest du bis 22 Uhr." Ohne Mitsprache, ohne Ausgleich.

Luke

Aber warte—in der Chemie und im Gesundheitswesen funktioniert das Zwölf-Stunden-Modell bereits, mit Betriebsrat-Zustimmung. Das ist nicht neu. Warum ist Merz überrascht?

Mimi

Weil es eine Ausnahmeregelung ist, die nicht viele kennen. Merz hat mit einem Schichtleiter gesprochen, der das Modell liebte—drei Tage arbeiten, vier Tage frei. Das hat ihn beeindruckt.

Mark

Und die SPD sagt nein dazu?

Mimi

Die SPD sagt: Ja, aber nur wenn Gewerkschaften und Arbeitgeber gemeinsam entscheiden, und nur mit Gesundheitsschutz und Arbeitszeiterfassung. Nicht einfach so, weil der Chef es will.

Luke

Das Problem ist: Der Entwurf der SPD im Juni war so restriktiv, dass die Union ihn sofort ablehnte. Jetzt liegt alles auf Eis. Wir wissen nicht, ob Schweitzer, der neue Arbeitsminister, die SPD-Linie hält oder ob Merz durchsetzt.

Mark

Also ein klassischer Koalitionsstreit?

Mimi

Ja, aber mit echten Konsequenzen. Wenn die Union gewinnt, könnten Arbeitgeber leichter längere Schichten durchsetzen. Wenn die SPD gewinnt, bleibt der Schutz, aber Unternehmen beklagen Inflexibilität.

Luke

Und die Gewerkschaften? Die lehnen jede Änderung ab. Das ist die eigentliche Blockade.

Mark

Was passiert jetzt?

Mimi

Merz hat Tempo signalisiert. Aber ohne SPD-Einigung geht nichts. Die Reform könnte scheitern oder völlig verwässert werden.

Luke

Oder die Koalition bricht über dieser Frage auseinander. Das ist nicht auszuschließen.

  • Deutsches Arbeitszeitgesetz erlaubt maximal 8 Stunden täglich, Ausnahmen bis 12 Stunden in Chemie, Gesundheitswesen und Raffinerien
  • Bundeskanzler Merz besuchte UPM-Raffinerie in Leuna im September 2026 und war überrascht vom Zwölf-Stunden-Schichtmodell
  • SPD-Entwurf vom Juni 2026 forderte Tarifbindung und Gesundheitsschutz; Union lehnte ihn als "indiskutabel" ab
  • Reform liegt seit Juni 2026 auf Eis; SPD veröffentlichte im Oktober Papier "Selbstbestimmt statt dereguliert"

Das deutsche Arbeitszeitgesetz erlaubt maximal acht Stunden täglich, mit Ausnahmen bis zwölf Stunden in Branchen wie Chemie und Gesundheitswesen. Bundeskanzler Merz sieht in flexibleren Arbeitszeiten eine Chance für Betriebe und Arbeitnehmer; die SPD fürchtet Druck auf Beschäftigte ohne echte Mitsprache.

Union und SPD streiten erbittert über die Reform des Arbeitszeitgesetzes. Während CDU/CSU längere tägliche Arbeitszeiten fordern, beharrt die SPD auf Arbeitnehmerschutz und Tarifbindung.

In der ostdeutschen Chemiestadt Leuna sucht ein finnischer Biotechnologiekonzern Chemikanten für eine neue Holzraffinerien-Anlage. Die Stellenausschreibung verlangt Bereitschaft zu zwölf Stunden langen Schichten. Auf den ersten Blick wirkt das unmöglich. Das deutsche Arbeitszeitgesetz sieht acht Stunden täglich als Standard vor, mit Ausnahmen bis zu zehn Stunden, wenn die Mehrarbeit ausgeglichen wird. Doch die Anzeige ist legal. Für bestimmte Branchen—Chemie, Gesundheitswesen, Rettungsdienste, Raffinerien—erlaubt das Gesetz bereits zwölf Stunden am Stück, solange ein Betriebsrat zustimmt und die Ruhezeiten eingehalten werden.

Diese Ausnahmeregelung war selbst Bundeskanzler Friedrich Merz bis vor Kurzem nicht bewusst. Im September besuchte er die UPM-Raffinerie in Leuna und sprach mit einem Schichtleiter, der das Zwölf-Stunden-Modell lobte—drei Arbeitstage pro Woche, viel Zeit für Familie. Merz war, wie er später sagte, "völlig überrascht". Auf dem Deutschen Arbeitgebertag im Oktober in Berlin zog er daraus eine Schlussfolgerung: Das Arbeitszeitgesetz sollte generell gelockert werden. "Über acht Stunden zu arbeiten ist keine Ausbeutung", sagte der Kanzler und CDU-Vorsitzende. "Das kann für die Betriebe, auch für die Menschen in den Betrieben, eine gute Chance sein."

Die Forderung nach Flexibilisierung kommt nicht aus dem Nichts. Wirtschaftsverbände und die Union argumentieren seit Jahren, dass die bestehenden Regeln zu starr sind. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger verweist auf die europäische Arbeitszeitrichtlinie, die 48 Stunden pro Woche erlaubt. "Die Spielräume werden fast überall genutzt, nur bei uns nicht", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Besonders in Branchen mit saisonalen Schwankungen—Tourismus, Gastronomie, Projektarbeit—sehen Unternehmen die Regeln als Hindernis. Dulger kritisiert das Gesetz als Relikt: "Das Arbeitszeitgesetz stammt aus der Ära von Telefax und Wählscheibe. Es kennt weder Notebooks noch Kita-Öffnungszeiten."

Union und SPD hatten sich 2025 im Koalitionsvertrag auf eine Reform geeinigt—eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit sollte möglich werden, im Einklang mit europäischen Vorgaben und "gerade im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Doch die SPD hatte das Gesetz lieber unangetastet gelassen und musste dem Wunsch der Union nachgeben. Im Juni 2026 legte das damalige Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter Bärbel Bas einen ersten Entwurf vor—versehen mit Bedingungen, die die Union sofort ablehnte. Längere Arbeitszeiten sollten nur möglich sein, wo Arbeitgeber und Gewerkschaften in Tarifverträgen die Bedingungen festlegen, kombiniert mit Gesundheitsschutzregelungen und elektronischer Arbeitszeiterfassung.

Die SPD-Bundestagsfraktion erklärte die Logik: Flexibilisierung dürfe keine Einbahnstraße sein. Annika Klose, arbeits- und sozialpolitische Sprecherin der SPD, sagte, es gehe darum, dass Arbeitnehmer das Kind zum Fußballtraining bringen könnten, "aber eben nicht, dass mein Chef mir gegen meinen Willen sagt: Du hast morgen die Schicht von 9 bis 22 Uhr." Die Gewerkschaft ver.di lehnt eine Änderung grundsätzlich ab und warnt vor Gesundheitsfolgen und Druck auf Beschäftigte, besonders auf Menschen mit Familien- und Pflegeaufgaben.

Die Union und die Arbeitgeber reagierten wütend. Dulger forderte, der Entwurf müsse "zurückgezogen und völlig überarbeitet werden". Er strotze "vor Misstrauen". Der Zentralverband des Handwerks sprach von einem "Bruch mit den im Koalitionsvertrag vereinbarten Zusagen". Seitdem liegt die Reform auf Eis. Merz signalisierte auf dem Arbeitgebertag, dass Bewegung kommen könnte: "Das ist in der Tat überfällig. Ich glaube, dass wir das auch relativ schnell machen können."

Ob der neue SPD-Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer das genauso sieht, ist offen. Anfang Oktober veröffentlichte die SPD ein siebenseitiges Papier mit dem Titel "Selbstbestimmt statt dereguliert"—unterzeichnet von der Arbeitsgemeinschaft für Arbeit, den Jusos, der Arbeitsgemeinschaft "60plus" und den Frauen in der SPD. Darin beharren die Sozialdemokraten nicht nur auf ihren Juni-Forderungen, sondern gehen weiter: Arbeitgeber und Beschäftigte sollten künftig "gemeinsam und einvernehmlich" über Arbeitszeiten entscheiden. Es sei nicht zeitgemäß, wenn nur die Chefs bestimmen könnten, wann Feierabend ist.

Politisch ist der Streit längst mehr als eine Debatte über Paragrafen. Es ist ein Grundsatzstreit darüber, wie viel Flexibilität die Arbeitswelt verträgt und wie stark der Staat Beschäftigte schützen soll. Für die ohnehin angeschlagene Berliner Regierung ist es ein weiterer Stolperstein.

Über acht Stunden zu arbeiten ist keine Ausbeutung, sondern das kann für die Betriebe, auch für die Menschen in den Betrieben, eine gute Chance sein.
— Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem Deutschen Arbeitgebertag
Das Arbeitszeitgesetz stammt aus der Ära von Telefax und Wählscheibe. Es kennt weder Notebooks noch Kita-Öffnungszeiten.
— Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger
Contact Us FAQ