Woher die Wohnungsnot? Warum Berlin so gern enteignet

Niemand zieht mehr aus – die Umzugswagen sind aus dem Stadtbild verschwunden
Bei explodierenden Mieten bleiben Berliner in ihren Wohnungen, auch das prägt den Markt.
Mark

Warum stimmt Berlin so deutlich für Enteignung, wenn andere Städte ähnliche Mieten haben?

Mimi

Weil hier mehrere Besonderheiten zusammenkommen: 85 Prozent Mieter, kaum Eigentum, und Mieten, die laut RWI zwischen 2009 und 2023 um 112 Prozent stiegen.

Luke

Wichtig: Das ist der Durchschnitt der Angebotsmieten, nicht die Mieten der Bestandsmieter.

Mark

Und die hohe Beteiligung beim Volksentscheid?

Mimi

Sie lag bei 73,5 Prozent, weil am selben Tag andere Wahlen stattfanden. Damit ist die Mehrheit von 57,6 Prozent belastbarer.

Luke

Der Text räumt aber selbst ein, dass viele die Kosten und Folgen für den Neubau wohl nicht überblickten. Was die Wähler wirklich wussten, ist nicht belegt.

Mark

Warum steigen die Mieten in manchen Vierteln so extrem?

Mimi

Die Ausgangsbasis war niedrig, etwa im Schillerkiez mit 200 Prozent. Rund um die Oberbaumbrücke waren es im Median 350 Prozent.

Luke

Dort spielen laut Text auch viele Neubauten hinein. Die Zahl lässt sich nicht einfach als reiner Mietanstieg lesen.

Mark

Und warum misstrauen viele dem Neubau?

Mimi

Sie fürchten, dass neue Wohnungen weiteren Zuzug auslösen. Gräff forderte 2019 sogar einen Zuzugsstopp.

Luke

Das ist eine Haltung, die der Autor beschreibt, kein belegter Effekt. Ob Neubau den Zuzug tatsächlich verstärkt, zeigt der Text nicht.

  • Seit 2009 sind die Angebotsmieten in Berlin um durchschnittlich 112 Prozent gestiegen, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt.
  • Bei der Abstimmung über die Enteignung großer Wohnungsunternehmen stimmten 57,6 Prozent der Wähler dafür, und die Beteiligung lag bei 73,5 Prozent.
  • Der Landeshaushalt, die Folgen für den Neubau und die Preise bleiben ungeklärt, während Parteien mit Enteignungssympathien die Mehrheit der Sitze halten.
  • Die Debatte spaltet die Stadt: Viele Berliner zweifeln, dass Neubau hilft, und fordern stattdessen Schutz vor Verdrängung und einen Zuzugsstopp.

Berlin ist eine Stadt, in der das Wohnen seit Jahrzehnten von Knappheit, Umbrüchen und Zuzug geprägt ist, und die Enteignungsdebatte wurzelt tiefer als in bloßer Empörung über steigende Mieten. Fast die Hälfte... nein, vielmehr: Mehr als acht von zehn Berlinern leben zur Miete, weil Eigentum hier von jeher rar war und die Stadt nach der Wiedervereinigung zwischen Boom, Tiefpunkt und erneutem Ansturm schwankte. Wer heute über Enteignung streitet, streitet deshalb auch über eine Erinnerung an verpasste Chancen, an verkaufte Bestände und an die Frage, wem eine Großstadt gehört, wenn sie für viele zu teuer wird.

Fünf Jahre ist es her, dass mehr als die Hälfte der Berliner Wähler dafür stimmte, die Bestände großer privater Wohnungsunternehmen zu enteignen. Die Beteiligung war hoch, weil am selben Tag auch das Abgeordnetenhaus und der Bundestag gewählt wurden. Viele Wähler hatten die praktischen Folgen wohl nicht im Blick, etwa die Kosten für den Landeshaushalt oder die Wirkung auf den Neubau. Bei der jüngsten Landtagswahl gingen 91 von 153 Sitzen an Parteien, die Enteignung befürworten oder ihr zumindest nahestehen.

Andere Großstädte kennen hohe Mieten ebenfalls, doch Berlin hat eine eigene Geschichte. Die Stadt ist ein Land der Mieter: 85 Prozent der Hauptstädter wohnen zur Miete, und das Land hat die Umwandlung von Miethäusern in Eigentum weitgehend unterbunden. Die Preise für Eigentum stiegen in zwei Jahrzehnten noch stärker als die Mieten. Besonders gefragt ist der Altbau, den die Gründerzeit in großer Zahl hinterließ, während Zuzügler Plattenbauviertel meiden.

Die Mieten im Innenstadtkern schossen nach den Nullerjahren in die Höhe, im Schillerkiez um 200 Prozent. Die Ursachen reichen bis zur Wiedervereinigung zurück: Auf einen kurzen Boom folgte ein Preisverfall bis 2005, Abrissprämien ließen Plattenbauten verschwinden, und der Verkauf kommunaler Wohnungen sollte den Haushalt sanieren. Dann kam der Zuzug, und mit ihm stiegen Einwohnerzahl, Preise und Steuereinnahmen gleichermaßen.

Viele Berliner glauben deshalb nicht, dass Neubau das Problem löst, denn neue Wohnungen locken nur weitere Menschen an. Ob Enteignung, Neubau oder ein Zuzugsstopp die Lage verbessern, bleibt offen und umstritten.

Fünf Jahre ist es her, dass 57,6 Prozent der Berliner Wähler dafür stimmten, die Bestände der großen privaten Wohnungsunternehmen zu enteignen. Die Beteiligung lag bei 73,5 Prozent, weil am selben Tag auch das Abgeordnetenhaus und der Bundestag gewählt wurden. Damit fällt das Argument weg, mögliche Skeptiker seien einfach zu Hause geblieben. Viele Wähler hatten die praktischen Folgen wohl nicht überblickt, etwa die hohen Kosten für den Landeshaushalt oder die negativen Auswirkungen auf den Neubau. Bei der jüngsten Landtagswahl gingen 91 von 153 Sitzen an Parteien, die Enteignung befürworten, wie Linke und örtliche Grüne, oder in denen es Sympathien dafür gibt, wie in Teilen der SPD.

Einige Gründe teilt Berlin mit anderen Ballungsräumen. Auch in München, Frankfurt oder Köln klagen die Menschen über hohe Mieten, und fehlender Wohnraum gilt als Wachstumshemmnis, weil Beschäftigte attraktiven Arbeitsplätzen nicht folgen können. In Spanien führte die Wohnungsnot zu Massenprotesten, bei den Unruhen in Italien und Frankreich spielte sie eine Rolle.

Speziell an Berlin ist zunächst die geringe Verbreitung von Wohneigentum: 85 Prozent der Hauptstädter wohnen zur Miete, früher waren es noch mehr. In der Mietkasernenstadt leben die meisten in Etagenwohnungen, die sich erst seit dem Wohneigentumsgesetz von 1951 einzeln kaufen lassen, im Ostteil seit 1990. Zudem hat das Land die Umwandlung von Miethäusern in Eigentum weitgehend unterbunden. Das schmale Angebot trieb die Kaufpreise in zwei Jahrzehnten noch stärker nach oben als die Mieten, in Innenstadtbezirken teils auf das Fünffache. Zu Boomzeiten fragten Makler Käufer mitunter nach einem Jahr, ob sie gegen 100.000 Euro Aufschlag wieder verkaufen würden.

Die Nachfrage konzentriert sich zudem auf ein Segment: Altbau mit Holzfußboden und 3,30 Meter Deckenhöhe. Davon gibt es viele, weil Berlin in der Gründerzeit beispiellos wuchs und im Zweiten Weltkrieg prozentual weniger Gebäude zerstört wurden als in vielen westdeutschen Großstädten. Zuzügler meiden aber Plattenbauten in Marzahn oder im Märkischen Viertel und drängen in die Bezirke innerhalb des S-Bahn-Rings, den „Hundekopf“. Im östlichen Kreuzberg und im nördlichen Neukölln stiegen die Mieten seit den Nullerjahren so stark wie kaum irgendwo auf der Welt; dort erzielte die Linkspartei ihre besten Ergebnisse.

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung ermittelte für den „Tagesspiegel“, dass die Angebotsmieten zwischen 2009 und 2023 im Schnitt um 112 Prozent stiegen, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Stuttgart folgte mit 72 Prozent, die allgemeine Teuerung lag bei rund 33 Prozent. In Randgebieten lagen die Steigerungen teils unter der Inflationsrate, im Neuköllner Schillerkiez waren es 200 Prozent. Der Medianwert, der die Suche besser abbildet, zeigt rund um die Oberbaumbrücke 350 Prozent, auch weil auf der Ostseite viele Neubauten entstanden. Umzugswagen der Firma Robben & Wientjes sind aus dem Stadtbild verschwunden, weil niemand mehr auszieht.

Die Ursache liegt auch in der niedrigen Ausgangsbasis und den Schwankungen seit der Wiedervereinigung. Nach dem Mauerfall gab es einen kurzen Boom: Wer in Mitte für 100 Quadratmeter rund 300 D-Mark zahlte, konnte illegal für bis zu 900 Mark untervermieten. Als der Regierungsumzug sich verzögerte und keinen Aufschwung brachte, verfielen die Preise bis zum Tiefpunkt 2005. Es gab Abrissprämien, etwa aus dem Bundesprogramm „Stadtumbau Ost“; in Plattenbauvierteln wurden Häuser zurückgebaut. In diesen Kontext gehört der Verkauf kommunaler Bestände unter Klaus Wowereit, Thilo Sarrazin (beide SPD) und Harald Wolf (PDS): Er sanierte kurzfristig den Haushalt, sollte aber auch noch etwas erlösen, bevor die Wohnungen wertlos wären. Der soziale Wohnungsbau galt wegen Bauskandalen als Verschwendung, Wohnungen zu fünf Mark Miete kosteten teils bis zu 30 Mark.

Dann kam die Wende: Weil Berlin billig war, zogen Menschen aus ganz Europa her, und ab Mitte der Nullerjahre stiegen Einwohnerzahl, Preise, Mieten, Sozialprodukt und Steueraufkommen. Finanz- und Schuldenkrise verstärkten das. Die Kampagne #FreiheitBerlin von 2017 spiegelte dieses Lebensgefühl. Manche Zuzügler gründeten Start-ups, andere arbeiteten für Dependancen von Großunternehmen.

Viele Berliner glauben nicht, dass Neubau hilft: Gründerzeitwohnungen lassen sich nicht nachbauen, der freie Blick, etwa über das Tempelhofer Feld, soll bleiben, und neue Wohnungen zögen weitere Zuzügler an. Der CDU-Politiker Christian Gräff forderte 2019 einen Zuzugsstopp, solange der Senat keine Infrastruktur schaffe. Die gefühlte Fülle erreichte in jenem Jahr ihren Höhepunkt.

Ich glaube, dass wir einen Zuzugsstopp nach Berlin brauchen, solange der Senat keine neue Infrastruktur schafft.
— Christian Gräff (CDU), 2019
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