Ein Kulturautor des SPIEGEL beobachtet im Saunaraum, wie Frauen zwischen zwei Schweißperioden ihre Bücher aufschlagen, und fragt sich, ob selbst das Lesen, einst Inbegriff zweckfreier Muße, im spätkapitalistischen Alltag zu einer weiteren Pflicht geworden ist. Aus dieser Frage wird eine persönliche Prüfung, denn er selbst sitzt in der Jury des SPIEGEL-Buchpreises und hat in wenigen Wochen zwanzig Romane gelesen. Was als Arbeit begann, wird ihm zum Ort der Flucht, und darin zeigt sich eine alte Wahrheit: Jede Tätigkeit kann zur Last werden, und doch bleibt ein Buch ein Raum, in den man sich zur
Werden Bücher zur nächsten Aufgabe auf unserer To-do-Liste?
Ja, das Lesen war Arbeit. Aber das Leben wurde insgesamt besser.
Worum geht es in diesem Essay eigentlich?
Um die Frage, ob Lesen zur nächsten To-do-Position wird. Auslöser sind Frauen, die in der Sauna lesen, auf dem Laufband, beim Schieben des Kinderwagens.
Und der Autor kommt zu welchem Schluss?
Zu einem versöhnlichen. Er musste als Jurymitglied des SPIEGEL-Buchpreises 20 Romane in etwa acht Wochen lesen. Es war Arbeit, aber es machte das Leben besser, weil er jederzeit entfliehen konnte.
Wichtig ist: Das ist ein Meinungsessay, keine Studie. Dass lesende Frauen ein Trend sind, belegt er nicht, er räumt selbst ein, zwei Beobachtungen seien dafür dünn.
Er nimmt es aber mit Humor.
Ja, die Feuilletonregel "Drei sind ein Trend" nennt er selbst, und dass er nicht so streng sein will.
Auch seine Deutung ist nur seine. Er weiß nicht, was die Frauen lasen oder warum. Das Spätkapitalismus-Bild ist eine Projektion, die er teilweise selbst relativiert.
Was bleibt dann als Fazit?
Dass Lesen auch als Arbeit der kleinste Übel bleibt, um Urlaub vom eigenen Leben zu nehmen, wie bei Musil.
Und ein Datum: Der Buchpreis wird am 16. November vergeben. Wer gewinnt, ist offen.
Le Pouls
- Im Saunaraum blättern Frauen hastig in ihren Büchern, als wäre auch die letzte freie Viertelstunde verplant.
- Der Autor fürchtet, dass Freizeit im Spätkapitalismus zur Fortsetzung der Lohn-, Familien- und Beziehungsarbeit geworden ist.
- In der Jury des SPIEGEL-Buchpreises muss er in acht Wochen zwanzig Romane bewältigen und liest im Bus, in der Kita-Garderobe und an der Supermarktkasse.
- Lesen wird ihm zur Arbeit, doch zugleich zur Flucht aus einem Alltag, in dem ohnehin fast alles Arbeit ist.
- Am 16. November fällt die Entscheidung über den Preis, und am 17. November erscheint DeLillos satirischer Roman erstmals auf Deutsch.
Ein Kulturautor des SPIEGEL beobachtet im Saunaraum, wie Frauen zwischen zwei Schweißperioden ihre Bücher aufschlagen, und fragt sich, ob selbst das Lesen, einst Inbegriff zweckfreier Muße, im spätkapitalistischen Alltag zu einer weiteren Pflicht geworden ist. Aus dieser Frage wird eine persönliche Prüfung, denn er selbst sitzt in der Jury des SPIEGEL-Buchpreises und hat in wenigen Wochen zwanzig Romane gelesen. Was als Arbeit begann, wird ihm zum Ort der Flucht, und darin zeigt sich eine alte Wahrheit: Jede Tätigkeit kann zur Last werden, und doch bleibt ein Buch ein Raum, in den man sich zurückziehen kann.
Zweimal kurz hintereinander sah Xaver von Cranach, Autor im Kulturressort des SPIEGEL, Frauen in der Sauna lesen. Sie drehten die Sanduhr um, breiteten sich aus und schlugen ihre Bücher auf. Welche Titel es waren, konnte er nicht erkennen, denn wer genauer hinschaut, fällt in der Sauna unangenehm auf.
In dem Bild sah er zunächst den verzweifelten Höhepunkt weiblicher Freizeitgestaltung im Spätkapitalismus. Lohnarbeit, Care-Arbeit, emotionale Arbeit: Selbst die wenigen Stunden für sich selbst werden vollgepackt. Fünfzehn Minuten Sauna, da gehen doch noch zwei Kapitel. Aber wird am Ende auch das zur Arbeit?
Auch in diesem Jahr sitzt von Cranach in der Jury des SPIEGEL-Buchpreises, dessen Preisvergabe am 16. November stattfindet. In der Hochphase musste er in etwa acht Wochen zwanzig Romane lesen. Er packte immer mindestens ein Buch ein, im Bus, in der U-Bahn, beim Warten in der Kita-Garderobe, an der Supermarktkasse.
Dann kam das Unerwartete. Das Lesen war Arbeit, ja, aber das Leben insgesamt wurde besser, weil man jederzeit entfliehen konnte. Warten, Spielen, Reden, das Zusammensein mit sich selbst: Alles ist ohnehin Arbeit. Die Lese-Arbeit erschien ihm als das kleinste Übel, um mit Musils Mann ohne Eigenschaften Urlaub vom eigenen Leben zu nehmen. Und wer arbeitet nicht im Urlaub?
Zweimal kurz hintereinander sah Xaver von Cranach, Autor im Kulturressort des SPIEGEL, Frauen in der Sauna lesen. Sie kamen herein, drehten die Sanduhr um, breiteten sich aus und schlugen ihre Bücher auf. Welche Titel es waren, weiß er nicht: Wer sie entziffern will, muss zu lange und zu gezielt in ihre Richtung schauen, und das kommt in der Sauna nicht gut an. Die Feuilletonregel "Drei sind ein Trend" ließ er in diesem Fall großzügig außer Acht.
In dem Anblick sah er zunächst den verzweifelten Höhepunkt weiblicher Freizeitgestaltung im Spätkapitalismus. Arbeit sei Lohnarbeit, Familienzeit Care-Arbeit, Zeit mit dem Partner emotionale Arbeit. Die wenigen Stunden, die man nur mit sich verbringe, würden deshalb vollgepackt: Fünfzehn Minuten Sauna, da gingen doch noch zwei Kapitel. Aber wird auch das dann nicht zur Arbeit? Er erinnerte sich an eine Frau auf dem Laufband im selben Fitnessstudio, die ein Buch vor sich aufgeschlagen hatte, und an eine andere, die einen Kinderwagen schob und dabei einen Roman in der Hand hielt.
Verzweifeln wollte er schon, kam aber davon ab. Auch in diesem Jahr sitzt er in der Jury des SPIEGEL-Buchpreises, der am 16. November vergeben wird. In der Hochphase der Juryarbeit musste er in etwa acht Wochen 20 Romane lesen. Er dachte an die Sauna-Leserinnen, channelte nach eigener Aussage seine innere Rory Gilmore, es war schließlich Herbst, und packte immer mindestens ein Buch ein, manchmal zwei, wenn er absehen konnte, dass er eines im Lauf des Tages beenden würde.
Gelesen hat er im Bus und in der U-Bahn, beim Warten in der Kita-Garderobe, auf dem Spielplatz sowieso. Keine Supermarktkassenschlange war zu kurz, um nicht zumindest einen Absatz voranzukommen. Er las, wie er schreibt, effektiv und gezielt.
Dann stellte sich etwas ein, womit er nicht gerechnet hatte. Ja, das Lesen war Arbeit. Aber das Leben wurde insgesamt besser, weil man jederzeit entfliehen konnte. Und war nicht ohnehin alles Arbeit: das Warten an der Kasse und an der Haltestelle, das Spielen mit dem Kind, das Reden mit der Frau, vor allem das Zeitverbringen mit sich selbst? Die Lese-Arbeit erschien ihm als das kleinste Übel, um mit Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" Urlaub vom eigenen Leben zu nehmen. Und wer arbeite nicht im Urlaub.
Der Text steht im Literatur-Newsletter des SPIEGEL, der außerdem einiges andere versammelt. Von Cranach selbst hat derzeit "Du mußt dein Leben ändern", "Wuthering Heights" und "Stranger than Fiction: Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen" auf dem Nachttisch, was nicht heiße, dass er sie auch lese. Christian Buß hat Colson Whitehead in New York getroffen, der mit "Cool Machine" seine New-York-Trilogie abschließt; bekannt wurde Whitehead international mit "Underground Railroad", einem düsteren politischen Roman über ein unterirdisches Tunnelsystem, durch das Sklaven aus den Südstaaten zu fliehen versuchten. Autor Timon Karl Kaleyta, zuletzt mit "Heilung" erschienen, beantwortet einen Fragebogen; im Februar folgt sein Roman "Gute Nacht" bei Piper.
Außerdem wird Don DeLillos satirischer Roman "Amazonen – die intimen Memoiren der allerersten Frau in der National Hockey League" ausgegraben. Er erschien 1980 unter dem Pseudonym Cleo Birdwell und kommt am 17. November erstmals auf Deutsch heraus, im Windschatten des Gen-Z-Erfolgsgenres um Sex, Camp und Eishockey. Die aktuelle Bestsellerliste führt bei der Belletristik neu Sebastian Fitzeks "Der Nachtzug" an, bei den Sachbüchern Robert Habecks "Arctic Meltdown".
Citations marquantes
Das Lesen war Arbeit, aber das Leben insgesamt besser, weil man jederzeit entfliehen konnte.— Xaver von Cranach, SPIEGEL-Kulturautor