Ostdeutschlands Wirtschaftsleistung stagniert: Nach 35 Jahren Aufholprozess liegt der Osten nur noch knapp 79 Prozent des Westniveaus, bei Forschung und Entwicklung sogar nur 46 Prozent. Mehrere Indikatoren verschärfen sich: Erwerbsbeteiligung sinkt, Investitionen stagnieren seit 15 Jahren, Kapitalstock wächst kaum noch. Trotz Erfolgen wie Tesla-Werk und Chip-Cluster in Dresden.
Ostdeutschland stagniert: Wirtschaft erreicht nur 79 Prozent des Westniveaus
Der Aufholprozess hat sich in eine Stagnation verwandelt
Was bedeutet es konkret, dass der Osten nur 79 Prozent des Westniveaus erreicht? Ist das ein Scheitern der Wiedervereinigung?
Es ist eher eine Ernüchterung. In den 1990ern gab es echte Fortschritte – der Osten holte auf. Aber seit etwa 2010 bewegt sich wenig mehr. 79 Prozent klingt nicht dramatisch, aber es ist ein Stillstand nach 35 Jahren.
Wobei man sagen muss: Die Studie misst mehrere Dinge gleichzeitig. Bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf könnte der Wert anders aussehen als beim Kapitalstock. Wir sehen hier einen Index, nicht die einzelnen Komponenten.
Und die Erwerbsbeteiligung sinkt? Das ist überraschend.
Ja, das ist das Warnsignal. Weniger Menschen arbeiten im Osten, gemessen an der Gesamtbevölkerung. Das deutet auf Abwanderung hin – junge Menschen verlassen die Region.
Oder es ist ein Alterseffekt. Wenn die Bevölkerung älter wird, sinkt die Erwerbsbeteiligung automatisch. Die Studie sagt nicht, welcher Faktor dominiert.
Und Tesla in Grünheide – hilft das nicht?
Es hilft lokal, aber es reicht nicht aus, um die Gesamttrends zu drehen. Ein großes Werk schafft Arbeitsplätze, aber es löst nicht das demografische Problem.
Genau. Die Studie nennt Tesla und das Chip-Cluster in Dresden als Erfolge, aber sie sagt auch, dass diese nicht ausreichen. Das ist wichtig zu verstehen.
Was ist das größte Risiko?
Die Demografie. Die Bevölkerung schrumpft um über ein Fünftel bis 2045, wenn es keine Zuwanderung gibt. Das ist ein strukturelles Problem, das kein einzelnes Werk lösen kann.
Und hier wird es politisch. Die Studie kritisiert implizit zwei Dinge: die Skepsis gegenüber Zuwanderung und die Rente mit 63. Beides sind Wahlkampfthemen. Ob diese Kritik fair ist oder ob es andere Gründe für diese Politik gibt, sagt die Studie nicht.
Le Pouls
- Ostdeutsche Wirtschaftsleistung: 79 Prozent des Westniveaus
- Erwerbsbeteiligung gesunken: von 89 Prozent (2010) auf 85 Prozent (2025)
- Forschung und Entwicklung: nur 46 Prozent des Westniveaus
- Bevölkerungsprognose: Schrumpfung um über ein Fünftel bis 2045 ohne Zuwanderung
Ostdeutschlands Wirtschaftsleistung stagniert: Nach 35 Jahren Aufholprozess liegt der Osten nur noch knapp 79 Prozent des Westniveaus, bei Forschung und Entwicklung sogar nur 46 Prozent. Mehrere Indikatoren verschärfen sich: Erwerbsbeteiligung sinkt, Investitionen stagnieren seit 15 Jahren, Kapitalstock wächst kaum noch. Trotz Erfolgen wie Tesla-Werk und Chip-Cluster in Dresden.
Eine IW-Studie zeigt, dass Ostdeutschland wirtschaftlich nur knapp 79 Prozent des Westniveaus erreicht und bei mehreren Indikatoren sogar rückläufig ist. Demografische Schrumpfung wird als größtes Risiko identifiziert.
Fünfunddreißig Jahre nach der Wiedervereinigung stagniert die ostdeutsche Wirtschaft. Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft erreicht der Osten nur knapp 79 Prozent der Wirtschaftsleistung des Westens – und dieser Abstand wird nicht mehr kleiner. Der sogenannte IW-Einheitsindex, der den Aufholprozess seit 1990 misst, berücksichtigt dabei nicht nur die Wirtschaftsleistung pro Kopf, sondern auch Produktivität, den Bestand an Maschinen und Infrastruktur, den Anteil hochqualifizierter Forscher, die Erwerbsbeteiligung sowie Arbeitslosenquote und Selbstständigenanteil. Das Bild, das sich aus diesen Indikatoren ergibt, ist beunruhigend: Der Osten verliert bei mehreren dieser Kennziffern sogar an Boden.
Die Erwerbsbeteiligung ist ein besonders deutliches Beispiel. 2010 erreichte der Osten hier noch knapp 89 Prozent des Westniveaus. Fünfzehn Jahre später, 2025, sind es nur noch gut 85 Prozent. Ähnlich stagnierend ist die Entwicklung bei den Investitionen. Der Kapitalstock – der Gesamtwert aller Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäude pro Einwohner – ist 2010 auf knapp 77 Prozent des Westniveaus gestiegen. Seitdem hat sich dieser Wert kaum noch bewegt; 2025 liegt er bei gut 79 Prozent. Im Bereich Forschung und Entwicklung ist die Lücke besonders groß: Der Osten beschäftigt beim Personal in diesem Sektor nur gut 46 Prozent des Westniveaus.
Es gibt allerdings auch Erfolgsgeschichten. Das Tesla-Werk im brandenburgischen Grünheide ist international beachtet, Dresden hat sich zu einem führenden Chip-Cluster in Europa entwickelt, und der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet voran. Doch diese Inseln des Fortschritts können nicht über ein tieferes Problem hinwegtäuschen: die Demografie. Nach Bevölkerungsprognosen wird die Einwohnerzahl im Osten bis 2045 in einem Szenario ohne Zuwanderung um mehr als ein Fünftel schrumpfen – deutlich stärker als im Westen. Das ist das größte Risiko für die wirtschaftliche Zukunft der Region.
Dieses demografische Problem wird durch politische Faktoren verschärft. Die Offenheit für Zuwanderung von Fachkräften steht nach den jüngsten Wahlergebnissen in Frage. Gleichzeitig verfolgen mehrere ostdeutsche Ministerpräsidenten das Ziel, die Rente mit 63 beizubehalten – eine Politik, die mit der Bevölkerungsstruktur des Ostens schlecht vereinbar ist. Gerade weil die Region schrumpft, ist sie darauf angewiesen, erfahrene Beschäftigte länger im Erwerbsleben zu halten, nicht sie früher in den Ruhestand zu entlassen. Die Forscher sehen hier einen Widerspruch, der die wirtschaftlichen Aussichten weiter trübt. Der Aufholprozess, der nach 1990 mit großer Hoffnung begann, hat sich in eine Stagnation verwandelt, die ohne Umdenken in der Migrations- und Rentenpolitik schwer zu überwinden sein wird.
Citations marquantes
Die besonders ungünstige demografische Struktur ist das größte Risiko für die Zukunft— IW-Studie (zitiert nach Rheinische Post)
Der Osten ist besonders darauf angewiesen, erfahrene Beschäftigte länger im Job zu halten— IW-Studie