Seit 10. Oktober sind PFAS in Textilien, Leder, Schuhen und kosmetischen Waren oberhalb bestimmter Grenzwerte in der EU verboten. Das aktuelle Verbot betrifft nur die C6-PFAS-Stoffgruppe; Tausende andere PFAS-Chemikalien dürfen weiterhin verwendet werden.
Weitere Stufe des PFAS-Verbots in Kraft getreten
Jedes Mal weicht die Industrie auf eine andere aus
Warum ist das Verbot vom 10. Oktober nur ein kleiner Schritt, wenn es doch Tausende von Produkten betrifft?
Weil es nur eine von vielen PFAS-Stoffgruppen betrifft – die C6-Gruppe. Es gibt Tausende andere PFAS-Verbindungen, die weiterhin legal sind. Die Industrie weicht einfach auf die nächste aus.
Aber sind wir sicher, dass die Alternativen wirklich besser sind? Oder ersetzen wir nur ein Problem durch ein anderes?
Das ist die berechtigte Frage. Aber in den USA haben Feuerwehren bereits PFAS-freie Schutzanzüge im Einsatz – das zeigt, dass es funktioniert.
Warum wehrt sich die Industrie so stark gegen die Verbote?
Weil PFAS für sie jahrzehntelang das Wundermittel waren. Sie sind billig, zuverlässig und in tausend Anwendungen eingebaut. Umzustellen kostet Geld und Zeit.
Aber sind die Wettbewerbsnachteile real? Wenn die EU verbietet, aber China nicht, verlieren europäische Hersteller tatsächlich?
Ja, das ist ein echtes Problem. Deshalb fordern Experten weltweite Beschränkungen, nicht nur europäische.
Was sollten Verbraucher konkret tun?
Auf "frei von PFAS" achten – nicht verwechseln mit "PFOS-frei". Bei Outdoor-Marken nachfragen, ob sie ausgestiegen sind. Und nicht bei Händlern außerhalb der EU kaufen.
Aber wie viele Menschen haben Zeit, das alles zu recherchieren? Das ist eine Lösung für Privilegierte.
Das ist wahr. Deshalb braucht es auch Politik – klare, langfristige Vorgaben für die Industrie weltweit.
Le Pouls
- Seit 10. Oktober 2026 sind PFAS in Textilien, Leder, Schuhen und kosmetischen Waren oberhalb bestimmter Grenzwerte in der EU verboten
- Das aktuelle Verbot betrifft nur die C6-PFAS-Stoffgruppe; Tausende andere PFAS-Chemikalien bleiben legal
- Bei zwei Dritteln der jungen Bevölkerung Deutschlands sind mindestens drei PFAS gleichzeitig im Blut nachweisbar
- Im Brühlbach unterhalb des Flughafens Hahn wurden PFAS-Konzentrationen gemessen, die 3.500-mal höher waren als die EU-Umweltqualitätsnorm
Seit 10. Oktober sind PFAS in Textilien, Leder, Schuhen und kosmetischen Waren oberhalb bestimmter Grenzwerte in der EU verboten. Das aktuelle Verbot betrifft nur die C6-PFAS-Stoffgruppe; Tausende andere PFAS-Chemikalien dürfen weiterhin verwendet werden.
Die EU verbietet weitere PFAS-Chemikalien in Kleidung und Kosmetik. Die sogenannten Ewigkeitschemikalien stehen im Verdacht, Leber, Hormon- und Immunsystem zu schädigen.
Sie sind überall. In der Beschichtung der Pfanne, in der die Pommes frittiert werden. Im Karton, der den Burger vor Fettflecken bewahrt. In der Papierserviette daneben. In der Zahnseide, die später verwendet wird. Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – PFAS – haben sich über Jahrzehnte in tausend alltägliche Produkte eingeschlichen, weil sie eines können, das kaum ein anderer Stoff beherrscht: Sie widerstehen Wasser, Schmutz, Öl, Hitze und aggressiven Chemikalien, als würden diese Kräfte sie nichts angehen.
Seit dem 10. Oktober dieses Jahres ist eine neue Stufe des Verbots in Kraft getreten. In der Europäischen Union dürfen bestimmte PFAS-Chemikalien nun nicht mehr in Textilien, Leder, Schuhen, Pelzen und kosmetischen Produkten wie Gesichtscremes verwendet werden – zumindest nicht oberhalb festgelegter Grenzwerte. Es ist ein Schritt, der lange überfällig wirkt. Studien deuten darauf hin, dass diese Stoffe, die Forscher "Ewigkeitschemikalien" nennen, weil sie sich in der Umwelt kaum abbauen, der menschlichen Gesundheit schaden können. Sie stehen im Verdacht, die Leber zu beschädigen, das Hormon- und Immunsystem zu beeinträchtigen, den Fettstoffwechsel zu stören und sogar die Wirksamkeit von Impfungen zu verringern. Einige Studien deuten auf Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit und mögliche krebserregende Effekte hin. Die Zahlen sind beunruhigend: Bei zwei Dritteln der jungen Menschen in Deutschland lassen sich mindestens drei verschiedene PFAS-Verbindungen gleichzeitig im Blut nachweisen.
Doch das aktuelle Verbot ist nur ein Bruchteil dessen, was nötig wäre. Es betrifft ausschließlich die sogenannte C6-PFAS-Stoffgruppe – konkret die Perfluorhexansäure und verwandte Stoffe. Diese Gruppe wurde oft als Ersatz für ältere, bereits verbotene PFAS-Varianten eingeführt, erwies sich aber als nicht weniger schädlich. Tausende andere PFAS-Chemikalien dürfen weiterhin verwendet werden. Das ist das zentrale Dilemma: Jedes Mal, wenn eine PFAS-Verbindung verboten wird, weicht die Industrie auf eine andere aus. Es ist ein Spiel, das sich wiederholt, solange die Stoffe für die Herstellung von Produkten attraktiv bleiben.
Die Industrie argumentiert, dass diese Verbote unrealistisch sind. Vertreter des Maschinenbauverbands VDMA betonen, dass viele spezialisierte Produkte – etwa Pumpen, die hochreine oder aggressive Flüssigkeiten fördern – auf PFAS angewiesen sind, um Lecks und Verunreinigungen zu vermeiden. Ähnlich argumentiert der Verband der Textilindustrie: Ohne PFAS könnten viele technische Textilien, die zum Schutz von Menschen und Umwelt entwickelt wurden, nicht mehr hergestellt werden. Sie warnen vor Wettbewerbsnachteilen gegenüber Herstellern außerhalb der EU, die nicht an solche Beschränkungen gebunden sind.
Verbraucherschützer hingegen sehen das anders. Sie argumentieren, dass die Industrie lange genug Zeit hatte, sich auf solche Regelungen vorzubereiten. Viele Hersteller hätten lieber einen Schadstoff durch einen anderen ersetzt, statt in wirklich umweltfreundliche Alternativen zu investieren. Tatsächlich existieren solche Alternativen bereits. In den USA haben mehrere Bundesstaaten PFAS bereits aus der Schutzausrüstung von Feuerwehrleuten verboten – unter Druck des amerikanischen Feuerwehrverbands, der darauf hinweist, dass Krebs die häufigste berufsbedingte Todesursache bei Feuerwehrleuten ist und PFAS dazu beitragen könnte. Die Feuerwehr von San Francisco hat bereits alle PFAS-haltigen Schutzanzüge aus ihrem Bestand entfernt. PFAS-freie Alternativen funktionieren.
Die Kontamination durch PFAS ist real und teilweise dramatisch. Unterhalb des Flughafens Hahn im Hunsrück zeigt sich das deutlich. Dort hatte die Feuerwehr jahrelang Löschschaum gesprüht, der PFAS enthielt. Diese Chemikalien sickerten in den Boden, wurden durch Regen in die umliegenden Bäche gespült. Im Brühlbach wurden Konzentrationen gemessen, die 3.500-mal höher waren als die EU-Umweltqualitätsnorm. Es ist eine Altlast aus der Zeit, als der Flughafen noch von den USA betrieben wurde, aber auch ein Warnsignal für viele andere Regionen, in denen Wasser und Böden ähnlich belastet sind.
Was können Verbraucher tun? Experten raten, beim Einkaufen genau hinzuschauen – nach Produkten, die "frei von PFAS" sind, nicht nur "PFOS-frei" (was nur eine einzelne PFAS-Verbindung ausschließt). Outdoor-Markenwebseiten zeigen oft, ob Unternehmen bereits aus PFAS ausgestiegen sind. Textilsiegel können Orientierung geben. Und: nicht bei Händlern mit Sitz außerhalb der EU kaufen.
Auf politischer Ebene bewegt sich etwas. Deutschland und vier weitere EU-Staaten haben ein sogenanntes Restriktionsverfahren angestoßen, das alle PFAS-Verbindungen vom Markt drängen soll – mit Ausnahmen nur für unverzichtbare, essenzielle Anwendungen. Das wäre tatsächlich ein großer Schritt. Aber es braucht auch weltweite Beschränkungen. Solange andere Länder PFAS-haltige Produkte herstellen und exportieren, bleibt das europäische Verbot unvollständig.
Citations marquantes
PFAS sind aufgrund ihrer Stoffeigenschaften für verschiedenste Anwendungen sehr attraktive Stoffe. Dies hat dazu geführt, dass sie oft auch dort eingesetzt werden, wo andere Stoffe auch ausreichten.— Thorsten Reemtsma, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
Wer jetzt von Wettbewerbsnachteilen spricht, hatte lange genug Zeit, sich auf das Gesetz einzustellen.— Kerstin Effers, Verbraucherzentrale NRW