Ein Mann, der einst die Auslandsaufklärung des Bundes führte, sitzt heute selbst hinter Gittern, und mit ihm sein früherer Büroleiter. Der Vorwurf von Landesverrat und Spionage berührt eine alte Frage moderner Demokratien: wie viel Nähe zu fremden Mächten ist vertretbar, wenn man das Vertrauen des Staates längst verloren hat, aber sein Wissen noch besitzt. Was Hanning nach seinem Abschied aus dem Amt für sich selbst beanspruchte, nämlich eine eigene Außen- und Innenpolitik jenseits des Auftrags, wirft nun die Frage auf, wo Einfluss endet und Verrat beginnt. Ob geheime Informationen tatsächlich
Spionage beim BND: Hanning war in China ein gern gesehener Gast
Eine Art alternative Innen- und Außenpolitik, nie im staatlichen Auftrag
Warum ist das Interview von 2016 so wichtig?
Hanning spricht in Peking vor einem Sicherheitspublikum offen über Zusammenarbeit mit China beim Terrorismus. Das wirkt im Rückblick anders.
Sein Satz allein beweist keine Spionage. Es gibt ein chinesisches Transkript, das Video ist verschwunden. Wir haben den Wortlaut nur über diese Quelle.
Und der Vorwurf gegen ihn?
Landesverrat und Spionage. Sein früherer Büroleiter soll ihn gegen Geld mit Geheimem versorgt haben.
Verdacht, keine Verurteilung. Und ob die Analyse den Mitarbeiter eines fremden Dienstes erreichte, ist unklar.
Welcher Dienst?
Medien nennen Aserbaidschan statt Russland. Die F.A.S. fand Kontakte zu Patruschew.
Kontakte sind noch keine Informationsweitergabe. Die Aserbaidschan-Angabe stützt sich auf Medienberichte.
Und Wang Jianzheng?
Die Nähe ist belegt: Reise 2017, Gremium in Qingdao, Danksagung im Buch.
Le Pouls
- Der frühere BND-Präsident August Hanning und sein Ex-Büroleiter sitzen in Untersuchungshaft, der Verdacht auf Landesverrat wiegt schwer.
- Recherchen zeigen enge Kontakte zu chinesischen Generälen und Geheimdienstlern, ein Interview von 2016 gilt als brisant und ist aus dem Netz verschwunden.
- Ein Büroleiter soll nach Hannings Ausscheiden gegen Geld geheime Dokumente weitergereicht haben, eine daraus erstellte Analyse könnte einen fremden Dienst erreicht haben.
- Auch Kontakte zum russischen Vertrauten Nikolaj Patruschew stehen im Raum, während die Ermittler prüfen, wie tief der Karriereweg des Dienstes in den Fall verstrickt ist.
- Offen bleibt, was tatsächlich nach außen drang, und der Fall könnte weit über zwei Personen hinaus Fragen an die Kontrolle geheimer Informationen aufwerfen.
Ein Mann, der einst die Auslandsaufklärung des Bundes führte, sitzt heute selbst hinter Gittern, und mit ihm sein früherer Büroleiter. Der Vorwurf von Landesverrat und Spionage berührt eine alte Frage moderner Demokratien: wie viel Nähe zu fremden Mächten ist vertretbar, wenn man das Vertrauen des Staates längst verloren hat, aber sein Wissen noch besitzt. Was Hanning nach seinem Abschied aus dem Amt für sich selbst beanspruchte, nämlich eine eigene Außen- und Innenpolitik jenseits des Auftrags, wirft nun die Frage auf, wo Einfluss endet und Verrat beginnt. Ob geheime Informationen tatsächlich ans Ziel gelangten, ist bislang ungeklärt.
Im Juli 2025 sitzt August Hanning im China-Club des Berliner Hotel Adlon und spricht mit dem früheren afghanischen Präsidenten Hamid Karzai über Abschiebungen und mögliche Gespräche mit den Taliban. Einen Auftrag der Bundesregierung hat er dafür nicht. Heute ist der einst mächtige BND-Präsident in Untersuchungshaft, ebenso sein früherer Büroleiter Manfred D.
Nach seinem Abschied aus der Politik 2009 blieb Hanning aktiv. Er reiste viel, äußerte sich zu innenpolitischen Fragen und vertrat dabei oft eine eigene Linie. Besonders intensiv pflegte er Kontakte nach China, zu Militärs und Geheimdienstlern. Ein Interview beim Xiangshan-Forum 2016 gilt heute als brisant, ebenso seine Äußerungen zum Kampf gegen den Terrorismus, die sich wohl auf die Uiguren bezogen.
Zugleich soll D. dem Ex-Präsidenten weiter geheime Informationen verschafft haben, gegen Geld. Daraus habe Hanning eine Analyse für einen Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes erstellt. Ob sie ihn erreichte, ist ungeklärt. Hinzu kommen Verbindungen zu Nikolaj Patruschew und zu einem weiteren Dienst. Fest steht nur: Die Ermittlungen werden nun auch den Weg prüfen, den Hanning durch den BND genommen hat.
Im Juli 2025 sitzt August Hanning im „China-Club“ am Berliner Hotel Adlon und spricht mit dem früheren afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Nach Hannings eigener Darstellung geht es um die Abschiebung afghanischer Straftäter und um mögliche Gesprächskontakte zu den Taliban. Einen Auftrag der Bundesregierung hat er dafür nicht. Heute sitzt der frühere BND-Präsident in Untersuchungshaft, ebenso sein früherer Büroleiter Manfred D. Der Verdacht lautet unter anderem auf Landesverrat und Spionage.
D. soll Hanning nach dessen Ausscheiden aus dem Amt gegen Geld weiter mit geheim eingestuften Informationen versorgt haben. Hanning habe sie genutzt, um für einen Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes eine Analyse zu erstellen. Ob diese Analyse den Mann erreichte, ist unklar. Medienberichten zufolge könnte es sich um den aserbaidschanischen Dienst handeln, nicht um den russischen. Hanning soll zudem über Jahre in intensivem Austausch mit dem Angehörigen eines weiteren Nachrichtendienstes gestanden haben. Nach Recherchen der F.A.S. hatte er außerdem wiederholt Kontakt zu Nikolaj Patruschew, der Wladimir Putin seit Jahrzehnten eng verbunden ist.
Fest steht: Nach dem Ausscheiden aus der Politik 2009 setzte sich Hanning nicht zur Ruhe. Er reiste weiter international und äußerte sich zu vielen innenpolitischen Themen, aber nie in staatlichem Auftrag. Manches lag auf Linie der deutschen Politik, bei anderem vertrat er eine ausdrücklich andere Haltung. Man kann es eine Art alternative Innen- und Außenpolitik nennen.
Das gilt auch für China. Mehrfach reiste Hanning dorthin und traf wiederholt Vertreter der Volksrepublik aus dem militärischen und geheimdienstlichen Bereich. 2016 gab er in Peking dem Hongkonger Sender Phoenix TV ein Interview, am Rande des Xiangshan-Forums, einer jährlichen Sicherheitskonferenz der chinesischen Führung für Militärs, Sicherheitspolitiker und Geheimdienstler aus aller Welt. Auf die Frage der Moderatorin, was er als Leiter des Nachrichtendienstes getan habe, es klinge geheimnisvoll, antwortete er laut dem noch abrufbaren chinesischen Transkript, es sei gar nicht geheimnisvoll gewesen; es sei um Informationsbeschaffung für Entscheidungsträger gegangen. Ein Video existiert nicht mehr online. Hannings Anwalt äußerte sich auf eine Anfrage der F.A.Z. zunächst nicht. Die Moderatorin Fu Xiaotian ist seit 2023 verschwunden, übereinstimmenden, aber unbestätigten Berichten zufolge nach einer Affäre mit dem ebenfalls verschwundenen früheren Außenminister Qin Gang.
Brisant ist, was Hanning zum Terrorismus sagte. Ein Bereich der Zusammenarbeit sei China, das ebenfalls bedroht sei; im Kampf gegen den internationalen Terrorismus habe man gemeinsame Probleme. Aus chinesischer Sicht dürften damit die Uiguren gemeint sein. 2016 verschärfte Xi Jinping in Xinjiang das System aus Überwachung, politischer Kontrolle und erzwungener Assimilation. Die Internierung Hunderttausender Uiguren, die ab 2017 ihren Höhepunkt erreichte, wurde erst später breit bekannt. Ob Hanning das Ausmaß kannte, bleibt offen, als früherer BND-Chef dürfte er aber gut informiert gewesen sein.
Sein Netzwerk belegt die Nähe zu Wang Jianzheng, einem Generalmajor der Volksbefreiungsarmee, der auch in der Nachrichtendienstabteilung des Generalstabs diente. Wang war von 1987 bis 1990 Verteidigungsattaché in der DDR, von 1998 bis 2003 und 2009 bis 2013 in der Bundesrepublik. Hanning war ab 1986 in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin; kennengelernt haben könnten sie sich also dort. 2017 besuchten beide die Jinsi-Schlucht in der Provinz Shaanxi. Der „Spiegel“ berichtete zuerst über die Verbindung: 2023 traten sie auf einer deutsch-chinesischen Konferenz auf und saßen gemeinsam im Beratergremium eines Ökoparks in Qingdao. Wang übersetzte 2017 ein Gesprächsbuch mit Gerhard Schröder und dankte im Vorwort Hanning für Hilfe bei sprachlichen Schwierigkeiten.
In Peking kritisierte Hanning auch Angela Merkels Flüchtlingspolitik und sprach von ernsten Sicherheitsproblemen. Daheim forderte er nach dem Anschlag in Solingen 2024 strikte Grenzkontrollen, und er kritisierte die Einstufung der AfD als gesichert rechtsextremistisch. Den BND sah er durch Kontrollbürokratie gegängelt. Im März 2024 beklagte er nach dem Abhören von Luftwaffenoffizieren durch Russland eine „erstaunliche Naivität“ – obwohl er laut Bericht bis 2022 selbst von den lockeren Sicherheitsvorkehrungen profitiert hatte, als ihn sein früherer Büroleiter mit 2000 Dokumenten versorgte. Offen ist nun, ob Geheimes einen fremden Dienst erreichte.
Citations marquantes
Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus haben wir gemeinsame Probleme.— August Hanning, laut chinesischem Transkript von Phoenix TV, 2016