SPD marschiert protestierend zum Bebelplatz – Pistorius singt Nationalhymne

Das ist der Tag von Wut, das ist der Tag von Enttäuschung
Verteidigungsminister Pistorius beim SPD-Protestmarsch zum Bebelplatz über die Wahl des AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten.
Mark

Was hat die SPD dazu bewogen, ausgerechnet zum Bebelplatz zu marschieren?

Mimi

Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Der Bebelplatz ist der Ort der Bücherverbrennung 1933 – ein Symbol für den Anfang des Nationalsozialismus. Indem die SPD dort protestiert, sagt sie: Das, was heute in Magdeburg passiert ist, erinnert uns an die Anfänge einer Katastrophe.

Luke

Aber ist das nicht eine sehr starke Metapher? Die Wahl eines Landtagspräsidenten mit unerwarteten Stimmen ist schlecht, ja – aber ist es wirklich vergleichbar mit 1933?

Mimi

Es geht nicht um einen direkten Vergleich. Es geht darum, dass zum ersten Mal in der Bundesrepublik ein Rechtsextremer in ein solches Amt gewählt wurde. Das ist ein Tabubruch, den es vorher nicht gab.

Mark

Und die CDU-Stimmen – wie viele waren das genau?

Luke

Das ist unklar. Wir wissen, dass Rausch vier Stimmen mehr bekam, als AfD und BSW zusammen haben. Das bedeutet, dass mindestens vier CDU-Abgeordnete für ihn stimmten. Aber die genaue Zahl ist nicht bekannt, weil die Abstimmung geheim war.

Mimi

Und das ist das Skandalöse: Sven Schulze, der CDU-Fraktionschef, hatte öffentlich angekündigt, seine Fraktion werde sich enthalten. Dann passiert das.

Mark

Was sagt die CDU dazu?

Luke

Das ist die große offene Frage. Die SPD fordert Erklärungen, aber bisher haben wir keine Stellungnahme der CDU zu den eigenen Abgeordneten, die gegen die Fraktionslinie gestimmt haben.

Mimi

Das ist das Vertrauensproblem. Wenn man nicht weiß, wer für wen gestimmt hat und warum, wird es schwierig, die Demokratie zu verteidigen.

  • Tobias Rausch (AfD) wurde zum ersten rechtsextremen Landtagspräsidenten in der Bundesrepublik gewählt
  • Rausch erhielt vier Stimmen mehr als AfD und BSW zusammen haben – offenbar von CDU-Abgeordneten
  • SPD-Bundestagsfraktion marschierte vom Bundestag zum Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung 1933
  • Boris Pistorius stimmte die Nationalhymne an, nachdem die Fraktion den Protestmarsch beendete

Tobias Rausch von der AfD wurde zum ersten rechtsextremen Landtagspräsidenten in der Bundesrepublik gewählt, mit mehr Stimmen als seine Fraktion hat. CDU-Abgeordnete stimmten offenbar für Rausch, obwohl Fraktionschef Schulze Enthaltung angekündigt hatte – ein Vertrauensbruch, der die SPD empört.

Die SPD-Bundestagsfraktion marschiert protestierend durch Berlin, nachdem ein AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten von Sachsen-Anhalt gewählt wurde – offenbar mit Stimmen von CDU-Abgeordneten.

Am Nachmittag des 6. Oktober 2026 versammelte sich die SPD-Bundestagsfraktion zu einem spontanen Protestmarsch durch Berlin. Der Anlass war ein Ereignis in Magdeburg, das viele Sozialdemokraten als Bruch mit einer grundlegenden demokratischen Norm empfanden: Der AfD-Politiker Tobias Rausch war zum Landtagspräsidenten von Sachsen-Anhalt gewählt worden – der erste Rechtsextremist, der in der Geschichte der Bundesrepublik ein solches Amt erreichte.

Das Besondere an dieser Wahl war nicht nur die Person, sondern die Arithmetik dahinter. Rausch erhielt in der geheimen Abstimmung vier Stimmen mehr, als seine Partei und das BSW zusammen im Landtag vertraten. Das konnte nur bedeuten, dass Abgeordnete aus anderen Fraktionen für ihn gestimmt hatten. Schnell wurde klar: Es waren CDU-Abgeordnete gewesen, obwohl Fraktionschef Sven Schulze öffentlich angekündigt hatte, seine Fraktion werde sich enthalten. Dieser Vertrauensbruch löste bei der SPD tiefe Empörung aus.

Die Bundestagsfraktion wählte einen symbolträchtigen Ort für ihren Protest: Sie marschierten vom Bundestag durch das Brandenburger Tor zum Bebelplatz, jenem Platz in Berlin, an dem die Nationalsozialisten 1933 Bücher verbrannten. Der Platz trägt den Namen August Bebels, eines der Gründer der deutschen Sozialdemokratie. Mehrere Abgeordnete trugen während des Marsches Exemplare des Grundgesetzes in den Händen – eine stille Geste, die an die Verfassung erinnern sollte, die sie verteidigten.

An der Spitze des Marsches gingen Matthias Miersch, der Fraktionsvorsitzende, Tim Klüssendorf und Verteidigungsminister Boris Pistorius. Miersch sprach von einem Tag, der nicht normal sei. Die SPD müsse Flagge zeigen, wenn die Demokratie unter Druck stehe. Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik seien Rechtsextremisten in ein Landtagspräsidium gewählt worden. "Das muss uns alle alarmieren", sagte er.

Pistorius war sichtlich bewegt. "Das ist der Tag von Wut, das ist der Tag von Enttäuschung darüber, dass Demokratinnen und Demokraten offenbar nichts gelernt haben aus der Geschichte und die Geschichte sich wieder wiederholen lassen", rief er der versammelten Fraktion zu. "Wer das zugelassen hat, hat sich an der Demokratie unseres großartigen Landes vergangen." Seine Worte drückten aus, was viele in der SPD empfanden: nicht nur Zorn über die Wahl selbst, sondern Entsetzen darüber, dass demokratische Abgeordnete sie ermöglicht hatten.

Am Ende des Marsches, auf dem Bebelplatz, stimmte Pistorius die Nationalhymne an. Die versammelte Fraktion sang mit – ein Moment, der die Spannung zwischen Trauer und Entschlossenheit ausdrückte. Auf diesem Platz der Bücherverbrennung, an diesem Tag, an dem Rechtsextremisten mit demokratischen Stimmen in ein Landtagspräsidium gewählt worden waren, beschworen die Sozialdemokraten die Hymne ihrer Republik.

SPD-Vorsitzender Lars Klingbeil, der nicht vor Ort war, gab eine schriftliche Stellungnahme ab. Er nannte die Wahl einen "Tabubruch" und forderte dringende Erklärungen von CDU und BSW. Dass beide AfD-Kandidaten gewählt wurden, nicht aber der SPD-Kandidat, bezeichnete er als "beispiellose Verantwortungslosigkeit und Geschichtsvergessenheit". Die SPD werde Rechtsextremismus immer mit allen demokratischen Mitteln entgegentreten, versprach er. Der Tag in Magdeburg hatte eine Krise ausgelöst, deren Ausgang noch offen war.

Das ist ein Tabubruch. Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik seien Rechtsextreme in ein Landtagspräsidium gewählt worden.
— Matthias Miersch, SPD-Fraktionsvorsitzender
Wer das zugelassen hat, hat sich an der Demokratie unseres großartigen Landes vergangen.
— Boris Pistorius, Verteidigungsminister
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