SPD fordert CDU-Aufklärung nach AfD-Wahl zum Landtagspräsidenten

Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik Rechtsextreme im Landtagspräsidium
SPD-Fraktionschef Matthias Miersch beschreibt das historische Ausmaß der Wahl in Sachsen-Anhalt.
Mark

Warum ist diese Wahl so bedeutsam? Es ist doch nur ein Landtagspräsident.

Mimi

Weil es das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ist, dass Rechtsextreme in ein Landtagspräsidium gewählt wurden. Das ist eine symbolische Grenze, die überschritten wurde.

Luke

Aber wir wissen nicht, wer dafür gestimmt hat. Die Wahl war geheim. Können wir wirklich sagen, dass die CDU das getan hat?

Mimi

Nein, das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Aber die Mathematik ist eindeutig: Rausch bekam 48 Stimmen, AfD und BSW haben zusammen 44. Jemand außerhalb dieser Parteien hat mitgestimmt.

Mark

Und die CDU hatte Enthaltung empfohlen?

Mimi

Ja, aber nur fünf der 15 CDU-Abgeordneten hielten sich daran. Die anderen zehn sind nicht erfasst.

Luke

Das ist das Kernproblem: Wir wissen nicht, ob sie für Rausch stimmten, sich enthielten oder dagegen stimmten. Die Geheimheit macht es unmöglich.

Mark

Warum protestiert die SPD dann so laut, wenn sie nicht weiß, wer schuld ist?

Mimi

Weil unabhängig davon, wer stimmte – es ist passiert. Ein Rechtsextremer sitzt jetzt im Präsidium. Das ist das Signal, das zählt.

Luke

Aber für die SPD ist es auch strategisch wichtig, die CDU unter Druck zu setzen. Sie wollen Erklärungen erzwingen.

Mark

Wird das beim Koalitionsausschuss heute Abend geklärt?

Mimi

Das ist unwahrscheinlich. Die CDU wird wahrscheinlich weiter ausweichen, solange die Wahl geheim bleibt.

  • Tobias Rausch (AfD) erhielt 48 Stimmen zum Landtagspräsidenten, obwohl AfD und BSW zusammen nur 44 Mandate haben
  • CDU-Fraktion empfahl Enthaltung, doch nur 5 von 15 Abgeordneten hielten sich daran
  • Die Wahl war geheim; Identität der Wähler bleibt ungeklärt
  • SPD-Bundestagsfraktion protestierte mit Marsch zum Bebelplatz, dem Ort der Bücherverbrennung 1933

Rausch erhielt 48 Stimmen, obwohl AfD und BSW zusammen nur 44 Mandate haben – deutlich mehr als ihre eigenen Stimmen. Die CDU-Fraktion empfahl Enthaltung, doch nur fünf der 15 Abgeordneten hielten sich daran; die geheime Wahl macht Identifizierung unmöglich.

Nach der Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum sachsen-anhaltischen Landtagspräsidenten fordert die SPD-Bundesspitze von der CDU Erklärungen. Die geheime Abstimmung wirft Fragen auf, wer über die AfD-Stimmen hinaus für Rausch stimmte.

In Magdeburg wurde gestern ein AfD-Politiker ins höchste Amt eines Landtags gewählt – und damit ist eine Grenze überschritten worden, die in der Bundesrepublik bislang unangetastet blieb. Tobias Rausch erhielt 48 Stimmen zum Landtagspräsidenten von Sachsen-Anhalt, sein Parteifreund Hans-Thomas Tillschneider wurde Vizepräsident. Das Problem ist mathematisch unmissverständlich: Die AfD und das BSW zusammen verfügen über 44 Mandate. Rausch bekam also deutlich mehr Stimmen, als seine Partei und ihr Partner stellen können. Das bedeutet, dass Abgeordnete anderer Fraktionen – vermutlich aus der CDU – für ihn gestimmt haben müssen. Wer genau das war, bleibt ungeklärt, denn die Abstimmung war geheim.

Die Wut in der SPD ist groß, und sie richtet sich nicht nur gegen die AfD, sondern auch gegen den Koalitionspartner CDU. SPD-Chef Lars Klingbeil sprach von einem Tabubruch und forderte Erklärungen: Die Wahl eines Kandidaten der als gesichert rechtsextremistisch eingestuften AfD in solche Ämter werfe sehr drängende Fragen auf. Generalsekretär Tim Klüssendorf verlangte von der CDU, umgehend aufzuklären, wer aus ihren Reihen diese Entscheidung möglicherweise für richtig befunden habe. Die CDU-Fraktionsspitze hatte ihren 15 Abgeordneten zwar Enthaltung empfohlen – doch nur fünf hielten sich daran. Die restlichen zehn sind verschwunden in der Geheimheit der Wahl.

Die Zahlen zeigen das Ausmaß der Irritation. Die Fraktionen von SPD, Grünen und Linkspartei hatten angekündigt, gegen Rausch zu stimmen und brachten zusammen 22 Mandate mit. Es gab 29 Nein-Stimmen. Das heißt: Sieben Abgeordnete stimmten weder für noch gegen Rausch – das entspricht den fünf empfohlenen Enthaltungen der CDU plus zwei weiteren. Die restlichen zehn CDU-Abgeordneten aber sind nicht erfasst. Sie könnten für Rausch gestimmt haben, oder sie könnten sich enthalten haben, ohne der Empfehlung zu folgen. Die Geheimheit der Wahl macht es unmöglich, das zu wissen.

In Berlin reagierte die SPD-Bundestagsfraktion mit einer symbolischen Aktion, die das Gewicht des Moments unterstreichen sollte. Viele Abgeordnete versammelten sich zu einem Protestmarsch, der vom Bundestag durchs Brandenburger Tor zum Bebelplatz führte – jenem Ort, an dem die Nationalsozialisten 1933 Bücher verbrannten. Mehrere Parlamentarier trugen Ausgaben des Grundgesetzes mit sich. Am Ende sang Verteidigungsminister Boris Pistorius nach einer engagierten Rede die Nationalhymne an. Fraktionschef Matthias Miersch betonte: Das sei kein normaler Tag. Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik seien Rechtsextreme in ein Landtagspräsidium gewählt worden. "Das muss uns alle alarmieren."

Die CDU weicht aus. Unionsfraktionschef Thorsten Frei sagte, es sei eine geheime Wahl, und grundsätzlich komme jeder infrage. Er lasse sich nicht auf Spekulationen ein, betonte aber, dass die Tatsache selbst "in höchstem Maße bedenklich und besorgniserregend" sei. CDU-Chef Friedrich Merz hat sich bislang gar nicht geäußert. Damit intensiviert sich eine alte Debatte neu: Ob die sogenannte Brandmauer – die bewusste Abgrenzung der CDU von der AfD – noch Bestand hat.

Das BSW, das in Sachsen-Anhalt mit der AfD koaliert, sieht die Brandmauer als gescheitert an. Bundeschef Fabio De Masi sagte dem Hamburger Abendblatt, man müsse die AfD "hinter der Brandmauer hervorziehen". Dort habe sie bisher nichts beweisen müssen und konnte ihre inneren Widersprüche kaschieren. Die Grünen hingegen sprechen von einer "schleichenden Normalisierung der rechtsextremen Landnahme". Co-Parteichef Felix Banaszak kritisierte die Wahl scharf.

Heute Abend trifft sich der Koalitionsausschuss von Union und SPD in Berlin. Der Termin war bereits geplant – regelmäßig nach einer dreimonatigen Sommerpause – und ist keine Reaktion auf Sachsen-Anhalt. Im Mittelpunkt stehen Reformvorhaben. Doch die SPD kündigte an, auch den Austausch über die Ereignisse in Sachsen-Anhalt zu suchen. Ob es danach öffentliche Stellungnahmen geben wird, ist unklar. Die Frage, wer für Rausch stimmte, wird die Koalition in den kommenden Tagen beschäftigen.

Dass der Kandidat der als gesichert rechtsextremistisch eingestuften AfD mit deutlich mehr als den AfD-Stimmen zum Landtagspräsidenten gewählt wurde, wirft sehr drängende Fragen auf. Es ist ein Tabubruch, Rechtsextreme in solche Ämter zu wählen.
— SPD-Chef Lars Klingbeil
Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik seien Rechtsextreme in ein Landtagspräsidium gewählt worden. Das muss uns alle alarmieren.
— SPD-Fraktionschef Matthias Miersch
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