Schülerproteste als Brandbeschleuniger: Frankreich tiefer gespalten denn je

Ein 15-Jähriger musste die Hand amputiert werden, ein Schüler verlor ein Auge, ein anderer erlitt doppelten Kieferbruch durch Polizeigranaten. Über 700 Polizisten wurden verletzt.
Ein 15-Jähriger musste die Hand amputiert werden
Die Gewalt bei Polizeieinsätzen gegen Schülerproteste hat zu schweren Verletzungen geführt.
Mark

Was macht diese Schülerproteste so anders als frühere Bewegungen in Frankreich?

Mimi

Die Solidarität ist beispiellos. Schüler aus armen Banlieues, die normalerweise isoliert sind, bekommen plötzlich Unterstützung von Studierenden, Lehrern und Eltern – sogar aus wohlhabenderen Gegenden. Das hat es so nicht gegeben.

Luke

Aber wir sollten vorsichtig sein: Die Regierung behauptet, LFI stecke dahinter. Das ist eine Behauptung, nicht bewiesen. Und ja, LFI nutzt die Proteste, aber das heißt nicht, dass sie sie organisiert hat.

Mark

Wie schlimm ist die Gewalt wirklich?

Mimi

Ein 15-Jähriger hat eine Hand verloren. Ein anderer ein Auge. Das sind keine abstrakten Zahlen – das sind Kinder, die dauerhaft verletzt sind.

Luke

Stimmt. Aber auch 700 Polizisten wurden verletzt. Das ist auch real. Die Gewalt kommt von beiden Seiten, und das ist wichtig zu sagen.

Mark

Warum instrumentalisieren alle Parteien die Proteste?

Mimi

Weil es um die Präsidentschaftswahl im April geht. Für LFI sind die Proteste ein Weg, bei der Jugend beliebter zu werden. Für die Rechte sind sie ein Beweis für ihre These von zwei unvereinbaren Frankreichen.

Luke

Und die Regierung? Sie hat wenig zu verlieren, wenn sie hart durchgreift – das gefällt ihrem konservativen Wählersegment. Aber das bedeutet auch, dass echte Reformen unmöglich werden.

Mark

Dieser Bürgermeister Bagayoko – war er wirklich schuldig?

Mimi

Nein. France Info hat bewiesen, dass er die brennende Mülltonne gelöscht hat, nicht angezündet. Aber das Video war schneller viral als die Wahrheit.

Luke

Das ist das Problem mit dem Krieg der Bilder. Ein manipuliertes Video kann Tage brauchen, um widerlegt zu werden. Bis dahin hat es bereits Schaden angerichtet.

Mark

Kann die Regierung die Forderungen der Schüler erfüllen?

Mimi

Nicht jetzt. Sie versucht gerade, einen Sparhaushalt durchzusetzen, um eine Schuldenkrise zu vermeiden. Reformen kosten Geld.

Luke

Und selbst wenn sie wollten – im Wahljahr werden sie keine großen Reformen starten. Das ist politisch zu riskant. Die Schüler fordern also etwas, das die Regierung strukturell nicht liefern kann.

  • Fast 7.000 Menschen wurden in Gewahrsam genommen – mehr als während der monatelangen Gelbwesten-Proteste –, und einem 15-Jährigen musste nach einem Granadeneinschlag die Hand amputiert werden.
  • Die Regierung behauptet, Linksradikale steuerten die Bewegung, während Rechtsextreme die Unruhen nutzen, um offen gegen muslimische Franzosen zu hetzen – die Schüler selbst geraten dabei zur Nebensache.
  • Ein manipuliertes Instagram-Video reicht aus, um einen Bürgermeister zu diskreditieren, und ein 18-jähriger Schülervertreter wird nach einer Mélenchon-Attacke von einem digitalen Mob überwältigt – der Krieg der Bilder ist so brutal wie der auf der Straße.
  • Premier Lecornu kündigt 'erste Entscheidungen' für Ende Oktober an, doch die verschuldete Minderheitsregierung hat kaum finanziellen Spielraum für echte Reformen.
  • Mit den Präsidentschaftswahlen im April 2027 im Blick verhärten alle politischen Lager ihre Positionen – die Proteste werden zum Brandbeschleuniger, nicht zum Anlass für Dialog.

In Frankreich hat sich eine Schülerbewegung, die im September in den ärmeren Banlieues begann, zu einer landesweiten Krise ausgeweitet – eine Erschütterung, die an den Mai 1968 erinnert und die tiefen Risse einer Gesellschaft sichtbar macht, die zwischen sozialer Ungerechtigkeit, politischer Instrumentalisierung und dem Schatten bevorstehender Wahlen gefangen ist. Während Jugendliche bessere Bildungschancen fordern, antworten Staat und Straße gleichermaßen mit Gewalt, und die eigentliche Frage – wie eine Republik ihren vergessenen Kindern gerecht werden kann – droht im Lärm des Wahlkampfes zu verschwinden.

Frankreich erlebt eine Schülerbewegung von historischem Ausmaß. Was im September mit einer Schulblockade in Créteil begann, hat sich zu einer landesweiten Welle ausgeweitet, die Studierende, Lehrergewerkschaften und Eltern mobilisiert. Die Forderung ist klar: bessere Bildungschancen für die Jugend der Banlieues. Doch die Proteste sind längst von einer Gewalt begleitet, die das Land tief erschüttert.

Auf den Straßen gehen vermummte Demonstranten mit Steinen und Eisenstangen gegen Polizisten vor, über 700 Beamte wurden verletzt. Die Polizei reagiert mit extremer Härte: Innenminister Nuñez erlaubte den Einsatz aller nicht tödlichen Waffen. Die Folgen sind verheerend – einem 15-Jährigen wurde die Hand amputiert, ein Schüler verlor ein Auge, ein anderer erlitt einen doppelten Kieferbruch. Fast 7.000 Personen wurden in Gewahrsam genommen.

Parallel tobt ein Kampf um die Deutungshoheit. Die Regierung beschuldigt die Linkspartei La France Insoumise, die Proteste zu steuern – LFI weist das zurück, auch wenn ihre Mandatsträger sichtbar an Blockaden teilnehmen. Der Rechtsextreme Eric Zemmour nutzt die Unruhen, um von zwei Frankreichen zu sprechen: einem christlichen und einem 'arabo-muslimischen'. Ein manipuliertes Video bringt einen Bürgermeister in Misskredit, obwohl er tatsächlich geholfen hatte, eine brennende Mülltonne zu löschen – der Schaden bleibt.

Im Hintergrund lauert die politische und finanzielle Krise: Die Minderheitsregierung kämpft um einen Sparhaushalt und hat kaum Spielraum für echte Bildungsreformen. Im April 2027 stehen Präsidentschaftswahlen an, und Marine Le Pen führt in den Umfragen. Die Forderungen der Schüler drohen im Lärm des Wahlkampfes unterzugehen – instrumentalisiert von allen Seiten, ernst genommen von keiner.

Frankreich erlebt derzeit eine Schülerbewegung von historischem Ausmaß – eine Revolte, wie sie seit Mai 1968 nicht mehr vorgekommen ist. Was im September mit einer Blockade in Créteil südlich von Paris begann, hat sich zu einer landesweiten Welle ausgeweitet, die von den ärmeren Banlieues bis in die wohlhabenderen Innenstädte reicht und dabei Studierende, Lehrergewerkschaften und Eltern mobilisiert hat. Die Forderung ist klar: bessere Bildungschancen für die Jugend, insbesondere in den von Einwanderung geprägten Vororten. Doch was diese Proteste auszeichnet, ist nicht nur ihre Reichweite, sondern auch die beispiellose Gewalt, die sie begleitet – und die tiefe Spaltung, die sie in der französischen Gesellschaft offenbaren.

Die Eskalation ist bemerkenswert. Vermummte Demonstranten gehen mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Eisenstangen gegen Polizisten vor. Nach Angaben des Innenministeriums wurden dabei mehr als 700 Beamte verletzt. Schulleiter und Lehrer wurden attackiert, Schuleingang wurden durch Feuer zerstört – in Nantes brannte eine ganze Eingangshalle ab. Bushäuschen wurden zertrümmert, Mülltonnen in Brand gesteckt. Die Polizei ihrerseits reagiert mit extremer Härte. Innenminister Laurent Nuñez hat der Polizei die Direktive gegeben, wenn nötig "alle nicht tödlichen Waffen" einzusetzen. Bei Einsätzen mit Blend- und Tränengasgranaten wurden Schüler schwer verletzt: einem 15-Jährigen musste die Hand amputiert werden, ein anderer Schüler verlor ein Auge, ein dritter erlitt einen doppelten Kieferbruch. Fast 7.000 Personen wurden seit Beginn der Proteste in Polizeigewahrsam genommen – eine Zahl, die selbst bei den monatelangen Gelbwesten-Protesten nicht annähernd erreicht wurde.

Doch die physische Gewalt ist nur eine Seite der Krise. Die verbale Eskalation und der Kampf um die Deutungshoheit sind mindestens ebenso scharf. Die Regierung behauptet, Geheimdienstinformationen zu haben, wonach die linksradikale Partei La France Insoumise (LFI) hinter den Protesten stecke – eine Behauptung, die LFI als infame Verschwörungstheorie zur Unterdrückung der Bewegung zurückweist. Gleichzeitig ist unübersehbar, dass LFI, die in Umfragen bei den unter 24-Jährigen etwa 40 Prozent der Stimmen holt, die Proteste nutzt, um ihre Popularität bei der Jugend zu steigern. Ihre Mandatsträger haben nicht nur mitdemonstriert, sondern waren auch bei Schulblockaden vor Ort präsent.

Der extrem rechte Politiker Eric Zemmour von der Partei Reconquête nutzt die Gelegenheit, um gegen muslimische Franzosen zu hetzen. Die Krawallmacher seien immer die Gleichen, erklärt er, und spricht von zwei Frankreichen: das eine mit seiner christlichen Jugend, das andere das "arabo-muslimische Frankreich" der Banlieues. Er greift dabei bewusst den Slogan des LFI-Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon "La Nouvelle France" auf, um ihn gegen eine mythologisierte Ur-Identität auszuspielen, die er als das "ewige Frankreich" bezeichnet.

Zu dieser verbalen Eskalation kommt ein Krieg der Bilder. Dem LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, wurde vorgeworfen, sich mit gewaltsamen Demonstrierenden gemeinzumachen, nachdem er in einem Interview gesagt hatte, Gewalt könne "legitim" sein. Ein Video auf Instagram zeigte ihn anschließend tanzend vor einer brennenden Mülltonne – doch France Info rekonstruierte später mit anderen Videos, dass Bagayoko tatsächlich die brennende Mülltonne weg vom Schultor gezogen und geholfen hatte, sie zu löschen. Der Schaden war angerichtet. Inzwischen wird in der rechten Presse eine junge Frau aus Bordeaux, Louise Montangon, gefeiert, die eine konservative Studierendengewerkschaft vertritt und die Blockaden massiv anprangert. Ein 18-jähriger Schülervertreter, der der Präsidentenpartei Renaissance angehört, wurde von Mélenchon beschuldigt, die Schülerbewegung zu unterlaufen – und wurde daraufhin Opfer eines digitalen Shitstorms.

All dies geschieht vor dem Hintergrund einer tiefen politischen und finanziellen Krise Frankreichs. Premier Sébastien Lecornu hat "erste Entscheidungen" für Ende Oktober angekündigt, doch die Minderheitsregierung, die gerade versucht, einen Sparhaushalt auf den Weg zu bringen, um eine Schuldenkrise wie in Griechenland zu vermeiden, sieht finanziell wenig Spielraum für echte Reformen des Schul- und Hochschulsystems. Im April 2027 stehen Präsidentschaftswahlen an – und laut Umfragen hat Marine Le Pen vom rechtsnationalen Rassemblement National die besten Chancen auf das Amt. Die Proteste werden zum Brandbeschleuniger einer bereits tiefen Spaltung, und die politischen Akteure nutzen sie, um ihre Positionen zu verhärten, statt die Forderungen der Schüler ernst zu nehmen.

Gewalt könne legitim sein, aber wenn man sie vermeiden kann, ist es besser
— Bally Bagayoko, LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, in einem Interview vor einem Lycée
Wir haben es hier mit dem Kampf der zwei Frankreiche zu tun – zwischen dem neuen Frankreich und dem ewigen Frankreich
— Eric Zemmour, Politiker der Partei Reconquête
Quer a matéria completa? Leia o original em tagesschau ↗
Fale Conosco FAQ