SPD-Basis zieht rote Linien bei Arbeitszeitreform

Millionen Beschäftigte in Deutschland leisten bereits unbezahlte Überstunden; eine Reform könnte ihre Arbeitsbedingungen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf beeinflussen.
Ohne Tarifvertrag darf kein Gesetz durch den Bundestag
Die SPD-Basis zieht eine rote Linie bei der Arbeitszeitreform und fordert Tarifbindung als zwingende Voraussetzung.
Mark

Warum ist dieses Positionspapier jetzt plötzlich so wichtig? Es ist doch nur ein internes Dokument der SPD.

Mimi

Weil es von vier großen Arbeitsgruppen unterzeichnet ist – das sind nicht irgendwelche Einzelne, sondern die Basis der Partei. Das gibt dem Papier echtes Gewicht in den Koalitionsverhandlungen.

Luke

Aber hat die SPD-Basis nicht schon immer gegen Deregulierung argumentiert? Ist das wirklich neu, oder ist es nur die übliche Positionierung?

Mimi

Es ist neu, weil es konkret wird. Das Papier sagt nicht nur "nein zur Deregulierung", sondern es zieht eine klare rote Linie: Tarifvertrag oder gar nicht. Das ist eine Kampfansage an die Union.

Mark

Und was bedeutet das für Arbeitsministerin Bas?

Mimi

Sie steht jetzt unter Druck von zwei Seiten. Die SPD-Basis erwartet, dass sie diese Forderungen durchsetzt. Aber die Union will genau das Gegenteil – flexible Arbeitszeiten ohne Tarifbindung.

Luke

Wobei wir nicht wissen, wie viel Druck die SPD-Basis wirklich hat. Vier Arbeitsgruppen sind nicht die ganze Partei. Wie viele SPD-Mitglieder stehen wirklich hinter diesem Papier?

Mimi

Das ist fair. Aber die Gruppen, die unterschrieben haben – SPD Frauen, Jusos, Arbeitsgemeinschaft für Arbeit – das sind die mitgliederstärksten. Das ist nicht marginal.

Mark

Und die Wirtschaftsverbände? Wie reagieren die?

Mimi

Sie sehen das als Kampfansage. Im Juni, als ein ähnlicher Vorschlag durchgesickert ist, waren sie entrüstet. Sie halten Tarifbindung für eine Zwangsmaßnahme.

Luke

Aber ist das nicht auch eine legitime Position? Nicht alle Branchen haben starke Gewerkschaften. Für kleine Betriebe könnte Tarifbindung tatsächlich ein Problem sein.

Mimi

Das ist der Kern des Konflikts. Die SPD sagt: Ohne Tarifvertrag schützen wir die Arbeitnehmer nicht. Die Arbeitgeber sagen: Mit Tarifvertrag können wir nicht flexibel genug sein.

Mark

Und was passiert jetzt?

Mimi

Die Verhandlungen gehen weiter. Aber jetzt weiß die Union genau, wo die SPD nicht nachgeben wird. Das macht eine Einigung schwerer.

  • Vier SPD-Arbeitsgruppen fordern Tarifvertragsvorbehalt für flexible Wochenarbeitszeiten
  • Union will wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeiten ohne Tarifbindung
  • Millionen Beschäftigte in Deutschland leisten bereits unbezahlte Überstunden
  • Arbeitsministerin Bärbel Bas steht unter Druck von SPD-Basis und Koalitionspartner

SPD-Arbeitsgruppen fordern Tarifvertragsvorbehalt und elektronische Arbeitszeiterfassung als zwingende Voraussetzungen für flexiblere Arbeitszeiten. Die Union will dagegen wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeiten ohne Tarifbindung, was Arbeitgeber begrüßen, die SPD-Basis aber ablehnt.

Die SPD-Basis fordert in einem Positionspapier strikte Bedingungen für die geplante Arbeitszeitreform: Tarifverträge sollen Voraussetzung für flexible Wochenarbeitszeiten sein. Dies könnte zu neuen Konflikten in der Koalition führen.

Ein Streit über wenige Paragrafen entscheidet über den Arbeitsalltag von Millionen Menschen in Deutschland: Wie lange sie arbeiten, welche Pausen ihnen zustehen, wie sie vor willkürlichen Entscheidungen ihrer Arbeitgeber geschützt sind. All das regelt das Arbeitszeitgesetz, das die schwarz-rote Koalition überarbeiten will. Seit Monaten kommt die Diskussion nicht voran. Nun haben vier Arbeitsgruppen der SPD ein siebenseitiges Positionspapier vorgelegt, das in dieser festgefahrenen Situation für Bewegung sorgen könnte – oder für neuen Streit.

Das Papier trägt den Titel "Selbstbestimmt statt dereguliert" und ist von einigen der mitgliederstärksten Gruppen der SPD unterzeichnet: den SPD Frauen, der Arbeitsgemeinschaft für Arbeit, den Jusos und der Arbeitsgemeinschaft "60plus". Diese Breite gibt dem Dokument Gewicht. Es ist eine klare Ansage der SPD-Basis darüber, wo die roten Linien liegen – und ob diese Linien dort verlaufen, wo die Koalition sie gezogen hat.

Der Koalitionsvertrag sieht vor, dass Union und SPD "die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit" schaffen wollen. Derzeit ist ein Acht-Stunden-Tag vorgegeben, der nur in Ausnahmefällen überschritten werden darf. Die Union will das ändern: Sie möchte eine wöchentliche Höchstarbeitszeit, innerhalb derer Arbeitgeber und Arbeitnehmer flexibel entscheiden können, wie sie die Stunden verteilen. In der SPD herrschte bisher die Sorge, dass solche Flexibilität die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefährdet. Nun lässt sich die SPD-Basis zwar grundsätzlich auf die wöchentliche Arbeitszeit ein – stellt dafür aber hohe Hürden auf.

Die zentrale Forderung: Tarifverträge müssen eine zwingende Voraussetzung sein. Nur wenn die Tarifparteien sich einigen, darf die wöchentliche Arbeitszeit gelten. Bestimmte Branchen, in denen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung verbreitet sind, sollen ausgenommen werden. Die Arbeitszeit aller Beschäftigten muss vollständig elektronisch erfasst werden – nur so können Arbeitnehmer wirklich selbstbestimmt über ihre Arbeitszeiten verfügen, heißt es im Papier. Carmen Wegge, Bundesvorsitzende der SPD Frauen, betont, dass das Ziel ein modernes Arbeitszeitgesetz ist, das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert. Dafür brauche es Schutzstandards.

Cansel Kiziltepe, Bundesvorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeit, kritisiert die gegenwärtige Situation scharf: Millionen Beschäftigte in Deutschland leisten bereits Überstunden – oft sogar unbezahlt. Das Papier schlägt vor, die durchschnittliche Höchstarbeitszeit auf 40 Stunden pro Woche festzulegen. Überstunden sollten ab der ersten Stunde mit gesetzlich geregelten Mindestzuschlägen entlohnt werden, wenn sie über die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinausgehen. Arbeitgeber und Beschäftigte sollen nur noch gemeinsam und einvernehmlich über Arbeitszeiten entscheiden können – nicht einseitig durch Chefentscheidung.

Dieser Tarifvorbehalt ist für die SPD-Arbeitsgruppen eine rote Linie: Ohne ihn darf kein Gesetz durch den Bundestag. Doch genau dieser Punkt hatte bereits im Juni für Streit in der Koalition gesorgt. Ein durchgesickerter Referentenentwurf aus dem Arbeitsministerium enthielt eine ähnliche Regel – und die Wirtschaftsverbände waren entrüstet. Sie empfanden die Verknüpfung mit der Tarifbindung als unangemessen, als eine Art Zwangsmaßnahme. Auch die CDU argumentierte, das entspreche nicht dem Koalitionsvertrag. Die Arbeitsministerin ruderte damals zurück.

Nun setzt die SPD-Basis erneut auf die gleiche Forderung. Das bedeutet für Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) Licht und Schatten zugleich. Einerseits setzt das Papier Grenzen für die Koalitionsverhandlungen und könnte ihre Position gegenüber der Union stärken. Andererseits setzt es sie unter Druck: Das Papier schafft eine Erwartungshaltung, die die SPD-Vorsitzende nun erfüllen muss – in einer Zeit, in der die linke Strömung in der SPD nach dem Wahlsieg von Manuela Schwesig stärker auf ihre Positionen pocht. Bas selbst hat ihre Haltung zum Thema vor einigen Monaten beim DGB-Kongress deutlich gemacht: "Wenn es nach der SPD und mir persönlich geht, fassen wir das Thema gar nicht erst an. Aber es steht im Koalitionsvertrag." Mit anderen Worten: Es wird immer klarer, dass die Wünsche in der Koalition beim Thema Arbeitszeit kaum unter einen Hut zu bekommen sind. Verhandelt wird trotzdem.

Wenn es nach der SPD und mir persönlich geht, fassen wir das Thema gar nicht erst an. Aber es steht im Koalitionsvertrag.
— Bärbel Bas, Bundesarbeitsministerin (SPD), beim DGB-Kongress
Schon jetzt machen Millionen Beschäftigte in Deutschland Überstunden – oft sogar unbezahlt.
— Cansel Kiziltepe, Bundesvorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeit
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