Die AfD erhielt 48 Stimmen für Rausch – neun mehr als ihre Mandate und vier mehr als AfD und BSW zusammen haben, was Fragen zu Unterstützung durch andere Parteien aufwirft. Der Verfassungsschutz stuft die AfD in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem ein; die Wahl markiert einen Bruch mit der deutschen Nachkriegsgeschichte seit 1945.
Sachsen-Anhalt: Erstmals AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt
Erstmals führt ein Vertreter einer rechtsextremen Partei ein deutsches Landesparlament
Was bedeutet es, dass Rausch neun Stimmen mehr bekam, als die AfD Mandate hat?
Die AfD hat 39 Sitze, aber Rausch erhielt 48 Stimmen. Das heißt, mindestens neun Abgeordnete von anderen Parteien haben für ihn gestimmt – oder die AfD hat intern anders abgestimmt als erwartet.
Aber wir wissen das nicht sicher, oder? Es war eine geheime Wahl. Wir können nur sagen, dass die Zahlen nicht aufgehen.
Und die vier Stimmen, die über das BSW hinausgehen – woher kommen die?
Das ist das große Rätsel des Tages. Das BSW hatte angekündigt, für Rausch zu stimmen. Aber selbst AfD plus BSW zusammen haben nur 44 Sitze. Rausch bekam 48.
Die CDU sagt, keiner ihrer Abgeordneten habe mit Ja gestimmt. Schulze wirkte "zerknirscht", wie es im Bericht heißt. Das deutet darauf hin, dass etwas Unerwartetes passiert ist.
Ist das ein Skandal?
Es ist zumindest rätselhaft. In einer geheimen Wahl kann man nicht nachvollziehen, wer wie abgestimmt hat. Das macht es unmöglich, Verantwortung zuzuweisen.
Und das ist genau das Problem. Thorsten Frei sagt, es gebe "Anlass zu allergrößter Besorgnis", will aber nicht spekulieren. Das ist eine elegante Art zu sagen: Wir wissen nicht, was hier passiert ist.
Was bedeutet es historisch, dass ein AfD-Politiker jetzt Landtagspräsident ist?
Es ist das erste Mal seit 1945, dass jemand aus einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei ein deutsches Landesparlament führt. Das ist ein Bruch mit der Nachkriegsgeschichte.
Aber Rausch selbst sagt, er sei kein Hardliner und werde das Amt neutral führen. Ob das glaubwürdig ist, werden die nächsten Monate zeigen.
Und was passiert im Dezember?
Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat, will Ministerpräsident werden. Aber er hat keine Mehrheit. Das BSW will ihn nicht unterstützen, obwohl es Rausch unterstützt hat.
Das ist das Interessante: Das BSW trennt die beiden Entscheidungen. Rausch ja, Siegmund nein. Das deutet darauf hin, dass Wagenknecht und ihre Partei die AfD nicht vollständig unterstützen wollen – zumindest nicht an der Regierungsspitze.
Le Pouls
- Tobias Rausch (AfD) erhielt 48 Stimmen für das Amt des Landtagspräsidenten – neun mehr als die AfD Mandate hat
- Der Verfassungsschutz stuft die AfD in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem ein
- Die AfD hat 39 von 83 Sitzen im Landtag, verfehlte die absolute Mehrheit knapp
- Im Dezember soll AfD-Kandidat Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten gewählt werden, hat aber derzeit keine Mehrheit
Die AfD erhielt 48 Stimmen für Rausch – neun mehr als ihre Mandate und vier mehr als AfD und BSW zusammen haben, was Fragen zu Unterstützung durch andere Parteien aufwirft. Der Verfassungsschutz stuft die AfD in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem ein; die Wahl markiert einen Bruch mit der deutschen Nachkriegsgeschichte seit 1945.
Tobias Rausch von der AfD wurde in Sachsen-Anhalt zum Präsidenten des Landtags gewählt – ein historisches Ereignis: erstmals führt ein Vertreter einer rechtsextremen Partei ein deutsches Landesparlament.
Am Morgen des 6. Oktober standen etwa 500 Menschen auf dem Domplatz in Magdeburg und hielten Transparente in die Luft. "Gegen das Vergessen - Faschismus muss ein Verbrechen bleiben", stand auf einem. "Keine Zusammenarbeit mit den extremen Rechten" auf einem anderen. Direkt gegenüber, im Landtag auf der anderen Seite des Platzes, geschah in dieser Stunde etwas, das es in der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nie gegeben hatte: Um 12:40 Uhr wurde Tobias Rausch von der Alternative für Deutschland zum Präsidenten des Landesparlaments gewählt. Es war das erste Mal seit 1945, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Bundesrepublik, dass ein Vertreter einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Partei ein deutsches Landesparlament führen würde.
Rausch erhielt 48 Stimmen in der geheimen Wahl. Das waren neun Stimmen mehr, als die AfD Sitze im Landtag hat – sie verfügt über 39 der insgesamt 83 Mandate. Noch rätselhafter war eine andere Zahl: Rausch bekam vier Stimmen mehr, als die AfD und das Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft zusammen im Parlament haben. Das BSW, gegründet von der früheren Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, hatte angekündigt, für Rausch zu stimmen. Alle anderen Parteien – CDU, SPD, Grüne und Die Linken – hatten das vorher ausgeschlossen. Die vier überzähligen Stimmen blieben ungeklärt. Thorsten Frei, der Fraktionschef von CDU und CSU im Bundestag, sagte in Berlin, dieses Ergebnis gebe "Anlass zu allergrößter Besorgnis". Aber er wollte nicht spekulieren, woher die Stimmen kamen. Der noch amtierende Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU sagte, seine Fraktion habe sich enthalten wollen: "Es war aber keiner dabei von uns, der gesagt hat, dass er mit Ja abstimmt."
Die Sitzung hatte die Linken-Abgeordnete Eva von Angern als Alterspräsidentin eröffnet – sie war kurz zuvor noch bei den Demonstranten auf dem Domplatz gewesen. Von Angern erinnerte das Plenum daran, dass Clara Zetkin, eine frühere Kommunistin, 1932 Alterspräsidentin des Reichstags war, kurz bevor die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Sie zitierte das Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Sie zitierte den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Bei der AfD-Fraktion regte sich keine Hand zum Applaus.
Tobias Rausch ist 35 Jahre alt und arbeitet als Immobilienkaufmann. Außerhalb Sachsen-Anhalts war er lange unbekannt. Viele Beobachter nennen ihn einen vergleichsweise umgänglichen AfD-Politiker. Zu Jahresbeginn aber fiel sein Name, als mehreren AfD-Abgeordneten Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde. Rausch räumte ein, mehrere seiner Sportsfreunde aus seinem Fußballverein in seinem Abgeordnetenbüro zu beschäftigen. Das hinderte seine Fraktion nicht, ihn zu nominieren. Nach seiner Wahl beteuerte Rausch: "Ich werde dieses Amt nicht als Präsident einer Fraktion führen, sondern als Präsident aller Fraktionen." Er sagte auch: "Regeln müssen auch dann gelten, wenn sich die Mehrheit ändert."
Doch im Plenarsaal zeigte sich die Wucht, mit der die AfD künftig Politik machen will. Die Fraktion, überwiegend aus Männern bestehend, hatte sich in die Mitte des Saals gesetzt, das Rednerpult fest im Blick. Das war ungewöhnlich: Normalerweise sitzen rechte Parteien am rechten Rand. Aber die AfD hatte in Absprachen mit den anderen Fraktionen durchgesetzt, dass die "Alt-Parteien" – CDU, SPD, Linke und Grüne – links und rechts von ihr platziert wurden. Es war ein Symbol: Zeitenwende in Sachsen-Anhalt, die AfD dominiert die Mitte. Am Nachmittag wurde auch Hans-Thomas Tillschneider, einer der rechten Chefideologen der Partei, zum Vizepräsidenten des Landtags gewählt. Er erhielt 44 von 82 abgegebenen Stimmen.
Die Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September war die am meisten beachtete Regionalwahl in Deutschland seit vielen Jahren. Mehrere hundert Journalisten, auch aus dem Ausland, waren nach Magdeburg gereist. Die AfD wurde klar stärkste Kraft, verfehlte aber die absolute Mehrheit knapp: Sie hat 39 Sitze, hätte aber 42 gebraucht. CDU, Linke, SPD und Grüne zusammen haben ebenfalls 39 Sitze. Das BSW mit fünf Sitzen könnte entscheidend sein. Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will sich im Dezember zur Wahl als Ministerpräsident stellen – in einer geheimen Abstimmung. Nach offiziellen Aussagen hat er dafür derzeit keine Mehrheit. Siegmund kündigte an, er wolle das nur in einem Wahlgang versuchen: Wenn er keine Mehrheit finde, werde es schwer vermittelbar sein, dass er stabil weiterregieren könne. Bei einem Scheitern drohen Neuwahlen. Sachsen-Anhalt steht politisch unruhigen Zeiten bevor.
Citations marquantes
Ich werde dieses Amt nicht als Präsident einer Fraktion führen, sondern als Präsident aller Fraktionen.— Tobias Rausch nach seiner Wahl
Wenn wir im ersten Wahlgang keine Mehrheit haben, haben wir auch auf die Dauer der Periode keine Mehrheit – dann ist es vom Parlament nicht gewollt, dass wir regieren.— Tobias Rausch im Deutschlandfunk