Precht bei Maischberger: KI-Warnung statt Ukraine-Debatte

Wir machen hier keine Inquisition
Thorsten Frei lehnt Konsequenzen gegen CDU-Abweichler ab, die möglicherweise mit der AfD stimmten.
Mark

Warum war es ein Problem, dass Precht über KI sprach statt über die Ukraine?

Mimi

Weil an dem Tag, an dem die Sendung lief, die AfD und BSW im Landtag Sachsen-Anhalt forderten, die Waffenlieferungen zu stoppen. Das war nicht abstrakt. Das war Politik, die gerade passierte.

Luke

Aber fair ist: Precht wurde eingeladen, um über sein Buch zu sprechen. Das Format zwingt dich, alles in 75 Minuten zu packen. Das ist ein Sendungsformat-Problem, nicht unbedingt Prechts Schuld.

Mark

Und die Sache mit Bill Gates – Precht sagt, Gates habe schon immer vor KI gewarnt, also sei das nicht glaubwürdig?

Mimi

Ja, und dann erwähnt er nebenbei seine eigenen vier Bücher über KI. Das ist ein bisschen – wie soll ich sagen – selbstbezogen.

Luke

Das ist aber auch nur eine Beobachtung des Kritikers. Gates hat tatsächlich vor verschiedenen Szenarien gewarnt. Ob das glaubwürdig ist oder nicht, bleibt offen.

Mark

Was ist mit Merz' Versprechen – kein Euro fehlt?

Mimi

Technisch stimmt es. Das Geld kommt aus einem anderen Topf. Aber emotional bleibt hängen: Wir geben Geld an die Ukraine, aber die Schulen und die Pflege haben Löcher.

Luke

Das ist das echte Problem. Es geht nicht um die Wahrheit der Aussage, sondern um das, was die Menschen fühlen, wenn sie sie hören.

Mark

Und Klüssendorf – er sagt, eine Koalition mit der AfD wäre die Selbstauflösung der CDU?

Mimi

Ja, er warnt davor, dass ein Rechtsextremer in die Exekutive gewählt werden könnte. Das ist für ihn eine historische Katastrophe.

Luke

Aber Frei sagt, die Abgeordneten in Sachsen-Anhalt brauchen keine klugen Ratschläge. Das ist pragmatisch, aber es zeigt auch: Die CDU weiß nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen soll.

  • Precht argumentiert, dass KI tiefgehendes Verständnis durch Lektüre überflüssig macht
  • AfD und BSW forderten im Landtag Sachsen-Anhalt Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine
  • Prozess gegen Ukrainer Serhij K. wegen Nord-Stream-Sprengung begann am gleichen Tag
  • Kanzler Merz verspricht: Kein Euro Ukraine-Hilfe fehlt bei Sozialausgaben

Precht argumentiert, dass KI tiefgehendes Verständnis durch Lektüre und Diskussion überflüssig macht und damit eine essentielle Kulturtechnik zerstört. CDU-Politiker Frei lehnt Konsequenzen gegen Abweichler ab, SPD-Generalsekretär Klüssendorf warnt vor Koalitionen mit der AfD als Selbstauflösung.

Richard David Precht warnt in der Maischberger-Sendung vor KI als Bedrohung für Kulturtechniken, während Politiker über Koalitionskrisen und Ukraine-Hilfen debattieren.

Richard David Precht saß bei Sandra Maischberger und sprach über sein neues Buch – nicht über die Koalitionskrise, nicht über die Ukraine, sondern über künstliche Intelligenz und wie sie die Kultur zerstört. Der Populärphilosoph, der zu jedem großen Thema der Zeit ein Buch geschrieben hat, beschrieb Verstehen als eine Kulturtechnik, die sich nur durch das Lesen mehrerer Bücher und den Austausch darüber entwickelt. Es braucht Zeit, sagte er, eine lange Reise, einen langen Reifungsprozess. Die KI aber spuckt die Antwort auf jede Frage auf einer halben Seite aus. Menschen bilden keinen inneren Reichtum mehr aus, weil sie sich nichts merken müssen. Eine essentielle Kulturtechnik könnte ganz verschwinden.

Als Bill Gates in einem Videoeinspieler vor Cyberangriffen und Bioterrorismus warnte – bis zu eine Milliarde Tote möglich – beschwichtigte Precht. Gates habe schon vor KI gewarnt, seit es KI gebe, sagte er, und das sei ohnehin nicht Gates' primäres Geschäftsmodell. Im gleichen Atemzug erwähnte Precht nebenbei seine eigenen vier Bücher über KI und Digitalisierung. Die größte Gefahr sehe er bei KI-Waffen, und hier hob er den Zeigefinger: Davor hätten die großen KI-Bosse nicht gewarnt. Die Sendung selbst demonstrierte das Problem, das Precht beschrieb – alles musste in 75 Minuten passen, kein Thema sollte verpasst werden, und für echten Erkenntnisgewinn brauchte es mehr als eine halbe Seite.

Vor Prechts Einzelinterview hatten Thorsten Frei von der CDU und Tim Klüssendorf von der SPD über den Zustand der Koalition gestritten. Es ging um gegenseitige Vorwürfe rund um den Rücktritt von Bärbel Bas, um mögliche CDU-Abweichler in Sachsen-Anhalt und um einen Rentenkompromiss, der nach monatelangen Zankereien nur noch euphemistisch so genannt werden konnte. Klüssendorf warnte eindringlich: Wenn ein Rechtsextremer in die Exekutive gewählt würde und eine Partei der Mitte, die diese Republik mitaufgebaut hat, nicht zur Wahl ginge, würde er sich beim Blick in die Geschichtsbücher schämen. Frei blieb pragmatisch. Die Parteikollegen in Sachsen-Anhalt brauchten keine klugen Ratschläge von ihm, sagte er, aber die CDU müsse ihr Verhältnis zur AfD im Ganzen klären. Abtrünnige Abgeordnete würden Konsequenzen tragen, wenn man sie denn finde – aber es sei eine geheime Wahl gewesen: Wir machen hier keine Inquisition.

Am gleichen Tag, an dem die Maischberger-Sendung ausgestrahlt wurde, kam der neugewählte Landtag in Sachsen-Anhalt zu einer Sondersitzung zusammen. AfD und BSW verschickten Liebesgrüße nach Moskau und forderten ein sofortiges Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine. Unser Geld für unser Land, lautete das Motto. Der Symbolantrag sollte den geschäftsführenden Ministerpräsidenten Sven Schulze von der CDU nötigen, das Ende aller Ukrainehilfen im Bundesrat einzubringen – eine Demütigung. Am gleichen Tag begann in Hamburg der Prozess gegen den Ukrainer Serhij K., der sich für die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 verantworten muss. AfD und BSW schlachteten den Fall aus.

Precht hätte bei Maischberger über den Ukrainekrieg diskutieren sollen, nicht nur im Einzelinterview, sondern mit den Politikern und Journalisten zusammen. Seine Aussagen über vermeintlich allgegenwärtige Vorurteile gegenüber Russen – weil seine Eltern Marxisten waren, habe er einen analytischeren Blick als andere, die Russen wegen Kalter-Krieg-Propaganda für böse halten – wären dann nicht unwidersprochen geblieben. Seine penetranten Rufe nach Friedensverhandlungen mit dem unwilligen Aggressor, seine wiederholten Einlassungen zum verengten Meinungskorridor in den Leitmedien – man kann das für Schwachsinn halten. Aber es gibt einen Verdacht, den man nicht ignorieren kann: Viele AfD-Wähler sehen das ähnlich, und die Partei verehren sie nicht nur wegen ihrer Abschottungsfantasien. Eine hitzige Diskussion mit dem Bestsellerphilosophen hätte geholfen, diesen Teil der Gesellschaft besser zu verstehen.

Stattdessen hörte man die Regierungserklärung des Kanzlers: Kein Euro, der in die Ukraine fließt, fehlt bei den Sozialausgaben und den Bildungsausgaben. Maischberger fragte ihre Journalistenrunde, ob das wahr ist. Markus Preiß vom ARD-Hauptstadtstudio sagte: Haushalterisch stimmt's, weil es aus einem anderen Topf kommt, aus dem für Sonderschulden außerhalb des regulären Etats. Aber bei manchen bleibe eben hängen, dass Geld an die Ukraine überwiesen werde, aber kein Geld für die Schulen und für die Löcher in der Pflegekasse vorhanden sei. Mit anderen Worten: Merz' Versprechen ist rein technisch, wo es vielleicht ein bisschen mehr emotionale Verbindlichkeit bräuchte.

Eine essentielle Kulturtechnik könnte ganz aus der Welt verschwinden, weil Menschen sich nichts mehr merken müssen
— Richard David Precht
Beim Blick in die Geschichtsbücher würde ich mich schämen, wenn ein Rechtsextremer in die Exekutive gewählt würde
— Tim Klüssendorf, SPD-Generalsekretär
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