Politische Schockwellen nach Festnahme des Ex-BND-Chefs Hanning

Geheimdienste sind selbst ein Sicherheitsrisiko
Clara Bünger von der Linken warnt vor strukturellen Problemen in den deutschen Nachrichtendiensten.
Mark

Was genau wird Hanning vorgeworfen?

Mimi

Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Spionageverdachts. Der konkrete Vorwurf ist, dass er von seinem früheren Büroleiter beim BND geheime Informationen gekauft hat. Ob und an wen er diese weitergegeben hat, ist bislang unklar.

Luke

Das ist wichtig zu betonen — wir wissen, dass er die Informationen gekauft haben soll, aber nicht, ob er sie weitergegeben hat. Das ist eine erhebliche Lücke in dem, was wir über den Fall wissen.

Mark

Warum ist das so schockierend für die Politiker?

Mimi

Hanning war sieben Jahre lang Präsident des BND, von 1998 bis 2005. Das ist die Spitze des deutschen Geheimdienstes. Wenn jemand in dieser Position verdächtigt wird, Geheimnisse zu verkaufen, untergräbt das das Vertrauen in die gesamte Institution — und auch das Vertrauen ausländischer Partnerdienste.

Luke

Aber es ist wichtig zu sagen: Das Vertrauen ist gefährdet, weil es ein Verdacht ist. Wir wissen noch nicht, ob Hanning tatsächlich schuldig ist.

Mark

Was fordern die Politiker jetzt?

Mimi

Mehrere Dinge. Die SPD fordert Karenzzeiten für ausscheidende Geheimdienst-Mitarbeiter — also Wartezeiten, bevor sie in der Privatwirtschaft arbeiten dürfen. Andere fordern sogar, dass ehemalige BND-Präsidenten überhaupt nicht in privaten Beratungsfirmen arbeiten dürfen. Alle fordern eine umfassende Aufklärung.

Luke

Das ist interessant, weil es ein strukturelles Problem adressiert, nicht nur einen Einzelfall. Die Frage ist: Wie lange braucht es, bis solche Regeln tatsächlich verabschiedet werden?

Mark

Gibt es auch Kritik an den Geheimdiensten selbst?

Mimi

Ja. Die Linke-Innenexpertin Clara Bünger sagt, dass die Geheimdienste selbst ein Sicherheitsrisiko sind. Sie verweist auf die NSU-Verstrickungen des Verfassungsschutzes. Und sie warnt davor, dass ausgerechnet jetzt, während diese Affäre läuft, den Nachrichtendiensten mehr Befugnisse gegeben werden sollen.

Luke

Das ist ein wichtiger Punkt — die Hanning-Affäre fällt zeitlich zusammen mit einer geplanten Reform, die den Diensten mehr operative Befugnisse geben soll. Das macht die Debatte komplizierter.

  • August Hanning leitete den BND von 1998 bis 2005
  • Er wird verdächtigt, geheime Informationen von seinem früheren Büroleiter gekauft zu haben
  • Ob und an wen er diese Informationen weitergab, ist bislang unklar
  • Politiker fordern Karenzzeiten und Beschäftigungsverbote für ausscheidende Geheimdienst-Mitarbeiter

Hanning leitete den BND von 1998 bis 2005 und soll geheime Informationen von seinem früheren Büroleiter gekauft haben. Politiker warnen vor Vertrauensverlust bei ausländischen Partnerdiensten und sehen Sicherheitslücken in der Kontrolle ehemaliger Spitzenkräfte.

Der frühere BND-Präsident August Hanning wurde unter Spionageverdacht festgenommen. Sicherheitspolitiker von Regierung und Opposition fordern umfassende Aufklärung und schärfere Regeln für ausscheidende Geheimdienst-Mitarbeiter.

Am Morgen wurde August Hanning festgenommen. Der Name allein hätte genügt, um Schockwellen durch die Berliner Sicherheitspolitik zu schicken: Hanning hatte den Bundesnachrichtendienst von 1998 bis 2005 geleitet, sieben Jahre an der Spitze des wichtigsten deutschen Geheimdienstes. Nun ermittelt die Generalbundesanwaltschaft gegen ihn wegen Spionageverdachts, konkret wegen des mutmaßlichen Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen und geheimdienstlicher Agententätigkeit. Der Vorwurf wiegt schwer: Hanning soll von seinem früheren Büroleiter beim BND geheime Informationen gekauft haben. Ob und an wen er diese weitergab, bleibt bislang ungeklärt.

Die Reaktionen aus Regierung und Opposition fielen einhellig aus — nicht erleichtert, sondern entsetzt. Marc Henrichmann, der Vorsitzende des Parlamentarischen Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestags, sprach von einem Signal, das der Staat nach innen und außen senden müsse: "Wer sich mit den Feinden unserer freiheitlichen Demokratie verbündet, der bleibt nicht unentdeckt." Die Arbeit mit geheimen Informationen, betonte Henrichmann, sei eine Frage der nationalen Sicherheit, kein Bagatelldelikt. Der amtierende BND-Präsident Martin Jäger bestätigte, dass die Behörde frühzeitig umfangreiche interne Ermittlungen eingeleitet hatte, die den Verdacht erhärtet hatten. Bei der internen Sicherheit gebe es für ihn und seine Behörde keine Kompromisse.

Doch unter der Oberfläche dieser einigen Verurteilung offenbarten sich tiefere Sorgen. Roderich Kiesewetter, CDU-Sicherheitspolitiker, warnte vor einem Vertrauensverlust bei ausländischen Partnerdiensten. Wenn sicherheitsrelevante Informationen in fremde Hände gerieten, schaffe das nicht nur Schaden für Deutschland, sondern gefährde auch die Partner selbst. Solche Spionagefälle seien deshalb besonders belastend für das Vertrauen zwischen Diensten. Die Union forderte eine zügige Befassung des Parlamentarischen Kontrollgremiums und eine lückenlose Aufklärung. Günter Krings, Unionsfraktionsvize, betonte: Gerade in Zeiten, in denen Deutschland so sehr wie noch nie auf starke und integre Nachrichtendienste angewiesen sei, müsse der bloße Verdacht, dass ein ehemaliger BND-Chef Geheimnisse verkauft, ernst genommen werden.

Aus der SPD kam ein anderer Fokus. Matthias Miersch sprach von einem alarmierenden Vorgang und forderte eine Debatte über Karenzzeiten für ausscheidende Geheimdienst-Mitarbeiter. Daniel Baldy, SPD-Bundestagsabgeordneter und Geheimdienstkontrolleur, ging weiter: Wer als BND-Präsident oder in einer anderen sicherheitsempfindlichen Funktion tätig gewesen sei, dürfe anschließend nicht in einer privaten Beratungsfirma arbeiten. Konstantin von Notz von den Grünen forderte nicht nur eine sofortige Aufklärung der Vorwürfe, sondern auch eine umgehende und umfassende Analyse des nachrichtendienstlichen Schadens. Er warnte zudem vor den "dubiosen wie vielfältigen Lobbytätigkeiten" ehemaliger Spitzenbeamter und höchster Geheimnisträger — diese seien offenkundig auch ein Einfallstor für gegnerische Geheimdienste.

Roderich Kiesewetter beschrieb das Problem in größerem Zusammenhang: In sogenannten Consultant-Netzwerken würben ehemalige Angehörige des öffentlichen Dienstes nach Ende ihres aktiven Dienstverhältnisses mit ihrer Expertise und ihren Kontakten. Beschäftigte mit besonders sensiblem sicherheitsrelevantem Wissen könnten in den Fokus ausländischer Mächte geraten, die sie als Instrumente der Spionage oder zur Manipulation einsetzen wollten. Die Linke-Innenexpertin Clara Bünger sah in den Ermittlungen gegen Hanning einen Beleg für ein grundsätzlicheres Problem: Die Geheimdienste selbst seien ein Sicherheitsrisiko. Sie verwies auf die Verstrickungen des Verfassungsschutzes in die Mordserie des rechtsterroristischen NSU. Fatal sei es, dass den Nachrichtendiensten ausgerechnet jetzt noch mehr Befugnisse verschafft werden sollen — eine Reform, die der Union dringend nötig erscheint, die aber nun unter dem Schatten dieser Festnahme beraten werden muss.

Die Hanning-Affäre hatte damit nicht nur einen einzelnen Fall offengelegt. Sie hatte ein System von Lücken und Risiken sichtbar gemacht, das Politiker quer durch alle Fraktionen nun adressieren wollen — von Karenzzeiten über Beschäftigungsverbote bis hin zu einer grundsätzlichen Debatte darüber, wie ein Geheimdienst sich selbst schützen kann.

Wer sich mit den Feinden unserer freiheitlichen Demokratie verbündet, der bleibt nicht unentdeckt. Wir werden Geheimnisverrat nicht dulden.
— Marc Henrichmann, Vorsitzender des Parlamentarischen Geheimdienst-Kontrollgremiums
Die Geheimdienste sind selbst ein Sicherheitsrisiko.
— Clara Bünger, Innenexpertin der Linken
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