Ostdeutsche verdienen weniger, haben weniger Vermögen und Erbschaften – Folge jahrzehntelanger Einschränkungen bei privatem Unternehmertum. In Führungspositionen sind Ostdeutsche deutlich unterrepräsentiert: Bei den 100 größten Unternehmen und im Militär sind alle Führungskräfte westdeutsch.
Ostdeutschland: Vermögensunterschiede und fehlende Repräsentation in Führungspositionen
Je höher die Führungsebene, desto geringer ist der ostdeutsche Anteil
Was genau zeigt dieser neue Bericht, den Kaiser vorgestellt hat?
Er dokumentiert, dass Ostdeutsche weniger Vermögen haben, weniger verdienen und in Führungspositionen stark unterrepräsentiert sind. Das ist nicht neu, aber die Zahlen zeigen, dass sich wenig bewegt.
Wie viel weniger Vermögen sprechen wir hier? Der Bericht nennt konkrete Zahlen?
Der Artikel gibt keine exakten Vermögensunterschiede an. Kaiser spricht von "deutlich weniger", aber die genauen Prozentsätze sind nicht im Bericht erwähnt.
Und bei den Führungspositionen – wie dramatisch ist das wirklich?
Bei den 100 größten Unternehmen sind alle Führungskräfte westdeutsch. Das ist absolut. Beim Militär das gleiche. In Bundesbehörden sind es 16,3 Prozent Ostdeutsche, aber je höher die Position, desto niedriger die Quote.
Aber 16,3 Prozent – ist das nicht nah an den 20 Prozent Bevölkerungsanteil? Das klingt fast proportional.
Nein, weil es bei höheren Positionen sinkt. Und der Eliten-Monitor zeigt insgesamt nur 12,1 Prozent in allen Sektoren zusammen. Das ist deutlich unter 20 Prozent.
Kaiser spricht auch über das Simson-Moped und die AfD. Wie hängt das zusammen?
Das Moped ist ein DDR-Symbol, das für Freiheit und Mobilität steht. Die AfD nutzt es bei Wahlkampfauftritten, um emotionale Verbindungen zu schaffen. Kaiser sieht darin eine Instrumentalisierung von Ost-Identität.
Aber hat Kaiser konkrete Belege dafür, dass die AfD-Wahlerfolge Investoren abschrecken? Oder ist das eine Befürchtung?
Das ist eine Befürchtung, die Kaiser äußert. Sie sagt, dass Investoren und Fachkräfte sich fragen könnten, ob sie in den Osten gehen. Aber direkte Kausalität wird nicht nachgewiesen.
Was ist das Kernproblem, das Kaiser identifiziert?
Dass fehlende Repräsentation in Führungspositionen bedeutet, dass ostdeutsche Perspektiven bei wichtigen Entscheidungen fehlen. Und dass politische Akteure diese Lücke nutzen, um Ost-Identität zu schaffen und zu instrumentalisieren.
Der Deutschland-Monitor, den Kaiser erwähnt – wie repräsentativ ist der? Wie viele Menschen wurden befragt?
Das wird nicht gesagt. Der Artikel erwähnt nur, dass zwei Drittel der Befragten glauben, Aufstieg hänge von Vermögen und Herkunft ab. Die genaue Stichprobengröße ist nicht genannt.
Der Puls
- Ostdeutsche verdienen weniger, haben weniger Vermögen und kleinere Renten
- Bei den 100 größten deutschen Unternehmen sind alle Führungskräfte westdeutsch
- Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen stieg von 10,9 auf 12,1 Prozent (2018–2024)
- Ostdeutsche machen knapp 20 Prozent der Bevölkerung aus, sind aber deutlich unterrepräsentiert
- Eliten-Monitor untersucht rund 3000 Spitzenpositionen in zwölf Sektoren
Ostdeutsche verdienen weniger, haben weniger Vermögen und Erbschaften – Folge jahrzehntelanger Einschränkungen bei privatem Unternehmertum. In Führungspositionen sind Ostdeutsche deutlich unterrepräsentiert: Bei den 100 größten Unternehmen und im Militär sind alle Führungskräfte westdeutsch.
Der neue Ostdeutschland-Bericht zeigt anhaltende strukturelle Ungleichheiten bei Vermögen und Führungspositionen. Die Ostbeauftragte warnt vor politischer Instrumentalisierung von Ost-Symbolen und möglichen Auswirkungen auf wirtschaftliche Entwicklung.
Elisabeth Kaiser saß an diesem Mittwoch in Berlin von Interview zu Interview. Die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland hatte gerade ihren neuen Bericht vorgestellt, und die Zahlen darin erzählten eine Geschichte, die sich seit der Wiedervereinigung hartnäckig wiederholt: Ostdeutsche verdienen weniger, bekommen kleinere Renten, besitzen weniger Eigentum. Kaiser, 1987 in der DDR geboren, drei Jahre vor dem Fall der Mauer, spricht viel über Vermögensunterschiede, weil sie weiß, dass sie das Fundament für alles andere sind.
Die Wurzeln liegen Jahrzehnte zurück. Privates Unternehmertum war in der DDR nicht vorgesehen. Familien konnten kein Vermögen aufbauen, das sie weitergeben konnten. Das hat Konsequenzen bis heute: Wer weniger erbt, startet mit weniger. Ein Deutschland-Monitor, den Kaiser in Auftrag gegeben hat und der noch ausgewertet wird, zeigt bereits erste Ergebnisse. Etwa zwei Drittel der Befragten sind überzeugt, dass finanzieller und gesellschaftlicher Aufstieg entscheidend von Vermögen, Beziehungen und sozialer Herkunft abhängt. Diese Wahrnehmung ist nicht nur subjektiv – sie spiegelt sich in harten Zahlen wider.
Der Anteil ostdeutscher Führungskräfte in den obersten Bundesbehörden ist gestiegen, von 13,9 Prozent im Jahr 2022 auf 16,3 Prozent heute. Aber je höher die Führungsebene, desto niedriger wird der ostdeutsche Anteil. Das ist das Muster, das Kaiser beschäftigt. Sie fordert deshalb klar: Ostdeutsche müssen überall am Tisch sitzen, wo Entscheidungen getroffen werden – in Ministerien, Behörden, Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz, Kultur und Medien. Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil von knapp 20 Prozent sind sie überall deutlich seltener vertreten.
Der sogenannte Eliten-Monitor, eine Langzeitstudie der Universitäten Jena und Leipzig sowie der Fachhochschule Zittau/Görlitz, untersucht rund 3000 Spitzenpositionen in zwölf Sektoren. Der Befund ist ernüchternd: Von 2018 bis 2024 stieg der Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen von 10,9 auf 12,1 Prozent – kaum eine Bewegung. In Wirtschaft und Kultur ging die Quote sogar zurück. Bei den 100 größten deutschen Unternehmen sind alle Führungskräfte westdeutsch. Das gleiche Bild zeigt sich beim Militär. Justiz und Medien sind ebenfalls stark unterrepräsentiert.
Diese fehlende Repräsentation hat eine psychologische Seite. Kaiser, die selbst zur Generation der Wiedervereinigung gehört, erzählt, dass sie sich lange nicht als ostdeutsch gefühlt hat. Erst in Schule und Ausbildung merkte sie, dass es Unterschiede gab, die sie benachteiligten. Heute entstehen neue Klischeebilder über Ostdeutschland, und Kaiser beobachtet, wie diese politisch instrumentalisiert werden. Menschen suchen nach Orientierung, nach etwas Verbindendem – und da greifen Symbole wie das Simson-Moped, das zu DDR-Zeiten millionenfach produziert wurde und für junge Menschen Mobilität und Freiheit bedeutete.
Das Problem: Diese Symbole werden instrumentalisiert. Die Alternative für Deutschland nutzt das Simson-Moped gerne bei öffentlichen Auftritten, etwa der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. "Das ist eine sehr emotionale Verbindung, die geschaffen wird", sagt Kaiser. Sie warnt vor den Signalen, die von den jüngsten Wahlerfolgen der AfD im Osten ausgehen – zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Internationale Investoren und Fachkräfte könnten sich fragen: Gehe ich dahin oder nicht?
Kaiser nennt konkrete Branchen, die für Ostdeutschland als Wirtschafts- und Innovationsfaktoren entscheidend sind: Halbleiterindustrie, Batteriezellen-Forschung, Gesundheits- und Biotechnik, erneuerbare Energien. Ihre Sorge ist real: Der wirtschaftliche Aufschwung in diesen Bereichen könnte unter den politischen Entwicklungen leiden. Die strukturellen Ungleichheiten bei Vermögen und Repräsentation sind nicht nur ein statistisches Problem – sie könnten die wirtschaftliche Zukunft des Ostens gefährden.
Bemerkenswerte Zitate
Zu gleichen Chancen gehöre es, Einfluss auf wichtige Entscheidungen nehmen zu können. Ostdeutsche müssen überall dort am Tisch sitzen, wo Entscheidungen im Land getroffen werden.— Elisabeth Kaiser, Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland
Das wird dann instrumentalisiert – Symbole wie das Simson-Moped werden politisch genutzt, um emotionale Verbindungen zu schaffen.— Elisabeth Kaiser