Ohne Krankenversicherung: Hunderttausende fallen durchs Netz

Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes erleiden schwerwiegende Komplikationen bis hin zu Amputationen und lebensbedrohlichen Folgen durch mangelnde ärztliche Versorgung.
Viele Patienten kommen erst mit Komplikationen der Ersterkrankung zu uns
Ein Arzt beschreibt, wie mangelnde Vorsorge zu schwerwiegenden Folgen führt.
Mark

Warum ist die Dunkelziffer so viel höher als die offizielle Statistik von 72.000?

Mimi

Viele Menschen trauen sich nicht, sich anzumelden oder zu registrieren. Sie haben Angst vor Konsequenzen – vor Abschiebung, vor Schuldenmahnungen, vor Scham. Die offizielle Zahl erfasst nur die, die irgendwie im System sichtbar werden.

Luke

Aber wie genau kommen Organisationen wie Ärzte der Welt auf ihre Schätzung von Hunderttausenden? Das ist eine große Spanne.

Mimi

Das sind Hochrechnungen basierend auf lokalen Erfahrungen und Befragungen. Sie sind nicht exakt, aber sie deuten darauf hin, dass das Problem viel größer ist als die Statistik zeigt.

Mark

Wer sind diese Menschen konkret?

Mimi

Es sind nicht nur Obdachlose oder Migranten. Es sind auch Studenten, die zwischen den Systemen durchfallen, Rentner mit zu wenig Einkommen, Solo-Selbstständige, die die Beiträge nicht aufbringen können.

Luke

Und wie viele von denen könnten eigentlich versichert werden, wenn die Bürokratie nicht so kompliziert wäre?

Mimi

Das ist die zentrale Frage. Die Clearingstelle in Stuttgart vermittelt etwa die Hälfte ihrer Patienten erfolgreich. Das zeigt, dass es möglich ist – aber es braucht Zeit, Beratung und Geduld.

Mark

Was passiert mit den anderen Patienten?

Mimi

Sie bleiben ohne Versicherung, oder sie bekommen nur Notfallbehandlung. Chronische Erkrankungen wie Diabetes werden nicht regelmäßig überwacht. Das führt zu Komplikationen – wie bei dem Patienten, dem zwei Zehen amputiert wurden.

Luke

Aber ist das wirklich ein Versicherungsproblem oder ein Armutsproblem?

Mimi

Beides. Ohne Versicherung können sich diese Menschen die Behandlung nicht leisten. Mit Versicherung hätten sie Zugang. Es ist ein System, das die Ärmsten am meisten trifft.

  • Während die offizielle Zahl von 72.000 Unversicherten bereits alarmierend ist, schätzen Hilfsorganisationen die tatsächliche Dunkelziffer auf ein Vielfaches – mit steigender Tendenz.
  • Ein georgischer Diabetiker mit amputierten Zehen und ein kroatischer Handwerker, der nach einem Herzinfarkt jahrelange Beitragsschulden fürchtet, stehen stellvertretend für die menschlichen Kosten bürokratischer Sackgassen.
  • Ehrenamtliche Mediziner und Clearingstellen versuchen, Betroffene ins reguläre Gesundheitssystem zurückzuführen – doch die Nachfrage wächst schneller als die Kapazitäten.
  • Etwa die Hälfte der Patienten kann erfolgreich versichert werden; die andere Hälfte bleibt in einem Graubereich, in dem chronische Erkrankungen unbehandelt eskalieren.
  • Die Stuttgarter Malteser-Praxis hat ihre Patientenzahl in zwei Jahrzehnten verdreifacht – ein stilles Maß dafür, wie tief die Risse im deutschen Sozialversicherungssystem inzwischen reichen.

In einem der reichsten Länder der Welt leben Hunderttausende Menschen ohne Krankenversicherung – eine Zahl, die offizielle Statistiken weit unterschätzen. In Stuttgart und andernorts versuchen ehrenamtliche Ärzte und Sozialarbeiter, die Lücken eines Systems zu schließen, das für viele Betroffene unüberwindbare bürokratische und finanzielle Hürden errichtet hat. Die Geschichten dieser Menschen – Migranten, Rentner, Selbstständige – erinnern daran, dass Systemversagen selten abstrakt bleibt, sondern sich in Körpern, Wunden und abgetragenen Leben einschreibt.

An einem Freitagmorgen in Stuttgart empfängt der pensionierte Allgemeinmediziner Wolfgang Steigleder seinen ersten Patienten: einen 56-jährigen Georgier auf Krücken, dem bereits zwei Zehen amputiert wurden. Steigleder arbeitet ehrenamtlich für die Malteser-Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung. Die Wunde heilt – ein kleiner Sieg in einem System, das für viele Betroffene kaum Spielraum lässt.

Offiziell gelten in Deutschland rund 72.000 Menschen als nicht krankenversichert. Hilfsorganisationen wie Ärzte der Welt gehen jedoch von einer weit höheren Dunkelziffer aus – Hunderttausende, Tendenz steigend. Betroffen sind Wohnungslose, Migranten ohne gültigen Aufenthaltsstatus, aber auch Studenten, Rentner und Solo-Selbstständige, die sich Beiträge schlicht nicht leisten können. In Steigleders Praxis hat sich die Patientenzahl in zwei Jahrzehnten von 145 auf 413 verdreifacht.

Die Wege in die Versicherungslosigkeit sind oft verschlungen. Ein kroatischer Innenausbauer arbeitete fünf Jahre auf deutschen Baustellen, versuchte sich korrekt zu versichern – und scheiterte an bürokratischen Hürden. Als die Pandemie seine Aufträge vernichtete, erlitt er einen Herzinfarkt und eine Lungenembolie. Die Krankenhauskosten von 4.200 Euro zahlt er bis heute in Raten ab. Eine Nachversicherung würde bedeuten, zehn Jahre rückwirkende Beiträge zu leisten – unmöglich für ihn.

Eine Clearingstelle innerhalb der Praxis versucht, für jeden Patienten individuelle Lösungen zu finden. Manche stecken in Not- oder Ruhetarifen fest, Geflüchtete haben in den ersten drei Jahren nur Anspruch auf Akutversorgung, andere sind vollständig aus dem System gefallen. Koordinatorin Regine Martis berichtet, dass etwa die Hälfte der Patienten erfolgreich in eine Versicherung vermittelt werden kann – doch die Kapazitäten der Praxis stoßen an ihre Grenzen, während die Nachfrage unaufhörlich wächst.

In Stuttgart sitzt Wolfgang Steigleder an einem Freitagmorgen um zehn Uhr in seiner Praxis und wartet auf den ersten Patienten des Tages. Der pensionierte Allgemeinmediziner arbeitet ehrenamtlich für die Malteser-Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung. Sein erster Besuch ist ein 56-jähriger Georgier, der sich auf Krücken fortbewegt. An seinem Fuß trägt er einen großen Verband. Der Mann ist Diabetiker, und zwei seiner Zehen wurden bereits amputiert. Steigleder entfernt vorsichtig die Mullbinde und prüft die Wunde. Sie heilt gut, stellt er fest – ein kleiner Sieg in einem Fall, der zeigt, wie fragil die medizinische Versorgung für Menschen ohne Versicherungsschutz sein kann.

Die offizielle Statistik besagt, dass in Deutschland etwa 72.000 Menschen ohne Krankenversicherung leben. Doch Hilfsorganisationen wie Ärzte der Welt gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus – Hunderttausende Menschen, Tendenz steigend. Wer diese Menschen sind, ist vielfältig: Wohnungslose, Migranten ohne gültigen Aufenthaltsstatus, aber auch Studenten, Rentner und Solo-Selbstständige, die sich die Beiträge zur gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung schlicht nicht leisten können. Viele kommen aus Drittstaaten oder aus der Europäischen Union. In Steigleders Stuttgarter Praxis hat sich die Patientenzahl in den letzten zwei Jahrzehnten verdreifacht – von 145 auf 413 Menschen.

Die Geschichten dahinter sind oft verstrickt in Bürokratie und wirtschaftliche Notlagen. Ein kroatischer Patient arbeitete fünf Jahre lang als selbstständiger Innenausbauer auf deutschen Baustellen. Auf Rat seines Auftraggebers schloss er eine private Reisekrankenversicherung ab und versuchte, in die gesetzliche Krankenversicherung aufgenommen zu werden. Es funktionierte nicht. Dann kam die Pandemie, die Aufträge versiegten, und kurz darauf erlitt er einen Herzinfarkt, gefolgt von einer Lungenembolie. Die Krankenhauskosten beliefen sich auf 4.200 Euro, die er bis heute in kleinen Raten abbezahlt. Nun ist er 60 Jahre alt. Sollte er versuchen, sich zu versichern, müsste er die Beiträge der letzten zehn Jahre – die Zeit, die er bereits in Deutschland lebt – nachzahlen. Das kann er sich nicht leisten.

In einer Nische der Praxisräume hat sich eine Clearingstelle eingerichtet. Hier beraten Sozialarbeiter und andere Mitarbeitende die Patienten, um ihnen einen Weg zurück ins reguläre Gesundheitssystem zu zeigen. Die Fälle sind komplex. Manche Patienten sind in Not- oder Ruhetarife gerutscht, weil sie Beitragsschulden aufgehäuft haben. Geflüchtete haben in den ersten drei Jahren grundsätzlich nur Anspruch auf die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände. Andere, wie der kroatische Patient, sind völlig aus dem Versicherungsschutz gefallen. Die Sozialarbeiter suchen mit jedem Patienten individuell nach Lösungen – ein Prozess, der zeigt, wie komplex und fragmentiert das deutsche Gesundheitssystem für diese Menschen geworden ist.

Die medizinischen Folgen dieser Lücke sind erheblich. Der diabetische Patient mit den amputierten Zehen ist ein warnendes Beispiel. Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die regelmäßige ärztliche Überwachung und Behandlung erfordert. Ohne sie können die Folgen lebensbedrohlich sein. Steigleder beobachtet, dass viele seiner Patienten erst dann zu ihm kommen, wenn die Ersterkrankung bereits zu Komplikationen geführt hat. Schwangere Frauen, Menschen mit Atemwegsinfekten, Patienten mit Herzinfarkten, Menschen in palliativer Versorgung – die Bandbreite der Erkrankungen ist groß.

Es gibt aber auch Hoffnung. Regine Martis koordiniert den Bereich bei den Maltesern und berichtet, dass etwa die Hälfte oder sogar mehr als die Hälfte der Patienten erfolgreich in eine Krankenversicherung vermittelt werden kann. Die Praxis im Stuttgarter Süden ist jedoch an ihre Grenzen gestoßen. Man sucht nach geeigneten Beratungsräumen, um die Clearingstelle zu erweitern. Die Nachfrage wächst, die Kapazitäten nicht. Während die Zahl der Versicherten in Deutschland stabil bleibt, wächst die Zahl derer, die durchs Netz fallen – ein stilles, aber stetiges Phänomen, das die Risse im System offenlegt.

Diabetes ist eine chronische Erkrankung. Wird der Patient nicht regelmäßig ärztlich überwacht und behandelt, kann das lebensbedrohliche Folgen haben.
— Wolfgang Steigleder, Allgemeinmediziner
Jeder Fall ist ein Einzelfall, und das zeigt, wie komplex unser Gesundheitssystem ist.
— Sozialarbeiterin der Clearingstelle
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