Hegemann teilt den Nobelpreis mit zwei weiteren Forschern für eine Technologie, die einzelne Gehirnzellen mit Licht aktivieren kann und das Verständnis von Gehirnfunktionen revolutioniert hat. Der Forscher kritisiert, dass Deutschland zu viel in bekannte Forschungsgebiete investiert und zu schnell Anwendungen von neuen Feldern erwartet, während Länder wie Norwegen längerfristige Unterstützung bieten.
Nobelpreisträger Hegemann in den tagesthemen: "Ich bin natürlich überwältigt"
Bei uns scheitert es nicht an der Erkenntnis, sondern am Umsatz in die Anwendung
Was hat Sie am meisten überrascht, als das Nobelkomitee anrief – dass Sie selbst ausgezeichnet wurden, oder dass die Optogenetik diese Bedeutung erreicht hat?
Beides, würde ich sagen. Aber ehrlich gesagt: Dass eine Entdeckung aus der Algenforschung – völlig unabhängig von Medizin – letztendlich zu einem Werkzeug für die Neurowissenschaften wird, das ist etwas, das man nicht vorhersehen kann. Das ist das Schöne an Grundlagenforschung.
Aber Sie sagen auch, dass die Therapien noch Jahre oder Jahrzehnte entfernt sind. Wie viel von diesem Preis ist also Anerkennung für etwas, das noch gar nicht fertig ist?
Der Preis würdigt das Verständnis, das wir ermöglicht haben. Nicht die Heilung. Das ist ein wichtiger Unterschied, den viele nicht sehen.
Sie kritisieren Deutschland dafür, dass zu viel in bekannte Forschung fließt. Aber wie misst man das? Wie unterscheidet man zwischen sinnvoller Vertiefung und Verschwendung?
Das ist die zentrale Frage. Man braucht Menschen, die den Mut haben, in Unbekanntes zu investieren. Das ist nicht messbar. Das ist Vertrauen.
Aber Norwegen, das Sie als Vorbild nennen – hat das wirklich bessere Ergebnisse? Oder ist das nur ein Gefühl, weil dort die Bedingungen besser sind?
Ich spreche aus Erfahrung. Längerfristige Stellen bedeuten, dass junge Forscher nicht ständig um ihre nächste Finanzierung kämpfen. Sie können denken. Das ist der Unterschied.
Sie sagen, die Industrie müsse früher einsteigen. Aber bedeutet das nicht auch, dass die Forschung dann weniger frei ist?
Nein, wenn es richtig gemacht wird. Es geht um Dialog, nicht um Kontrolle. Die Industrie muss verstehen, dass Grundlagenforschung Zeit braucht.
Aber wer entscheidet, wann es "richtig gemacht" ist? Das ist vage.
Das ist wahr. Deshalb brauchen wir Politiker und Industrieführer, die bereit sind, Risiken einzugehen. Das ist das, was ich mit Mut meine.
Der Puls
- Peter Hegemann erhält den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2026 zusammen mit zwei weiteren Forschern
- Die Optogenetik ermöglicht es, einzelne Nervenzellen mit Licht zu aktivieren oder zu deaktivieren
- Hegemanns ursprüngliche Entdeckung kam aus der Algenforschung, nicht aus der Neurowissenschaft
- Deutschland investiert nach Hegemanns Ansicht zu viel in bekannte Forschungsgebiete statt in innovative Grundlagenforschung
- Die Optogenetik in Deutschland startete 5 bis 10 Jahre später als in den USA
Hegemann teilt den Nobelpreis mit zwei weiteren Forschern für eine Technologie, die einzelne Gehirnzellen mit Licht aktivieren kann und das Verständnis von Gehirnfunktionen revolutioniert hat. Der Forscher kritisiert, dass Deutschland zu viel in bekannte Forschungsgebiete investiert und zu schnell Anwendungen von neuen Feldern erwartet, während Länder wie Norwegen längerfristige Unterstützung bieten.
Algenforscher Peter Hegemann erhält den Medizin-Nobelpreis für die Entwicklung der Optogenetik. Er warnt vor zu wenig Investitionen in innovative Grundlagenforschung und fordert Politiker und Industrie auf, jungen Wissenschaftlern mehr Zeit und Vertrauen zu geben.
Peter Hegemann saß am Morgen des 5. Oktober 2026 in seinem Büro, als das Telefon klingelte. Das Nobelkomitee war dran. Wenige Stunden später saß der Algenforscher in den tagesthemen und versuchte immer noch zu begreifen, was gerade geschehen war. "Ich bin natürlich überwältigt", sagte er, und man merkte ihm an, dass die Realität des Tages noch nicht ganz zu ihm durchgedrungen war. Gemeinsam mit zwei weiteren Forschern erhielt Hegemann den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Entwicklung der Optogenetik – einer Technologie, die es ermöglicht, einzelne Nervenzellen mit Licht zu steuern und damit das Verständnis des Gehirns grundlegend zu verändern.
Hegemanns Weg zum Nobelpreis begann nicht in der Neurowissenschaft, sondern in einem unerwarteten Ort: bei der Erforschung von Grünalgen. Der Forscher und seine Kollegen untersuchten die Lichtreaktionen dieser einfachen Organismen und entdeckten dabei einen lichtaktivierten Kanal – ein Protein, das auf Licht reagiert. Jahre später erkannte der Neurowissenschaftler Karl Deisseroth das Potenzial dieser Entdeckung und brachte die Technologie in die Hirnforschung ein. Was als akademische Neugier begann, wurde zu einem Werkzeug, das Forschern erlaubt, gezielt einzelne Zellen in komplexen neuronalen Netzwerken zu aktivieren oder zu deaktivieren. Damit konnten Wissenschaftler erstmals verstehen, welche Rolle einzelne Zellen im Hippocampus, im Hypothalamus oder im präfrontalen Cortex spielen – und wie diese Funktionen bei Erkrankungen wie Parkinson, Epilepsie oder Schizophrenie gestört sein könnten.
Doch Hegemann warnte auch vor zu großen Erwartungen. Die Hoffnung, dass Grundlagenforschung schnell zu neuen Therapien führt, sei verständlich, aber unrealistisch. "Es ist immer die Wunschvorstellung der Politiker und der Journalisten, dass das gleich zu Therapien führt", sagte er. Aber die Geschichte der Medizin zeige: Es dauert Jahre oder Jahrzehnte, bis man eine Krankheit wirklich versteht. Die Optogenetik habe das Verständnis gefördert – die Therapie sei noch eine ganz andere Sache. Trotzdem betonte er, dass sein Team den Forschern ein Werkzeug in die Hand gegeben habe, mit dem sie überhaupt erst Therapiemöglichkeiten ausloten könnten.
Der Nobelpreis war auch ein Erfolg für Deutschland. Hegemann war an der Humboldt-Universität in Berlin tätig, einer seiner Co-Preisträger an der Universität Würzburg. Das freute Hegemann besonders, denn solche Auszeichnungen kämen meist von großen Forschungsinstitutionen, die deutlich besser finanziert seien. Dass Universitäten diese Art innovativer Grundlagenforschung noch durchführten und dafür anerkannt würden, sei nicht selbstverständlich.
Aber Hegemann nutzte die Gelegenheit auch für eine deutliche Kritik an der deutschen Forschungspolitik. Deutschland habe in den letzten 20 bis 30 Jahren einen großen Vorteil gehabt: ein Vertrauen in junge Wissenschaftler, die neue Forschungsfelder erschließen wollten, auch wenn unklar war, wann oder ob sich das auszahlen würde. Dieses Vertrauen schwinde jedoch. "Meiner Meinung nach wird zu viel in das investiert, was wir eh schon wissen, um noch mehr von dem zu generieren, was wir schon haben", sagte Hegemann. Das könnten künstliche Intelligenzsysteme besser. Aber wirklich Neues ans Licht zu bringen – das erfordere Kreativität und Mut. Der Druck auf junge Forscher sei zu groß geworden. Sie würden gefragt, wo die Anwendung sei, bevor sie ihre Forschung überhaupt richtig beginnen konnten. "In drei Jahren sollen die Wissenschaftler zeigen, dass sie ein neues Forschungsgebiet entwickelt haben. Das geht einfach nicht."
Als Vorbild nannte Hegemann Norwegen, wo längerfristige Doktorandenstellen und Postdoc-Positionen vergeben würden und die Geldgeber mehr Geduld hätten. Er dankte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dass sie noch in breiter Form Grundlagenforschung unterstütze – "was auch in Gefahr ist". Ohne diese Unterstützung könne Deutschland nicht mit den großen Institutionen in den USA oder China konkurrieren. Der deutsche Standort sei stark geworden durch innovatives Denken, nicht durch Geld. "Wir sollten uns nicht auf einen Wettbewerb mit China oder den großen amerikanischen Institutionen einlassen und weiterhin Grundlagenforschung fördern."
Hegemanns Appell richtete sich auch an die Industrie. Sie müsse frühzeitig mit Forschern in Kontakt treten. Die Optogenetik in Deutschland sei fünf bis zehn Jahre später gestartet als in den USA, weil dort junge Wissenschaftler und Geldgeber mehr Mut gehabt hätten, die Idee umzusetzen. "Bei uns scheitert es nicht an der Erkenntnis, bei uns scheitert es am Umsatz von der Erkenntnis in die Anwendung." Am Ende des Gesprächs dankte Hegemann seinen Mitarbeitern, seinen Kollegen und besonders seiner Frau, die ihn seit 44 Jahren unterstütze. Der Nobelpreis war ein persönlicher Triumph – aber auch ein Weckruf für ein Land, das seine Stärke in der Grundlagenforschung zu verlieren droht.
Bemerkenswerte Zitate
Ich bin natürlich überwältigt. Und man weiß am Anfang gar nicht, wie man damit umgehen muss.— Peter Hegemann, unmittelbar nach dem Anruf des Nobelkomitees
Es ist immer die Wunschvorstellung der Politiker und der Journalisten, dass das gleich zu Therapien führt. Aber Sie wissen ja von anderen Krankheitsbildern, dass es Jahre oder Jahrzehnte dauert.— Peter Hegemann, zur Frage nach schnellen therapeutischen Anwendungen