Wenige Tage vor der Wahl in Israel stellt Benjamin Netanjahu sein Land auf eine Zukunft ein, in der amerikanische Militärhilfe versiegt und Sanktionen drohen, und kündigt eine 'alternative Wirtschaft' samt Kryptowährung an. Wer darin Weitsicht sieht und wer bloß ein Ablenkungsmanöver, hängt davon ab, wie man auf die Jahre seit dem 7. Oktober 2023 blickt. Es ist die Geschichte eines Politikers, der schon mehrfach totgesagt wurde und dessen Schatten über dem Land länger reicht als jede einzelne Amtszeit.
Netanjahus Zauber vor der Wahl: Gelingt ihm der Machterhalt noch einmal?
Irgendwann gibt es selbst in Netanjahus Zylinder keine Kaninchen mehr.
Warum sorgt eine Äußerung über Kryptowährung so für Aufsehen?
Weil sie nach Iran oder Russland klingt, nicht nach Israel. Und der Zentralbankchef hat ausdrücklich gewarnt, Ökonomen sehen Gefahr für die Hightech-Branche.
Was steckt dahinter?
Dazu gibt es drei Lesarten: eine apokalyptische Weltsicht, wie Kritiker sagen, rationales Wahlkalkül, wie Adam Raz meint, oder Ablenkung vom 7. Oktober.
Aber keine davon ist belegt. Es sind Deutungen. Was Netanjahu tatsächlich vorhat, weiß der Text nicht. Und dass die US-Hilfe wegfällt, ist seine Behauptung, kein bestätigter Fakt.
Und der Plan zur Sanktionsumgehung?
Er sagt, er lasse ihn ausarbeiten. Mehr steht nicht fest.
Genau. Auch die Ablenkungsthese ist eine Vermutung. Sie erklärt das Timing, beweist aber keine Absicht.
Wie hat er sich nach dem 7. Oktober im Amt gehalten?
Mit der Notstandsregierung, dem Versprechen der Aufarbeitung nach dem Krieg und dem Appell, im Krieg Kritik zurückzustellen.
Dass das Kalkül war, schreibt der Autor als Einschätzung. Fest steht nur: Er blieb, und die Kommission gibt es bis heute nicht.
O Pulso
- Netanjahu kündigt an, dutzende Milliarden Dollar US-Militärhilfe könnten wegfallen, und lässt Pläne zur Sanktionsumgehung per Kryptowährung ausarbeiten.
- Ökonomen zeigen sich alarmiert, der Notenbankchef warnt eindringlich vor einem solchen Kurs, und die Hightech-Branche fürchtet Abschottung.
- Opposition und Kommentatoren deuten die Worte als Wahlkampfkalkül oder Flucht vor der Verantwortung für das Versagen am 7. Oktober.
- Tausende fordern in Tel Aviv eine staatliche Untersuchungskommission, doch Netanjahu lehnt sie ab und will nur ein Gremium mit geringeren Befugnissen.
- Vor der Wahl am Dienstag steht alles auf dem Spiel, denn ob der bisher stets mit einem Trick aufwartende Politiker erneut obsiegt, ist offen.
Wenige Tage vor der Wahl in Israel stellt Benjamin Netanjahu sein Land auf eine Zukunft ein, in der amerikanische Militärhilfe versiegt und Sanktionen drohen, und kündigt eine 'alternative Wirtschaft' samt Kryptowährung an. Wer darin Weitsicht sieht und wer bloß ein Ablenkungsmanöver, hängt davon ab, wie man auf die Jahre seit dem 7. Oktober 2023 blickt. Es ist die Geschichte eines Politikers, der schon mehrfach totgesagt wurde und dessen Schatten über dem Land länger reicht als jede einzelne Amtszeit.
Am Freitagabend sagte Benjamin Netanjahu im Sender Kanal 10, die Israelis müssten sich darauf einstellen, dass Dutzende Milliarden Dollar amerikanischer Militärhilfe wegfallen. Die USA hätten sich verändert, andere Staaten könnten Sanktionen verhängen, auch im Bankensektor. Deshalb brauche das Land eine „alternative Wirtschaft“, und er lasse einen Plan ausarbeiten, Sanktionen mit Kryptowährung zu umgehen. Ökonomen reagierten irritiert, der Zentralbankchef warnte. Netanjahu dankte für den Rat und tat, was er für richtig hielt.
Kritiker fragen, ob der 77-Jährige noch bei klarem Verstand sei. Ein Historiker sieht Kalkül: Der Premier wolle sich als Einziger darstellen, der im drohenden Sturm für Ordnung sorgen könne. Andere sehen Ablenkung von der Verantwortung für das Sicherheitsversagen vom 7. Oktober 2023, bei dem rund 1200 Menschen starben.
Der Mann, den seine Gegner für einen Zauberer halten, wurde mehrfach politisch totgesagt und kehrte jedes Mal zurück. Nach dem Terrorangriff trat er nicht zurück, sondern regierte eine volle Legislaturperiode durch. Die Untersuchungskommission, die Tausende am Samstag in Tel Aviv forderten, lehnt er weiter ab und weist die Schuld zunehmend Geheimdienst- und Armeechefs zu.
In den letzten Tagen drohte er mit neuen Angriffen auf Iran und ordnete eine große Militäroperation im Westjordanland an. Ob ihm am Dienstag bei der Wahl noch einmal ein Trick gelingt, wird sich zeigen.
Wenige Tage vor der Wahl hatte Benjamin Netanjahu eine ungewöhnliche Mitteilung für die Israelis. Am Freitagabend sagte der Ministerpräsident im Wirtschaftssender Kanal 10, die Bevölkerung müsse sich darauf einstellen, dass Dutzende Milliarden Dollar amerikanischer Militärhilfe künftig wegfielen. „Es ist vorbei, und es wird vorbei sein; es ist nur eine Frage der Zeit“, sagte er. Die USA hätten sich verändert. Zugleich malte er ein Szenario aus, in dem andere Länder Israel mit Sanktionen belegen, auch im Bankensektor. Deshalb brauche das Land eine „alternative Wirtschaft“. Er lasse gerade einen Plan ausarbeiten, wie sich Sanktionen mithilfe von Kryptowährung umgehen ließen.
Das klingt eher nach Iran oder Russland als nach einem Land, das jahrzehntelang fest im westlichen Lager verankert war. Schon im September 2025 hatte Netanjahu eine kommende diplomatische Isolation beschworen, Israel müsse wirtschaftlich autark werden, er sprach von einem „Super-Sparta“. Wie damals griff ihn die Opposition scharf an. Ökonomen reagierten irritiert: Würde die Hightech-Branche von der Welt abgeschnitten, drohe schwerer Schaden. Der Zentralbankchef warnte vor einem solchen Kurs. Netanjahu dankte für den Rat, werde aber tun, was er für das Beste halte.
Kritische Kommentatoren fragten erneut, ob der Regierungschef, der vor wenigen Tagen 77 Jahre alt wurde, noch bei klarem Verstand sei; einer sprach von einer „apokalyptischen“ Weltsicht. Andere sehen Kalkül. Der Historiker Adam Raz, der kürzlich eine Biographie über Netanjahu veröffentlicht hat, verweist darauf, dass viele Wähler ihn für wirtschaftskundig halten. Er wolle wohl den Eindruck erwecken, er sei angesichts des „Tsunamis“, der auf Israel zukomme, der Einzige, der für Ordnung sorgen könne. Eine dritte Deutung lautet: Ablenkung. Wer über Wirtschaft redet, redet weniger über die Verantwortung für das Sicherheitsversagen vom 7. Oktober 2023 oder über neue Enthüllungen, wonach Vertraute des Regierungschefs von Katar bezahlt wurden.
Netanjahus Gegner trauen ihm viel zu. Seit seiner ersten Amtszeit von 1996 bis 1999 heißt er „der Zauberer“. Mehrfach wurde er politisch totgesagt: 1999, als Ehud Barak die Wahl deutlich gewann, und 2021, als ihn ein breites Parteienbündnis nach zwölf Jahren aus dem Amt drängte. Seinem Nachfolger Naftali Bennett soll er einen Zettel hinterlassen haben: „Bin gleich wieder da!“ Anderthalb Jahre später war er zurück.
Die vier Jahre seither haben Israel und die Region womöglich stärker verändert als die Jahrzehnte davor. Netanjahu, der sich mit den meisten Zentristen überworfen hat, schmiedete eine Koalition aus ultraorthodoxen, ultranationalistischen und rechtsradikalen Parteien. Die sogenannte Justizreform vertiefte die Risse in der Gesellschaft. Dann kam der 7. Oktober 2023, der schlimmste Terrorangriff in Israels Geschichte, mit etwa 1200 Toten. Er zog Kriege nach sich und trug sogar zum Sturz des Assad-Regimes in Syrien bei.
Viele erwarteten damals seinen Rücktritt; selbst in seinem Umfeld rechnete man laut einem Vertrauten gegenüber „Haaretz“ mit höchstens drei oder vier Monaten. Doch Netanjahu lud Oppositionspolitiker in eine Notstandsregierung ein, Benny Gantz und Gadi Eisenkot, beide frühere Generalstabschefs, traten ins Kriegskabinett ein. Am 25. Oktober 2023 versprach er Aufklärung: „Jeder wird Rechenschaft ablegen müssen, auch ich“, aber erst nach dem Sieg im Krieg. Die Rücktrittsforderungen wurden bald Teil des üblichen Parteienstreits. Er regierte eine volle Legislaturperiode durch.
Eine staatliche Untersuchungskommission lehnt er bis heute ab. Am Samstagabend forderten Tausende in Tel Aviv erneut eine, auch mehrere Oppositionsführer waren dabei. Netanjahu will nur ein Gremium mit geringeren Befugnissen. Die Schuld weisen er und seine Anhänger zunehmend den Chefs von Geheimdiensten und Armee zu, bis hin zur Verschwörungstheorie, er sei an jenem Morgen absichtlich nicht geweckt worden. Korruptionsprozess und der Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs scheinen seinen Willen zum Machterhalt eher gestärkt zu haben. Raz glaubt, er habe keine Ideologie: „Letztlich will er einfach herrschen.“
Vor der Wahl am Dienstag ist seine Lage schwierig. In den letzten Tagen drohte er mit neuen Angriffen auf Iran und ordnete eine groß angelegte Militäroperation im Westjordanland an. Bisher hatte er stets einen Trick parat. Ob ihm diesmal noch einer bleibt, entscheidet sich am Dienstag.
Citações Notáveis
Jeder wird Rechenschaft ablegen müssen, auch ich.— Benjamin Netanjahu, 25. Oktober 2023
Letztlich will er einfach herrschen.— Adam Raz, Historiker und Netanjahu-Biograph