Lebenshaltungskosten: Deutsche fürchten sich vor dem teuren Alltag

Zwischen Ankündigungen und Ergebnissen klafft eine Lücke
Politikwissenschaftlerin Borucki über die Enttäuschung mit der Regierung Merz nach nur wenigen Monaten.
Mark

Warum ist die Angst vor Lebenshaltungskosten so dominant? Das ist doch nicht neu.

Mimi

Nein, aber die Intensität ist neu. 59 Prozent ist der höchste Wert in 35 Jahren. Menschen erleben jeden Tag, dass Energie, Wohnen und Essen teurer werden. Das ist nicht abstrakt.

Luke

Aber die Studie misst Angst, nicht tatsächliche finanzielle Notlage. Wie viele dieser Menschen sind wirklich in Schwierigkeiten, und wie viele fürchten sich vor etwas, das noch nicht eingetreten ist?

Mimi

Das ist eine faire Frage. Die Studie erfasst Besorgnis, nicht objektive Armut. Aber Borucki weist darauf hin, dass der finanzielle Spielraum tatsächlich schrumpft – weniger Geld für Freizeit, Urlaub, Anschaffungen.

Mark

Und warum sinkt gleichzeitig die Angst vor Trump und Krieg?

Mimi

Gewöhnungseffekt, sagt Brower-Rabinowitsch. Nach Jahren von ständigen Alarmmeldungen stumpft man ab. Oder die Menschen priorisieren: Was kann ich kontrollieren? Meine Miete und meine Lebensmittelrechnung – ja. Die Weltpolitik – nein.

Luke

Das ist Spekulation. Die Studie sagt nur, dass die Angst sinkt, nicht warum. Wir wissen nicht, ob es Gewöhnung ist oder ob die Menschen Trump einfach weniger ernst nehmen.

Mark

Was bedeutet die schlechte Note für die Regierung – 4,1?

Mimi

Dass die Menschen enttäuscht sind. Sie hofften auf Merz und die Union, bekamen aber keine schnelle wirtschaftliche Wende.

Luke

Aber die Studie wurde zwischen Mai und Juli durchgeführt. Merz' Regierung war da erst zwei Monate im Amt. Wie viel Zeit braucht man, um wirtschaftliche Ergebnisse zu zeigen?

Mimi

Das ist der Punkt. Die Erwartungen waren hoch, die Geduld ist kurz.

  • Mit 59 Prozent erreicht die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten einen Rekordwert in der 35-jährigen Geschichte der Studie – sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.
  • Energie, Wohnen und Lebensmittel fressen den finanziellen Spielraum der Haushalte auf und lassen kaum Raum für Freizeit, Urlaub oder größere Ausgaben.
  • Während wirtschaftliche Ängste wachsen, sinkt die Furcht vor geopolitischen Bedrohungen: Die Angst vor Trumps Weltpolitik fiel von 69 auf 45 Prozent, die Kriegsangst von 41 auf 34 Prozent.
  • Das Vertrauen in die Politik erodiert spürbar – die Regierung Merz erhält die Schulnote 4,1, weil erhoffte wirtschaftliche Verbesserungen bislang ausgeblieben sind.
  • Der Gesamtdurchschnitt aller Ängste liegt bei 38 Prozent – der zweithöchste Wert seit 1991, aber weit unter dem Krisenjahr 2016 mit 52 Prozent.

Zum 35. Mal hat die R+V Versicherung die Deutschen nach ihren tiefsten Ängsten befragt – und wieder antwortet das Land nicht mit dem Blick in die Ferne, sondern in den eigenen Geldbeutel. 59 Prozent fürchten 2026 steigende Lebenshaltungskosten, ein historischer Höchststand, der zeigt: Die existenzielle Sorge unserer Zeit ist nicht der Krieg am Horizont, sondern die Rechnung am Monatsende. In einer Gesellschaft, die sich an geopolitische Erschütterungen gewöhnt hat, bleibt das Alltägliche das Bedrohlichste.

Was fürchten die Deutschen am meisten? Die Antwort, die die R+V Versicherung in ihrer diesjährigen Umfrage erhält, ist keine dramatische: Es ist die schleichende Angst, dass das Geld am Monatsende nicht mehr reicht. 59 Prozent der rund 2400 repräsentativ befragten Bürger nennen steigende Lebenshaltungskosten als ihre größte Sorge – ein neuer Höchststand in der 35-jährigen Geschichte dieser Studienreihe.

Studienautor Grischa Brower-Rabinowitsch beschreibt das Phänomen als gelebte Alltagserfahrung: Menschen spüren täglich, wie teuer das Leben geworden ist. Die Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki benennt die konkreten Treiber – Energie, Wohnen, Lebensmittel – und verweist auf die tieferliegende Frage: Wer trägt die Kosten notwendiger Reformen, und kann man sich noch auf staatliche Leistungen verlassen?

Bei anderen Themen zeigen sich die Deutschen erstaunlich gefasst. Die Angst vor Trumps Weltpolitik ist von einst 69 auf heute 45 Prozent gesunken, die Furcht vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung von 41 auf 34 Prozent. Brower-Rabinowitsch erklärt das mit einem Gewöhnungseffekt nach Jahren geopolitischer Daueralarmierung. Auch die Jobangst ist mit 20 Prozent so niedrig wie nie seit 1992.

Dennoch wächst an einer anderen Stelle die Enttäuschung: Das Vertrauen in die Politik. Die Regierung unter Kanzler Friedrich Merz, die im Mai 2025 die Ampel-Koalition ablöste, erhält von den Befragten die Schulnote 4,1. Viele hatten auf schnelle wirtschaftliche Erholung und klarere Führung gehofft – doch zwischen Ankündigung und spürbarer Wirklichkeit klafft eine Lücke, die das Vertrauen weiter aushöhlt.

Was fürchten die Deutschen am meisten? Nicht Kriege, nicht globale Katastrophen, nicht die Machenschaften fremder Mächte. Es ist etwas Alltäglicheres und deshalb Bedrängenderes: dass das Geld am Ende des Monats nicht mehr reicht.

Die R+V Versicherung hat diese Frage zum 35. Mal gestellt. Seit Anfang der neunziger Jahre führt das Unternehmen jährlich eine Umfrage durch, in der es Deutsche nach ihren größten Sorgen fragt. Zwischen Mai und Juli diesen Jahres wurden etwa 2400 repräsentativ ausgewählte Bürger ab 14 Jahren befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: 59 Prozent nennen steigende Lebenshaltungskosten als ihre Hauptangst. Im Vorjahr waren es noch 52 Prozent. Der Trend zeigt nach oben, und die Besorgnis hat einen neuen Höchststand erreicht.

Grischa Brower-Rabinowitsch, einer der Studienautoren, beschrieb das Phänomen bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin so: Menschen erleben täglich, wie teuer das Leben geworden ist. Sie fürchten, dass ihr verfügbares Einkommen dauerhaft nicht ausreicht. Die Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki, die als Beraterin an der Studie beteiligt war, benannte die konkreten Treiber: Energie, Wohnen und Lebensmittel sind spürbar teurer geworden. Das zehrt den finanziellen Spielraum auf, den Menschen für Freizeit, Urlaub oder größere Anschaffungen bräuchten. Mit jedem Jahr können sie sich weniger leisten.

Die Umfrage offenbart auch ein Bewusstsein für strukturelle Probleme. Die Deutschen wissen, dass die sozialen Sicherungssysteme unter Druck stehen. Die Rentenkasse und die Pflegeversicherung sind chronisch defizitär. Deshalb wächst auch die Angst vor höheren Steuern und Abgaben. Borucki deutet auf die dahinterliegende Frage hin: Wer trägt die Kosten für notwendige Reformen, und kann ich mich noch auf die versprochenen Leistungen verlassen? Es geht um Fairness und Verlässlichkeit.

Interessanterweise zeigen sich die Deutschen bei anderen Themen weniger ängstlich als man erwarten könnte. Die Angst vor Flüchtlingszuwanderung rangiert mit 52 Prozent auf Platz drei, aber sie dominiert nicht das Denken. Die Besorgnis vor Donald Trump und seiner Politik ist deutlich gesunken: 45 Prozent der Befragten fürchten, dass Trumps Kurs die Welt gefährlicher macht. 2018, während seiner ersten Amtszeit, waren es noch 69 Prozent. Brower-Rabinowitsch erklärt das nüchtern: Nach Jahren von ständigen geopolitischen Alarmmeldungen tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Auch die Angst vor Krieg mit deutscher Beteiligung ist von 41 Prozent im Vorjahr auf 34 Prozent gesunken. Und bei der Frage nach Jobverlust antworten nur noch 20 Prozent der Erwerbstätigen mit ja – der niedrigste Wert seit Beginn dieser Abfrage 1992.

Der Durchschnitt aller abgefragten Ängste liegt 2026 bei 38 Prozent. Das ist der zweithöchste Wert seit Studienbeginn 1991. Zum Vergleich: 2016, im Jahr nach der großen Flüchtlingszuwanderung, lag dieser Durchschnitt bei 52 Prozent. Die Deutschen sind insgesamt weniger verängstigt als früher.

Doch es gibt einen Bereich, in dem die Enttäuschung wächst: das Vertrauen in die Politik. Die Befragten durften Politikern Schulnoten geben – sowohl der Regierung als auch der Opposition. Das Ergebnis war ernüchternd: eine 4,1, gerade noch ausreichend. Borucki sieht die Regierung unter Kanzler Friedrich Merz in der Verantwortung. Sie übernahm im Mai 2025 von der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Viele Bürger verbanden mit dem Wechsel die Hoffnung auf stärkere Führung, weniger innenpolitischen Streit und eine schnelle wirtschaftliche Erholung. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Zwischen den großen Ankündigungen und den spürbaren Ergebnissen klafft eine Lücke. Die Menschen sind enttäuscht und verlieren Vertrauen.

Die Menschen erleben tagtäglich, wie kostspielig der Alltag inzwischen ist. Insgesamt 59 Prozent der Bevölkerung fürchten, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht.
— Grischa Brower-Rabinowitsch, Studienautor
Nach dem Ende der Ampel verknüpften viele mit Schwarz-Rot die Hoffnung auf mehr Führung, weniger Streit und eine schnelle wirtschaftliche Wende. Das hat sich nicht erfüllt.
— Isabelle Borucki, Politikwissenschaftlerin
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