Jüdische Kultur im Klassenzimmer: Das mobile Museum gegen Antisemitismus

Niemand wird verurteilt für das, was er sagt
Die Projektleiterin Sarah Hiron beschreibt die Grundregel für offene Diskussionen in den Workshops des Museums.
Mark

Warum ist es so wichtig, dass das Museum zu den Schulen kommt, statt umgekehrt?

Mimi

Weil die meisten Schüler nie nach Berlin fahren würden. Das Museum bringt die Kultur direkt in den Klassenzimmer, in einen Raum, wo die Kinder sich sicher fühlen, Fragen zu stellen.

Luke

Aber wie viele Schulen werden eigentlich erreicht? 600 Schulen in 15 Jahren – das klingt nach viel, aber Deutschland hat etwa 40.000 Schulen.

Mimi

Das ist fair. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber jede Klasse, die erreicht wird, ist eine Klasse, die direkten Kontakt zu jüdischer Kultur hat.

Mark

Die Zahlen zum Antisemitismus sind beängstigend – 28 Prozent der jungen Menschen sagen, dass ihnen Juden unsympathischer werden. Kann "on.tour" das wirklich ändern?

Luke

Das ist die zentrale Frage. Die Bertelsmann-Studie zeigt einen Trend, aber wir wissen nicht, ob die Schulbesuche diesen Trend bremsen oder nur bei einzelnen Schülern etwas bewegen.

Mimi

Es geht nicht darum, alles zu ändern. Es geht darum, dass Schüler verstehen, dass Juden Menschen sind, keine abstrakten Konzepte. Shahads Ohrringe, Schwarz' Gummibärchen – das schafft Nähe.

Mark

Was passiert, wenn eine Klasse "eisig" ist, wie Hiron sagt? Wie geht das Team damit um?

Mimi

Sie müssen sich anstrengen, ins Gespräch zu kommen. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Aber die Regel ist, dass niemand verurteilt wird für das, was er sagt.

Luke

Aber wenn Schüler fragen "Bist du für Israel oder Palästina?", dann wird das Team ja doch in eine Position gezwungen. Das ist keine neutrale Diskussion mehr.

Mimi

Stimmt. Das ist der schwierigste Teil. Das Team muss lernen, solche Fragen zu halten, ohne sich zu positionieren, und gleichzeitig die Komplexität nicht zu verstecken.

Mark

Wie misst man Erfolg bei so einem Programm?

Luke

Das ist unklar. Es gibt keine Langzeitstudien, die zeigen, ob Schüler, die "on.tour" besucht haben, später weniger antisemitisch sind. Das wäre wichtig zu wissen.

  • Seit über 15 Jahren besucht das Programm "on.tour" Schulen in Deutschland
  • Fast 80.000 Jugendliche an über 600 Schulen wurden erreicht
  • 28 Prozent der Unter-40-Jährigen sagen, dass ihnen Juden durch Israels Politik unsympathischer werden (2021: 14 Prozent)
  • Das Museum nutzt haptische Exponate wie koschere Gummibärchen und persönliche Gegenstände von Schülern

Das "on.tour"-Programm hat bereits fast 80.000 Jugendliche an über 600 Schulen erreicht und vermittelt jüdische Kultur durch haptische Exponate wie koschere Gummibärchen und persönliche Gegenstände. Antisemitische Einstellungen unter Unter-40-Jährigen haben sich verdoppelt: 28 Prozent geben an, dass ihnen Juden durch Israels Politik unsympathischer werden, 2021 waren es nur 14 Prozent.

Das Jüdische Museum Berlin bringt seit 15 Jahren mit seinem Programm "on.tour" jüdische Kultur direkt in deutsche Schulklassen. Die mobile Ausstellung nutzt interaktive Exponate und persönliche Geschichten, um Vorurteile abzubauen und offene Diskussionen zu fördern.

In einer Schulklasse in Leverkusen sitzen Sechstklässler auf flachen Holzkästen mit bunten Kissen, die auf einem lila Teppich angeordnet sind. Als der Museumspädagoge Johannes Schwarz die Kisten öffnet, kommen eine Kippa zum Vorschein, ein Stolperstein, und Gummibärchen in verschiedenen Sorten. "Hier ist unser geschrumpftes Museum", sagt Schwarz mit einem Lächeln. Das ist das Jüdische Museum Berlin im Miniaturformat – ein Programm namens "on.tour", das seit mehr als 15 Jahren in Schulen im ganzen Land unterwegs ist.

Das Konzept ist einfach und zugleich radikal: Wenn nicht alle Schüler ins Museum nach Berlin kommen können, dann fährt das Museum eben zu ihnen. Fast 80.000 Jugendliche an über 600 Schulen haben das Programm bereits erlebt. In diesem Herbst standen drei Städte in Nordrhein-Westfalen auf dem Plan – Bonn, Duisburg und Leverkusen. Die Exponate sind bewusst vielfältig und zum Anfassen: koschere Gummibärchen neben halalen, vegane Varianten daneben. Schwarz erklärt, dass Koscher und Halal die religiösen Speisevorschriften des Judentums und des Islam bezeichnen. Die Kinder probieren alle Sorten, vergleichen Geschmack und Textur. Neugier entsteht durch Naschen.

Doch das Programm geht weit über Süßigkeiten hinaus. Die Kinder bringen Gegenstände von zu Hause mit, und das Team des Museums verbindet diese persönlichen Mitbringsel mit jüdischen Geschichten und Erfahrungen. Eine Zwölfjährige namens Shahad holt goldene Ohrringe hervor, die ihre Großmutter ihr als Baby geschenkt hat – eines der wenigen Dinge, die ihre Familie bei der Flucht aus dem Irak mitnehmen konnte. "Wir hatten Krieg da, meine Mutter hat alle Sachen schnell gepackt", erinnert sie sich. Für viele Kinder in dieser Klasse ist Flucht keine abstrakte Vokabel. Sie kennen Krieg und Vertreibung aus den Erzählungen ihrer Familien. Ihre eigenen Geschichten werden zu Brücken zu Themen wie Migration, Heimat und Verlust.

In den dreistündigen Workshops geht es um das Leben in Deutschland aus jüdischer Perspektive, um Antisemitismus, um den Kampf gegen Vorurteile und Unwissenheit. Aber auch um allgemeine demokratische Werte – Homophobie, Rassismus und Islamfeindlichkeit werden angesprochen. Sarah Hiron, Historikerin und Projektleiterin von "on.tour", legt Wert darauf, dass eine Atmosphäre entsteht, in der offen gesprochen und diskutiert wird. "Niemand wird verurteilt für das, was er sagt", sagt sie. Der Gründungsdirektor des Museums, W. Michael Blumenthal, hatte einmal die Vision, dass jeder Schüler das Jüdische Museum einmal im Leben besuchen sollte. Da das nicht möglich ist, fahren sie eben in die Schulen.

Doch die Arbeit wird dringlicher. Museumsdirektorin Hetty Berg betont, dass die bundesweiten Schulbesuche immens wichtig sind – gerade angesichts jüngster Wahlergebnisse und zunehmender antisemitischer Tendenzen seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023. Eine aktuelle Untersuchung der Bertelsmann Stiftung zeigt ein beunruhigendes Bild: Bestimmte antisemitische Einstellungen haben in Deutschland zugenommen. Besonders deutlich ist das bei der Übertragung israelischer Politik auf Juden insgesamt. 28 Prozent der Unter-40-Jährigen gaben an, dass ihnen Juden durch Israels Politik "immer unsympathischer" werden. 2021 waren es noch 14 Prozent – eine Verdopplung in fünf Jahren.

Das Team der Vermittler besteht aus Religionswissenschaftlern, Theaterpädagogen und anderen Fachleuten mit jüdischem Hintergrund. Dass sie den Schülern in deren vertrautem Umfeld begegnen, soll offene Gespräche erleichtern. Doch die Realität ist komplex. Hiron berichtet, dass die meisten Klassen neugierig oder zumindest neutral eingestellt sind. "Aber wir haben manchmal auch Klassen, da kommen wir in eine eisige Atmosphäre rein", sagt sie. "Die haben nicht so richtig Lust auf uns, wir müssen uns dann wirklich ziemlich anstrengen, ins Gespräch zu kommen." Häufig steht das Thema Israel stark im Vordergrund, und die Vermittler werden aufgefordert, sich zu positionieren: "Bist du für Israel oder bist du für Palästina?" Diese Fragen ohne Tabus anzusprechen, ist Teil der Strategie – aber auch eine Herausforderung.

In Leverkusen verabschiedet sich Schwarz von der Klasse mit lobenden Worten und einer Runde gemeinsamen Applaus. Ab dem 19. Oktober ist das mobile Museum in Baden-Württemberg unterwegs. Die Arbeit geht weiter, in Schulzimmern, auf lila Teppichen, mit Gummibärchen und persönlichen Geschichten, die zeigen, dass jüdische Kultur nicht abstrakt ist, sondern lebt.

Da nicht alle ins Jüdische Museum in Berlin kommen können, fahren wir eben in die Schulen
— Sarah Hiron, Projektleiterin von "on.tour"
Aber wir haben manchmal auch Klassen, da kommen wir in eine eisige Atmosphäre rein
— Sarah Hiron über schwierige Schulbesuche
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