Der Pianist Igor Levit, einer der profiliertesten Interpreten seiner Generation, schafft mit dem Label "No Silence" in Berlin einen eigenen Raum für Musik, der nicht allein von den Entscheidungen großer Plattenfirmen abhängt. Der Name erinnert an den 7. Oktober 2023 und an die Stille, die er damals als Künstler und Jude erlebte, als ihm die Worte fehlten, während die Musik noch da war. So verbindet sich eine persönliche Suche nach Zugehörigkeit mit dem Wunsch, Kunst und Haltung in eine Zeit zu stellen, in der Schweigen keine Option mehr scheint.
Igor Levit gründet eigenes Label „No Silence“ – Musik als Haltung und Plattform
„Mein Leben ist No Silence.“
Warum ist dieses Label mehr als eine Geschäftsidee?
Weil der Name eine Geschichte hat. Nach dem 7. Oktober 2023 fehlten Levit die Worte, nach dem Konzert im November 2023 fand er den Namen.
Und praktisch: Was bringt ihm die Unabhängigkeit?
Er und sein Team entscheiden selbst, wer aufnimmt und was. Er sagt, er habe das schon vor Jahren beschlossen, weil die Zukunft der großen Labels unklar sei.
Das ist seine Begründung. Wie das Label finanziert wird oder wie viele Alben geplant sind, steht im Bericht nicht.
Die ersten drei Alben sind immerhin benannt.
Ja, Sternath mit Schubert und Liszt, Levits „Eroica“ in Liszts Bearbeitung und Saties „Vexations“, rund 16 Stunden lang.
Das sind die konkreten Fakten. Dass Jazz und Hip-Hop denkbar sind, ist dagegen bislang nur eine Absichtserklärung.
Und seine Aussage über Berlin?
Sie ist sehr persönlich: Die Stadt sei dunkler und aggressiver geworden.
Das ist sein Eindruck, keine belegte Messung. Man sollte es auch so lesen.
Der Puls
- Ein Pianist von Weltrang gründet in Berlin ein eigenes Label und entzieht sich damit ein Stück weit dem Takt der großen Plattenkonzerne.
- Der Name "No Silence" trägt die Erschütterung des 7. Oktober 2023 in sich und macht aus einem Solidaritätskonzert gegen Antisemitismus ein dauerhaftes Programm.
- Levit will eigene Aufnahmen und die anderer Künstler veröffentlichen, wobei Team und Künstlerauswahl bewusst offen gehalten werden, von Klassik bis Jazz und Hip-Hop.
- Am 23. Oktober erscheinen die ersten drei Alben, darunter Lukas Sternaths Debüt, Levits "Eroica" in Liszts Bearbeitung und Saties "Vexations", doch welche Künstler folgen, bleibt offen.
Der Pianist Igor Levit, einer der profiliertesten Interpreten seiner Generation, schafft mit dem Label "No Silence" in Berlin einen eigenen Raum für Musik, der nicht allein von den Entscheidungen großer Plattenfirmen abhängt. Der Name erinnert an den 7. Oktober 2023 und an die Stille, die er damals als Künstler und Jude erlebte, als ihm die Worte fehlten, während die Musik noch da war. So verbindet sich eine persönliche Suche nach Zugehörigkeit mit dem Wunsch, Kunst und Haltung in eine Zeit zu stellen, in der Schweigen keine Option mehr scheint.
Igor Levit sitzt im Saal des Berliner Columbia-Theaters, während hinter ihm Stühle gerückt werden und es immer wieder scheppert. Er bittet die Leute um fünf Minuten Pause, denn das Thema, über das er spricht, bewegt ihn sichtlich. Sein neues Plattenlabel nennt er sein "erstes nichtmenschliches Baby". Der Name "No Silence" stammt aus einer Zeit, die für ihn persönlich einschneidend war.
Am 7. Oktober 2023 griff die Hamas Israel an, und für Levit wurde dieser Tag zum unbewussten Startpunkt einer Selbstfindung: Was bedeutet sein Jüdischsein, wozu gehört er? Damals fehlten ihm die Worte, die Musik war noch da. Im November initiierte er das Konzert "Gegen das Schweigen. Gegen Antisemitismus." Auf dem Heimweg stand der Name fest.
Auf dem Label sollen eigene Aufnahmen erscheinen, aber auch die anderer Künstler. Levit denkt dabei an Jazz und Hip-Hop: "Es gibt keine künstlerischen Limits." Entscheidend sei, wie sehr jemand für eine Idee brennt. Die ersten drei Alben erscheinen am 23. Oktober, darunter das Debüt von Lukas Sternath und Levits "Eroica" in Liszts Bearbeitung. Welche Künstler danach folgen, ist noch offen.
Igor Levit hat sich gerade am Flügel eingespielt, jetzt sitzt er im Saal des Berliner Columbia-Theaters zum Interview. Hinter ihm die Zuschauerplätze und die Bühne, auf der er am Abend spielen wird. Was ihm dieser Abend bedeutet? Er überlegt kurz, dann ist die Antwort klar: Er feiere die Geburt von „No Silence“. Gemeint ist sein eigenes Plattenlabel, von ihm „mein erstes nichtmenschliches Baby“ genannt.
Während er spricht, werden im Hintergrund Stühle aufgebaut, es scheppert immer wieder. Levit redet weiter, bis er die Leute hinter sich schließlich zögernd um fünf Minuten Pause bittet. Wie sehr ihm das Projekt am Herzen liegt, wird im Gespräch deutlich. „Mein Leben ist No Silence“, sagt er, er glaube an diese Energie. Dass er den Start des Labels mit allen Anwesenden feiern könne, bedeute ihm so viel, dass er es kaum in Worte fassen könne.
Am Abend will Levit Musik spielen und erklären, wie das Label arbeitet. Erscheinen sollen dort seine eigenen Aufnahmen, aber auch die anderer Künstler. Welche das sind und was sie aufnehmen, entscheidet er gemeinsam mit seinem Team. Ein eigenes Label mache sie unabhängiger; die Entscheidung dafür hat er nach eigener Aussage schon vor Jahren getroffen, weil unklar sei, wie sich die Musikbranche und die großen Plattenfirmen entwickeln. Die ersten drei Alben erscheinen an diesem Freitag, dem 23. Oktober: das Debüt des Pianisten Lukas Sternath mit Schubert und Liszt, Levits Einspielung von Beethovens „Eroica“ in Franz Liszts Klavierbearbeitung und Erik Saties „Vexations“ – dieselbe kurze Tonfolge, 840-mal gespielt, rund 16 Stunden lang.
Mit Beethoven wurde Levit international bekannt. Sein Debütalbum von 2013 mit den fünf letzten Klaviersonaten fand große Beachtung, 2019 folgte die Aufnahme aller 32 Sonaten. Er erhielt unter anderem den Gilmore Artist Award 2018 und wurde 2020 vom britischen Magazin „Gramophone“ zum Künstler des Jahres gekürt. Geboren in Nischni Nowgorod, damals Sowjetunion, kam er mit acht Jahren nach Deutschland, studierte an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und ist dort seit 2019 Professor.
Breiter bekannt wurde er in der Corona-Pandemie: Im Frühjahr 2020 übertrug er mehr als 50 Hauskonzerte auf Twitter, heute X, meist aus seiner Wohnung. Eines spielte er auf Einladung des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. „Ich will nicht nur der Mann sein, der die Tasten drückt“, steht auf seiner Homepage über der Biografie. Er engagiert sich gegen Rassismus und Antisemitismus und für Klimaschutz, spielte 2019 bei „Fridays for Future“ und 2020 im Dannenröder Forst. Nach der Echo-Verleihung 2018 an Kollegah und Farid Bang gab er seinen eigenen Preis zurück. Im Juli dieses Jahres sagte das ZDF einen Auftritt mit dem Rapper Danger Dan in der „Anstalt“ ab, wo sie „Keine Angst“ spielen sollten; der Text könne als Aufruf zu Gewalt verstanden werden. Levit nannte das einen „Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit“.
Der Labelname geht auf den Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 zurück. Dieser Tag sei, so Levit, unbewusst der Startschuss zu einer Selbstfindung gewesen, auch zur Frage, was sein Jüdischsein und Zugehörigkeit für ihn bedeuten. Damals hätten ihm die Worte gefehlt, die Musik sei noch da gewesen, die Sprache nicht. Im November 2023 initiierte er mit dem Berliner Ensemble und Michel Friedman das Konzert „Gegen das Schweigen. Gegen Antisemitismus.“, unter anderem mit Margot Friedländer, Wolf Biermann und den Toten Hosen. Auf dem Heimweg sei ihm klar gewesen: „No Silence“ ist der Name.
Berlin hat sich für ihn verändert: Die Stadt sei dunkler und aggressiver geworden. In sozialen Netzwerken teilt er inzwischen oft jüdische Witze; er habe keine Lust, täglich Koalitionsbildung zu kommentieren, sondern wolle teilen, was ihm gut tue – neben Musik der jüdische Humor.
Bei seinem Label kann er sich auch Jazz und Hip-Hop vorstellen. „Es gibt keine künstlerischen Limits“, sagt er. Entscheidend sei, wie sehr jemand für eine Idee brenne. Es sei kein Label nur für ihn selbst. Welche Künstler nach den ersten drei Alben folgen, ist bislang offen.
Bemerkenswerte Zitate
Es gibt keine künstlerischen Limits unter dem Dach von No Silence.— Igor Levit
Mein Leben ist No Silence.— Igor Levit