Als Ermittler das Haus des früheren BND-Präsidenten August Hanning durchsuchten, fanden sie nicht nur Beweise für ein mutmaßliches Verbrechen – sie legten eine tiefere Wahrheit frei: dass Vertrauen, einmal in Macht gegossen, nicht automatisch mit dem Amt endet. Der Verdacht, rund 2000 geheime Dokumente über Jahre entwendet zu haben, erschüttert nicht nur das Ansehen des deutschen Auslandsgeheimdienstes, sondern stellt die alte Frage neu, wer die Wächter bewacht. In einer Zeit, in der Deutschland täglich Ziel von Cyberangriffen und Sabotage ist, offenbart dieser Fall, wie gefährlich es ist, inn
Hannings Festnahme offenbart Vertrauenskrise beim BND – Reform darf nicht scheitern
Loyalität darf nicht beim Verlassen des Büros enden
Was genau wirft man Hanning vor? Ist das wirklich so schwerwiegend?
Die Generalbundesanwaltschaft verdächtigt ihn und seinen früheren Büroleiter, etwa 2000 Dokumente über Jahre hinweg aus dem BND entwendet zu haben. Der Verdacht lautet auf Landesverrat. Das ist nicht einfach nur Unachtsamkeit – das ist der Vorwurf, bewusst Staatsgeheimnisse weitergegeben zu haben.
Aber wir wissen noch nicht, was mit diesen Dokumenten passiert ist. Wurden sie an ausländische Mächte verkauft? Weitergegeben? Das ist noch nicht geklärt, oder?
Richtig, das ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Aber die Tatsache, dass sie überhaupt aus dem Gebäude kamen, ist das Problem. Es zeigt, dass die Sicherheitsmaßnahmen nicht funktioniert haben.
Und warum ist das für die internationalen Partner so beunruhigend?
Weil die britischen Geheimdienste jetzt überprüfen müssen, ob Informationen, die sie dem BND anvertraut haben, kompromittiert wurden. Das Vertrauen ist beschädigt.
Das ist aber auch eine Vermutung. Wir wissen nicht, ob Hanning tatsächlich Informationen an britische Quellen weitergegeben hat. Die Briten überprüfen aus Vorsicht, nicht weil es Beweis gibt.
Das stimmt. Aber die Vorsicht selbst ist bereits ein Zeichen der Krise. Wenn die Partner nicht mehr vertrauen, funktioniert die Zusammenarbeit nicht mehr.
Was müsste sich ändern, um so etwas zu verhindern?
Strengere Regeln für Geheimträger nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst. Karenzzeiten, Transparenzpflichten, Beschränkungen bei der Arbeit in Beraterfirmen. Loyalität darf nicht beim Verlassen des Büros enden.
Aber wie kontrolliert man das praktisch? Und wie viele andere Fälle wie dieser gibt es, die wir nicht kennen?
Das ist die unbequeme Frage. Dieser Fall ist nur aufgeflogen, weil Ermittler zufällig sein Haus durchsuchten. Wie viele andere Fälle es gibt, wissen wir nicht.
The Pulse
- Ein früherer BND-Chef sitzt in Untersuchungshaft – der Verdacht lautet Landesverrat, und die Beweislage soll erschreckend eindeutig sein.
- Britische Geheimdienste überprüfen nun alle Informationen, die sie dem BND je übermittelt haben – das internationale Vertrauen in den deutschen Dienst ist akut beschädigt.
- Tausende Dokumente sollen jahrelang unbemerkt aus BND-Büros verschwunden sein, was grundlegende Fragen über interne Kontrolle und institutionelle Kultur aufwirft.
- Ehemalige Geheimträger wechseln nach dem Dienst in Beraterfirmen und nehmen ihr Wissen mit – der Staat hat ihnen dabei bislang erschreckend wenig Grenzen gesetzt.
- BND-Präsident Martin Jäger steht vor der Aufgabe, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und eine Reformagenda voranzutreiben, die durch den Skandal nicht scheitern darf.
Als Ermittler das Haus des früheren BND-Präsidenten August Hanning durchsuchten, fanden sie nicht nur Beweise für ein mutmaßliches Verbrechen – sie legten eine tiefere Wahrheit frei: dass Vertrauen, einmal in Macht gegossen, nicht automatisch mit dem Amt endet. Der Verdacht, rund 2000 geheime Dokumente über Jahre entwendet zu haben, erschüttert nicht nur das Ansehen des deutschen Auslandsgeheimdienstes, sondern stellt die alte Frage neu, wer die Wächter bewacht. In einer Zeit, in der Deutschland täglich Ziel von Cyberangriffen und Sabotage ist, offenbart dieser Fall, wie gefährlich es ist, innere Kultur und äußere Kontrolle zu vernachlässigen.
Die Verhaftung des früheren BND-Präsidenten August Hanning hat etwas Absurdes: Ermittler durchsuchten sein Haus im Rahmen eines anderen Verfahrens und stießen dabei auf rund 2000 Dokumente, die ihm nicht gehörten. Angeblich sollen die Unterlagen über Jahre hinweg, mit Hilfe seines früheren Büroleiters, unbemerkt aus dem Dienst in seinen Privatbesitz gewandert sein. Der Vorwurf lautet Landesverrat – im Verurteilungsfall drohen mehrere Jahre Haft.
Die Erschütterung reicht weit über Deutschland hinaus. Britische Geheimdienste überprüfen derzeit alle Informationen, die sie dem BND übermittelt haben. Wenn ein Mann an der Spitze des deutschen Auslandsgeheimdienstes Dokumente jahrelang ungestraft entwenden konnte, ist das Misstrauen der Partner mehr als verständlich.
Hanning steht exemplarisch für eine größere Gruppe ehemaliger Geheimträger, die nach dem Ausscheiden aus dem Dienst ihr Wissen und ihre Kontakte in Beraterfirmen einbringen – legal, aber problematisch. Loyalität, so zeigt dieser Fall, endet für manche beim Verlassen des Büros. Für Beamte auf Lebenszeit müssten auch Regeln auf Lebenszeit gelten. Die Politik ist gefordert, Karenz- und Transparenzpflichten deutlich zu verschärfen.
Dabei wäre es falsch, den Skandal als Anlass zu nehmen, die deutschen Dienste grundsätzlich zu diskreditieren. Sie sind schwach, weil Politiker jahrzehntelang zögerten, sie mit wirksamen Mitteln auszustatten. Deutschland wird täglich angegriffen – durch Russland, Iran und China, im Cyberraum wie auf der Straße. Die Bedrohungslage ist real, und die Antwort darauf muss eine handlungsfähige, kontrollierte und integer geführte Nachrichtendienststruktur sein.
BND-Präsident Martin Jäger muss nun verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und für einen anderen Geist in den eigenen Reihen sorgen. Die Reform der deutschen Geheimdienste muss gelingen – trotz dieses Skandals, nicht wegen ihm.
Die Verhaftung des früheren BND-Präsidenten August Hanning hat etwas Absurdes an sich, das fast komisch wirken würde, wenn die Konsequenzen nicht so ernst wären. Ermittler durchsuchten sein Haus im Zusammenhang mit einem anderen Verfahren und fanden offenbar schnell, was sie suchten: Tausende von Dokumenten, die ihm nicht gehörten. Nach Angaben der Generalbundesanwaltschaft sollen etwa 2000 Unterlagen über Jahre hinweg seinen Weg aus den BND-Büros in Hannings Privatbesitz gefunden haben – angeblich mit Hilfe seines früheren Büroleiters, und angeblich ohne dass es jemandem in der Behörde aufgefallen wäre. Der Verdacht wiegt schwer: Landesverrat. Im Falle einer Verurteilung könnte Hanning mehrere Jahre ins Gefängnis gehen.
Das Vertrauen, das Deutschland in seine eigenen Geheimdienste setzen muss, ist durch diesen Fall erschüttert worden – und nicht nur im Inland. Die britischen Geheimdienste überprüfen derzeit offenbar alle Informationen, die sie dem BND übermittelt haben. Das ist das Zeichen einer tiefgreifenden Verunsicherung. Wenn ein Mann, der an der Spitze des deutschen Auslandsgeheimdienstes stand, Dokumente einfach mitnehmen konnte, ohne dass dies bemerkt wurde, dann stellt sich die Frage, was sonst noch unbemerkt bleiben könnte. Das Misstrauen der internationalen Partner ist nicht unbegründet.
Hanning gehört zu einer größeren Gruppe von früheren Geheimnisträgern, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst ein bemerkenswertes Maß an Freiheit genießen. Sie saßen an den obersten Stellen der Macht, trugen Verantwortung für die Sicherheit Deutschlands und seiner Bürger – und dann versilberten sie ihr Wissen und ihre Kontakte in Beraterfirmen. Das ist nicht unbedingt illegal. Der Staat erlaubt seinen Geheimnisträgern nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst erstaunlich viel. Aber es offenbart ein fundamentales Problem: Loyalität, so scheint es, endet für manche Menschen beim Verlassen des Büros. Für Beamte auf Lebenszeit, was diese Leute in der Regel sind, müssten auch strenge Regeln auf Lebenszeit gelten. Die Politik muss die Karenz- und Transparenzregeln schleunigst verschärfen.
Es wäre leicht, sich jetzt über den BND lustig zu machen – über die Schlapphüte, die schlecht über russische Angriffspläne informiert waren und bei den NSU-Morden jahrelang in die falsche Richtung ermittelten. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Die deutschen Geheimdienste sind schwach, weil Politiker jahrzehntelang nicht bereit waren, sie mit schlagkräftigen Instrumenten auszustatten. Die AfD und die Linke wollen den Verfassungsschutz am liebsten ganz abschaffen. Erst die politische Mitte hat sich durchgerungen, die Dienste ordentlich auszustatten. Und es stimmt: Sie können schon jetzt mehr, als sie dürfen – Hackback-Operationen, Sabotageaktionen, Telekommunikationsüberwachung.
Deutschland wird jeden Tag angegriffen. Das ist keine Übertreibung. Die Unterstützung für die Ukraine hat Deutschland ins Fadenkreuz Russlands gerückt. Aber auch der Iran und China tummeln sich im Cyberraum und schicken ihre Agenten nach Deutschland. In Leipzig hätte russische Sabotage fast einen Flughafen zerstört. Wenige Tage später wählten die Bürger in Sachsen-Anhalt eine Koalition aus AfD und BSW – Putins Parteifreunde, könnte man sagen. Es ist rätselhaft, wie wenig diese Botschaft bei vielen Bürgern ankommt.
Es ist richtig, dass die deutschen Dienste eines Tages auf Augenhöhe mit dem Mossad und dem MI5 sein sollten. Aber der Hanning-Skandal zeigt, dass dafür auch die innere Kultur dieser Institutionen stimmen muss. Wer große Machtfülle hat, dem muss entsprechend auf die Finger geschaut werden. Die geplante Vereinheitlichung der Kontrollrechte ist daher ein wichtiger Teil der Reform. Aber auch die beste Kontrolle wird einen Fall wie den von Hanning verhindern können, wenn die kriminelle Energie vorhanden ist.
Der aktuelle BND-Präsident Martin Jäger muss nun verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und für einen anderen Geist in den eigenen Reihen sorgen. Die Zeitenwende zu einem handlungsfähigen Nachrichtendienst muss gelingen – trotz dieses Skandals, nicht wegen ihm. Das ist eine Menge Verantwortung. Es ist Zeit, dass sich jeder Einzelne in diesen Diensten dessen bewusst wird.
Notable Quotes
Deutschland wird jeden Tag angegriffen— Martin Jäger, aktueller BND-Präsident