In Frankreich hat die gemäßigte Linke mit Raphaël Glucksmann einen Kandidaten gewählt, der den Bruch mit dem Linkspopulismus Jean-Luc Mélenchons zur Grundlage seines politischen Projekts macht. Doch die Geschichte kennt diese Spannung: Wer sich von einer Bewegung abgrenzt, muss dennoch deren Anhänger überzeugen. Glucksmanns Weg in den Élysée führt durch ein Wählerfeld, das er nicht mit Bündnissen, sondern nur mit Überzeugung gewinnen kann.
Glucksmanns Kampf um Mélenchons junge Wähler
Er braucht Mélenchons Wähler, aber lehnt Zusammenarbeit ab
Glucksmann gewinnt die Vorwahl mit zwei Dritteln der Stimmen – das klingt nach einem starken Mandat. Warum ist seine Position dann so schwach?
Weil die Vorwahl nur die gemäßigte Linke abbildet. In der Gesamtwählerschaft liegt er bei zehn bis elf Prozent, während Mélenchon bei 18 Prozent steht. Die Vorwahl sagt nichts über die Kraft, die er gegen Mélenchon hat.
Aber die Umfrage war vor der Nominierung. Es könnte einen Schub geben. Wir wissen das noch nicht.
Und bei den jungen Wählern – Mélenchon hat 41 Prozent bei den unter 25-Jährigen. Das ist eine riesige Lücke.
Ja, aber Bristielle zeigt, dass nicht alle jungen Linken fest an Mélenchon gebunden sind. Ein Drittel der linken Wähler, fast die Hälfte davon unter 35, sind offen für Kompromisse und andere Kandidaten.
Das ist eine Schätzung aus einer Analyse. Wie viele von diesen "offenen" Wählern würden tatsächlich zu Glucksmann wechseln, wenn er sich von Mélenchon abgrenzt? Das ist noch unklar.
Glucksmann bietet europäische Integration und Ukraine-Unterstützung an. Kann das junge Wähler locken?
Es kann Wähler locken, die Kompromisse wollen und außenpolitisch anders denken als Mélenchon. Aber es ist nicht klar, ob das für junge Wähler ein Thema ist, die eher Parcoursup und Wahlrecht ab 16 interessiert.
Genau. Mélenchon spricht direkt zu den Forderungen der protestierenden Schüler. Glucksmann muss erst zeigen, dass er diese Themen ernst nimmt.
Die Mehlattacke – war das ein Zeichen von Mélenchons Anhängern?
Das ist unklar. Aber Delogu von der LFI hat sich mit dem Angreifer solidarisiert. Das zeigt, wie angespannt das Verhältnis ist.
Und das ist das eigentliche Problem für Glucksmann: Er braucht Mélenchons Wähler, aber jedes Mal, wenn es Konfrontation gibt, wird die Kluft größer.
Der Puls
- Kaum hatte Glucksmann seinen Vorwahlsieg gefeiert, schüttete ihm ein Unbekannter Mehl über den Kopf – ein Zeichen, wie aufgeladen das Verhältnis zwischen den linken Lagern bereits ist.
- In Umfragen liegt Glucksmann bei zehn bis elf Prozent, während Mélenchon mit 18 Prozent deutlich näher an der Stichwahl ist – der Vorwahlsieg verdeckt eine schwache Ausgangsposition.
- Bei den unter 25-Jährigen dominiert Mélenchon mit 41 Prozent unangefochten, während Glucksmann in dieser entscheidenden Altersgruppe kaum Fuß gefasst hat.
- Ein Drittel der linken Wählerschaft ist kompromissbereit und parteilich flexibel – genau diese Gruppe ist Glucksmanns realistischstes Reservoir für Wachstum.
- Mit Steuererleichterungen für Arbeitseinkommen, stärkerer Erbschaftssteuer und klarer Ukraine-Unterstützung versucht Glucksmann, ein Profil zu formen, das über das klassische linke Lager hinausreicht.
In Frankreich hat die gemäßigte Linke mit Raphaël Glucksmann einen Kandidaten gewählt, der den Bruch mit dem Linkspopulismus Jean-Luc Mélenchons zur Grundlage seines politischen Projekts macht. Doch die Geschichte kennt diese Spannung: Wer sich von einer Bewegung abgrenzt, muss dennoch deren Anhänger überzeugen. Glucksmanns Weg in den Élysée führt durch ein Wählerfeld, das er nicht mit Bündnissen, sondern nur mit Überzeugung gewinnen kann.
Raphaël Glucksmann gewann die Vorwahl der gemäßigten Linken in Frankreich mit rund zwei Dritteln der Stimmen – ein klares Mandat für seinen Kurs: Abgrenzung von Jean-Luc Mélenchons Bewegung La France Insoumise statt Zusammenarbeit mit ihr. Sein Hauptgegner in der Vorwahl, Sozialistenchef Olivier Faure, hatte genau das Gegenteil vertreten. Doch noch vor dem nächsten Morgen wurde Glucksmann mit Mehl übergossen, und ein LFI-Abgeordneter bekundete öffentlich Sympathie für den Täter – die Kluft zwischen den linken Lagern war sofort spürbar.
Die Ausgangslage ist schwierig. Aktuelle Umfragen sehen Glucksmann bei zehn bis elf Prozent, Mélenchon bei 18 – und das vor der Nominierung, die möglicherweise noch Schub bringt. Besonders unter Jungen ist Mélenchon dominant: Bei den unter 25-Jährigen kommt er auf 41 Prozent Wahlabsicht, Glucksmann ist in dieser Gruppe kaum präsent. Mélenchon hat gezielt auf Schülerproteste gesetzt, Wahlrecht ab 16 gefordert und sich als Stimme einer Generation positioniert, die unter wirtschaftlichem Druck steht.
Politikwissenschaftler unterscheiden zwischen einem harten LFI-Kern – jung, städtisch, gebildet, aber finanziell angespannt – und einer beweglicheren Gruppe, der ein linker Sieg wichtiger ist als Parteitreue. Fast die Hälfte dieser offeneren Wählerschaft ist unter 35, und sie wünscht sich kompromissbereite Politiker. Genau hier setzt Glucksmann an: mit Entlastungen für Arbeitseinkommen, höherer Erbschaftssteuer und einer klaren pro-europäischen und pro-ukrainischen Haltung, die auch Wähler aus dem Macron-Lager ansprechen könnte. Der Weg in den Élysée führt für ihn durch ein Lager, das er nicht mit Bündnissen, sondern nur mit Überzeugung gewinnen kann.
Raphaël Glucksmann verließ die Wahlveranstaltung in Belleville als klarer Sieger. Der 46-jährige Europaabgeordnete hatte sich in der Vorwahl der gemäßigten Linken durchgesetzt – gut zwei Drittel der teilnehmenden Parteimitglieder und Sympathisanten stimmten für ihn, und das bereits im ersten Wahlgang. Es war ein deutliches Mandat für seinen Kurs: eine klare Abgrenzung von Jean-Luc Mélenchon und dessen linkspopulistischer Bewegung La France Insoumise, statt einer Zusammenarbeit mit ihr. Doch kaum hatte Glucksmann das Lokal verlassen, schüttete ihm ein Unbekannter Mehl über den Kopf. Am nächsten Morgen forderte er Mélenchon auf, sich von solchen Übergriffen zu distanzieren – eine Forderung, die die Spannung zwischen den beiden Lagern der französischen Linken sofort offenbarte. Ob der Angreifer tatsächlich zu Mélenchons Anhängern gehörte, blieb ungeklärt. Doch die Episode zeigte bereits, worum es in den kommenden Wochen gehen würde: Wie kann Glucksmann die Wähler Mélenchons für sich gewinnen, wenn er gleichzeitig eine Zusammenarbeit mit dessen Bewegung ablehnt?
Glucksmanns Sieg war auch ein Votum gegen seinen Hauptkontrahenten Olivier Faure, den Chef der Sozialistischen Partei, der die Tür für eine Zusammenarbeit mit der LFI offenhalten wollte. Die frühere Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal hatte Glucksmanns Bewerbung um den Élysée scharf kritisiert und ihn mit einem "Praktikanten" verglichen, dem es an Regierungserfahrung und kommunaler Verwaltungspraxis mangele. Glucksmann kommt nicht einmal aus der Sozialistischen Partei, sondern von der kleineren Bewegung Place publique. Die Sozialisten setzen damit auf einen Außenseiter, um aus ihrer Bedeutungslosigkeit herauszukommen – bei der letzten Präsidentenwahl 2022 war Anne Hidalgo mit nur 1,75 Prozent der Stimmen kläglich gescheitert.
Doch Glucksmanns Vorwahlsieg täuscht über seine schwierige Ausgangslage hinweg. Eine Umfrage vom Montag zeigte ihn bei zehn bis elf Prozent der Wählerstimmen, während Mélenchon, der 75-jährige Rivale, auf 18 Prozent kam – deutlich näher an einem Einzug in die Stichwahl. Die Befragung war allerdings vor Glucksmanns Nominierung durchgeführt worden und berücksichtigte keinen möglichen Schub durch seinen Vorwahlsieg.
Besonders groß ist Glucksmanns Herausforderung bei jungen Wählern. Eine Ipsos-Erhebung vom September zeigte, dass Mélenchon bei den unter 25-Jährigen 41 Prozent der Wahlabsichten erreichte – mit Glucksmann als Kandidat der Sozialdemokraten und Édouard Philippe als einzigem Bewerber des politischen Zentrums. Marine Le Pen kam in dieser Altersgruppe auf 20 Prozent. Mélenchon suchte gezielt den Schulterschluss mit protestierenden Schülern, solidarisierte sich mit ihrer Bewegung und forderte ein Wahlrecht ab 16 sowie die Abschaffung des umstrittenen Hochschulzulassungsverfahrens Parcoursup. Auf der Linken dominiert er bei den Jungen bislang unangefochten.
Der Politikwissenschaftler Antoine Bristielle unterschied in einer Analyse für die Fondation Jean-Jaurès zwischen einem festen LFI-Kern und einer beweglicheren linken Wählerschaft. Die besonders treuen Anhänger Mélenchons sind demnach häufig jung, großstädtisch und gut ausgebildet – allerdings unter finanziellem Druck. Vier von zehn leben in Haushalten mit weniger als 2000 Euro Nettoeinkommen im Monat. Doch es gibt auch eine andere Gruppe: knapp ein Drittel der untersuchten linken Wählerschaft, denen ein Sieg der Linken wichtiger ist als die Bindung an eine bestimmte Partei. Fast die Hälfte dieser Gruppe ist jünger als 35 Jahre, und sie stehen Sozialisten, Grünen und der LFI offen gegenüber. Ihnen sind Umverteilung und ein aktiver Staat wichtig, aber sie wünschen sich mehrheitlich kompromissbereite Politiker.
Glucksmann bietet diesen Wählern ein anderes Profil an. Er will Arbeitseinkommen durch eine Senkung der Sozialabgabe CSG entlasten und dafür Erbschaften von mehr als zwei Millionen Euro stärker besteuern. Er präsentiert sich als überzeugter Anhänger der europäischen Integration, die Mélenchon kritisch sieht. Sein politisches Profil verbindet soziale Forderungen mit außenpolitischen Positionen, die auch Wähler aus Macrons Lager ansprechen können – etwa seine entschiedene Unterstützung Kyjiws. Mélenchons LFI befürwortet militärische Unterstützung der Ukraine nur unter Bedingungen: Sie müsse zunächst demokratisch debattiert werden, dürfe keine Angriffe tief im russischen Staatsgebiet ermöglichen und Frankreichs eigene Verteidigungsfähigkeit nicht schwächen. Bei der Abstimmung über das französisch-ukrainische Sicherheitsabkommen 2024 stimmten die LFI-Abgeordneten dagegen.
Die Spannung zwischen den beiden Lagern zeigte sich auch nach der Mehlattacke von Belleville. Der LFI-Abgeordnete Sébastien Delogu erklärte auf X seine "Unterstützung" für den Taxifahrer, der anschließend sein Fahrzeug reinigen musste – eine Geste, die die Kluft zwischen Glucksmann und Mélenchons Bewegung nur vertiefte. Für seinen Weg in den Élysée braucht Glucksmann viele Stimmen aus Mélenchons Lager. Die Abgrenzung von dessen Führung dürfte ihm leichter fallen als das Werben um dessen Wähler.
Bemerkenswerte Zitate
Glucksmanns Bewerbung um den Élysée mit dem Versuch zu vergleichen, einen Praktikanten an die Spitze eines Unternehmens zu setzen— Ségolène Royal, frühere Präsidentschaftskandidatin
Mélenchon steht für entschiedene Unterstützung Kyjiws, während die LFI militärische Hilfe nur unter Bedingungen befürwortet— Manon Aubry, Europaabgeordnete der LFI