Seit einundzwanzig Jahren stand Juergen Boos am Steuer der weltgrößten Buchmesse – nun übergibt er das Ruder an Joachim Kaufmann, einen Verleger mit tiefen Wurzeln in der Branche und einem Gespür für jüngere Leserschichten. Frankfurt, das ewige Zentrum des internationalen Buchhandels, sucht in diesem Wandel eine Antwort auf eine drängende Frage: Wie bleibt eine Geschäftsmesse lebendig, wenn das Lesen selbst um sein Publikum kämpft? Ein neuer Hallenplan, die Rückkehr der Comics und der Schatten Leipzigs markieren den Beginn einer neuen Ära.
Frankfurter Buchmesse im Umbruch: Neuer Direktor, neuer Hallenplan, jüngeres Publikum
Aus der Geschäftsmesse wurde eine Gesprächsveranstaltung
Warum ist dieser Wechsel an der Spitze eigentlich so bedeutsam? Es ist doch nur ein neuer Direktor.
Weil die Frankfurter Buchmesse die größte ihrer Art weltweit ist und unter Druck steht. Die Leserzahlen sinken, die Konkurrenz aus Leipzig wächst. Ein neuer Direktor mit Erfahrung in Jugendbüchern und Comics signalisiert einen Kurswechsel.
Aber Kaufmann hat seit seiner Ankündigung im Januar nichts öffentlich gesagt. Wir wissen nicht wirklich, was er plant. Das ist Spekulation.
Das stimmt. Aber die Tatsache, dass Comics wieder Schwerpunkt werden – das war Boos' Entscheidung, nicht Kaufmanns. Kaufmann erbt ein bereits verändertes System.
Und dieser neue Hallenplan – ist das wirklich eine Lösung für die Probleme?
Das ist unklar. Die Messe sagt, Fachbesucher kämen auch in die oberen Ebenen, aber es gibt keine Daten dazu, wie lange sie bleiben oder wie viel sie dort kaufen.
Das Kernproblem ist älter: Die Trennung von Fachbesuchertagen und offenen Tagen. Am Wochenende war Halle 1 überfüllt, unter der Woche leer. Das neue System könnte das verschärfen.
Also könnte Kaufmann scheitern, bevor er überhaupt anfängt?
Oder er hat Glück. Wenn der Plan funktioniert, kann er sich als Retter darstellen. Wenn nicht, kann er sagen: Das war Boos' Erbe, ich mache es anders.
Das ist ein sehr komfortabler Einstieg für ihn. Er trägt keine Verantwortung für diese Messe, aber er kann die Ergebnisse nutzen.
Und Leipzig? Bleibt das die größere Bedrohung?
Ja. Leipzig hat die Manga Comic Convention mit über einem Drittel der Besucher. Das ist schwer zu kopieren. Frankfurt muss zeigen, dass es mehr ist als nur eine Geschäftsmesse.
Il Polso
- Nach zwei Jahrzehnten unter Boos wächst in der Branche das Unbehagen: Die Messe hat sich von einer Geschäftsplattform zu einer weltpolitischen Gesprächsrunde gewandelt, was viele Aussteller frustriert.
- Leipzig zieht mit Lesungen, Manga-Events und einer breiten Publikumswirkung immer mehr Besucher an – Frankfurt muss reagieren, um öffentliche Förderung und Relevanz zu sichern.
- Der neue Hallenplan verteilt New-Adult-Verlage auf die Erdgeschosse der Hallen 3, 4 und 5, um Besucherströme zu entzerren – doch die Frage bleibt offen, wer die oberen Etagen noch belebt.
- Comics kehren als Messeschwerpunkt zurück, nachdem Boos sie 2014 selbst abgebaut hatte – ein stilles Signal, dass Kaufmanns Handschrift bereits vor seinem offiziellen Amtsantritt spürbar ist.
- Kaufmann übernimmt erst nach Messeschluss: Gelingt das neue Konzept, erntet er den Ruhm – scheitert es, kann er sich durch eigene Reformen profilieren.
Seit einundzwanzig Jahren stand Juergen Boos am Steuer der weltgrößten Buchmesse – nun übergibt er das Ruder an Joachim Kaufmann, einen Verleger mit tiefen Wurzeln in der Branche und einem Gespür für jüngere Leserschichten. Frankfurt, das ewige Zentrum des internationalen Buchhandels, sucht in diesem Wandel eine Antwort auf eine drängende Frage: Wie bleibt eine Geschäftsmesse lebendig, wenn das Lesen selbst um sein Publikum kämpft? Ein neuer Hallenplan, die Rückkehr der Comics und der Schatten Leipzigs markieren den Beginn einer neuen Ära.
Die Frankfurter Buchmesse startet in diesem Jahr unter völlig neuen Vorzeichen. Nach einundzwanzig Jahren gibt Juergen Boos die Leitung ab – eine Amtszeit, die mit Ordnung begann und zuletzt in weltpolitischen Diskussionsrunden versandete, was in der Branche zunehmend Frustration auslöste.
Sein Nachfolger Joachim Kaufmann bringt eine ungewöhnliche Biografie mit: Seine Familie verlegt seit 1816, zuletzt führte er Carlsen, Deutschlands wichtigsten Verlag für Jugendbücher und Comics. Öffentlich hat er sich seit seiner Ernennung im Januar kaum geäußert – schließlich trägt noch Boos die Verantwortung für diese Ausgabe. Und doch ist sein Einfluss bereits spürbar: Die Messe reaktiviert Comics als Schwerpunkt, den Boos 2014 selbst gestrichen hatte.
Der Druck kommt aus Leipzig. Die dortige Messe zieht mit Lesungen in der Stadt und der Manga Comic Convention ein breites Publikum an, das mehr als ein Drittel der Besucher ausmacht. Frankfurt bleibt die wichtigere Geschäftsmesse – doch in Zeiten sinkender Leserzahlen und knapper Fördergelder zählt auch die Breitenwirkung.
Die sichtbarste Veränderung ist der neue Hallenplan. Halle 5, bisher fremdsprachigen Verlagen vorbehalten, wird zum neuen literarischen Zentrum. New-Adult-Verlage verteilen sich auf die Erdgeschosse der Hallen 3, 4 und 5 – ein Versuch, die chaotischen Besucherströme der vergangenen Jahre zu bändigen. Ob die oberen Etagen dadurch verwaisen, bleibt eine offene Frage. Die konsequentere Lösung – die Trennung von Fach- und Publikumstagen aufzuheben – wagte der Börsenverein nicht.
Einige Verlage lehnten ihre neuen Standorte ab und erkämpften sich alte Plätze zurück, andere ziehen optimistisch um. Kaufmann übernimmt offiziell erst nach Messeschluss am Sonntag – ein geschickter Zeitpunkt. Hat das neue Konzept überzeugt, fährt er die Ernte ein. Hat es enttäuscht, kann er mit eigenen Reformen Glaubwürdigkeit gewinnen.
Die Frankfurter Buchmesse öffnet ihre Tore in diesem Jahr unter völlig neuen Vorzeichen. Nach einundzwanzig Jahren übergibt Juergen Boos die Messeleitung ab – eine Amtszeit, die mit großen Hoffnungen begann, als die Messe 2005 nach nur drei Jahren unter seinem Vorgänger Volker Neumann wieder Stabilität brauchte. Neumann hatte mit einem Umzug nach München gedroht, wo er zufällig selbst wohnte. Boos brachte Ordnung zurück. Doch in den letzten Jahren wurde aus der Geschäftsmesse zunehmend eine Gesprächsveranstaltung, in der Boos jedem weltpolitischen Thema hinterherlief – eine Entwicklung, die in der Branche Frustration auslöste.
Sein Nachfolger ist Joachim Kaufmann, ein Verleger im eigentlichen Sinne des Wortes: Seine Familie betreibt seit 1816 den Kaufmann Verlag. Zuletzt war er Geschäftsführer bei Carlsen, Deutschlands führendem Verlag für Jugendbücher und Comics. Die Messe erhofft sich von ihm ein jüngeres Publikum, doch seit seiner Ankündigung im Januar hat Kaufmann öffentlich nichts zu seinen Plänen gesagt – schließlich entscheidet noch immer Boos über diese Ausgabe. Allerdings zeigen sich bereits Verschiebungen: Vor zwei Monaten kündigte die Messe an, Comics wieder als Schwerpunkt zu stärken. Das ist bemerkenswert, denn Boos hatte diesen Schwerpunkt 2014 selbst abgebaut und das etablierte Comic-Zentrum gestrichen. Offenbar wird diese Messe bereits nicht mehr von Boos geprägt.
Die Konkurrenz aus Leipzig treibt diese Neuausrichtung an. Während Frankfurt die wichtigere Geschäftsmesse bleibt, bietet Leipzig dem breiten Publikum mehr: Lesungen außerhalb des Messegeländes und die Manga Comic Convention, die mehr als ein Drittel der Besucher anzieht. In Zeiten, in denen die Buchmesse um öffentliche Förderung kämpfen muss, ist diese Breitenwirkung entscheidend. Kaufmann kennt sich in diesem Segment aus – das ist sein Vorteil.
Die größte Veränderung ist jedoch der neue Hallenplan, für den Boos verantwortlich zeichnet. Nach jahrelanger Planung und Umbau ist es nun Wirklichkeit: Halle 5, bisher den fremdsprachigen Verlagen vorbehalten, wird zum neuen literarischen Zentrum der Messe. Sie liegt der Halle 3 gegenüber, wo bislang die großen deutschsprachigen Verlage saßen. Diese Konstellation führte regelmäßig zu Chaos, besonders am Wochenende, wenn der Fachbesuch vom allgemeinen Publikum abgelöst wurde. Auf den Rolltreppen zwischen den Ebenen stauten sich die Besucherströme, Frustration war garantiert. Der Versuch vor zwei Jahren, New-Adult-Verlage in Halle 1 zu konzentrieren, half wenig: An den Fachbesuchertagen herrschte gähnende Leere, an den offenen Tagen permanente Überfüllung.
Jetzt werden die New-Adult-Verlage über die Hallen 3, 4 und 5 verteilt – und alle in den Erdgeschossen, um die Besuchermassen gar nicht erst auf Treppen zu locken. Das ist logisch, wirft aber eine unbequeme Frage auf: Wer von den Ausstellern will dann noch in die oberen Ebenen, wo nur noch Zufallspublikum fehlt? Die Messe versichert, dass dort weiterhin Fachbesucher kämen, doch wie viele von ihnen verbringen die ganze Messezeit in Frankfurt? Konsequent wäre es gewesen, endlich die Trennung von Fach- und Privatbesuchertagen aufzuheben – zumal die Nachfrage nach Tickets für die offenen Tage zuletzt größer war als das Angebot. Aber der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der die Messe ausrichtet, hält an den für die Branche reservierten Fachbesuchertagen fest. Seine Mitglieder wollen diese Privilegien behalten, obwohl sinkende Leserzahlen jeden Buchveranstaltung wertvoll machen sollten.
Wie sich der neue Plan bewährt, wird sich zeigen. Einige Verlage lehnten ihre neuen Standorte ab und erkämpften sich bessere Plätze oder ihre alten zurück. Andere sind neugierig auf die modernisierte Halle 5 und ziehen optimistisch um. Die Messe bemühte sich, gute Nachbarschaften zu bewahren: Die meisten unabhängigen Belletristik-Verlage bleiben in Halle 3, nur eine Ebene tiefer als bisher. Konzernverlage siedeln sich in Halle 5 an. Und überall im Erdgeschoss die Bestseller des New-Adult-Segments. Das alles ist noch Boos' Erbe. Kaufmann übernimmt die Leitung erst nach Messeschluss am kommenden Sonntag – ein geschickter Zeitpunkt. Entweder hat das neue Konzept überzeugt, und er fährt die Ernte ein. Oder es ist gescheitert, und er kann sich durch Änderungen Glaubwürdigkeit erwerben.
Citazioni salienti
Die Messe erhofft sich von Kaufmann ein neues, jüngeres Publikum— Messeorganisation
In Zeiten sinkender Leserzahlen ist jedes Buch-Ereignis gut – und je mehr Menschen dabei sein können, desto besser— Kritische Stimme in der Branche