Forscher: Meeresboden bremst Eisschmelze in Antarktis

Milliarden Küstenbewohner weltweit könnten ihre Heimat verlieren; Regionen wie die Küste Schleswig-Holsteins, die Niederlande und Venedig könnten bis 2100 unbewohnbar oder überflutet sein.
Der Meeresboden hilft, aber nicht genug
Neue Erkenntnisse zeigen, dass natürliche Stabilisierungskräfte die Eisschmelze nicht aufhalten können.
Mark

Warum ist diese Entdeckung des Meeresboden-Effekts eigentlich wichtig? Wenn er das Schmelzen ohnehin nicht verhindern kann, warum sollte es uns interessieren?

Mimi

Weil sie uns zeigt, wie komplex das System ist. Wir dachten, wir verstehen, warum die Ostantarktis stabil bleibt. Jetzt wissen wir, dass es noch andere Faktoren gibt — und das bedeutet, wir müssen unsere Modelle überdenken.

Luke

Aber Krastel sagt ja selbst, dass dieser Effekt das Abschmelzen allenfalls mildern kann. Das klingt nach einer Randnotiz, nicht nach einer Wendung.

Mimi

Es ist eher eine Warnung. Der Meeresboden hilft dort, wo er hilft. Aber die Ostantarktis schmilzt jetzt trotzdem — von unten. Das ist das Neue und Beängstigende.

Mark

Von unten? Das verstehe ich nicht ganz.

Mimi

Warmes Wasser dringt in die Tiefe ein und schmilzt die Gletscher von innen heraus. Das ist schwerer zu sehen, aber viel schwerer zu stoppen als oberflächliches Schmelzen.

Luke

Und wie sicher sind diese Messungen? Wie lange beobachten die Forscher diesen Prozess schon?

Mimi

Das ist eine gute Frage. Die Expedition war gerade erst, die Daten sind neu. Aber der Denman-Gletscher ist ein bekanntes Beispiel — Forscher beobachten ihn schon länger.

Mark

Wenn der Denman-Gletscher allein den Meeresspiegel um 1,5 Meter anheben könnte — wie viel Eis ist das insgesamt in der Antarktis?

Mimi

Das ist die zentrale Frage. 90 Prozent des Eises der Erde liegt dort. Wenn es wirklich anfängt zu schmelzen, sprechen wir von Metern Meeresspiegelanstieg.

Luke

Aber das Worst-Case-Szenario für 2100 ist ein bis zwei Meter. Das ist nicht alles Antarktis-Eis.

Mimi

Nein, es kommen auch Grönland und andere Quellen hinzu. Aber die Antarktis ist der größte Speicher und das größte Risiko.

Mark

Was müsste passieren, damit dieser Prozess gestoppt wird?

Mimi

Drastische Emissionsreduktion. Schnell. Sonst wird es, wie die Forscher sagen, unumkehrbar.

  • 150 Milliarden Tonnen Eismasse verliert die Antarktis jährlich
  • Ein 260 Meter hoher Sedimentkeil bremst das Schmelzen vor der Ostantarktis
  • Der Denman-Gletscher könnte den Meeresspiegel um 1,5 Meter anheben
  • Bis 2100 könnte der Meeresspiegel um 1–2 Meter ansteigen (Worst-Case-Szenario)

Der Meeresboden in der Ostantarktis stabilisiert das Eis durch Sedimentkeile, die das Abschmelzen bremsen. Warme Wassermassen dringen in die Tiefe ein und schmelzen die Gletscher von unten auf – ein neuer besorgniserregender Prozess.

Forscher des Forschungsschiffes Polarstern entdeckten, dass der Meeresboden die Eisschmelze in der Ostantarktis verlangsamt. Trotz dieser stabilisierenden Wirkung schmelzen die Gletscher zunehmend von unten ab.

Das Forschungsschiff Polarstern ist gerade von einer Expedition vor der Ostantarktis zurückgekehrt, und die Erkenntnisse seiner Mannschaft werfen neues Licht auf eines der rätselhaftesten Phänomene der Klimakrise: Warum schmilzt das Eis am Südpol nicht überall gleich schnell. Während der westliche Eisschild der Antarktis seit Jahrzehnten dramatisch schrumpft, blieb der Osten lange Zeit stabil — ein Widerspruch, den Forscher bislang hauptsächlich mit Höhenlage und Meeresströmungen erklärten. Doch Sebastian Krastel und sein Team vom Kieler Geomar haben eine zusätzliche Kraft entdeckt, die das Eis dort schützt: den Meeresboden selbst.

Bei Echolotmessungen kartierte das Team eine bemerkenswerte geologische Formation — einen 260 Meter hohen und 65 Kilometer langen Hügel aus Sand, Schlamm und Gestein, der vom Eis ins Meer transportiert wurde. Dieser Sedimentkeil wirkt wie eine Bremse. An der Stelle, wo er liegt, verlangsamt sich der Rückzug des Eises messbar. Solche Formationen sind im Südpolarmeer häufig, erklärt Krastel, doch ihr stabilisierender Effekt hat Grenzen. Sie können das Abschmelzen verlangsamen, aber nicht verhindern — und das ist das eigentliche Problem.

Die Antarktis speichert etwa 90 Prozent des Eises der Erde. Jeden Jahr verliert der Kontinent durchschnittlich 150 Milliarden Tonnen Eismasse. Langfristig zerstört dieser Prozess die Lebensräume von Walen, Pinguinen und Krill, während er gleichzeitig den Meeresspiegel anhebt. Doch nun zeigt sich ein besorgniserregenderes Bild: Die Ostantarktis, die lange Zeit dem Klimawandel trotzte, beginnt zu schmelzen — nicht von oben, sondern von unten.

Durch die globale Erwärmung haben sich Windrichtungen und Meeresströmungen verschoben. Warme Wassermassen, das sogenannte zirkumpolare Tiefenwasser, dringen bis zur Küste vor und greifen die Gletscher von unten an. Der Denman-Gletscher ist ein Beispiel: Seine Eiszunge reicht ins Meer, und ab einer Tiefe von 300 Metern wird das Wasser plötzlich wärmer und trägt das Eis ab. Diese Entdeckung beunruhigt die Forschenden, weil sie zeigt, dass auch diese lange Zeit widerstandsfähige Region immer verwundbarer wird. Allein im Denman-Gletscher lagert genug Eismasse, um den Meeresspiegel weltweit um 1,5 Meter ansteigen zu lassen.

Das Schmelzen verstärkt sich selbst durch einen physikalischen Kreislauf. Eis und Schnee reflektieren Sonnenenergie zurück ins All — der sogenannte Albedo-Effekt. Meerwasser dagegen ist dunkel und absorbiert Wärme. Wenn das Eis schmilzt und zu Wasser wird, nimmt der Ozean mehr Wärme auf, was die Erderwärmung verstärkt, was wiederum mehr Eis zum Schmelzen bringt. Es ist eine Kettenreaktion, die sich selbst beschleunigt.

Wissenschaftler wie Marcus Gutjahr vom Kieler Geomar warnen: Ohne schnelle und deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen wird ein unumkehrbarer Prozess in Gang gesetzt. Das Eis am Südpol wird immer schneller abschmelzen, und der Meeresspiegel wird unaufhaltsam ansteigen. Milliarden Küstenbewohner weltweit wären betroffen. Das Worst-Case-Szenario des Weltklimarates für das Jahr 2100 rechnet mit einem Meeresspiegelanstieg von ein bis zwei Metern — genug, um die Küste Schleswig-Holsteins zu überfluten, weite Teile der Niederlande unbewohnbar zu machen und Venedig unter Wasser zu setzen. Die Entdeckung des Polarstern-Teams zeigt, dass selbst die natürlichen Stabilisierungskräfte der Erde nicht ausreichen, um das Tempo des Klimawandels zu bremsen.

Dieser positive Effekt könne das Abschmelzen allenfalls mildern, nicht verhindern
— Sebastian Krastel, Meeresgeophysiker
Ab einer Meerestiefe von 300 Meter wird das Wasser plötzlich wärmer und trägt das Eis ab
— Marcus Gutjahr, Geologe am Kieler Geomar
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