Elfriede Jelinek 80: Der Wutwind der Wirklichkeit

Die Sprache beißt die Hand, die sie aufs Papier zwingt
Jelineks Verständnis der Sprache als eigensinniges, unkontrollierbares Wesen, das sich nicht domestizieren lässt.
Mark

Was macht Jelinek eigentlich so besonders? Sie schreibt gegen Machtverhältnisse – das tun andere auch.

Mimi

Bei ihr ist es nicht abstrakt. Sie nutzt die Sprache selbst als Kampfplatz. Sie zeigt, wie Herrschaft in der Sprache funktioniert, in den Strukturen, die wir gar nicht bemerken.

Luke

Aber das ist eine These. Was zeigt sie konkret? Welche Sätze, welche Strukturen?

Mimi

In ihren Theaterstücken zum Beispiel – keine Charaktere, die sich entwickeln, sondern Textflächen, monologische Passagen, die aufeinandertürmen. Das ist formal radikal.

Mark

Und das funktioniert auf der Bühne?

Mimi

Ja, weil es nicht um psychologische Tiefe geht, sondern um die Oberfläche, um das, was sichtbar wird, wenn man die Sprache auseinandernimmt.

Luke

Aber wie viele Menschen sehen das? Wie viele verstehen das? Sie sagt selbst, dass ihre Tradition in Deutschland kaum verstanden wird.

Mimi

Das stimmt. Sie ist eine Provinzautorin von Weltrang – das ist kein Widerspruch bei ihr, das ist ihre Position. Sie arbeitet aus einer bestimmten Tradition heraus, bewusst lokal, und das macht sie universal.

Mark

Der Nobelpreis hat sie verändert?

Mimi

Nicht in ihrer Wut, aber in ihrer Freiheit. Danach wurde es spielerischer, weniger verzweifelt, mehr Lust am Sprachspiel.

Luke

Aber spielerisch – heißt das weniger politisch?

Mimi

Nein. Die Kritik an Institutionen und Repressionen ließ nicht nach. Aber sie konnte sich mehr erlauben, mehr experimentieren.

Mark

Und jetzt, mit achtzig?

Mimi

Sie schreibt immer noch. Ein neues Stück hat gerade Premiere. Die Wut ist nicht weg.

  • Elfriede Jelinek wird am 20. Oktober 2026 achtzig Jahre alt
  • Literaturnobelpreis 2004 für ihr Werk gegen Machtverhältnisse und Geschlechterverhältnisse
  • Seit 2008 veröffentlicht sie ihre Arbeiten primär im Internet statt in gedruckter Form
  • Ihr Theaterstück "Ein Übertritt" hat diese Woche in Düsseldorf Premiere

Jelinek nutzt Sprache als Ort, wo Herrschaftsverhältnisse sichtbar und potenziell veränderbar werden – nicht als herrschaftsfreier Raum, sondern als Kampfplatz. Ihr Werk umfasst sechs Jahrzehnte literarischer Arbeit gegen Geschlechterverhältnisse und NS-Verdrängung in Österreich, von Theaterstücken bis zu Übersetzungen.

Zum 80. Geburtstag würdigt die FAZ die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek als Provinzautorin von Weltrang, deren Werk Wut gegen Machtverhältnisse mit sarkastischer Sprachlust verbindet.

Die Sprache ist für Elfriede Jelinek kein zahmes Werkzeug. Sie beißt, sie kratzt, sie wirft sich hin und wieder auf, eigensinnig und unberechenbar. In ihrer Nobelpreisrede beschrieb die österreichische Autorin die Sprache als einen Hund – domestiziert zwar, aber niemals wirklich unterworfen, immer bereit, sein Frauchen an der Leine hinter sich herzuschleifen. Diese Metapher fasst zusammen, was Jelinek seit fast sechs Jahrzehnten tut: Sie kämpft mit der Sprache, nutzt sie als Waffe und als Ort, an dem die Wirklichkeit sichtbar wird.

Am heutigen Dienstag wird Jelinek achtzig Jahre alt. Sie ist eine Provinzautorin von Weltrang, eine Schriftstellerin aus Österreich, die sich selbst so beschreibt und die beharrlich in einer bestimmten Weise mit einer bestimmten Sprache arbeitet – einer Sprache, die aus der Wiener Gruppe stammt, aus einer Tradition, die sich mehr für Klang und Lautlichkeit interessiert als für glatte Inhalte. Dass diese Tradition in Deutschland kaum verstanden wird, hat sie lange beklagt. Aber das hat sie nicht gehindert.

Der Kern ihres Werkes ist Wut. Wut über Familienstrukturen, die sich nicht ändern, über Geschlechterverhältnisse, die männlich dominiert sind, über die Art, wie Österreich seine NS-Vergangenheit verdrängt. Diese Wut zeigt sich in ihren Figuren – weibliche Charaktere, die sich gegen die Rituale der Kultur und Sexualität zur Wehr setzen, kämpferisch, aber letztlich aussichtslos, oft gegen sich selbst gerichtet. Es begann 1977 mit einem Theaterstück über Nora, die ihren Mann verlässt. Es folgte 1982 ein Stück über die Pianistin Clara S. Und 1983 kam der Roman "Die Klavierspielerin", in dem die Titelfigur Erika Kohut versucht, in ihrem eigenen Körper mehr zu entdecken als nur das Territorium des Mannes. Naiv und hoffnungslos, wie Jelinek selbst rückblickend sagt, aber ein Versuch dennoch.

Zu dieser Wut gegen Machtverhältnisse kam eine beißend sarkastische Kritik an den Verhältnissen in ihrem Heimatland. Jelinek hat ihre Essays und Bücher oft schon durch ihre Titel deutlich gemacht, was sie vorhatte: "In die Schule gehen ist wie in den Tod gehen", "Ich schlage sozusagen mit der Axt drein", die Romane "Gier" und "Neid", die Theaterstücke "Ulrike Maria Stuart" und "Rechnitz (Der Würgeengel)". Sie hat Hörspiele geschrieben, Essays, Romane, Theaterstücke, Übersetzungen – von Feydeau und Labiche bis zu Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel". Als sie 2004 den Literaturnobelpreis erhielt und Pynchon nicht, nannte sie das im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Witz: "Das ist gegen die Naturgesetze."

Der Nobelpreis veränderte etwas. Nicht die Wut, nicht den Willen zu Spott und Anklage – das blieb. Aber die finanzielle Unabhängigkeit und die weltweite Anerkennung machten das Werk freier, unbekümmerter, spielerischer. Der Wutwind der Wirklichkeit, von dem Jelinek 2004 sprach, blieb spürbar, aber die Lust an Witz und Kalauer trat stärker hervor. Die Kritik an Institutionen und Repressionen ließ nicht nach, aber sie wurde komischer, ironischer, weniger verzweifelt.

2008 kündigte Jelinek ihren Abschied vom gedruckten Buch an. Sie fand im Internet den ihr gemäßen Ort – Autonomie und Privatheit in ihrer öffentlichsten Form. Sie gab das Prinzip der Werkherrschaft auf, was zu ihrer Entwicklung als Theaterautorin passte, die Stücke als Textflächen organisiert, als Abfolgen monologischer Passagen, die Literarisches, Philosophisches und Banales aufeinandertürmen. Assoziationsdramatik ohne Personenzuteilung, die sich bei Aischylos bedient und bei der "Kronen-Zeitung", die alte Redewendungen wie Bettvorleger über die lange Leine ihrer Suada wirft, um sie gründlich auszuklopfen.

Jelinek hat Anfeindungen überstanden, zweimal Aufführungsverbote ihrer Stücke in Österreich, die wieder aufgehoben wurden. Sie hat den Schock des Nobelpreises verkraftet, den sie nicht persönlich entgegennahm. Ihr jüngstes Stück, "Ein Übertritt", hat diese Woche in Düsseldorf Premiere, Regie führt Jossi Wieler. Aber zunächst wird die Autorin achtzig.

Das ist gegen die Naturgesetze
— Elfriede Jelinek über die Verleihung des Nobelpreises an sie statt an Thomas Pynchon, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Sie wagt den Versuch, im eigenen Körper mehr zu entdecken als das Territorium des Mannes
— Elfriede Jelinek über ihre Hauptfigur Erika Kohut in "Die Klavierspielerin"
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