Deutschlands Scheinheiligkeit im Handelskrieg mit China

Ein Land mit einer Million neuer Ingenieure baut innovativere Produkte.
Der Kommentar argumentiert, dass Chinas Erfolg nicht auf Subventionen beruht, sondern auf echter Innovationskraft.
Mark

Warum ist Deutschlands Position denn scheinheilig? Hat das Land nicht das Recht, seine Industrie zu schützen?

Mimi

Weil Deutschland genau das getan hat, was es China jetzt vorwirft. Jahrzehntelang profitierte es von Exportüberschüssen, einer unterbewerteten Währung und politischer Unterstützung für die Autoindustrie. Jetzt, wo es auf der anderen Seite steht, fordert es Protektionismus.

Luke

Aber ist der Vergleich wirklich fair? Die Situation war damals anders, die Technologien waren anders.

Mimi

Das stimmt, aber das Prinzip ist identisch. Ein Land mit Wettbewerbsvorteil exportiert massiv, ein anderes Land kritisiert das als unfair. Deutschland war der Kritisierte, jetzt ist es der Kritiker.

Mark

Was ist mit den Subventionen? Werden chinesische Unternehmen nicht vom Staat gestützt?

Luke

Das ist die wichtige Frage. Der Text sagt, dass das früher so war, aber bei den neuen Branchen wie E-Autos und Batterien ist der Subventionsanteil am Gewinn rapide gefallen. Das ist eine Aussage des chinesischen Thinktanks CF40, aber wir sollten vorsichtig sein: Ist das unabhängig überprüft?

Mimi

Selbst wenn noch Subventionen fließen, zeigt China, dass es innovativ ist. Eine Million neue Ingenieure pro Jahr — das ist keine kleine Zahl.

Mark

Aber schadet das nicht der deutschen Wirtschaft? Sollte Deutschland nicht reagieren?

Luke

Reagieren ja, aber wie? Protektionismus hilft nicht, wenn die Konkurrenz wirklich besser ist. Das würde nur deutsche Konsumenten schaden und deutsche Unternehmen unter Druck nehmen, besser zu werden.

Mimi

Genau. Deutschland könnte in Innovation investieren, statt Mauern zu bauen. Das ist das eigentliche Thema.

Mark

Also sollte Deutschland einfach akzeptieren, dass es verliert?

Mimi

Nicht verliert — sich neu erfinden. China hat das getan. Warum nicht Deutschland?

  • Deutschlands Handelsbilanzdefizit mit China könnte 2026 die Marke von 100 Milliarden Euro überschreiten – ausgerechnet in den Branchen, die einst Deutschlands Stärke waren.
  • Berlin und Paris drängen die EU-Kommission, den Binnenmarkt als geopolitische Waffe einzusetzen und chinesische Elektroautos mit Schutzzöllen zu belegen.
  • Das Subventionsargument verliert an Schärfe: Chinesische Unternehmen in Zukunftsbranchen sind heute deutlich weniger staatsabhängig als noch vor wenigen Jahren.
  • Protektionismus schadet deutschen Verbrauchern, die Zugang zu günstigeren und oft innovativeren Produkten verlieren würden.
  • Europa steht vor der Wahl: Wettbewerbsfähigkeit durch eigene Innovation stärken oder sich hinter Handelsmauern verschanzen – und dabei die eigene Glaubwürdigkeit verspielen.

In einem Handelskrieg, der tiefer liegt als bloße Zölle, steht Deutschland vor dem Spiegel seiner eigenen Geschichte: Das Land, das einst als Exportweltmeister von unterbewerteter Währung und massiven Handelsüberschüssen profitierte, fordert nun Protektionismus gegen ein China, das exakt denselben Weg beschreitet. Was als Verteidigung europäischer Industrie gilt, offenbart bei näherer Betrachtung eine Scheinheiligkeit, die schwer zu rechtfertigen ist – denn Innovationskraft lässt sich nicht dauerhaft hinter Mauern verstecken.

Deutschland befindet sich im Handelskrieg mit China – und hat sich dabei in eine historisch unbequeme Lage manövriert. Gemeinsam mit Frankreich drängt die Bundesregierung die EU-Kommission, den Zugang zum europäischen Binnenmarkt als geopolitisches Druckmittel einzusetzen. Der Anlass: Chinesische Elektroautos sind billiger und verkaufen sich besser. Die deutsche Autoindustrie leidet. Doch wer die jüngere Wirtschaftsgeschichte kennt, erkennt das Muster.

In den 2000er Jahren war Deutschland selbst der Exportweltmeister – gestützt auf eine unterbewertete Währung, massive Handelsüberschüsse und eine Industrie, die politisch geschützt wurde, weil zu viele Arbeitsplätze daran hingen. Kritiker nannten das unfair. Deutschland antwortete: Unsere Produkte sind schlicht besser. Heute erhebt Berlin exakt dieselben Vorwürfe gegen Peking.

China folgt in den 2020er Jahren diesem Drehbuch: Exportstärke, unterbewertete Währung, staatliche Rückendeckung – und eine wachsende Innovationskraft in Elektroautos, Batterien, Solarzellen und Halbleitern. Das zentrale Gegenargument, China subventioniere seine Industrie künstlich, verliert dabei an Überzeugungskraft. Berechnungen des chinesischen Thinktanks CF40 zeigen, dass der Subventionsanteil am Gewinn in diesen Branchen rapide gesunken ist. Die Stärke ist real.

Deutschland schützt mit Protektionismus Branchen, die dringend an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten müssten, und nimmt gleichzeitig den eigenen Verbrauchern günstige Produkte weg. Gewisse Vorsichtsmaßnahmen – etwa bei Seltenen Erden – sind legitim. Doch dass ausgerechnet Deutschland, dessen Universitäten jährlich über eine Million Ingenieure ausbilden, auf Handelsmauern setzt statt auf Erneuerung, ist schwer zu verteidigen. Vielleicht wäre es an der Zeit, Chinas Aufstieg als Realität zu akzeptieren – und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Deutschland steht in einem Handelskrieg mit China, und die Bundesregierung hat sich dabei in eine unbequeme Position manövriert. Gemeinsam mit Frankreich appellierte sie an die EU-Kommission, den Freihandel zu opfern und den Zugang zum europäischen Binnenmarkt als geopolitische Waffe einzusetzen. Der Grund ist bekannt: Chinesische Elektroautos sind billiger, sie verkaufen sich gut, und die deutsche Autoindustrie leidet. Doch wer die Geschichte Deutschlands in den 2000er Jahren kennt, erkennt darin ein vertrautes Muster, das die Bundesrepublik jetzt selbst kritisiert.

Damals war Deutschland der Exportweltmeister. Jahr für Jahr flossen mehr deutsche Güter in die entferntesten Winkel der Welt. Die Autoindustrie florierte, gestützt durch eine unterbe­wertete Währung, die deutsche Produkte im Ausland billiger machte. Wenig wurde im Inland konsumiert, die Leistungsbilanz war massiv unausgeglichen. Kritiker nannten das unfair. Deutschland aber konnte mit Fug und Recht behaupten: Unsere Autos sind einfach besser. Die Politik mischte mit, denn zu viele Arbeitsplätze hingen daran. Die reine Marktwirtschaftslehre war das nie.

China in den 2020er Jahren folgt exakt diesem Drehbuch. Ein Land mit enormer Exportkraft, innovative Produkte, eine unterbe­wertete Währung, die seine Waren im Ausland günstiger macht. Chinesische Unternehmen drängen in neue Branchen vor: Elektroautos, Batterien, Solarzellen, Halbleiter. Sie tun das erfolgreich. Und genau hier wird Deutschlands Position fragwürdig. Das Land, das einst von denselben Vorwürfen hörte, die es jetzt gegen China erhebt, dreht sich um und fordert Protektionismus.

Die Zahlen sind beeindruckend. Das deutsche Handelsbilanzdefizit mit China dürfte 2026 über 100 Milliarden Euro betragen, schätzt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Der Anstieg konzentriert sich auf drei Branchen, die einst das Rückgrat des deutschen Exportwunders waren: Automobil, Elektrotechnik, Maschinenbau. Ausgerechnet dort, wo Deutschland lange dominierte, verliert es jetzt Marktanteile. Das schmerzt, und es erklärt die politische Reaktion. Aber es rechtfertigt sie nicht.

Das zentrale Argument gegen China lautet: Subventionen. Der Staat stütze chinesische Unternehmen künstlich, heißt es. Doch dieses Argument ist älter geworden. Die chinesischen Firmen, die heute auf den Weltmarkt drängen, sind deutlich weniger von staatlichen Krediten abhängig als noch vor Jahren. Der chinesische Thinktank CF40 hat berechnet, dass der Anteil von Subventionen am Gewinn in diesen neuen Branchen rapide gefallen ist. Das bedeutet: Die Innovationskraft ist real. Sie ist nicht künstlich hochgepumpt.

Deutschland zieht es vor, Branchen mit Protektionismus abzuschotten, die dringend an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten müssten. Gleichzeitig nimmt es deutschen Konsumenten Wahlmöglichkeiten und günstige Produkte. Ein anderes Argument wird bisweilen vorgebracht: China mache uns abhängig, und irgendwann, wenn Volkswagen, BMW und Mercedes pleite sind, zieht es die Daumenschrauben an. Doch chinesische Autobauer haben bereits gezeigt, wie schnell etablierte Unternehmen angreifbar werden, wenn man geschickt vorgeht. Das ist keine Drohung aus der Zukunft, das ist bereits Gegenwart.

Es ist legitim, dass sich die EU für Handelskriege rüstet, etwa wenn China den Export Seltener Erden begrenzen sollte. Es ist auch wahr, dass Chinas unterbewertete Währung hilft und dass mehr Binnenkonsum wünschenswert wäre. Aber dass gerade Deutschland sich auf diese Argumente zurückzieht, ist scheinheilig. Ein Land, dessen Universitäten jährlich mehr als eine Million neue Ingenieure hervorbringen, baut schlicht innovativere Produkte. Das ist keine Ungerechtigkeit, das ist Realität. Vielleicht wird es Zeit für Europa, das zu akzeptieren, statt es mit Mauern zu bekämpfen.

Vielleicht wird es Zeit für Europa, zu akzeptieren, dass ein Land, dessen Universitäten jährlich mehr als eine Million neue Ingenieure hervorbringen, schlicht innovativere Produkte baut.
— Kommentar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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