Cellistin Martha Bijlsma verarbeitet NS-Verfolgung ihrer jüdischen Familie auf der Bühne

Martha Bijlsmas Großmutter Louise und vier Geschwister wurden als Zwangsarbeiter in einem Konzentrationslager inhaftiert; sie überlebten, erlitten aber tiefe Traumatisierung, die sie ihr Leben lang nicht verarbeiten konnten.
Das Schweigen war ihre Art, danach zu leben und zu funktionieren.
Martha Bijlsma erklärt, warum ihre Großmutter Louise ihr Konzentrationslager-Trauma nie verarbeitete.
Mark

Warum hat die Großmutter nie über das Konzentrationslager gesprochen? War das Trauma zu groß?

Mimi

Martha vermutet genau das – dass Louise tief traumatisiert war und das Schweigen ihre Art war zu überleben. Nicht darüber zu sprechen, um zu funktionieren und zu vergessen.

Luke

Aber wir wissen das nicht wirklich, oder? Das ist Marthas Vermutung. Louise ist tot und hat sich nie dazu geäußert.

Mark

Wie hat Martha dann überhaupt herausgefunden, was mit ihrer Großmutter passiert ist?

Mimi

Durch ihren Großonkel Richard, Louises Bruder. Er hat sich öffentlich zu seinen Erlebnissen im Holocaust geäußert, und es gab ein privates Familienbuch. Das hat Martha auf die Spur gebracht.

Luke

Also nicht von Louise selbst, sondern von anderen Familienmitgliedern. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Mark

Und warum macht Martha jetzt diese Performance? Was treibt sie an?

Mimi

Mehreres. Der Anschlag in Israel 2023, der Krieg, die steigenden antisemitischen Übergriffe in Deutschland und den Niederlanden. Und die Tatsache, dass ihre Generation anfängt, die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Luke

Die Performance kombiniert persönliche Geschichte mit politischem Moment. Aber ist das Kunstwerk oder Aktivismus? Oder beides?

Mark

Und was passiert nach dem Beethovenfest? Endet das Projekt?

Mimi

Nein. Martha will weitermachen. Es fehlen noch fünf Stolpersteine für Familienmitglieder. Sie hofft, dass ihre Generation das aufgreift und eine Kettenreaktion auslöst.

Luke

Das ist ein konkreter Plan, nicht nur eine Hoffnung. Das ist wichtig.

  • Martha Bijlsmas Großmutter Louise überlebte ein Konzentrationslager, sprach aber nie darüber
  • Louise und vier Geschwister waren Zwangsarbeiter bei Philips und stellten Radios her
  • Performance "Don't Mention the War" beim Beethovenfest Bonn kombiniert Musik, Videos und Interviews
  • Im Frühjahr 2026 wurden Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise online zugänglich gemacht
  • Fünf Stolpersteine für Familienmitglieder fehlen noch

Martha Bijlsmas Großmutter Louise überlebte das Konzentrationslager, schwieg aber ihr Leben lang über ihre Erfahrungen und das erlittene Trauma. Die Performance "Don't Mention the War" kombiniert Musik, Videos, Interviews und Symbole wie Radios und Stolpersteine, um das Opfer-Trauma und das Familiengeheimnis zu thematisieren.

Die niederländische Cellistin Martha Bijlsma setzt sich in einer Performance beim Beethovenfest Bonn mit der NS-Verfolgungsgeschichte ihrer jüdischen Großmutter auseinander, die ein KZ überlebt aber nie darüber sprach.

Martha Bijlsma erfuhr erst mit sechzehn Jahren, dass ihre Großmutter Louise ein Konzentrationslager überlebt hatte. Die niederländische Cellistin kannte ihre Oma nur als elegante Dame mit Sonnenbrille – eine Frau, die niemals über ihre Vergangenheit sprach. Als Louise starb, war es zu spät für Fragen. Das Schweigen blieb, bis Bijlsma Jahre später in einem Familienarchiv und in Interviews ihres Großonkels Richard, Louises Bruder, auf die Wahrheit stieß: Louise und vier ihrer Geschwister waren als Zwangsarbeiter in einem Konzentrationslager inhaftiert worden, wo sie für den niederländischen Elektrohersteller Philips Radios herstellten und reparierten. Sie überlebten – aber das Trauma, das sie erlitten hatten, verarbeiteten sie nie.

Im Frühjahr 2026 machte eine Entscheidung des US-Nationalarchivs Millionen NSDAP-Mitgliedsausweise online zugänglich. Plötzlich konnten Menschen überall nachschlagen, wer in ihrer Familie bis 1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei gewesen war. In Deutschland stieg die Nachfrage sprunghaft an. Für viele Nachkommen war dies ein schmerzhafter Moment – die Konfrontation mit der Täterschaft in der eigenen Familie, mit Verbrechen, die Verwandte begangen oder geduldet hatten und dann jahrzehntelang verschwiegen. Bijlsma sagt dazu: Es sei schwierig und beschämend, sich damit auseinanderzusetzen, dass die eigenen Verwandten Nazis waren. Aber allmählich, beobachtet sie, sprechen immer mehr Menschen darüber und versuchen zu verstehen, was damals geschah.

Als Fellow beim Beethovenfest Bonn konzipierte Bijlsma eine Bühnenperformance mit dem Titel "Don't Mention the War". Sie wollte das Schweigen brechen – nicht nur das Schweigen der Täter, sondern auch das der Opfer. Sechs Millionen Juden wurden unter der Herrschaft Adolf Hitlers ermordet, viele in Konzentrationslagern durch Giftgas. Viele Überlebende, wie Louises, konnten oder wollten nie darüber sprechen. Bijlsma vermutet, dass ihre Großmutter tief traumatisiert war und das Schweigen ihre Überlebensstrategie war – ein Weg, danach zu funktionieren, indem man einfach nicht mehr darüber sprach, um zu vergessen.

Die Performance verbindet Musik, Videos, Interviews und Symbole. Auf der Bühne stehen Radios, aus denen manchmal verzerrte Geräusche erklingen. Videoleinwände zeigen den Familienstammbaum, Aufnahmen von Konzentrationslagern und Stolpersteine – jene Gedenksteine im Gehweg, die an Vertriebene erinnern. Aufnahmen von Interviews, die Bijlsma mit ihren Verwandten geführt hat, erklingen parallel. Ihr Cello wird von Geige, Akkordeon und Elektrosounds begleitet. Sie spielt Stücke, die ihre Großmutter liebte, und Werke, die zur Geschichte passen – etwa "Pianissimo" des lettischen Komponisten Pēteris Vasks für Violoncello solo, das symbolisch für Louises Schweigen steht. "Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Persönliches mache, das mir so nahe geht", sagt Bijlsma. Sie beschäftigt sich intensiv damit, was ein Trauma mit einem Menschen macht und wie es sich durch die Generationen hindurch weitervererbt.

Der Historiker Johannes Spohr beobachtet ein wachsendes Interesse in der dritten und vierten Generation. Der Ukraine-Krieg hat dieses Interesse geweckt – die Nationalsozialisten begingen dort schreckliche Gräueltaten. Gleichzeitig bereitet vielen Menschen der wachsende Zuspruch für die Alternative für Deutschland (AfD) Sorgen, die vom Verfassungsschutz in Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Menschen wollen prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen diesem Aufstieg und einer nicht aufgearbeiteten NS-Vergangenheit gibt.

Für Bijlsma selbst war auch der Anschlag auf ein Musikfestival am 7. Oktober 2023 in Israel durch die Hamas ein Anstoß. Der darauffolgende Krieg wurde vielfach diskutiert und kritisiert, auch in ihrer Familie. Im Laufe des Krieges stiegen die Zahlen antisemitischer Übergriffe in Deutschland markant an. In den Niederlanden gab es ebenfalls große antisemitische Aktionen, die Bijlsma als beängstigend empfand. Um so wichtiger ist es für sie, die Verfolgungsgeschichten zu erzählen und zu verarbeiten – damit die Geschichte nicht endet, sondern sich fortsetzt. Nach dem Projekt beim Beethovenfest will sie weitermachen. Es fehlen noch fünf Stolpersteine für Familienmitglieder. "Das könnte meine Generation aufgreifen", sagt sie. "Ich hoffe, es löst eine Art Kettenreaktion aus, dass die Geschichte weitergeht."

Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Persönliches mache, das mir so nahe geht.
— Martha Bijlsma über ihre Performance
Ich hoffe, es löst eine Art Kettenreaktion aus, dass die Geschichte weitergeht.
— Martha Bijlsma über ihre Hoffnung für zukünftige Generationen
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