Baden-Württemberg zeigt: Hausarzt als Gatekeeper funktioniert

Hier sind meine Grenzen, hier bräuchte man vielleicht die Kompetenz eines Facharztes
Ein Patient erklärt, warum er das System akzeptiert, obwohl es seine Wahlfreiheit einschränkt.
Mark

Warum sollte die Bundesregierung dieses Modell überhaupt bundesweit einführen? Was ist der konkrete Vorteil?

Mimi

Das Modell schafft Struktur. Statt dass jeder Patient überall hingehen kann, gibt es einen klaren Weg: Hausarzt zuerst, dann gezielt zum Facharzt. Das reduziert Doppeluntersuchungen und unkontrollierte Kontakte.

Luke

Aber die Ökonomin sagt ja selbst, dass schnellere Facharzttermine wissenschaftlich nicht belegt sind. Worauf stützt sich die Hoffnung der Bundesregierung dann wirklich?

Mimi

Auf die Evaluation aus Frankfurt und Heidelberg. Die zeigt, dass weniger unkoordinierte Facharztkontakte stattfinden. Das ist messbar. Und Hausärzte können 80 Prozent der Fälle selbst lösen.

Mark

Aber ist das nicht auch ein Problem? Wenn ein Patient zum Facharzt will und der Hausarzt sagt nein – ist das nicht eine Einschränkung der Wahlfreiheit?

Mimi

Ja, aber die Patienten melden sich freiwillig an. Martin Holl bereut es nicht. Er vertraut seinem Hausarzt und akzeptiert, dass dieser die Grenzen seiner Kompetenz kennt.

Luke

Das ist aber ein einzelner Patient. Wie viele Patienten in Baden-Württemberg sind wirklich zufrieden? Gibt es dazu Daten?

Mimi

Das wird in der Reportage nicht gesagt. Die Evaluation misst Kontakte und Koordination, nicht Patientenzufriedenheit.

Mark

Und was ist mit Hausärzten, die nicht im Modell sind? Kolb sagt ja selbst, dass noch deutlich mehr Praxen teilnehmen sollten.

Mimi

Das ist ein echtes Problem. Das System funktioniert nur, wenn genug Hausärzte mitmachen und wenn die Fachärzte erreichbar sind. In dünn besiedelten Gegenden könnte das schwierig sein.

Luke

Also: Das Modell funktioniert in Baden-Württemberg, aber ob es bundesweit funktioniert – das ist noch offen.

Mimi

Genau. Arnegger sagt ja: Wartezeiten hängen von vielen Faktoren ab. Das Modell allein löst nicht alles.

  • Das deutsche Gesundheitssystem leidet unter unkontrollierten Facharztbesuchen, Doppeluntersuchungen und langen Wartezeiten – ein strukturelles Problem, das Millionen Patienten täglich spüren.
  • Baden-Württemberg zeigt seit 2008 mit über 3,4 Millionen Teilnehmern, dass ein koordiniertes Hausarztmodell tatsächlich weniger Chaos und mehr Struktur erzeugt.
  • Die Bundesregierung greift dieses Vorbild auf: Gesundheitsminister Linnemann kündigte an, noch im Herbst einen Referentenentwurf zur bundesweiten Einführung der sogenannten Primärversorgung vorzulegen.
  • Wissenschaftlerinnen wie Gesundheitsökonomin Silke Arnegger mahnen zur Nüchternheit: Wartezeiten hängen von Facharztdichte, Digitalisierung und Praxisorganisation ab – das Modell allein löst diese Probleme nicht.
  • Im Alltag funktioniert das System dann am besten, wenn der Hausarzt nicht als Hürde, sondern als Lotse erlebt wird – so wie Patient Martin Holl es beschreibt, der seinem Arzt vertraut, auch wenn dieser ihn weiterverweist.

Seit fast zwei Jahrzehnten erprobt Baden-Württemberg ein Prinzip, das so alt ist wie die Medizin selbst: der Arzt des Vertrauens als erster Ansprechpartner, der weiß, wann er weiterverweisen muss. Nun will die Bundesregierung dieses Modell der hausarztzentrierten Versorgung auf ganz Deutschland ausdehnen – in der Hoffnung, ein fragmentiertes System durch Koordination zu heilen. Doch Effizienz lässt sich nicht per Gesetz verordnen; sie entsteht dort, wo Vertrauen, Struktur und ausreichend Fachkräfte zusammenkommen.

Baden-Württemberg praktiziert seit fast zwei Jahrzehnten ein Prinzip, das die Bundesregierung nun bundesweit einführen möchte: die hausarztzentrierte Versorgung. Das Modell ist denkbar einfach – Patienten gehen zuerst zum Hausarzt, der entscheidet, ob ein Facharzt nötig ist, und überweist dann gezielt weiter. Seit 2008 nehmen in Baden-Württemberg über 3,4 Millionen gesetzlich Versicherte teil, mehr als ein Drittel der Bevölkerung.

Patient Martin Holl, 68, ist einer von ihnen. Als er Herzprobleme und Muskelschwäche bemerkte, hätte er direkt zum Kardiologen gehen können – doch er hatte sich bewusst für das Modell entschieden. Sein Hausarzt Joachim Kolb aus Benningen bei Stuttgart bietet im Gegenzug etwas Konkretes: schnellere Facharzttermine. Dank direkter Kollegenkontakte lässt sich ein dringender Termin oft innerhalb von zwei Tagen organisieren.

Wissenschaftlich belegt ist dieser Vorteil bislang allerdings nicht. Gesundheitsökonomin Silke Arnegger von der Hochschule RheinMain warnt, dass Wartezeiten von vielen Faktoren abhängen – Facharztdichte, Digitalisierung, Praxisorganisation. Das Modell sei kein Universalmittel, sondern ein Teil eines größeren Systems.

Dennoch sieht die Bundesregierung darin eine Lösung. Gesundheitsminister Carsten Linnemann hat angekündigt, noch im Herbst einen Referentenentwurf vorzulegen. Eine aktuelle Evaluation der Universitäten Frankfurt und Heidelberg stützt den Optimismus zumindest teilweise: HZV-Patienten besuchen zwar häufiger den Hausarzt, haben aber deutlich weniger unkontrollierte Facharztkontakte. Hausarzt Kolb behandelt acht von zehn Patienten selbst – das Modell bringt ihm mehr Arbeit, mehr Vergütung und mehr Berufszufriedenheit.

Für Martin Holl bleibt das Fazit persönlich: Er schätzt, dass sein Hausarzt weiß, wann er an seine Grenzen stößt und weiterverweist. So wird das System im Idealfall nicht zur Hürde, sondern zur Orientierung.

Baden-Württemberg praktiziert seit fast zwei Jahrzehnten ein Modell, das die Bundesregierung nun bundesweit einführen möchte. Die sogenannte hausarztzentrierte Versorgung funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Patienten gehen zunächst zum Hausarzt, dieser entscheidet, ob ein Facharzt nötig ist, und überweist dann gezielt weiter. Was in anderen Bundesländern nur in Ansätzen existiert, ist in Baden-Württemberg zur Normalität geworden. Seit 2008 nehmen dort über 3,4 Millionen gesetzlich Versicherte teil – mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Die Tendenz steigt weiter.

Martin Holl, 68 Jahre alt, ist einer dieser Patienten. Als er Herzprobleme, geschwollene Beine und Muskelschwäche bemerkte, hätte er direkt zum Kardiologen gehen können. Stattdessen musste er zuerst seinen Hausarzt aufsuchen – nicht aus Mangel an Wahlfreiheit, sondern weil er sich bewusst für das Modell angemeldet hat. Sein Hausarzt, Joachim Kolb aus Benningen bei Stuttgart, verspricht im Gegenzug für diese Einschränkung etwas Konkretes: schnellere Facharzttermine. "Wenn es dringend wird, sorge ich dafür, dass Sie zeitnah eine Behandlung bekommen", sagt Kolb seinen Patienten. Möglich macht das ein direkter Draht zu Fachkollegen in der Umgebung. Ein Arzt kann einem anderen Arzt deutlich besser erklären, warum ein Fall eilig ist – und dann funktioniert ein Termin oft innerhalb von zwei Tagen.

Doch es gibt einen Haken: Wissenschaftlich belegt ist dieser Vorteil bislang nicht. Wartezeiten hängen von vielen Faktoren ab, erklärt Silke Arnegger, Gesundheitsökonomin an der Hochschule RheinMain. Die Verfügbarkeit von Fachärzten in der Fläche, die Digitalisierung der Praxen, die interne Organisation – all das spielt eine Rolle. "Das kann die hausarztzentrierte Versorgung alleine auch nicht lösen", sagt Arnegger. Das Modell ist also kein Universalmittel gegen lange Wartezeiten, sondern ein Teil eines größeren Systems.

Die Bundesregierung sieht es trotzdem als Lösung. Erst die damalige Gesundheitsministerin Nina Warken, dann ihr Nachfolger Carsten Linnemann haben das Modell unter dem Namen "Primärversorgung" in ihre Reformpläne aufgenommen. Linnemann versprach erst vor kurzem, noch im Herbst einen Referentenentwurf vorzulegen. Das Ziel ist klar: Das Gesundheitssystem soll effizienter werden, Patienten besser gesteuert, Fachärzte entlastet. Baden-Württemberg gilt als Vorbild, weil die Verantwortlichen dort von Anfang an klare Regeln setzten – wann der Hausarzt überweist, wann der Facharzt ins Krankenhaus weiterschickt, wann der Patient zurück zum Hausarzt kommt.

Eine aktuelle Evaluation durch die Universitäten Frankfurt und Heidelberg zeigt, dass das System tatsächlich etwas bewirkt. Patienten im Modell besuchen ihre Hausarztpraxis zwar häufiger, dafür gibt es deutlich weniger unkontrollierte Facharztkontakte. Das bedeutet: Weniger Doppeluntersuchungen, weniger Chaos, mehr Struktur. Hausarzt Johannes Kolb sagt, dass er acht von zehn Patienten selbst behandeln kann, ohne sie zum Facharzt schicken zu müssen. Das Modell bringt ihm mehr Arbeit, aber auch mehr Geld von den Krankenkassen – und vor allem: mehr Aufwertung seines Berufs. Er darf wieder mehr machen, auch kleine chirurgische Eingriffe. "Das erfüllt mich mit einer Arbeitszufriedenheit, die ich jedem wünschen kann", sagt er.

Für Martin Holl bedeutet das konkret: Er muss mit seinen Herzproblemen zum Kardiologen, aber sein Hausarzt wird den Termin direkt selbst arrangieren. Dass er zuerst zum Hausarzt gehen musste, bereut er nicht. "Der ist der Arzt meines Vertrauens", sagt Holl. "Und ich schätze das, dass er an einem gewissen Punkt sagt: Hier sind meine Grenzen, hier bräuchte man vielleicht die Kompetenz eines Facharztes." So funktioniert das System im Idealfall – nicht als Hürde, sondern als Orientierung.

Wenn es dringend wird, sorge ich dafür, dass Sie zeitnah eine Behandlung bekommen
— Hausarzt Joachim Kolb
Das erfüllt mich mit einer Arbeitszufriedenheit, die ich jedem wünschen kann
— Hausarzt Johannes Kolb über die Aufwertung seines Berufs
Möchten Sie die ganze Geschichte? Das Original lesen bei tagesschau ↗
Kontakt FAQ