In den Schaltzentralen Berlins ringen Finanzministerium und Kanzleramt um die Form einer Zuckersteuer, die längst als politischer Kompromiss galt — und nun zum Prüfstein einer ganzen Koalition geworden ist. Finanzminister Klingbeil braucht die Einnahmen dringend, um den Bundeshaushalt zu schließen, doch sein Entwurf mit höheren Sätzen und früherem Inkrafttreten hat Industrie, Union und Länder gegen sich aufgebracht. Was als gesundheitspolitische Maßnahme begann, ist zu einer Frage der Regierungsfähigkeit geworden — und die Zeit läuft ab.
Zuckersteuer spaltet Koalition: Finanzministerium und Kanzleramt geraten aneinander
Ohne diese Steuer fehlt dem Finanzminister Geld für die Gegenfinanzierung
Warum ist diese Zuckersteuer für Klingbeil so wichtig, dass er bereit ist, die ganze Koalition damit zu belasten?
Weil ohne sie der Gesundheitsfonds nicht finanziert werden kann. Das ist nicht optional — das ist eine Lücke im Bundeshaushalt, die gefüllt werden muss.
Aber die Kommission hatte schon eine Lösung vorgeschlagen, die alle akzeptiert haben. Warum ändert das Finanzministerium plötzlich die Zahlen?
Das ist die zentrale Frage. Der Entwurf bringt fast doppelt so viel Geld ein wie die Kommission kalkuliert hatte. Das deutet darauf hin, dass Klingbeil mehr braucht als ursprünglich geplant.
Und das Kanzleramt sagt nein dazu?
Das Kanzleramt bremst, ja. Es gibt Druck von der Industrie, von der Union, von Bundesländern. Das Kanzleramt muss das politisch bewerten.
Aber wir wissen nicht, warum Klingbeil mehr Geld braucht als die Kommission veranschlagt hat. Das ist nicht im Bericht erklärt.
Richtig. Das ist eine offene Frage. Es könnte sein, dass sich die Haushaltslage verschärft hat, oder dass andere Pläne teurer geworden sind.
Was passiert, wenn sie sich nicht einigen?
Dann fehlt das Geld im Haushalt, und der Bundestag kann ihn nicht verabschieden. Das ist ein echtes Problem.
Und die Kundgebung am 8. Oktober — das ist Druck von außen, der die Verhandlungen beeinflussen soll?
Genau. Die Industrie signalisiert: Das geht nicht durch, wenn ihr nicht nachgebt.
Wie wahrscheinlich ist ein Kompromiss in vier Wochen?
Das ist offen. Es hängt davon ab, wie viel Klingbeil wirklich braucht und wie viel die Union bereit ist zu geben.
El Pulso
- Das Finanzministerium hat einen Zuckersteuer-Entwurf verschickt, der deutlich schärfer ausfällt als die Empfehlungen der eigens eingesetzten Regierungskommission — höhere Sätze, früherer Start, fast doppelte Einnahmen.
- Die Lebensmittelindustrie läuft Sturm, die Gewerkschaft NGG hat bereits eine Kundgebung vor dem Bundesfinanzministerium angemeldet, und Teile der Union sowie mehrere Bundesländer verweigern ihre Zustimmung.
- Das Kanzleramt bremst den Vorstoß seines eigenen Finanzministers — ein seltenes Zeichen dafür, wie tief der Riss innerhalb der Koalition inzwischen geht.
- Ohne die Zuckersteuer fehlt die Gegenfinanzierung des Gesundheitsfonds, und der gesamte Bundeshaushalt gerät ins Wanken — Klingbeil hat kaum Spielraum zum Nachgeben.
- In weniger als vier Wochen muss der Haushalt den Bundestag passieren; die Verhandlungen laufen hinter verschlossenen Türen, ein Kompromiss ist möglich, aber keineswegs sicher.
In den Schaltzentralen Berlins ringen Finanzministerium und Kanzleramt um die Form einer Zuckersteuer, die längst als politischer Kompromiss galt — und nun zum Prüfstein einer ganzen Koalition geworden ist. Finanzminister Klingbeil braucht die Einnahmen dringend, um den Bundeshaushalt zu schließen, doch sein Entwurf mit höheren Sätzen und früherem Inkrafttreten hat Industrie, Union und Länder gegen sich aufgebracht. Was als gesundheitspolitische Maßnahme begann, ist zu einer Frage der Regierungsfähigkeit geworden — und die Zeit läuft ab.
Es war eigentlich eine beschlossene Sache. Eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke sollte kommen — doch seit das Finanzministerium seinen konkreten Entwurf an die anderen Ressorts verschickt hat, herrscht Aufruhr in der Koalition.
Die von der Regierung eingesetzte Kommission hatte eine gestaffelte Lösung vorgeschlagen: 26 Cent pro Liter ab fünf Gramm Zucker, 32 Cent ab acht Gramm — mit erwarteten Einnahmen von rund 450 Millionen Euro ab 2028. Der Entwurf des Finanzministeriums geht weit darüber hinaus: Die Staffelung beginnt erst bei sieben Gramm, die Sätze liegen höher, und die Steuer soll bereits am 1. Juli 2027 in Kraft treten. Die prognostizierten Einnahmen im ersten Jahr: gut 795 Millionen Euro — fast das Doppelte der ursprünglichen Kalkulation.
Diese Zahlen haben massive Gegenwehr ausgelöst. Die Lebensmittelindustrie protestiert lautstark, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hat eine Kundgebung vor dem Bundesfinanzministerium angemeldet, Teile der Union und mehrere Bundesländer lehnen den Plan ab. Selbst das Kanzleramt bremst.
Für Finanzminister Klingbeil steht dabei mehr auf dem Spiel als eine einzelne Abgabe. Ohne die Zuckersteuer fehlt die Gegenfinanzierung des Gesundheitsfonds — und damit ein entscheidendes Puzzlestück des Bundeshaushalts, der in vier Wochen durch den Bundestag muss. Die Verhandlungen laufen, die Zeit drängt, und ob ein Konsens noch gelingt, ist offen.
Es war eigentlich beschlossene Sache: Eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke sollte kommen. Doch nun geraten die mächtigsten Büros der Regierung aneinander — das Finanzministerium auf der einen Seite, das Kanzleramt auf der anderen — und mit ihnen eine ganze Koalition, die sich nicht einigen kann, wie diese Steuer aussehen soll.
Finanzminister Lars Klingbeil kennt das Thema zur Genüge. Immer wieder landet es auf seinem Schreibtisch, aufgeladen mit Emotionen und Widerspruch. Ende August musste er bereits klären, dass eine Zuckersteuer nicht auf zuckerfreie Getränke erhoben werden würde — nachdem sein eigenes Ministerium genau das durchgerechnet hatte. Ein Eckpunkte-Papier seiner Finanzbeamten war bekannt geworden, in dem auch Hafermilch und Zero-Getränke als steuerpflichtig durchgespielt wurden. Klingbeil reagierte sofort, postete auf Instagram, dass eine solche Steuer keinen Sinn ergebe. Das Thema war damit aber nicht vom Tisch.
Seitdem arbeitete das Finanzministerium weiter an einem konkreten Entwurf. Am Montag schickte es diesen an die anderen Ministerien — und seitdem herrscht Aufruhr. Staatssekretäre aus dem Finanz-, Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium diskutieren hinter den Kulissen, worauf die Steuer genau erhoben werden soll. Es geht um Fruchtschorlen mit Zuckerzusatz, um die genaue Höhe der Abgabe, um Grammzahlen. Die Details sind technisch, aber die Konsequenzen sind erheblich.
Eine von der Regierung eingesetzte Kommission hatte ursprünglich eine gestaffelte Lösung vorgeschlagen: Bei Getränken mit fünf Gramm Zucker oder mehr pro 100 Milliliter sollten 26 Cent Steuer pro Liter fällig werden, ab acht Gramm 32 Cent. Die Kommission rechnete damit, dass ab 2028 jährlich etwa 450 Millionen Euro in die Staatskasse fließen würden. Das war die Grundlage, auf der man sich geeinigt hatte.
Doch der Entwurf des Finanzministeriums sieht anders aus. Die Staffelung beginnt bei sieben Gramm Zucker mit 32 Cent, springt bei zehn Gramm auf 38 Cent. Die Steuer soll bereits am 1. Juli 2027 in Kraft treten — ein Jahr früher als geplant. Und die erwarteten Einnahmen sind deutlich höher: gut 795 Millionen Euro im ersten Jahr, nicht 450 Millionen wie die Kommission kalkuliert hatte. Das ist fast das Doppelte.
Diese Zahlen haben massive Proteste ausgelöst. Die Lebensmittelindustrie läuft seit Tagen Sturm gegen den Plan. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hat für den 8. Oktober eine Kundgebung vor dem Bundesfinanzministerium angemeldet. Teile der Union lehnen ab, mehrere Bundesländer auch. Das Kanzleramt bremst. Der Druck wächst.
Für Klingbeil steht viel auf dem Spiel. Das Finanzministerium betont immer wieder: Die Zuckersteuer ist entscheidend für den Bundeshaushalt. Ohne sie fehlt das Geld zur Gegenfinanzierung des Gesundheitsfonds. In vier Wochen muss der Haushalt durch den Bundestag. Das bedeutet: In den nächsten Tagen und Wochen wird hinter verschlossenen Türen hart verhandelt, um einen Kompromiss mit der Union zu finden. Die Zeit drängt, und es ist unklar, ob ein Konsens noch möglich ist.
Citas Notables
Eine Zuckersteuer auf nicht zuckerhaltige Getränke ergibt keinen Sinn— Finanzminister Lars Klingbeil, August 2026