USA im Wandel: SPIEGEL-Korrespondent zieht nach 30 Jahren Bilanz

Homosexuelle Paare wie Pitzke und sein schwarzer Ehemann fühlen sich durch die aktuelle Politik bedroht und verlassen das Land aus Angst vor Diskriminierung und Rückgängigmachung von Rechten.
Das Amerika, in dem ich dachte zu leben, war vorbei
Pitzke erkennt in der Wahlnacht 2016, dass sein Land sich fundamental verändert hat.
Mark

Was hat sich denn am radikalsten verändert in diesen dreißig Jahren?

Mimi

Das Vertrauen. Die Unbefangenheit. In den neunziger Jahren war Politik einfach nicht wichtig im Alltag. Man war freundlich zu Menschen, egal welche Partei sie wählten. Nach 9/11 wurde alles politisch, alles wurde zum Kampf.

Luke

Aber ist das nicht auch eine sehr persönliche Wahrnehmung? Andere Menschen in den USA haben vielleicht ganz andere Erfahrungen gemacht in dieser Zeit.

Mimi

Natürlich. Aber Pitzke spricht von New York, von seiner Bubble. Und er sagt selbst, dass er nicht alles Trump zuschieben kann – 77 Millionen Menschen haben ihn gewählt.

Mark

Warum ist Obama für ihn ein Wendepunkt, wenn er doch Hoffnung gebracht hat?

Mimi

Weil die Hoffnung falsch war. Obamas Existenz als schwarzer Präsident hat nicht Versöhnung gebracht, sondern hat den rassistischen Unterbau des Landes erst recht mobilisiert. Das war der Anfang von Tea Party und Trump.

Luke

Das ist eine These, aber ist das wirklich kausal? Hätte Trump ohne Obama aufsteigen können?

Mimi

Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. Aber Pitzke beobachtet, dass die Wut auf Obama direkt in die MAGA-Bewegung floss.

Mark

Und warum geht er jetzt weg? Nur wegen Trump?

Mimi

Nicht nur. Es ist die Angst um seine Ehe, um die Rechte von ihm und seinem Mann. Es ist das Gefühl, dass das Land nicht mehr zu retten ist, bevor es noch schlimmer wird.

Luke

Aber er sagt auch, dass New York eine Blase ist, dass er dort sicher ist. Ist das nicht ein Grund zu bleiben?

Mimi

Sein Mann sagt nein. Er will nicht in einer Blase leben. Er will das echte Leben erleben, und das echte Leben außerhalb New Yorks fühlt sich für ihn zu gefährlich an.

Mark

Wie viele Menschen wie Pitzke verlassen das Land denn?

Luke

Das wissen wir aus dieser Geschichte nicht. Das ist eine einzelne Person, ein Journalist mit Mitteln, der gehen kann. Für viele andere ist das keine Option.

  • Marc Pitzke lebt seit 1993 in New York, arbeitet seit 2003 als SPIEGEL-Korrespondent
  • 9/11 2001 markierte den Wendepunkt von Unbefangenheit zu Kriegsgesellschaft
  • Obamas Wahl 2008 weckte falsche Hoffnungen auf Versöhnung, mobilisierte stattdessen rassistische Gegenbewegung
  • Trump begnadigte etwa 1500 Menschen vom 6. Januar 2021
  • Pitzke ist mit einem schwarzen Mann verheiratet und fürchtet um Rechte von LGBTQ-Paaren

Die 1990er Jahre in New York waren geprägt von Freiheit und Unbefangenheit, doch 9/11 markierte einen Wendepunkt, der die Gesellschaft in eine Kriegsgesellschaft verwandelte. Obamas Wahl 2008 weckte falsche Hoffnungen auf Versöhnung, löste aber stattdessen eine rassistische Gegenbewegung aus, die in Trumps Aufstieg mündete.

SPIEGEL-Korrespondent Marc Pitzke verlässt die USA nach über drei Jahrzehnten und reflektiert die dramatischen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen seit 9/11, Obamas Wahl und Trumps Aufstieg.

Marc Pitzke packt seine Koffer nach mehr als dreißig Jahren. Der Korrespondent des Spiegel, der 1993 nach New York kam und seit 2003 von dort aus über Amerika berichtete, verlässt das Land zusammen mit seinem Ehemann und kehrt nach Deutschland zurück – näher zu seiner Familie, aber auch weg von einem Land, das er nicht mehr erkennt.

Als Pitzke in den neunziger Jahren ankam, war New York rauer, schmutziger, gefährlicher als heute, aber auch freier. Die Stadt war ein Abenteuer für einen schwulen Mann, der hier eine Community fand, wie er sie nie zuvor erlebt hatte. Politik spielte kaum eine Rolle. Republikaner und Demokraten waren gleich freundlich. Es war ein Ort, an dem man sein konnte, ohne ständig nachzudenken.

Dann kam der 11. September 2001. Pitzke war mit seinem Hund unterwegs, sah Menschen nach Süden blicken, sah den ersten Turm brennen. Er ging nach Hause, schaltete den Fernseher ein und sah, wie das zweite Flugzeug einschlug. Der Geruch – beißend, nach Tod – blieb in seiner Nase. Er sah Menschen aus den Türmen fallen. Am nächsten Tag lag weißer Staub auf seinen Blumenkästen, Asche von den Gebäuden, von den Menschen darin. Dieser Staub ging nicht richtig weg. Präsident George W. Bush kam Tage später, stellte sich auf die Trümmer und schwor Rache. Was folgte, waren zwanzig Jahre Krieg. Die ganze Gesellschaft wurde umgekrempelt. Es ging nur noch um Patriotismus, Nationalismus, um die Vernichtung ideologischer Feinde. Die USA wurden zur Kriegsgesellschaft – auch politisch. In New York kannte jeder jemanden, der in diesen Türmen war. Das vergiftete alles.

Als Barack Obama 2008 gewählt wurde, dachten alle, jetzt beginnt eine neue Ära. Der Rassismus ist vorbei. Amerika hat einen schwarzen Präsidenten gewählt. Das Land ist versöhnt. Das Gegenteil trat ein. Obamas bloße Existenz – nicht seine Taten, sondern seine Präsenz – vereinte den rassistischen Unterbau Amerikas. Menschen konnten nicht akzeptieren, dass dieses Land von einem Schwarzen regiert wurde. Aus dieser Wut entstand die Tea Party. Aus der Tea Party entstand Trump und die MAGA-Bewegung. Die falsche Idylle der Obama-Jahre verbarg, dass unter der Oberfläche etwas Tieferes brodelte.

Im Juni 2015 kam Donald Trump eine Rolltreppe hinunter in einem New Yorker Hochhaus und kündigte seine Präsidentschaftskandidatur an. Er hielt eine Rede über Mexikaner, die Drogen und Verbrechen bringen, Vergewaltiger sind. Das war damals schon ein Skandal, aber ein Skandal, von dem Pitzke dachte, der Mann kommt nicht weit. Genau das Gegenteil passierte. Genau das musste er sagen, um so weit zu kommen. In der Wahlnacht 2016 saß Pitzke um fünf Uhr morgens in der U-Bahn nach Hause. Mit ihm saßen Bauarbeiter und Latinos – einfache Menschen, kaum Weiße. Die Menschen, die Trump in seiner ersten Wahlkampfrede angegriffen hatte. Da wurde Pitzke klar: Das Amerika, in dem er dachte zu leben, war vorbei.

Trump krempelte alles um. Alles, was ihm nachts in den Kopf kam, alles, was seine rechtsextremen Berater ihm vorlegten – es wurde Wahrheit. Die ganze Moral, die Ethik, die Begriffe von Recht und Ordnung, Gut und Böse, Richtig und Falsch – alles wurde umgedreht. Pitzke dachte, der 6. Januar 2021 würde Trumps Ende sein. Aber Trump wurde nicht zur Rechenschaft gezogen. Er begnadigte etwa 1500 Menschen, die am Sturm auf das Kapitol teilgenommen hatten. Das war der Moment, in dem Pitzke verstand: Hier liegt so viel schief, dass es schwierig sein wird für das Land, da wieder rauszukommen.

Pitzke ist mit einem schwarzen Mann verheiratet. Seine Ehemann Darren Anthony sagt, dass Schwarze und People of Color immer in einem faschistischen Regime gelebt haben – jetzt fallen sie zurück in diese Zeit. Er will nicht in einer Blase leben. Er will das Leben erleben. Pitzke selbst merkt, dass er seine Rolle als Journalist nicht mehr von seiner Rolle als Privatperson trennen kann. Die Trump-Politik betrifft ihn privat. In Trumps zweiter Amtszeit gibt es starke Kräfte in der republikanischen Partei, die die Entscheidung des Supreme Court zur gleichgeschlechtlichen Ehe rückgängig machen wollen. Pitzke sagt, er fühle sich nicht mehr wohlfühlen in diesem Land. Das liegt an Trump, aber auch an den Amerikanern, die ihn mit 77 Millionen Stimmen gewählt haben. Sie haben ihr Los selbst gewählt. Für Pitzke und seinen Mann ist das Bessere auf der anderen Seite – in Deutschland, wo sie neu anfangen werden.

Das ganze Gewebe dieses Landes wurde umgedreht – die ganze Moral, die Ethik, die Begrifflichkeit von Recht und Ordnung, Gut und Böse, von Richtig und Falsch.
— Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent
Schwarze und People of Color haben immer in einem faschistischen Regime gelebt. Gerade fallen wir zurück in diese Zeit.
— Darren Anthony, Ehemann von Marc Pitzke
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