Viereinhalb Jahre nach Beginn der russischen Invasion zeigt sich in der Ukraine ein Erschöpfungszustand, der tiefer reicht als militärische Verluste: Es ist die Müdigkeit einer Gesellschaft, die unter dem Gewicht eines Krieges ohne sichtbares Ende zusammenbricht. Während Russland systematisch Infrastruktur zerstört und damit den kommenden Winter zur Waffe macht, wird Putins Handeln nicht mehr nur als Strategie, sondern als Obsession gedeutet – eine persönliche Fixierung, die den gesamten Konflikt in ihrer Logik gefangen hält. Die eigentliche Entscheidung, so die Analyse, fällt nicht auf dem Sc
Ukrainekrieg: »Putin hat eine Obsession mit der Ukraine« – Podcast
Menschen ohne Strom in einem ukrainischen Winter – ohne Wasser, ohne Lebensmittel
Was genau meint Boy mit Kriegsmüdigkeit nach viereinhalb Jahren? Ist das ein neues Phänomen oder hat es sich nur verschärft?
Es ist beides. Am Anfang gab es Mobilisierungsenergie, einen Sinn der gemeinsamen Verteidigung. Das ist nicht weg, aber es wird überlagert von etwas Tieferem – der Erkenntnis, dass das kein schneller Krieg wird. Die Menschen sehen keine Perspektive auf Ende.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Boy berichtet von dem, was sie sieht und hört. Das ist wertvoll, aber es ist nicht repräsentativ für die ganze Ukraine. Es gibt auch weiterhin Menschen, die kämpfen wollen.
Sie spricht von Zwangsmobilisierung, die immer brutaler wird. Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet, dass der Staat weniger Rücksicht nimmt. Männer werden auf der Straße aufgegriffen, ohne dass ihre Situation berücksichtigt wird – ob sie Familien haben, ob sie bereits verletzt waren. Es ist ein Zeichen von Verzweiflung.
Das ist wichtig zu sagen, aber wir sollten auch sehen: Die Ukraine kämpft um ihre Existenz. Aus ihrer Perspektive ist das nicht Brutalität, sondern Notwendigkeit. Das macht es nicht weniger hart für die Menschen, aber es erklärt die Logik.
Die Angriffe auf Infrastruktur – Strom, Wasser, Lebensmittel. Das ist eine bewusste Strategie?
Ja, absolut. Russland versucht nicht, die Ukraine zu besiegen, sondern sie unbewohnbar zu machen. Es ist eine Strategie der Zermürbung durch Leiden.
Das ist Boys Interpretation, und sie ist plausibel. Aber wir sollten auch sagen: Wir wissen nicht, ob das Putins erklärte Strategie ist oder eine Folge von militärischen Zwängen. Das ist ein Unterschied.
Boy spricht von Putins Obsession mit der Ukraine. Was könnte das bedeuten?
Es deutet darauf hin, dass sein Handeln nicht nur rational-strategisch ist, sondern emotional getrieben. Die Ukraine ist für ihn nicht nur ein geopolitisches Problem, sondern etwas Persönliches.
Das ist eine psychologische Charakterisierung, und sie könnte richtig sein. Aber wir sollten ehrlich sagen: Das ist Spekulation über Putins innere Welt. Wir können sein Verhalten beschreiben, aber nicht mit Sicherheit sagen, was ihn antreibt.
Il Polso
- Die Zwangsmobilisierung hat eine neue Brutalität erreicht: Männer werden auf offener Straße aufgegriffen, Familien verlieren ihre Söhne und Väter ohne Vorwarnung.
- Der kommende Winter wird zur strategischen Waffe – russische Angriffe zielen gezielt auf Strom, Wasser und Lebensmittelversorgung, um die Zivilbevölkerung zu zermürben.
- Putins Verhalten wird von Beobachtern als Obsession charakterisiert, die über rationale Kriegsführung hinausgeht und erklärt, warum Russland trotz enormer eigener Verluste nicht aufhört.
- Die zentrale Frage lautet nicht mehr, wer militärisch überlegen ist, sondern ob die ukrainische Gesellschaft die Last des Überlebens unter diesen Bedingungen noch tragen kann.
Viereinhalb Jahre nach Beginn der russischen Invasion zeigt sich in der Ukraine ein Erschöpfungszustand, der tiefer reicht als militärische Verluste: Es ist die Müdigkeit einer Gesellschaft, die unter dem Gewicht eines Krieges ohne sichtbares Ende zusammenbricht. Während Russland systematisch Infrastruktur zerstört und damit den kommenden Winter zur Waffe macht, wird Putins Handeln nicht mehr nur als Strategie, sondern als Obsession gedeutet – eine persönliche Fixierung, die den gesamten Konflikt in ihrer Logik gefangen hält. Die eigentliche Entscheidung, so die Analyse, fällt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der Frage, ob eine Gesellschaft überleben kann, wenn ihre elementarsten Lebensgrundlagen unter Beschuss stehen.
Viereinhalb Jahre nach Beginn der Invasion ist die Ukraine nicht mehr das Land der ersten Kriegsmonate. SPIEGEL-Reporterin Ann-Dorit Boy, die regelmäßig vor Ort recherchiert, beschreibt eine Bevölkerung am Rand ihrer Kräfte – nicht aus mangelndem Willen, sondern aus schlichter Erschöpfung.
Die Bedrohung hat sich verändert. Neben der immer brutaleren Zwangsmobilisierung, bei der Männer von der Straße weg eingezogen werden, wächst die Angst vor dem Winter. Russland setzt Infrastruktur als Kriegsmittel ein: Energieversorgung, Wasserleitungen, Lebensmittellager werden gezielt angegriffen. Für die Zivilbevölkerung bedeutet das einen Winter ohne Strom, ohne Wasser, ohne gesicherte Ernährung – eine Form der Kriegführung, die nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den Wohnzimmern der Menschen entschieden wird.
In einem Podcast-Gespräch mit Moderator Juan Moreno analysiert Boy auch Putins Antrieb. Sie beschreibt sein Verhalten als Obsession – ein Begriff, der über strategisches Kalkül hinausweist und auf persönliche Fixierungen hindeutet. Diese Obsession, so die Analyse, erklärt möglicherweise, warum Russland trotz massiver Verluste weiterkämpft.
Die Frage, was diesen Krieg letztlich entscheiden könnte, bleibt offen – aber Boy deutet an, dass es weniger militärische Überlegenheit sein wird als die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft, deren Lebensgrundlagen systematisch zerstört werden. Das ist die eigentliche Schlacht.
Viereinhalb Jahre nach dem Beginn der russischen Invasion sind die Menschen in der Ukraine erschöpft. Das berichten Beobachter vor Ort, darunter die SPIEGEL-Reporterin Ann-Dorit Boy, die regelmäßig in dem Land recherchiert. Was sie sieht, ist nicht die Dynamik der ersten Kriegsmonate, sondern eine Bevölkerung, die unter der Last eines Konflikts zusammenbricht, der kein Ende in Sicht hat.
Die unmittelbare Bedrohung hat sich verschärft. Die Zwangsmobilisierung wird nach Darstellung von Boy immer brutaler. Männer werden auf der Straße aufgegriffen, Familien verlieren ihre Söhne und Väter. Gleichzeitig wächst die Angst vor dem kommenden Winter – nicht nur wegen der Kälte, sondern wegen der Waffe, die Russland systematisch einsetzt: die Zerstörung von Infrastruktur. Russische Angriffe richten sich nicht mehr nur gegen militärische Ziele, sondern gezielt gegen Energieversorgung, Wasserleitungen und Lebensmittellagerstätten.
Das bedeutet konkret: Menschen ohne Strom in einem ukrainischen Winter. Ohne Wasser zum Trinken und Waschen. Ohne gesicherte Lebensmittelversorgung. Es ist eine Form der Kriegführung, die nicht auf dem Schlachtfeld entschieden wird, sondern in den Häusern und Straßen der Zivilbevölkerung. Boy beschreibt eine Gesellschaft, die unter dieser Last zu brechen droht – nicht wegen mangelnden Widerstands, sondern wegen der schieren Erschöpfung.
In einem Podcast-Gespräch mit dem Moderator Juan Moreno beleuchtet Boy das Verhalten Putins und die innenpolitische Situation in der Ukraine. Sie charakterisiert Putins Handeln als Obsession – ein Wort, das mehr ausdrückt als bloße strategische Berechnung. Es deutet auf etwas Irrationales hin, auf einen Führungsstil, der von persönlichen Fixierungen getrieben wird statt von realistischer Kriegführung. Diese Obsession, so die implizite Analyse, prägt die gesamte Dynamik des Konflikts und erklärt möglicherweise, warum Russland trotz enormer Verluste weitermacht.
Die zentrale Frage, die Boy und Moreno aufwerfen, ist: Was könnte diesen Krieg entscheiden? Es ist eine Frage, die sich viele stellen – Militärs, Politiker, Journalisten, die Ukrainer selbst. Boy wagt eine Antwort, basierend auf dem, was sie vor Ort sieht und hört. Sie deutet an, dass nicht militärische Überlegenheit allein den Ausgang bestimmen wird, sondern etwas anderes: die Fähigkeit, Widerstand zu leisten, wenn die Grundlagen des Lebens selbst unter Beschuss stehen. Das ist die eigentliche Schlacht – nicht um Territorium, sondern um die Fähigkeit einer Gesellschaft, zu überleben.
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Putin hat eine Obsession mit der Ukraine— Charakterisierung durch SPIEGEL-Reporterin Ann-Dorit Boy