Ein 24-jähriger mexikanischer Profisurfer wurde von der World Surf League suspendiert, nachdem Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen ein 16-jähriges australisches Mädchen auf Tahiti bekannt wurden. Die 23-jährige deutsche Surferin Noah Lia Klapp berichtet von jahrelangem Missbrauch durch denselben Surfer und prangert eine Kultur der Duldung in der Surfindustrie an.
Surferin bricht Schweigen: Sexuelle Übergriffe in der Surfindustrie
Die Surfszene braucht dringend einen ernsthaften Wandel
Warum hat es so lange gedauert, bis jemand darüber spricht? Die Surfindustrie ist doch relativ klein.
Das ist genau das Problem, das Klapp beschreibt – es ist ein kleiner Zirkus, in dem jeder jeden kennt. Wenn du gegen einen etablierten Surfer aussagst, gefährdest du deine eigene Karriere. Und die Industrie hat diese Männer als Idole hochgejubelt.
Aber wir sollten hier präzise sein: Bei dem Vorfall auf Tahiti ermittelt keine Polizei, soweit wir wissen. Die WSL hat suspendiert, aber das ist nicht dasselbe wie eine Verurteilung.
Klapp spricht aber von ihrer eigenen Erfahrung – das ist doch unabhängig von den Tahiti-Vorwürfen?
Ja, genau. Sie beschreibt konkrete Gewalt und sexuelle Übergriffe während ihrer Beziehung mit diesem Surfer. Das sind ihre Erlebnisse, die sie bezeugt.
Richtig. Und wichtig ist: Der Surfer hat sich zu keinem dieser Vorwürfe geäußert. Wir haben nur Klapps Darstellung.
Was könnte sich jetzt ändern?
Klapp sagt, dass viele andere Frauen ihr private Nachrichten geschrieben haben. Wenn diese Geschichten öffentlich werden, könnte das Druck auf die WSL und die Industrie ausüben, ihre Strukturen zu überprüfen.
Das ist möglich. Aber wir sollten auch fragen: Wie wird die WSL reagieren? Werden sie echte Untersuchungen einleiten? Das ist noch offen.
Und die Unschuldsvermutung – wie passt die hier rein?
Der mexikanische Verband hat das gut formuliert: Die Unschuldsvermutung gilt rechtlich, ist aber kein Grund zu schweigen oder Vorwürfe herunterzuspielen. Klapp spricht über ihre Erfahrung, nicht über eine Verurteilung.
Il Polso
- 24-jähriger mexikanischer Surfer von der World Surf League suspendiert
- Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen 16-jähriges australisches Mädchen auf Tahiti im August
- Noah Lia Klapp, 23, deutsche Surferin, berichtet von jahrelangem Missbrauch durch denselben Surfer
- Kelly Slater und andere Profisurfer äußern Unterstützung für Klapp
- Klapp kündigte an, weitere Geschichten von Betroffenen zu veröffentlichen
Ein 24-jähriger mexikanischer Profisurfer wurde von der World Surf League suspendiert, nachdem Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen ein 16-jähriges australisches Mädchen auf Tahiti bekannt wurden. Die 23-jährige deutsche Surferin Noah Lia Klapp berichtet von jahrelangem Missbrauch durch denselben Surfer und prangert eine Kultur der Duldung in der Surfindustrie an.
Nach der Suspendierung eines mexikanischen Profisurfers wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe gegen eine Minderjährige erhebt die deutsche Surferin Noah Lia Klapp öffentlich Vorwürfe gegen denselben Surfer und kritisiert systematische Missstände in der Surfindustrie.
Die Surfindustrie hat sich lange Zeit ein makelloses Image bewahrt – endlose Strände, Freiheit, Abenteuer. Doch diese Fassade bröckelt. Am Sonntag gab die World Surf League eine knappe Mitteilung ab: Ein männlicher Fahrer der Championship-Tour sei suspendiert worden, nachdem die Organisation von "schwerwiegenden" Vorwürfen erfahren habe. Die Vorfälle hätten sich bei einer privaten Veranstaltung auf Tahiti im August ereignet. Keinen Namen nannte die WSL.
Einen Tag später war klar, wer gemeint war. Ein 24-jähriger mexikanischer Surfer, Goldmedaillengewinner der ISA World Surfing Games 2023 und Olympiateilnehmer 2024, sollte nach dem Finaltag des Wettkampfs auf Tahiti in einen Vorfall verwickelt gewesen sein, an dem mindestens drei Männer und ein minderjähriges australisches Mädchen beteiligt waren. Das Mädchen war 16 Jahre alt, im Urlaub auf der Insel, und wurde nach Berichten australischer Medien Opfer eines sexuellen Übergriffs. Weder australische noch tahitianische Behörden bestätigten auf Anfragen hin, dass Ermittlungen eingeleitet worden seien. Die Unschuldsvermutung gilt rechtlich – doch der Weltsurfverband ISA sperrte den Surfer vorläufig, der mexikanische Verband verurteilte jede Form von Gewalt und Missbrauch, und Sponsoren wie Quicksilver löschten sein Bild von ihren Webseiten. Der Surfer selbst schwieg.
Dann, am Montag, meldete sich Noah Lia Klapp zu Wort. Die 23-jährige deutsche Surferin, geboren in Spanien, aufgewachsen in den USA, hatte an ihrem Geburtstag eine lange Nachricht auf Instagram veröffentlicht. Sie war als Siebzehnjährige etwa ein Jahr lang mit dem mexikanischen Surfer zusammen gewesen – und sie nannte ihn beim Namen. Sie habe ihm vor Monaten gesagt, dass sie die ganze Wahrheit über ihre Beziehung öffentlich machen werde, falls sie jemals von einem weiteren Opfer erfahren sollte. Nun war sie an ihrem Geburtstag mit Nachrichten über die neuen Vorwürfe aufgewacht. "Es ist meine Pflicht als Frau, meine Geschichte öffentlich bekannt zu machen."
Klapp beschrieb, wie der Surfer sie während ihrer Beziehung missbraucht habe. Er habe sie auf das Bett gedrückt, ihre Handgelenke mit aller Kraft gepackt, sie sexuell angegriffen, sie "Schlampe" und "aufmerksamkeitsheischende Hure" genannt. Er habe die Tür zu ihrem Zimmer blockiert und sie nicht gehen lassen, solange er noch nicht "fertig" mit ihr gewesen sei. Einmal habe er sie so heftig am Kragen ihres Pullovers gepackt, dass der Stoff riss und sie zu Boden fiel. "Dann schleifte er mich zurück ins Haus, wo ich niemanden um Hilfe bitten konnte." Der Surfer reagierte nicht auf diese Vorwürfe.
Für Klapp war dies kein Einzelfall, sondern ein Symptom einer kranken Industrie. Sie habe zehn Jahre lang als Wettkampfsurferin die Szene beobachtet und gesehen, wie toxische Männergruppen sich gegenseitig darin bestärkten, auf der Tour zu feiern und mit Frauen überall auf der Welt zu schlafen, während sie zu Hause Familien hätten. Sie habe miterleben müssen, wie die Industrie den Mexikaner auf ein Podest hob – "Was für ein cooler Typ! CT-Surfer!! Olympionike!! Immer Partyleben!" Sie wisse, dass es viele andere Geschichten wie ihre gebe, "im kleinen Zirkus, den die Surfindustrie und die WSL darstellen".
Der Beitrag wurde tausendfach kommentiert. Kelly Slater, der größte Surfer aller Zeiten, schrieb: "Das ist ein Riesenthema. Es widert mich an, das alles zu hören. Gut, dass du die Stärke hast, das auszusprechen und bekannt zu machen." Am Donnerstag legte Klapp nach. Sie bedankte sich für die Unterstützung, teilte aber auch mit, dass sie entsetzt sei über die Zahl der Frauen und Mädchen, die ihr privat ihre eigenen Geschichten über sexuellen Missbrauch in der Surfszene erzählt hätten. Junge Mädchen, die in dieser Szene aufwachsen, erhielten übergriffige Nachrichten von Surfidolen, die alt genug seien, ihre Väter zu sein, oder würden von diesen Männern oder deren Freunden angetastet.
Es gehe um eine Kultur, die schädliches Verhalten jahrelang habe weiterbestehen lassen, "weil Menschen schweigen, wegschauen oder die Reputation der Beteiligten schützen". Eine andere Nutzerin schrieb Klapp, dass sie sehr ähnliche Erfahrungen mit einem Mann aus der Surfindustrie gemacht habe, aber alle in der Szene weggeschaut hätten. Klapp kündigte an, im Laufe der Woche Geschichten weiterer Betroffener zu veröffentlichen. Die Welle baut sich gerade erst auf.
Citazioni salienti
Das ist ein Riesenthema. Es widert mich an, das alles zu hören. Gut, dass du die Stärke hast, das auszusprechen und bekannt zu machen.— Kelly Slater, Profisurfer
Es ist meine Pflicht als Frau, meine Geschichte öffentlich bekannt zu machen.— Noah Lia Klapp