49 Prozent der befragten Ärzte berichten von Machtmissbrauch, 13 Prozent von sexueller Belästigung durch Vorgesetzte. In der Chirurgie ist die Abhängigkeit von Vorgesetzten besonders groß, da diese über notwendige Operationen für den Facharztabschluss entscheiden.
Starre Hierarchien in Kliniken ermöglichen systematischen Machtmissbrauch
Die Gunst des Chefs ist die einzige Währung im Krankenhaus.
Was macht diesen Fall von Krajewski so typisch? Ist das wirklich ein Muster oder ein extremes Einzelbeispiel?
Die Zahlen sagen, dass es ein Muster ist. 49 Prozent der befragten Ärzte erleben Machtmissbrauch. Das ist nicht eine Handvoll Geschichten, das ist fast die Hälfte der Profession.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Das ist eine Befragung des Marburger Bundes, einer Gewerkschaft mit eigenem Interesse. Wie repräsentativ ist diese Stichprobe wirklich? Wie wurden die Fragen gestellt?
Okay, aber selbst wenn die Zahl niedriger wäre – warum ist die Chirurgie besonders anfällig?
Weil die Macht dort konzentriert ist. Ein Chefarzt entscheidet, wer operieren darf. Das ist nicht abstrakt – das ist die Voraussetzung für den Facharztabschluss. Ohne seine Erlaubnis, keine Karriere.
Das ist wahr. Aber die Frage ist: Wie viele Fälle wie Krajewskis gibt es wirklich? Die Recherche zeigt einen Fall sehr detailliert. Das ist wichtig. Aber es ist ein Fall.
Das Krankenhaus sagt, die Vorwürfe hätten sich nicht bestätigen lassen. Was bedeutet das?
Es bedeutet, dass es schwer ist, Machtmissbrauch zu beweisen. Es gibt oft keine Zeugen. Es ist Aussage gegen Aussage. Und wenn die Person, die die Beschwerde einreicht, am schwächsten ist – eine angehende Ärztin, die noch Operationen braucht – dann ist klar, wer gewinnt.
Das ist ein wichtiger Punkt. Aber wir wissen nicht, was in diesem Fall tatsächlich passiert ist. Das Krankenhaus sagt nein, Krajewski sagt ja. Die Recherche kann das nicht auflösen.
Und die Reformvorschläge – werden die etwas ändern?
Sie könnten. Wenn es verbindliche Lehrpläne gäbe, könnte ein einzelner Chef nicht mehr entscheiden, wer operiert und wer nicht. Die Macht wäre verteilter.
Aber die Landesärztekammern sind sich uneins. Sachsen lehnt die Vorschläge ab. Das bedeutet, dass selbst wenn Berlin und Schleswig-Holstein reformieren, in anderen Bundesländern nichts passiert. Das ist ein echtes Problem.
Also bleibt alles beim Alten?
Vorerst ja. Die Bundesärztekammer sagt, sie wird das Thema nächstes Jahr wieder besprechen. Aber das ist ein schwaches Signal. Es bedeutet: Wir wissen, dass es ein Problem gibt, aber wir tun nicht viel dagegen.
Und Krajewski? Sie ist weg aus der Chirurgie. Das ist das Ergebnis.
Il Polso
- 49 Prozent der befragten Ärzte berichten von Machtmissbrauch durch Vorgesetzte
- 13 Prozent erleben sexuelle Belästigung
- In der Chirurgie liegt der Männeranteil bei etwa 80 Prozent
- Etwa 70 Prozent der Medizinstudierenden sind Frauen
- 17 Landesärztekammern entscheiden unterschiedlich über Reformvorschläge
49 Prozent der befragten Ärzte berichten von Machtmissbrauch, 13 Prozent von sexueller Belästigung durch Vorgesetzte. In der Chirurgie ist die Abhängigkeit von Vorgesetzten besonders groß, da diese über notwendige Operationen für den Facharztabschluss entscheiden.
Eine Untersuchung zeigt, dass 49 Prozent der Ärzte Machtmissbrauch erleben, hauptsächlich durch Vorgesetzte. Experten sehen ein systemisches Problem in starren Krankenhaus-Hierarchien, besonders in der Chirurgie.
In deutschen Krankenhäusern entscheiden Chefärzte darüber, wer operieren darf und wer nicht. Das klingt nach einer sachlichen Frage der Kompetenz und Aufsicht. Aber für angehende Chirurginnen und Chirurgen ist es eine Frage der Macht, die über ihre gesamte berufliche Zukunft entscheidet.
Kara Krajewski brauchte noch mehrere Wirbelsäulen-Operationen, um ihren Facharztabschluss als Kinder-Neurochirurgin zu machen. Ein Oberarzt bot ihr an, ihr diese Operationen zu geben – unter einer Bedingung: Sie solle sich für ihn ausziehen. Sie lehnte ab. Später kündigte sie und verließ den Krankenhausbetrieb. Heute arbeitet sie als Palliativärztin, nicht als Neurochirurgin.
Krajewskis Fall ist kein Einzelfall. Eine im April 2026 veröffentlichte Befragung von etwa 9.000 Ärztinnen und Ärzten zeigt das Ausmaß: 49 Prozent berichten von Machtmissbrauch in den vergangenen zwölf Monaten – sie wurden gemobbt, schikaniert oder erniedrigt. 13 Prozent erleben sexuelle Belästigung. In 87 Prozent dieser Fälle geht die Misshandlung von Vorgesetzten aus, überwiegend von Männern. Der Marburger Bund, die Gewerkschaft der Ärzte, sprach von einem "zentralen Strukturproblem".
Das Problem liegt in den Hierarchien selbst. Deutsche Krankenhäuser funktionieren nach traditionellen, bis heute starren Machtstrukturen, wie der Arbeitsrechtler Arne Killmer erklärt. Besonders in der Chirurgie ist die Abhängigkeit von Vorgesetzten extrem. Angehende Chirurginnen und Chirurgen müssen eine vorgeschriebene Anzahl von Operationen nachweisen. Ihre Chefs entscheiden, wer operieren darf – und können damit den Facharztabschluss verzögern oder verhindern. Das ist nicht nur eine formale Hürde. Es ist ein Druckmittel. Ein befragter Arzt beschreibt es so: Die Gunst des Chefs ist die einzige Währung im Krankenhaus.
Die Geschlechterverteilung verschärft das Problem. Etwa 70 Prozent der Medizinstudierenden sind Frauen. Aber in der Chirurgie dominieren Männer. In der Herz- und Neurochirurgie liegt der Männeranteil bei etwa 80 Prozent. Frauen, die in diesen Fachbereichen arbeiten wollen, sind damit in einem System gefangen, in dem männliche Vorgesetzte über ihre Karriere entscheiden – und in dem traditionelle Machtstrukturen besonders stabil sind.
Wer sich gegen einen Vorgesetzten wehrt, kann nicht auf Unterstützung hoffen. Chefärzte bauen sich, wie Killmer erklärt, einen "Hofstaat" auf – Ärzte, die möglicherweise weniger qualifiziert sind, dafür aber loyal sind und "das Spiel mitspielen". Wer nicht mitspielt, wird isoliert. Krajewski wandte sich an die Gleichstellungsbeauftragte ihrer Klinik. Diese empfahl ihr, das Fach oder die Klinik zu wechseln – nicht dem Oberarzt Grenzen zu setzen, sondern selbst zu gehen. Das Krankenhaus bestätigte später, die Beschwerde geprüft zu haben, konnte die Vorwürfe aber nicht bestätigen.
Die Debatte hat inzwischen die Spitzenverbände erreicht. Auf dem Deutschen Ärztetag im Mai sprachen Medizinstudentinnen öffentlich über sexuelle Belästigung durch männliche Kollegen. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, sagte, er sei von der Dimension und Qualität der Vorwürfe überrascht gewesen. Die Bundesärztekammer beschloss einen Verhaltenskodex für ihre Veranstaltungen. Aber das ändert nichts an den Strukturen in den Kliniken selbst.
Der Marburger Bund hat im April 2026 konkrete Reformvorschläge gemacht: verbindliche Lehrpläne für die Weiterbildung, Weiterbildungsteams mit maximaler Ärztezahl pro Supervisor. Das würde die Abhängigkeit von einzelnen Vorgesetzten verringern. Aber wer entscheidet darüber? Nicht die Bundesärztekammer, sondern die 17 Landesärztekammern. Team.recherche fragte alle an. Berlin und Schleswig-Holstein setzen die Vorschläge teilweise um oder gehen sogar darüber hinaus. Sachsen lehnt sie "entschieden ab" und warnt vor Bürokratie. Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen und andere setzen auf Ombudsstellen und Schlichtung statt auf neue Regeln. Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg und Thüringen verweisen die Frage an die Bundesärztekammer zurück. Die Bundesärztekammer verweist wiederum auf die Kliniken selbst. Niemand fühlt sich richtig zuständig. Und während die Verbände diskutieren, entscheiden Chefärzte in den Operationssälen weiterhin, wer operieren darf und zu welchem Preis.
Citazioni salienti
Ich war überrascht. Von der Dimension und auch der Qualität der dort geäußerten Vorwürfe.— Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, nach dem Deutschen Ärztetag im Mai 2026
Nach wie vor traditionelle und bis heute starke Hierarchien in deutschen Krankenhäusern— Arne Killmer, Fachanwalt für Arbeitsrecht