Serbien vor Wendepunkt: Droht Vucic das Schicksal Milosevics?

16 Menschen starben beim Einsturz des Vordachs am Bahnhof von Novi Sad Ende 2024, was die Studentenproteste auslöste.
Das kann ich nicht verraten
Ein Kandidat der Studentenliste deutet an, dass die Bewegung auf eine mögliche Wahlmanipulation vorbereitet ist.
Mark

Was macht diese Wahl so anders als frühere Wahlen in Serbien?

Mimi

Die Studentenbewegung ist nicht das, was man normalerweise Opposition nennt. Sie haben keine Parteiapparate, keine etablierten Strukturen. Sie sind aus einer echten Krise hervorgegangen – aus dem Tod von sechzehn Menschen beim Bahnhofseinsturz.

Luke

Aber wie real ist diese Bedrohung für Vucic wirklich? Eine Umfrage zeigt die Studenten vorne, aber regierungsnahe Institute sagen seinen Sieg voraus. Welche Umfrage glaubt man?

Mimi

Das ist genau das Problem. In Serbien vertraut niemand den Institutionen mehr. Die Medien sind kontrolliert. Also verlässt man sich auf das Gefühl – und das Gefühl ist, dass etwas sich bewegt.

Mark

Vucic war selbst Teil von Milosevics Regime. Wie kann er jetzt behaupten, die Lektionen gelernt zu haben?

Mimi

Das ist die zentrale Ironie. Er sagt, er habe gelernt, aber er nutzt die gleiche Rhetorik wie damals – nennt Kritiker Terroristen und Faschisten, spricht von Farbrevolutionen.

Luke

Aber sind die Studenten wirklich eine Bewegung, oder sind sie nur ein Vehikel für alle, die Vucic loswerden wollen? Liberale und Nationalisten zusammen – das hält nicht zusammen, wenn es um echte Reformen geht.

Mimi

Das ist wahr. Zivkovic, der frühere Ministerpräsident, warnt genau davor. Er sagt, die neue Regierung müsse in hundert Tagen zeigen, dass sie es ernst meint. Sonst zerfällt die Koalition.

Mark

Was passiert, wenn Vucic verliert und die Niederlage nicht anerkennt?

Mimi

Bakic, ein Kandidat der Studentenliste, sagt, sie hätten einen Plan. Er wollte nicht sagen, welchen. Das deutet darauf hin, dass sie auf Straßenproteste vorbereitet sind, wie 2000.

Luke

Aber 2000 war anders. Die Armee verweigerte Milosevic die Gefolgschaft. Heute? Wir wissen nicht, wie loyal Sicherheitskräfte sind. Das ist eine echte Unsicherheit, die die Umfragen nicht abbilden.

Mark

Also könnte Serbien in einen Konflikt schlittern?

Mimi

Das ist das Risiko. Deshalb ist diese Wahl so unvorhersehbar. Nicht wegen der Zahlen, sondern wegen der Unsicherheit, was danach kommt.

  • Studentenliste liegt in neuesten Umfragen bei 44,4 Prozent, Vucics Lager bei 41,7 Prozent
  • Wahltermin: 25. Oktober 2026
  • 16 Menschen starben beim Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad Ende 2024
  • Vucic war 2000 Informationsminister unter Milosevic und zuständig für Zensur
  • Die aktuelle Protestbewegung dauert länger und ist größer als jene von 2000

Eine von Studenten angeführte Oppositionsbewegung liegt in Umfragen gleichauf mit Vucics Lager und könnte den Langzeitherrscher erstmals ernsthaft bedrohen. Die aktuelle Protestbewegung ist größer und breiter als jene von 2000, vereint Liberale und Nationalisten und konzentriert sich auf Korruptionsbekämpfung statt Nationalismus.

Serbien wählt am 25. Oktober einen neuen Ministerpräsidenten. Aleksandar Vucic könnte sein Schicksal wie Milosevic erleben – eine Studentenbewegung fordert den Machtwechsel heraus.

Vor sechsundzwanzig Jahren zwangen Serbiens Bürger den Autokraten Slobodan Milosevic, seine Wahlniederlage anzuerkennen. Der 5. Oktober 2000 bleibt das größte politische Trauma des heutigen Langzeitherrschers Aleksandar Vucic – damals stand er auf der anderen Seite, als Informationsminister unter Milosevic, zuständig für Zensur. Nun, während Vucic sich als Spitzenkandidat seiner Serbischen Fortschrittspartei zur Wahl am 25. Oktober stellt, um das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen, könnte er genau das Schicksal erleben, das er vor Jahrzehnten mitverantwortet hat.

Diese Wahl ist kein gewöhnlicher Machtwechsel. Der Politikwissenschaftler Dusan Lj. Milenkovic nennt sie ein Referendum über Serbiens Zukunft – entweder Befreiung von autokratischer Herrschaft oder Jahrzehnte unter Repression und Diktatur. Die Herausforderung für Vucic kommt diesmal nicht von einer geeinten demokratischen Opposition, sondern von einer Studentenbewegung, die aus Protesten gegen Machtmissbrauch und Korruption hervorgegangen ist. Auslöser war der Einsturz des Vordachs am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad Ende 2024, bei dem sechzehn Menschen starben. Monatelang blockierten Studenten die großen Universitäten des Landes und wählten schließlich angesehene Professoren, Aktivisten und bekannte Persönlichkeiten als Kandidaten – bewusst keine Berufspolitiker.

Die Strategie scheint aufzugehen. Eine der jüngsten Umfragen sieht die Studentenliste bei 44,4 Prozent, Vucics Lager bei 41,7 Prozent. Inzwischen haben sich die meisten Oppositionsparteien aus dem Rennen zurückgezogen und unterstützen die Studenten. Allerdings zeigen regierungsnahe Institute komfortable Siege für Vucic an – und in Serbien, wo das Vertrauen in Institutionen und Medien einen historischen Tiefstand erreicht hat, glaubt man Umfragen nur bedingt. Der frühere Ministerpräsident Zoran Zivkovic, der 2000 zur siegreichen Koalition gehörte, spricht von einer "Referendumsstimmung". Doch er kritisiert die heutige Opposition scharf: Sie sehe aus wie "Dinosaurier im 21. Jahrhundert", entweder nicht existent oder ans Regime verkauft.

Die heutige Protestbewegung hat jene von 2000 längst übertroffen. Damals gingen Bürger zwei Wochen lang auf die Straße; Milosevic gab seine Niederlage erst zu, nachdem Armee und Teile der Polizei ihm die Gefolgschaft verweigerten. Das Serbien von heute ist allerdings nicht mehr das Land nach einem Jahrzehnt blutiger Kriege, Kriegsverbrechen, Sanktionen und NATO-Bombardierungen. Nach dem 5. Oktober 2000 wurde das Rest-Jugoslawien wieder UN-Mitglied, Löhne und Renten wurden regelmäßig ausgezahlt, große Teile der Auslandsschulden wurden erlassen. Vucic habe sich immer bemüht, diese Errungenschaften zu verneinen, sagt Milenkovic – politisch opportun für einen Machthaber, der seine eigene Sicht im kollektiven Gedächtnis verankern will.

Stattdessen greift Vucic seit Jahren auf die Rhetorik der Milosevic-Ära zurück. Kritiker nennt er "ausländische Söldner", "Terroristen" und "Faschisten". Den Aufstand gegen ihn bezeichnet er als vom Westen importierte "Farbrevolution". Diese Begriffe werden über Boulevardmedien und fast alle Fernsehsender Serbiens unter die Bevölkerung gebracht. Doch die Studentenliste vereint Liberale und Nationalisten, Linke und Rechte – klassische nationalistische Narrative spielen für sie keine Rolle. Sie sind ein Vehikel für Machtwechsel, ihre Themen sind Kampf gegen Kriminalität und Achtung des Gesetzes.

Zivkovic hat konkrete Ratschläge für den Fall eines Machtwechsels: Die neue Regierung müsse bereits jetzt wissen, was sie am Tag nach der Übernahme tun wird, sieben Tage später, einen Monat später. Innerhalb eines Jahres müssen alle Reformen umgesetzt werden, danach echte demokratische Wahlen. Besonders wichtig sei die Lustration – der Ausschluss aller, die am alten Regime beteiligt waren. "Diejenigen, die heute an der Macht sind, sollten sich nicht einmal für den Verwaltungsrat ihres Wohnhauses zur Wahl stellen dürfen", sagt Zivkovic.

Die Studenten führen ihren Wahlkampf über soziale Netzwerke und von Tür zu Tür. In einem ihrer viralen Spots ist ein einsamer Vucic zu sehen, der sich selbst lobt – dann ein Schnitt zu einem Mann, der einen Gefängnisflur schrubbt. Bis zu einem Prozess gegen Vucic ist es noch ein weiter Weg. Vorerst fürchten die Gegner der Regierung Wahlmanipulationen und offene Gewalt, wie Polizei und regierungsnahe Schläger während der Proteste angewandt haben. Der Soziologieprofessor und Studentenlisten-Kandidat Jovo Bakic sagt, er sei vom Sieg überzeugt – und ebenso davon, dass Vucic eine Niederlage nicht anerkennen werde, genau wie einst Milosevic. Doch die Studenten hätten auch für diesen Fall einen Plan, sagte Bakic dem Magazin Vreme. Welchen? Er lachte. "Das kann ich nicht verraten." Ein großer Teil der Regierungsgegner bereitet sich offenbar bereits auf die Zeit nach den Wahlen vor: auf den Kampf um faire Auszählung und Anerkennung des Ergebnisses. Gewiss ist nur eines: Serbien steht vor der am wenigsten vorhersehbaren Urnengang seit dem Jahr 2000.

Diese Wahl ist ein Referendum. Für Serbien gibt es in den kommenden Jahrzehnten nur zwei Wege: entweder die Befreiung von der autokratischen Herrschaft Aleksandar Vucics oder Jahrzehnte unter Repression und Diktatur.
— Dusan Lj. Milenkovic, Politikwissenschaftler und Meinungsforscher
Leider sieht die Opposition in Serbien heute aus wie Dinosaurier im 21. Jahrhundert. Entweder existiert sie nicht mehr oder sie hat sich an das Regime verkauft.
— Zoran Zivkovic, ehemaliger Ministerpräsident
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