Seit über einem Jahrhundert messen Menschen das Eis der Schweizer Alpen – und selten haben die Zahlen so laut gesprochen wie jetzt. Im Jahr 2026 verloren alle 1.288 Schweizer Gletscher mehr als fünf Prozent ihres Volumens, ein Verlust, der sich in schmelzenden Landschaften, veränderten Wasserkreisläufen und dem beklommenen Staunen der Besucher am Jungfraujoch niederschlägt. Was Generationen als ewiges Eis kannten, erweist sich als zerbrechliches Erbe – und die Schweiz beginnt zu fragen, wie eine Zukunft ohne diese stillen Wasserspeicher aussehen kann.
Schweizer Gletscher verlieren 2026 über fünf Prozent ihres Volumens
Das Ewige ist nicht ewig – die Gletscher verschwinden schneller als je zuvor.
Warum ist dieses Jahr so besonders schlecht für die Gletscher? Es gibt doch jedes Jahr Schmelze.
Weil es die Kombination war – ein trockener Winter ohne Schnee als Schutzschicht, dann Hitzewellen von Mai bis September. Das ist nicht normal.
Aber wie genau misst man fünf Prozent Volumenverlust? Ist das eine Schätzung oder eine exakte Messung?
GLAMOS, das Schweizer Gletschermessnetz, macht das seit über hundert Jahren. Das sind systematische Messungen, nicht Schätzungen.
Und wie nah sind wir wirklich am Rekord von 2022?
Huss sagt, sie sind "sehr, sehr nahe dran" – aber 2022 war noch schlimmer. Dieses Jahr ist das zweitschlimmste seit Messbeginn.
Was bedeutet das konkret für die Schweiz? Ist das ein Problem für nächstes Jahr oder ein Problem für die nächsten Jahrzehnte?
Beides. Sofort verliert die Schweiz einen wichtigen Wasserspeicher für trockene Phasen. Langfristig muss das Land völlig neue Infrastruktur bauen – neue Speicherseen statt Gletscher.
Und die Touristen, die hinfahren, um das Eis zu sehen – wissen sie, dass es bald weg sein könnte?
Ja, viele machen sich Gedanken. Sie sehen die Stahltreppe zur Konkordia-Hütte und verstehen, dass etwas Fundamentales verschwindet.
Aber ist das wirklich neu? Gletscher schmelzen seit Jahrzehnten. Warum ist 2026 der Wendepunkt?
Weil die Geschwindigkeit jetzt so dramatisch ist, dass die Schweiz nicht mehr warten kann – sie muss jetzt Alternativen planen, nicht irgendwann.
Il Polso
- 2026 war eines der verheerendsten Jahre in der Geschichte der Schweizer Gletschermessung: Über fünf Prozent des gesamten Eisvolumens verschwanden binnen eines einzigen Jahres.
- Ein schneeloser Winter und monatelange Hitzewellen von Mai bis September raubten den Gletschern ihren schützenden Schneemantel und beschleunigten die Schmelze auf ein historisches Ausmaß.
- Die Konkordia-Hütte, einst direkt am Aletschgletscher erbaut, ist heute nur noch über eine lange Stahltreppe erreichbar – ein stummes Symbol dafür, wie weit das Eis bereits zurückgewichen ist.
- Gletscher lieferten diesen Sommer lebensnotwendiges Wasser für Bewässerung, Flussschifffahrt und Stromproduktion – doch ihre Fähigkeit, diese Rolle zu erfüllen, schwindet mit jedem Grad Erwärmung.
- Die Schweiz diskutiert den Bau neuer Bergspeicherseen, um den Verlust der natürlichen Wasserspeicher aufzufangen, bevor die Gletscher diese Funktion endgültig nicht mehr erfüllen können.
Seit über einem Jahrhundert messen Menschen das Eis der Schweizer Alpen – und selten haben die Zahlen so laut gesprochen wie jetzt. Im Jahr 2026 verloren alle 1.288 Schweizer Gletscher mehr als fünf Prozent ihres Volumens, ein Verlust, der sich in schmelzenden Landschaften, veränderten Wasserkreisläufen und dem beklommenen Staunen der Besucher am Jungfraujoch niederschlägt. Was Generationen als ewiges Eis kannten, erweist sich als zerbrechliches Erbe – und die Schweiz beginnt zu fragen, wie eine Zukunft ohne diese stillen Wasserspeicher aussehen kann.
Am Jungfraujoch, auf knapp 3.500 Metern, kommen Touristen seit Generationen, um das ewige Eis zu sehen. Doch was sie 2026 erblicken, ist ein Gletscher im Rückzug. Das Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS hat diese Woche Zahlen veröffentlicht, die kaum Raum für Zweideutigkeit lassen: Alle 1.288 Gletscher des Landes haben mehr als fünf Prozent ihres Volumens verloren – eines der schlimmsten Jahre seit Beginn der systematischen Messungen.
Glaziologe Matthias Huss von der ETH Zürich nennt die Ursachen: ein trockener Winter ohne ausreichend Schnee, der das Eis normalerweise schützt, gefolgt von Hitzewellen, die sich von Mai bis September erstreckten. Nur das Rekordjahr 2022 war noch verheerender. Der Schwund ist nicht abstrakt – Cyrill Feigenwinter, Betriebswart auf dem Jungfraujoch, zeigt auf die Konkordia-Hütte, die einst nah am Eis stand und heute nur noch über eine lange Stahltreppe zugänglich ist.
Dabei geht es um mehr als Landschaft. Schweizer Gletscher sind natürliche Wasserspeicher, die in heißen Sommern Flüsse speisen, Kraftwerke kühlen und Speicherseen füllen. Wenn sie diese Funktion verlieren, braucht die Schweiz Alternativen – diskutiert wird der Bau zusätzlicher Bergspeicherseen, die Regenwasser im großen Stil auffangen sollen.
Die Besucher oben auf dem Jungfraujoch spüren das Gewicht dieser Veränderung. Manche sprechen von Erdung, andere von Sorge um die Zukunft ihrer Familien. Eine Touristin sagt schlicht: "Man weiß ja nicht mehr, wie lange es die noch gibt." Was sie sehen, könnte bald Geschichte sein.
Am Jungfraujoch, auf knapp 3.500 Metern Höhe, steht Europas höchster Bahnhof. Touristen fahren hinauf, um das zu sehen, was Reiseführer seit Generationen als ewiges Eis versprechen – den Aletschgletscher, fast 23 Kilometer lang, fast 76 Quadratkilometer groß, umgeben von den Riesen Jungfrau, Mönch und Aletschhorn. Für viele Besucher ist der Moment, in dem sie das Eis erblicken, etwas Heiliges. Doch dieses Jahr hat die Schweiz erfahren, dass das Ewige nicht ewig ist.
Die Zahlen, die das Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS diese Woche veröffentlicht hat, sind verheerend. Alle 1.288 Gletscher der Schweiz haben 2026 mehr als fünf Prozent ihres Volumens verloren – eines der schlimmsten Jahre seit Beginn der systematischen Messungen vor über hundert Jahren. Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Leiter von GLAMOS, erklärt die Ursachen: Ein trockener Winter mit wenig Schnee, der normalerweise das Eis schützt, gefolgt von Hitzewellen, die von Mai bis in den September hinein andauerten. "Das hat zu einer unglaublich starken Schmelze geführt," sagt Huss. "Wir haben das Jahr 2022 nicht ganz eingeholt, damals wurden alle Rekorde gebrochen. Aber wir sind sehr, sehr nahe dran am schlimmsten Jahr für die Schweizer Gletscher, seit die Messungen begonnen haben."
Die Folgen zeigen sich unmittelbar vor Ort. Cyrill Feigenwinter, der als Betriebswart in der Hochalpinen Forschungsstation auf dem Jungfraujoch arbeitet, zeigt auf die Konkordia-Hütte, die vor etwa 150 Jahren am Aletschgletscher erbaut wurde. Damals stand sie nah am Eis. Heute ist der Gletscher so weit geschmolzen, dass der Zugang zur Hütte nur noch über eine lange Stahltreppe möglich ist – ein sichtbares Mahnmal des Schwunds.
Doch der Rückgang der Gletscher ist nicht nur eine Frage der Landschaft. Gletscher spielen eine zentrale Rolle im Schweizer Wasserkreislauf. In trockenen und heißen Phasen geben sie Wasser ab – Wasser, das diesen Sommer in großen Mengen aus den Alpen kam und für Bewässerung, Flussschifffahrt, die Kühlung von Atomkraftwerken und die Füllung von Speicherseen für die Stromproduktion genutzt wurde. Wenn die Gletscher in absehbarer Zeit diese Funktion nicht mehr erfüllen können, muss die Schweiz Alternativen finden. Diskutiert wird der Bau zusätzlicher Speicherseen in den Bergen, um Regenwasser im großen Stil aufzufangen und abzugeben.
Für die Touristen auf dem Jungfraujoch ist das Wissen um den Gletscherschwund präsent und bedrängend. Michael Bock, der das Eis besucht, sagt: "Das gibt einem auch so eine Erdung, weil man merkt, es gibt noch so viel mehr auf dieser Welt als uns Menschen." Doch derselbe Besucher denkt auch an die Zukunft: "Diese Welt wird ja doch immer wärmer. Wie sieht das aus mit der Familie? Europa wird immer wärmer, es wird wahrscheinlich anstrengender, ein Leben aufrechtzuerhalten." Uta Münter, eine andere Touristin, sagt schlicht: "Man weiß ja nicht mehr, wie lange es die noch gibt." Einige reagieren mit persönlichen Entscheidungen – weniger fliegen, bewusster leben. Aber alle, die oben stehen und auf das Eis hinabblicken, wissen jetzt: Das, was sie sehen, könnte bald Geschichte sein.
Citazioni salienti
Das hat zu einer unglaublich starken Schmelze geführt. Wir sind sehr, sehr nahe dran am schlimmsten Jahr für die Schweizer Gletscher, seit die Messungen begonnen haben vor über hundert Jahren.— Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS
Die Gletscher geben Wasser ab in trockenen und heißen Phasen. Diesen Sommer haben wir unglaublich viel Wasser aus den Alpen bekommen und konnten das unten dann brauchen – für die Bewässerung, für die Flussschifffahrt, für die Kühlung von Atomkraftwerken, aber auch für die Füllung der Speicherseen für die Stromproduktion.— Matthias Huss