Die Südbrücke ist für bis zu 15.000 U-Bahn-Fahrgäste pro Stunde und den Lkw-Transport essentiell; ihre Zerstörung würde linkes und rechtes Ufer faktisch trennen. Experten vermuten, Russland testet gezielte Angriffe auf strategische Punkte und versucht, die Ukraine zu psychologischer Kapitulation zu zwingen.
Russlands Drohnenangriffe auf Kyjiws Südbrücke: Strategie der Lähmung
Die Logik der Russen ist einfach: Lähmung ohne Zerstörung
Warum ist die Südbrücke so viel wichtiger als andere Brücken in Kyjiw?
Sie verbindet die beiden Ufer des Dnipro und trägt enorme Last – 15.000 U-Bahn-Fahrgäste pro Stunde in der Spitzenzeit, plus Lastwagen und Güterverkehr. Wenn sie ausfällt, können diese Menschen nicht einfach ausweichen.
Aber sind das 15.000 pro Stunde oder pro Tag? Die Quelle sagt "in der Hauptverkehrszeit stündlich bis zu 15.000". Das ist ein Peak-Wert, nicht der Durchschnitt.
Glauben die Experten wirklich, dass Russland die Brücke zerstören will?
Nein. Bespalow sagt, zwei oder drei Shahed-Drohnen können ein solches Bauwerk kaum zu Fall bringen. Das Ziel scheint psychologisch und strategisch zu sein – die Stadt zu zwingen, die U-Bahn zu sperren, auch wenn die Brücke noch steht.
Das ist eine Vermutung. Kowalenko sagt, wiederholte Angriffe könnten theoretisch Wirkung zeigen, aber auch das ist spekulativ. Niemand weiß wirklich, was Russland plant.
Was ist diese "stille Übereinkunft", von der Denysenko spricht?
Ein ungeschriebenes Abkommen, dass beide Seiten wichtige strategische Brücken nicht angreifen. Denysenko sieht in den neuen Angriffen das Ende dieser Regel.
Das ist Denysenkos Interpretation. Ob es wirklich eine solche Übereinkunft gab oder gibt, ist nicht verifiziert. Es ist eine These, keine Tatsache.
Können die Brücken überhaupt geschützt werden?
Nicht wirklich, sagen die Experten. Man kann keine Kuppel über sie spannen. Panzerungen würden zu viel Gewicht bedeuten. Die einzige echte Lösung ist bessere Luftverteidigung.
Und die Ukraine hat nicht genug davon. Kowalenko sagt, die Abfangraketen sind noch in der Testphase und die Ukraine hängt von westlichen Lieferungen ab. Das ist das eigentliche Problem – nicht die Brücke selbst, sondern die Luftverteidigung.
Der Puls
- Bis zu 15.000 U-Bahn-Fahrgäste pro Stunde überqueren die Südbrücke in der Hauptverkehrszeit
- Drohnenangriffe am Donnerstag und Freitag führten zu Verkehrschaos in Kyjiw
- Experten vermuten, Russland will die Stadt zwingen, die U-Bahn auch bei Alarmstufe Gelb zu sperren
- Ohne flächendeckende Luftverteidigung und Abfangraketen bleiben die Brücken bedroht
Die Südbrücke ist für bis zu 15.000 U-Bahn-Fahrgäste pro Stunde und den Lkw-Transport essentiell; ihre Zerstörung würde linkes und rechtes Ufer faktisch trennen. Experten vermuten, Russland testet gezielte Angriffe auf strategische Punkte und versucht, die Ukraine zu psychologischer Kapitulation zu zwingen.
Russland greift wiederholt die Südbrücke in Kyjiw an, eine kritische Infrastruktur für U-Bahn und Güterverkehr. Experten sehen darin einen Wendepunkt im Krieg und warnen vor möglicher Lähmung der Hauptstadt.
Die Südbrücke von Kyjiw ist nicht einfach eine Brücke. Sie ist eine Ader. Jeden Tag überqueren bis zu 15.000 Menschen sie mit der U-Bahn in der Hauptverkehrszeit. Lastwagen rollen über sie. Güter bewegen sich über sie. Und seit Anfang Oktober wird sie wiederholt von russischen Drohnen angegriffen.
Am Donnerstagmorgen traf eine Drohne in unmittelbarer Nähe eines Brückenpfeilers ein. Eine U-Bahn war gerade auf der Brücke. Die Druckwelle wirbelte Staub auf, der durch die Lüftungsanlage in den Fahrgastraum eindrang. Bürgermeister Vitali Klitschko bestätigte, dass Drohnen auch auf der Fahrbahn für den Autoverkehr einschlugen. Die Stadt sperrte daraufhin die gesamte Brücke. Am Freitagmorgen herrschte Verkehrschaos in Kyjiw. Das war kein Zufall und auch nicht das erste Mal.
Dmytro Bespalow, ein Verkehrsplaner der Stadt, erklärt die Logik dahinter unmissverständlich: Wenn man das Verkehrssystem von Kyjiw lahmlegen will, ist die Südbrücke eine der offensichtlichsten Zielscheiben. Sie überquert den Dnipro-Fluss und verbindet das linke und rechte Ufer der Stadt. Ohne sie können Menschen nicht einfach mit dem Auto die andere Seite erreichen. Die U-Bahn-Kapazität lässt sich nicht durch Autoverkehr ersetzen. Die Brücke wird zur Falle oder zur Waffe gegen die Stadt selbst.
Was Bespalow besonders beunruhigt: Bisher blieb die Südbrücke auch bei Alarmstufe Gelb für den Verkehr offen. Gelb bedeutet akute Gefahr durch einzelne Kampfdrohnen im Anflug – weniger kritisch als Rot, das bei Drohnenschwärmen oder ballistischen Raketen ausgelöst wird. Bespalow vermutet, dass Russland genau das ändern will. Wenn die Ukraine gezwungen wird, die U-Bahn auch bei Gelb zu stoppen, weil die Brücke zu gefährlich ist, dann hat Russland sein Ziel erreicht: Die Wirtschaft der Hauptstadt wird gelähmt, ohne dass die Brücke zerstört werden muss. Und Alarmstufe Gelb gilt derzeit fast den ganzen Tag.
Wadym Denysenko vom Thinktank "Business Capital" nennt diese Angriffe einen Wendepunkt. Wichtige strategische Brücken waren bisher eine der "roten Linien" dieses Krieges – ungeschriebene Grenzen, die beide Seiten respektierten. Jetzt scheint diese stille Übereinkunft gebrochen zu sein. Denysenko glaubt, Russland testet, ob gezielte Angriffe auf bestimmte Punkte der Brücke sie so beschädigen können, dass sie gesperrt werden muss. Zwei oder drei Shahed-Drohnen können ein solches Bauwerk nicht zerstören, aber wiederholte, präzise Treffer könnten theoretisch Wirkung zeigen. Das ist das Experiment, das gerade läuft.
Oleksandr Kowalenko vom Ukrainischen Zentrum für Sicherheitsstudien sieht darin eine neue Phase des Terrors gegen Kyjiw. Sein Szenario ist düster: Wochen und Monate täglicher Angriffe könnten eine Notlage herbeiführen, die eine Sperrung der Brücke erzwingt. Das Ziel, wie er es sieht, ist die vollständige Lähmung Kyjiws. Aber es geht nicht nur um Logistik. Kowalenko betont die psychologische Dimension. Russland will Panik schüren, Misstrauen gegenüber der Armee, Unzufriedenheit mit der ukrainischen Führung. Die Menschen sollen das Gefühl bekommen, dass ihre Stadt unter Belagerung steht und niemand sie schützen kann.
Die Frage nach dem Schutz ist unbequem. Kowalenko räumt ein: Man kann keine Kuppel über Brücken spannen. Das ist Fantasie. Bespalow schlägt vor, die empfindlichsten Bauteile mit Netzen oder Schutzschirmen abzudecken, ähnlich wie Panzer. Aber das bedeutet zusätzliches Gewicht auf bereits ermüdeten Strukturen. Man kann nicht alle Brücken in Panzerung und Beton hüllen. Beide Experten kommen zu derselben Schlussfolgerung: Es gibt keine Alternative zu hochwertiger Luftverteidigung und elektronischen Gegenmaßnahmen. Die Brücken können nur durch eine verstärkte, gestaffelte Luftabwehr geschützt werden – mit Abwehrsystemen gegen Kampfdrohnen. Aber diese Systeme sind noch in der Testphase. Und die Ukraine ist auf Lieferungen ihrer westlichen Partner angewiesen. Solange es keine flächendeckende Stationierung von Abfangraketen gibt, bleiben die Brücken bedroht. Das ist die harte Realität.
Bemerkenswerte Zitate
Wenn man dem Kyjiwer Verkehrssystem einen schweren Schlag versetzen will, dann ist dies eine der naheliegendsten Optionen.— Dmytro Bespalow, Verkehrsplaner Kyjiw
Ziel ist die vollständige Lähmung Kyjiws— Oleksandr Kowalenko, Ukrainisches Zentrum für Sicherheitsstudien