Rhein argumentiert für weniger Ausgrenzung der AfD in der Parlamentsarbeit, während andere Fraktionen deren Kandidaten systematisch ablehnen. Die AfD hatte 2017-2019 drei Ausschussvorsitze inne, seit 2021 werden ihre Kandidaten von anderen Parteien nicht gewählt.
Rheins Kurswechsel: CDU-Chef plädiert für AfD-Ausschussvorsitze im Bundestag
Wir grenzen uns klar ab, aber wir grenzen die Partei nicht aus
Warum ist das überhaupt wichtig? Es geht doch nur um Ausschussvorsitze – nicht um Regierungsbeteiligung.
Ausschussvorsitze sind nicht unwichtig. In diesen Gremien findet die eigentliche gesetzgeberische Arbeit statt. Wer den Vorsitz hat, prägt die Agenda, kann Anhörungen organisieren, Berichte schreiben. Es geht um Einfluss und Legitimität.
Aber Rhein hat recht, dass die AfD diese Posten formal zustehen würden – nach dem Schlüssel. Die anderen Parteien verweigern ihnen einfach die Stimmen. Das ist legal, aber es ist auch eine bewusste Strategie.
Also sagt Rhein: Wir sollten sie wählen lassen?
Genau. Er argumentiert, dass man die AfD nicht ausschließen sollte, sondern sie politisch bekämpfen sollte. Wenn man sie in die normalen Prozesse einbindet, verliert sie vielleicht die Opferrolle.
Das ist die Frage: Funktioniert das? Oder gibt man der AfD nur mehr Plattform und Legitimität? Das Bundesverfassungsgericht hat übrigens schon gesagt, dass der Ausschluss legal ist.
Und was sagt die CDU selbst dazu?
Das ist das Interessante – sie ist gespalten. Dos Santos-Wintz von der Unionsfraktion lehnt Rheins Vorschlag ab. Sie sagt, es gibt keinen Anspruch auf einen Vorsitz, und die Ausschussmitglieder wählen selbst.
Das ist auch ein wichtiger Punkt: Es ist nicht so, dass die Parteienführung einen Befehl gibt. Die einzelnen Abgeordneten stimmen ab. Das ist dezentraler, als es klingt.
Was ist mit der SPD?
Die SPD ist deutlich kritischer. Fiedler sagt, dass Rhein auf AfD-Narrative hereinfällt. Die AfD profitiere von Desinformation und russischer Einflussnahme – das sei das eigentliche Problem, nicht die fehlenden Ausschussvorsitze.
Das ist eine andere Debatte. Fiedler argumentiert: Wenn die AfD sich an die Spielregeln hält, würde sie auch Mehrheiten bekommen. Aber sie tut das nicht – also ist das Problem nicht die Ausgrenzung, sondern die Partei selbst.
Könnte das die Brandmauer aufweichen?
Das ist die große Frage. Rhein sagt, die CDU wolle kein Verbot. Aber wenn einzelne CDU-Politiker anfangen, für mehr Normalität im Umgang zu plädieren, könnte das die Grenzen verschieben.
Wobei man sagen muss: Das ist noch ein einzelner Ministerpräsident, nicht die Parteilinie. Aber es zeigt, dass die Debatte nicht abgeschlossen ist.
Le Pouls
- Boris Rhein plädiert für Ausschussvorsitze für die AfD im Bundestag
- AfD hatte 2017-2019 drei Ausschussvorsitze, seit 2021 werden ihre Kandidaten systematisch nicht gewählt
- Bundesverfassungsgericht wies AfD-Klage gegen Ausschluss im September 2024 ab
- Widerstand kommt von Catarina dos Santos-Wintz (CDU) und Sebastian Fiedler (SPD)
Rhein argumentiert für weniger Ausgrenzung der AfD in der Parlamentsarbeit, während andere Fraktionen deren Kandidaten systematisch ablehnen. Die AfD hatte 2017-2019 drei Ausschussvorsitze inne, seit 2021 werden ihre Kandidaten von anderen Parteien nicht gewählt.
Hessens Ministerpräsident Boris Rhein plädiert dafür, der AfD im Bundestag Ausschussvorsitze zu gewähren, lehnt aber ein Verbotsverfahren ab. Sein Vorschlag stößt auf Widerstand in der eigenen Fraktion und bei der SPD.
Boris Rhein, Ministerpräsident von Hessen und CDU-Politiker, hat sich in einem Interview mit dem Magazin Stern für einen Kurswechsel im Umgang mit der AfD im Bundestag ausgesprochen. Er plädiert dafür, der Partei die Vorsitzposten in Fachausschüssen zu überlassen, die ihr nach dem parlamentarischen Schlüssel zustehen würde. "Wir grenzen uns klar von der AfD ab, aber wir grenzen die Partei nicht aus. Das muss auch in der Parlamentsarbeit gelten", sagte Rhein. Gleichzeitig lehnt er ein Verbotsverfahren gegen die AfD ab und argumentiert, dass die Partei politisch, nicht juristisch bekämpft werden sollte.
Die aktuelle Situation im Bundestag ist das Ergebnis einer bewussten Strategie der etablierten Parteien. Die AfD hat wie jede andere Fraktion das Recht, Kandidaten für Ausschussvorsitze vorzuschlagen. Bei allen bisherigen Wahlen wurden diese Kandidaten jedoch von den Ausschussmitgliedern nicht gewählt – nicht weil ein formales Verbot existiert, sondern weil die Abgeordneten der anderen Fraktionen ihnen ihre Stimmen verweigerten. In solchen Fällen wird der Ausschuss kommissarisch von einem anderen Abgeordneten geleitet. Dieses Muster besteht seit der Bundestagswahl 2021. Davor, von 2017 bis 2019, hatte die AfD tatsächlich drei Ausschussvorsitze inne, darunter den einflussreichen Haushaltsausschuss, der vom Abgeordneten Peter Boehringer geleitet wurde.
Rheins Vorschlag wird von Bernd Baumann, dem Parlamentsgeschäftsführer der AfD-Fraktion, als Zeichen eines Umdenkens in der CDU interpretiert. Baumann sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass dies nur ein erster Schritt sei und weitere folgen würden. Das Bundesverfassungsgericht hatte sich bereits im September 2024 mit dieser Frage befasst, als die AfD-Fraktion Klage gegen den De-facto-Ausschluss einreichte. Das Gericht wies die Klage als unbegründet zurück.
Doch Rheins Position stößt auf erheblichen Widerstand – auch innerhalb seiner eigenen Partei. Catarina dos Santos-Wintz, Parlamentsgeschäftsführerin der Unionsfraktion, lehnt seinen Vorschlag ab. Sie betont, dass es keinen Anspruch auf einen Ausschussvorsitz gibt und dass die Ausschussmitglieder ihre Vorsitzenden selbst wählen. "Im Deutschen Bundestag konnten sich Abgeordnete der AfD mit ihrem Angebot ganz offensichtlich nicht durchsetzen", erklärte sie. Sie verweist darauf, dass die Situation in Landtagen anders sein könne, dort aber auch andere Regeln gelten.
Auch die SPD kritisiert Rheins Ansatz scharf. Sebastian Fiedler, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, argumentiert, dass das Problem nicht bei den Ausschussmitgliedern liegt, sondern bei den Kandidaten selbst. "Der Grund dafür liegt bei den Kandidierenden und nicht etwa bei den Mitgliedern der Ausschüsse", sagte Fiedler. Er wirft Rhein vor, auf "mehrere der Narrative der AfD" hereinzufallen. Fiedler weist auch auf einen grundsätzlichen Punkt hin: Parteien könnten nur politisch besiegt werden, wenn sie sich an die Spielregeln halten. Er kritisiert die AfD scharf für ihre Anfälligkeit gegenüber Desinformation und nennt den russischen Informationskrieg als Faktor, von dem die Partei besonders profitiere.
Rheins Äußerungen werfen Fragen über die Zukunft der sogenannten Brandmauer auf – der informellen Vereinbarung der etablierten Parteien, die AfD von Regierungsbeteiligungen und zentralen Positionen auszuschließen. Während Rhein betont, dass die CDU kein Verbot der AfD anstrebt und dass es in der Partei eine "einhellige Meinung" gegen ein Verbotsverfahren gibt, deutet sein Vorstoß an, dass zumindest einige Unionspolitiker eine Lockerung dieser Grenzen für denkbar halten. Ein Verbotsverfahren würde ohnehin mindestens fünf Jahre dauern und hätte einen ungewissen Ausgang, wie Rhein argumentiert. Seine Position könnte die innerparteiliche Debatte der CDU über den richtigen Umgang mit der AfD intensivieren.
Citations marquantes
Wir grenzen uns klar von der AfD ab, aber wir grenzen die Partei nicht aus. Das muss auch in der Parlamentsarbeit gelten.— Boris Rhein, Ministerpräsident von Hessen
Es gibt keinen Anspruch auf einen Ausschussvorsitz. Die Ausschussmitglieder wählen ihre Vorsitzenden selbst.— Catarina dos Santos-Wintz, Parlamentsgeschäftsführerin der Unionsfraktion