René Jacobs wird 80: Ein Dirigent, der Musik zum Pulsieren bringt

Das Jubiläum eines pragmatischen Revolutionärs
Mit diesem Bild endet das Porträt des Dirigenten René Jacobs zu seinem 80. Geburtstag.
Mark

Warum ist es erwähnenswert, dass Jacobs als Sänger begann?

Mimi

Weil man seine Handschrift schon in den frühen Aufnahmen hört: klare Farben, deutliche Deklamation, eine fast tänzerische Rhetorik. Das trägt er später ans Pult.

Mark

Sänger am Pult gelten sonst nicht als Erfolgsmodell, oder?

Mimi

Genau, sie schreiben dort selten Erfolgsgeschichten. Genannt wird neben Jacobs Nathalie Stutzmann. Der Fagottist Lorenzo Alpert sagt, Jacobs brauche eigentlich keine Dirigiertechnik, er singe und spiele vor.

Luke

Das ist ein Zeugnis eines Musikers, kein Beleg für die ganze Orchesterwelt. Es zeigt, wie es sich von innen anfühlt, mehr nicht.

Mark

Und seine Neudeutungen, etwa bei „Carmen“?

Mimi

Vor zwei Jahren hat er die Habanera kritisch gesichtet und sie gewissermaßen „beraubt“. Ähnliches gab es zuvor bei „Freischütz“ und „Leonore“. Das macht Hörer aufmerksam.

Luke

Was genau er an der Habanera änderte, sagt der Text nicht. Und dass das Publikum neue Aufmerksamkeit entwickelte, ist die Einschätzung des Autors, nicht gemessen.

Mark

Gibt es Widerspruch?

Mimi

Ja, der Text sagt, es gebe kaum je rundum Entzücken, sondern Gegenfragen und Diskurs. Das dürfte Jacobs recht sein.

Luke

Wer widerspricht und mit welchen Argumenten, bleibt offen. Fest steht die Zahl: weit über 200 Einspielungen mit langjährigen Partnern.

  • Ein Jubiläum, das zugleich eine Standortbestimmung ist: Achtzig Jahre alt, und der Mann hinterfragt noch immer die Gewissheiten des Konzertbetriebs.
  • Mit einer kritischen Sichtung von Bizets „Carmen“ hat er die Habanera gewissermaßen entzaubert und damit Widerspruch und Diskussion entfacht.
  • Seine Dirigate tragen die Handschrift des Sängers, und Orchestermusiker beschreiben eine Ausstrahlung, der sich kaum jemand entziehen kann.
  • Über mehr als 200 Tonträger und jahrzehntelange Partnerschaften mit B’Rock, der Berliner Akademie für Alte Musik und dem Freiburger Barockorchester bleibt sein Einfluss lebendig.
  • Im Frühjahr geht die Arbeit mit B’Rock und der Berliner Akademie weiter, nach Haydn-Messen mit dem Basler Kammerorchester.

Wer die Aufnahmen des jungen René Jacobs hört, begegnet einem Countertenor, dessen klare, innige Stimme schon das spätere Dirigat ahnen lässt. Heute, an seinem achtzigsten Geburtstag, zeigt sich, wie aus einer Gesangskunst eine Haltung wurde: Neugier auf die Werke, ihre Texte und ihre Zeit, die auch vor den Heiligtümern des Repertoires nicht haltmacht. Man würdigt in ihm einen Mann, der die Musik lebendig hält, indem er ihr immer wieder die Frage stellt, was sie eigentlich sagen will.

Wer alte Aufnahmen hört, begegnet dem jungen René Jacobs als Countertenor von leuchtender Klarheit. Klangbilder wie Aquarelle, deutlich in der Deklamation, oft mit einer fast tänzerischen Leichtigkeit. Schon damals sang er unter Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt, und er stand auch in Philippe Herreweghes lyrischer Matthäuspassion. Heute wird er achtzig.

Dass Sänger den Wechsel ans Pult selten zu wirklichen Erfolgen führen, macht Jacobs’ Fall umso bemerkenswerter. Orchestermusiker berichten, dass er oft eher singt oder vorspielt, als dass er Dirigiertechnik zeigt, und wer seiner Ästhetik offen begegnet, kann sich ihr kaum entziehen.

Dieses Gespür speist sich aus einem breiten Interesse am gesellschaftlichen Umfeld der Werke, besonders ihrer Texte. Dazu gehört eine freudig fordernde Neugier. Bei „Carmen“ nahm er die Habanera kritisch auseinander und weckte damit neue Aufmerksamkeit, ähnlich wie bei Webers „Freischütz“ und Beethovens „Leonore“. Seine Interpretationen fordern Widerspruch heraus, was ihm vermutlich recht ist.

Getragen werden seine Projekte von langjährigen Ensembles wie dem RIAS-Kammerchor, dem Freiburger Barockorchester und der Berliner Akademie für Alte Musik. Über 200 Tonträger sind so entstanden. Im Frühjahr geht die Arbeit mit B’Rock und der Berliner Akademie weiter. Zunächst aber wird gefeiert: der achtzigste Geburtstag eines pragmatischen Revolutionärs.

Wer sich durch Aufnahmen des vergangenen Jahrhunderts zurückhört und dort den jungen Countertenor René Jacobs singen hört, erfährt schon manches über den späteren Dirigenten. Es entstehen Klangbilder von leuchtender Klarheit, aquarellhafte Himmelsfarben bei zugleich deutlicher Deklamation, in guten Momenten eine fast tänzerische Rhetorik ohne Ballast. Über die Abstimmung der Register und die Tempi entschieden damals andere. Jacobs, der selbst später meist entschieden zügig dirigiert, sang Bach noch unter Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt. 1984 sang er auch in der lyrisch-innigen Matthäuspassion von Philippe Herreweghe, der nur ein halbes Jahr nach ihm in derselben Stadt geboren wurde, in Gent. Heute wird Jacobs achtzig.

Berühmte Sänger, die ans Dirigentenpult wechselten, haben dort selten wirkliche Erfolgsgeschichten geschrieben. Als aktuelles Positivbeispiel neben Jacobs fällt einem Nathalie Stutzmann ein. Beim Flamen funktioniert die Ausstrahlung beinahe suggestiv, wie der Fagottist Lorenzo Alpert bestätigt, der oft unter ihm gespielt hat: Jacobs singe mit dem Orchester oder spiele vor, Dirigiertechnik brauche er eigentlich nicht. Wer für seine rhetorische Ästhetik empfänglich sei, könne unbeeinflusst gar nicht bleiben.

Diese Ästhetik wirkt nicht im leeren Raum. Sie beruht auf einem universellen Interesse, das sich weit über die Noten hinaus auf das gesellschaftliche Umfeld der Werke richtet und bei Vokalmusik besonders auf deren Texte.

Das emotionale Gegenstück dieser zielgenauen Intellektualität ist eine freudig wühlende Neugier, die auch vor alten Heiligtümern nicht haltmacht. So blieb Jacobs seit den Aufbruchsjahrzehnten der historisch informierten Aufführungspraxis bis heute ein Impulsgeber. Vor zwei Jahren hat er Bizets „Carmen“ bei einer kritischen Sichtung ihres Ohrwurms, der Habanera, gewissermaßen „beraubt“ und damit vielen Hörern neue Aufmerksamkeit eingepflanzt, wie schon zuvor bei Webers „Freischütz“ oder Beethovens „Leonore“.

Solches eingreifende Neudenken fern bequemer Hörroutine prägte auch seine sinnenwachen, dramatisch pulsierenden Mozart-Einspielungen und viele Wiederentdeckungen von Opern des 16. bis 18. Jahrhunderts. Es trifft kaum je auf rundum Entzücken, sondern fordert Gegenfragen und Diskussionen heraus, was ihm kaum missfallen dürfte. Dabei kann sich Jacobs auf enge, über Jahrzehnte gewachsene Ensemblepartnerschaften stützen. Ihnen verdankt die Musikwelt neben vielen Liveerlebnissen weit über 200 Tonträger-Einspielungen. Mit ihrer selbstbewussten, aber unprätentiösen Lebendigkeit haben sie Hörgeschichte geschrieben, oft gestützt auf die munteren Erläuterungen des Dirigenten selbst, etwa in seiner Serie mit Schubert-Sinfonien und dem B’Rock Orchestra aus seiner Heimatregion.

Noch länger bestehen die Verbindungen zum RIAS-Kammerchor, zum Freiburger Barockorchester und zur Berliner Akademie für Alte Musik. In glücklichen Momenten, und davon gibt es viele, entsteht der Eindruck, hier hätten sich in Leidenschaft und Entdeckungslust genau die Richtigen gefunden. Ein Beispiel ist das leichtfüßige, lebenszugewandte Bach-Weihnachtsoratorium von 1997.

Mit B’Rock und der Berliner Akademie geht es im kommenden Frühjahr weiter. Zuvor stehen Haydn-Messen mit dem Basler Kammerorchester auf dem Programm, einem weiteren langjährigen Partner. Zunächst aber wird gefeiert: Jacobs’ 80. Geburtstag, das Jubiläum eines pragmatischen Revolutionärs.

Er singt mit dem Orchester oder spielt vor – Dirigiertechnik braucht er eigentlich nicht.
— Lorenzo Alpert, Fagottist
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