Steigt der Ölpreis, erhöhen sich Dieselpreise innerhalb von zwei Wochen um 90 Prozent; sinkt er, dauert es neun Wochen für die gleiche Weitergabe. Bei einer Ölpreisänderung von 10 Euro pro Barrel steigen Dieselpreise um 10 Cent, sinken aber nur um 7,5 Cent – ein strukturelles Ungleichgewicht zulasten der Verbraucher.
Raketen-Feder-Effekt: Deutschlands Dieselpreise zeigen stärkste Asymmetrie in der EU
Die Preise schießen nach oben wie eine Rakete, fallen aber nur langsam wie eine Feder.
Warum ist das Problem in Deutschland schlimmer als anderswo? Das müsste doch überall in Europa so sein.
Es gibt überall in der EU diese asymmetrischen Preisanpassungen – das ist richtig. Aber die Studie zeigt, dass Deutschland bei Diesel das extremste Beispiel ist. Die Verzögerung beim Sinken der Preise ist hier länger, die Überreaktion beim Steigen stärker.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Die Studie basiert auf Durchschnittswerten über 20 Jahre. Es könnte sein, dass einzelne Jahre oder Phasen das Bild verzerren. Und die Frage, warum Deutschland besonders betroffen ist, wird in der Studie nicht vollständig beantwortet.
Die Ökonomen sagen, das Problem liegt bei den Raffinerien und dem Großhandel, nicht bei den Tankstellen. Wie kann man das konkret beheben?
Durch mehr Wettbewerb auf dieser Ebene. Das könnte bedeuten: neue Raffinerien, neue Großhandelsanbieter, oder strengere Kartellkontrolle. Aber das ist langfristig und schwierig.
Genau – und hier wird es vage. Die Studie sagt, wo das Problem liegt, aber nicht, wie man es praktisch löst. Mehr Raffinerien zu bauen ist teuer und dauert Jahre. Kartellkontrolle ist komplex und umstritten.
Was ist mit den Tankrabatten, die die Regierung eingeführt hat? Helfen die?
Nach Aussage der Ökonomen nicht wirklich. Sie überdecken das Problem vorübergehend, beheben es aber nicht. Wenn der Rabatt endet, ist die asymmetrische Preisanpassung immer noch da.
Das ist wichtig zu verstehen: Ein Tankrabatt ist eine Umverteilung von oben herab. Die strukturelle Marktverzerrung bleibt bestehen. Und ob die Rabatte überhaupt bei den Kunden ankommen, ist eine separate Frage – die Studie adressiert das nur am Rande.
The Pulse
- Bei Ölpreisanstieg um 10 Euro/Barrel: Dieselpreis steigt um 10 Cent/Liter; bei Senkung: nur 7,5 Cent/Liter
- Höhere Ölpreise werden in 2 Wochen zu 90 Prozent weitergegeben; niedrigere Preise erst nach 9 Wochen
- Deutschland zeigt bei Diesel die stärkste Asymmetrie unter 26 EU-Staaten
- Studie basiert auf Preisdaten 2005–2025 und wird in der Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst veröffentlicht
Steigt der Ölpreis, erhöhen sich Dieselpreise innerhalb von zwei Wochen um 90 Prozent; sinkt er, dauert es neun Wochen für die gleiche Weitergabe. Bei einer Ölpreisänderung von 10 Euro pro Barrel steigen Dieselpreise um 10 Cent, sinken aber nur um 7,5 Cent – ein strukturelles Ungleichgewicht zulasten der Verbraucher.
Eine Studie der Monopolkommission belegt, dass Mineralölkonzerne Ölpreiserhöhungen schnell weitergeben, Senkungen aber verzögern – Deutschland ist bei Diesel europaweit am stärksten betroffen.
An der Tankstelle fühlen sich Autofahrer systematisch benachteiligt – und eine neue Studie zeigt, dass dieser Eindruck auf harten Fakten beruht. Wenn der Ölpreis steigt, schnellen die Dieselpreise innerhalb von zwei Wochen in die Höhe. Sinkt der Ölpreis dagegen, dauert es neun Wochen, bis die Kunden von der Preissenkung profitieren. Dieses Phänomen ist in der Wissenschaft als Raketen-Feder-Effekt bekannt: Die Preise schießen nach oben wie eine Rakete, fallen aber nur langsam wie eine Feder.
Drei Ökonomen um Tomaso Duso, den Vorsitzenden der Monopolkommission, haben diese Asymmetrie nun systematisch untersucht. Ihre Studie, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung exklusiv vorliegt und in dieser Woche in der Fachzeitschrift "Wirtschaftsdienst" erscheint, deckt Preisdaten aus 26 EU-Staaten zwischen 2005 und 2025 ab. Das Ergebnis ist eindeutig: Deutschland schneidet bei Diesel besonders schlecht ab – schlechter als alle anderen Länder der Union.
Die Zahlen sind präzise. Steigt der Ölpreis um zehn Euro je Barrel, erhöht sich der Dieselpreis innerhalb von zwölf Wochen um zehn Cent pro Liter. Sinkt der Ölpreis um denselben Betrag, fällt der Dieselpreis nur um 7,5 Cent. Das bedeutet: Die Verbraucher zahlen bei Preiserhöhungen mehr, als der Rohölmarkt rechtfertigen würde, und profitieren bei Preissenkungen weniger als sie sollten. Ferdinand Fichtner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, einer der Studienautoren, spricht von "Mitnahmeeffekten für die Unternehmen" in Zeiten steigender Ölpreise.
Die Geschwindigkeit der Weitergabe ist das zweite Kernproblem. Wenn Ölpreise steigen, geben die Mineralölkonzerne 90 Prozent der Erhöhung innerhalb von nur zwei Wochen an die Tankstellen weiter. Wenn Ölpreise fallen, dauert es neun Wochen, bis 90 Prozent der Senkung bei den Kunden ankommt. Das ist eine vierfach längere Verzögerung. Bei Benzin zeigen sich ähnliche Muster, aber weniger ausgeprägt – Deutschland liegt dort an zweiter Stelle hinter Finnland.
Wichtig ist, was diese Asymmetrie nicht ist: Sie hat nichts mit Steuern oder Tankrabatten zu tun. Die Ökonomen betonen ausdrücklich, dass der Effekt in der sogenannten Vorsteuermarge liegt – also in der Spanne, die Raffinerien und Großhandelsanbieter zwischen Rohölkosten und Verkaufspreis einkalkulieren. Das Problem ist nicht neu und hat sich in den letzten Jahren sogar eher verschärft.
Die Studie führt zu einer klaren politischen Schlussfolgerung: Das ist ein Fall für die Wettbewerbspolitik, nicht für die Steuerpolitik. Die Autoren lehnen Tankrabatte, Preisdeckel und Übergewinnsteuern ab – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil diese Maßnahmen die asymmetrischen Preisanpassungen nicht beseitigen, sondern nur vorübergehend überdecken. Sie würden an Symptomen herumdoktern, nicht an der Ursache.
Die Ursache liegt in der Marktstruktur. Es gibt in Deutschland nur wenige Raffinerien und wenige große Großhandelsanbieter – dort vermuten die Ökonomen unzureichenden Wettbewerb. Auf der Ebene der Tankstellen selbst ist der Markt dagegen fragmentiert und wettbewerbsintensiv. Das bedeutet: Die großen Konzerne können ihre Margen auf der Großhandelsebene ausnutzen, während die Tankstellen als Einzelne keinen Spielraum haben. Mehr Wettbewerb auf dieser vorgelagerten Ebene wäre das Gegenmittel – nicht Steuersenkungen, die das strukturelle Problem ignorieren.
Notable Quotes
In Zeiten steigender Ölpreise gibt es Mitnahmeeffekte für die Unternehmen.— Ferdinand Fichtner, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Es ist ein Fall für die Wettbewerbspolitik, nicht für die Steuerpolitik. Versuche, das Problem mit Steuersenkungen in den Griff zu bekommen, sind nur ein Herumdoktern an Symptomen.— Ferdinand Fichtner