In den Chefetagen moderner Unternehmen und Institutionen hat sich eine stille Epidemie eingenistet: Erschöpfung, die nicht mehr als Warnsignal, sondern als Beweis von Bedeutung gilt. Der Psychiater Bert te Wildt empfängt in seiner Praxis jene, die unter dem Gewicht ihrer Verantwortung zusammenbrechen – und stellt fest, dass das eigentliche Problem nicht das Individuum ist, sondern eine Kultur, die den Kollaps zur Tugend erhoben hat. Seine Arbeit wirft eine unbequeme Frage auf: Kann eine Gesellschaft, die Erschöpfung als Normalzustand akzeptiert, jemals wirklich heilen wollen?
Psychiater te Wildt: Wie Führungskräfte dem Burn-out entgehen
Wer nicht kurz vor dem Kollaps steht, arbeitet nicht hart genug
Warum konzentriert sich te Wildt ausgerechnet auf Führungskräfte? Gibt es bei ihnen mehr Burnout als bei anderen Berufsgruppen?
Das ist eine gute Frage. Es geht weniger darum, dass Führungskräfte häufiger ausbrennen – das ist schwer zu messen – sondern eher darum, dass sie in einer Kultur arbeiten, die Erschöpfung normalisiert hat. Ihre Position macht sie sichtbar, ihre Zusammenbrüche haben Konsequenzen für ganze Organisationen.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Der Artikel sagt nicht, dass te Wildt wissenschaftlich nachgewiesen hat, dass dies ein kulturelles Phänomen ist. Das ist seine Beobachtung aus seiner Praxis. Das ist wertvoll, aber es ist nicht dasselbe wie Daten.
Du sagst, dass in bestimmten Kreisen Burnout-Nähe fast zum Status-Symbol geworden ist. Wie funktioniert das psychologisch?
Es ist eine Art perverse Umkehrung von Leistung. Wenn du nicht erschöpft bist, bedeutet das, dass du nicht hart genug arbeitest. Es wird zur Währung von Wichtigkeit und Engagement. Das Problem ist, dass dieser Zustand nicht nachhaltig ist.
Aber auch hier: Das ist te Wildts Interpretation. Wir wissen nicht, ob das wirklich so weit verbreitet ist oder ob es eher eine Wahrnehmung ist, die in bestimmten Branchen stärker ist als in anderen.
Was sind die praktischen Tipps, die te Wildt gibt?
Er spricht von Grenzensetzen – nicht erreichbar sein, Nein sagen, echten Urlaub nehmen, Schlaf ernst nehmen, Bewegung als mentale Hygiene. Und das Wichtigste: die Illusion aufgeben, dass man unersetzlich ist.
Das sind gute Ratschläge, aber sie sind nicht neu. Die Frage ist: Warum funktionieren sie nicht? Der Artikel deutet an, dass die Kultur der Arbeit diese Ratschläge unmöglich macht. Das ist das eigentliche Problem, und das wird nicht gelöst, indem man einzelnen Menschen sagt, sie sollen Grenzen setzen.
Setzt te Wildt diese Ratschläge selbst um?
Ja, der Artikel sagt, dass er selbst praktiziert, was er predigt. Er hat gelernt, seine eigenen Grenzen zu respektieren.
Das ist anekdotisch. Wir wissen nicht, wie erfolgreich das ist oder wie lange er das durchhält. Aber es ist ein gutes Zeichen, dass er nicht nur Ratschläge gibt, die er selbst nicht befolgt.
El Pulso
- In Führungskreisen ist die Nähe zum Burnout zum unausgesprochenen Statussymbol geworden – wer nicht am Rand des Zusammenbruchs steht, gilt als nicht engagiert genug.
- Dauererreichbarkeit, durchwachte Nächte und nie wirklich freie Wochenenden sind für viele Führungskräfte kein Ausnahmezustand, sondern jahrelange Realität.
- Die Warnsignale – Schlafstörungen, Reizbarkeit, der Verlust jeder Freude – werden in einer Kultur, die Schwäche tabuisiert, systematisch ignoriert oder mit noch mehr Arbeit übertüncht.
- Te Wildts Therapieansatz ist radikal schlicht: Grenzen setzen, Nein sagen, die Illusion der Unersetzbarkeit aufgeben – doch genau das erweist sich für seine Patientinnen und Patienten als das Schwerste.
- Die bittere Ironie: Wer am meisten von Prävention profitieren würde, kommt erst dann in die Praxis, wenn der Körper bereits die Reißleine gezogen hat.
In den Chefetagen moderner Unternehmen und Institutionen hat sich eine stille Epidemie eingenistet: Erschöpfung, die nicht mehr als Warnsignal, sondern als Beweis von Bedeutung gilt. Der Psychiater Bert te Wildt empfängt in seiner Praxis jene, die unter dem Gewicht ihrer Verantwortung zusammenbrechen – und stellt fest, dass das eigentliche Problem nicht das Individuum ist, sondern eine Kultur, die den Kollaps zur Tugend erhoben hat. Seine Arbeit wirft eine unbequeme Frage auf: Kann eine Gesellschaft, die Erschöpfung als Normalzustand akzeptiert, jemals wirklich heilen wollen?
Bert te Wildt empfängt in seiner Praxis Menschen, deren Namen Gewicht tragen – Vorständinnen, Chefärzte, Direktorinnen. Was sie eint, ist keine gewöhnliche Müdigkeit, sondern jene tiefe Erschöpfung, bei der Körper und Geist sich schlicht weigern, weiterzumachen. Der Psychiater hat sich auf Führungskräfte spezialisiert, die unter der Last ihrer Verantwortung zusammenbrechen – oder kurz davor stehen.
Was te Wildt dabei beobachtet, ist mehr als ein medizinisches Problem: Es ist ein kulturelles. In den oberen Etagen von Konzernen und Kliniken ist die Burnout-Nähe zum stillen Statussymbol geworden. Wer nicht am Rand des Kollapses steht, so die unausgesprochene Logik, arbeitet nicht hart genug. Dauererreichbarkeit gilt als Tugend, Urlaub ist nie wirklich Urlaub, und die Grenze zwischen Beruf und Leben löst sich auf – nicht als Phase, sondern als Dauerzustand über Jahre.
Te Wildt betont, dass Burnout sich stets ankündigt: Schlafstörungen, wachsende Reizbarkeit, der schleichende Verlust der Freude an einst erfüllender Arbeit. Doch in einer Kultur, die Schwäche nicht duldet, werden diese Signale ignoriert oder mit noch mehr Einsatz überspielt. Seine Empfehlungen zur Prävention sind von bestechender Einfachheit – Grenzen setzen, Nein sagen, Schlaf als Notwendigkeit begreifen, die Illusion der Unersetzbarkeit loslassen – und doch für viele seiner Patientinnen und Patienten kaum umsetzbar.
Die eigentliche Frage, die te Wildts Arbeit aufwirft, ist keine medizinische, sondern eine gesellschaftliche: Ob eine Kultur, die Erschöpfung als Normalzustand verinnerlicht hat, jemals wirklich bereit sein wird, etwas daran zu ändern.
Bert te Wildt sitzt in seiner Praxis und empfängt Menschen, deren Namen man kennt – Vorständinnen großer Unternehmen, Chefärzte von Kliniken, Direktorinnen von Museen. Sie alle teilen ein Merkmal: Sie sind erschöpft. Nicht müde vom Alltag, sondern erschöpft in jenem tieferen Sinne, der bedeutet, dass der Körper und der Geist sich weigern, weiterzumachen. Te Wildt, Psychiater und Experte für Burnout-Prävention, hat sich auf genau diese Patientengruppe spezialisiert – Menschen in Führungspositionen, die unter der Last ihrer Verantwortung zusammenbrechen oder kurz davor stehen.
Was te Wildt in seiner Arbeit beobachtet, ist ein kulturelles Phänomen, das in bestimmten beruflichen Kreisen zur Normalität geworden ist. In den Etagen von Konzernen, in den Chefzimmern von Krankenhäusern, in den Direktionsbüros von Kultureinrichtungen ist es fast schon ein Statussymbol geworden, ständig am Rande eines Zusammenbruchs zu stehen. Die Nähe zum Burnout wird nicht als Warnsignal verstanden, sondern als Beweis von Engagement, von Wichtigkeit, von Unersetzbarkeit. Wer nicht kurz vor dem Kollaps steht, so die unausgesprochene Logik, arbeitet nicht hart genug.
Diese Mentalität hat tiefe Wurzeln. In Führungspositionen wird Dauererreichbarkeit erwartet, wird die Fähigkeit, unter Druck zu funktionieren, als Tugend gepriesen. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen. Emails werden nachts beantwortet, Wochenenden sind nie wirklich frei, der Urlaub ist durchdrungen von der Sorge um das, was in der Abwesenheit schiefgehen könnte. Für viele in diesen Positionen ist dies nicht eine Phase, sondern der Normalzustand – ein Zustand, der über Jahre andauern kann, bis der Körper sich weigert.
Te Wildt erklärt seinen Patientinnen und Patienten, dass Burnout nicht plötzlich kommt. Es ist ein Prozess, ein langsames Ausbrennen, das sich ankündigt, lange bevor der totale Zusammenbruch eintritt. Schlafstörungen, ständige Reizbarkeit, der Verlust von Freude an Aufgaben, die einmal erfüllend waren – dies sind die Vorboten. Doch in einer Kultur, in der Schwäche nicht zugegeben wird, werden diese Signale ignoriert oder mit noch mehr Arbeit kompensiert.
Die Prävention, die te Wildt seinen Patientinnen und Patienten empfiehlt, ist radikal einfach und gleichzeitig für viele unmöglich umzusetzen: Grenzen setzen. Nicht erreichbar sein. Nein sagen. Den Urlaub wirklich nehmen. Schlaf nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit behandeln. Bewegung, nicht als Fitnessziel, sondern als mentale Hygiene. Und vor allem: die Illusion aufgeben, dass man unersetzlich ist. Te Wildt selbst praktiziert, was er predigt. Er hat gelernt, dass die beste Vorbeugung gegen Burnout darin besteht, die eigenen Grenzen nicht nur zu kennen, sondern sie auch zu respektieren.
Die Ironie liegt darin, dass gerade diejenigen, die am meisten von Prävention profitieren würden – die Führungskräfte in den höchsten Positionen – am wenigsten Zeit haben, sich damit auseinanderzusetzen. Und doch kommen sie in te Wildts Praxis, wenn es zu spät ist, wenn der Körper nicht mehr will. Dann geht es nicht mehr um Prävention, sondern um Rettung. Die Frage, die sich stellt, ist nicht, ob Burnout bei Führungskräften ein Problem ist – das ist es eindeutig – sondern ob eine Kultur, die Erschöpfung als Normalzustand akzeptiert, jemals bereit sein wird, etwas daran zu ändern.
Citas Notables
Die beste Vorbeugung gegen Burnout besteht darin, die eigenen Grenzen nicht nur zu kennen, sondern sie auch zu respektieren— Bert te Wildt (paraphrasiert)