Politiker werfen Schufa Täuschung bei Transparenzversprechen vor

Millionen Verbraucher in Deutschland können nicht nachvollziehen, wie ihre Kreditwürdigkeit bewertet wird, was ihre Chancen auf Kredite und Verträge beeinflusst.
Das ist das Gegenteil von Transparenz
SPD-Verbraucherpolitikerin Carmen Wegge kritisiert die Schufa für ihre widersprüchliche Kommunikation.
Mark

Warum ist das überhaupt ein Problem? Die Schufa sagt, es gebe verschiedene Scores für verschiedene Zwecke — Hypotheken brauchen andere Kriterien als Konsumkredite.

Mimi

Das wäre ein fairer Punkt, wenn die Schufa das von Anfang an so kommuniziert hätte. Aber die Chefin sagte im März ausdrücklich: "Ein Score." Das war die Botschaft. Und dann stellt sich heraus, dass parallel mehrere Systeme laufen.

Luke

Moment — hat die Schufa das wirklich so gesagt, oder interpretieren die Politiker das so? Der Artikel zitiert die Website: "Ein Score, 12 statt 100 Kriterien." Das könnte bedeuten, dass es einen neuen Haupt-Score gibt, aber branchenspezifische Varianten daneben.

Mimi

Das ist genau der Punkt. Die Schufa hätte das klarer machen müssen. Stattdessen wirbt sie mit Transparenz und lässt dann heraus, dass sie gleichzeitig einen neuen Hypothekenscore einführt und Rohdaten an Firmenkunden verkauft.

Mark

Und das ist das Kernproblem — nicht die Scores selbst, sondern dass Menschen nicht wissen, wie sie bewertet werden?

Luke

Ja, aber auch das ist nuanciert. Wenn die Schufa Rohdaten verkauft, damit Firmen ihre eigenen Modelle bauen, dann ist das ein anderes Problem als die Scores selbst. Das ist ein Geschäftsmodell-Problem.

Mimi

Genau. Und 68 Millionen Menschen sind betroffen. Ihre Chancen auf einen Kredit, einen Mietvertrag, einen Handyvertrag — all das hängt von Bewertungen ab, die sie nicht nachvollziehen können.

Mark

Die AfD sagt, das sei normal — Geschäftsgeheimnisse müssen geschützt werden. Ist das nicht ein fairer Punkt?

Luke

Es ist ein Punkt, aber ein schwacher. Wenn ein privates Unternehmen über die Kreditwürdigkeit von 68 Millionen Menschen entscheidet, dann ist das keine normale Geschäftstätigkeit. Das hat öffentliche Relevanz.

Mimi

Und wenn das Unternehmen selbst mit Transparenz wirbt, dann kann es sich nicht gleichzeitig auf Geschäftsgeheimnisse berufen. Das ist unglaubwürdig.

Mark

Also geht es weniger um die Scores selbst und mehr um die Glaubwürdigkeit der Schufa?

Luke

Beides. Aber ja — wenn ein Unternehmen sagt "wir sind jetzt transparent" und das Gegenteil tut, dann ist das ein Vertrauensbruch.

  • Schufa-Chefin Tanja Birkholz versprach im März einen einzigen, transparenten Score
  • NDR und Süddeutsche Zeitung enthüllten mehrere parallele Bewertungsmodelle, darunter einen neuen Hypothekenscore
  • Schufa plant, Rohdaten an Firmenkunden zu verkaufen, damit diese eigene Bewertungen vornehmen
  • 68 Millionen Menschen sind von Schufa-Bewertungen betroffen
  • Linke, Grüne, SPD und Union kritisieren; nur AfD sieht kein Problem

Schufa-Chefin versprach im März einen einzigen, transparenten Score für Kreditwürdigkeitsprüfung, räumte aber später ein, dass mehrere Scores parallel bestehen. Linke, Grüne, SPD und Union fordern Erklärungen; nur AfD sieht kein Problem und beruft sich auf Geschäftsgeheimnisse und Marktbedarf.

Die Schufa wird von Politikern mehrerer Parteien kritisiert, weil sie trotz Transparenzversprechen weiterhin mehrere komplexe Bewertungsscores nutzt. NDR und SZ-Recherchen enthüllten zusätzliche Bewertungsmodelle, die das Unternehmen nicht offengelegt hatte.

Im März dieses Jahres machte die Schufa-Vorständin Tanja Birkholz ein großes Versprechen: Das Unternehmen habe einen weltweit ersten vollständig transparenten Score für Kreditwürdigkeitsprüfung entwickelt. In Firmenvideo und Werbekampagne präsentierte sich die mächtigste Wirtschaftsauskunftei Deutschlands als Vorkämpferin der Klarheit — weg von den undurchschaubaren, unterschiedlichen Bewertungsverfahren der Vergangenheit, hin zu einem einzigen, nachvollziehbaren System. Das war das Versprechen.

Dann recherchierten NDR und Süddeutsche Zeitung. Sie fanden heraus, dass die Schufa parallel zu ihrem neuen Score weiterhin zusätzliche Bewertungsmodelle einsetzt — darunter einen speziellen "Hypothekenscore der neuen Generation" für Hauskäufer, den das Unternehmen ohne öffentliche Ankündigung eingeführt hatte. Noch dazu räumte die Schufa auf Nachfrage ein, dass sie künftig neben ihren eigenen Scores auch Rohdaten von Verbrauchern an Firmenkunden verkaufen werde, damit diese ihre eigenen, noch präziseren Bewertungen vornehmen könnten. Für betroffene Menschen würde es damit unmöglich, nachzuvollziehen, wie und warum sie bewertet werden.

Das löste im Bundestag Empörung aus. Christin Willnat, verbraucherpolitische Sprecherin der Linkspartei, wies auf die Widersprüche hin: Die Schufa selbst schreibe auf ihrer Website "Ein Score, 12 statt 100 Kriterien" — eine Aussage, die für Verbraucher bedeute, dass es praktisch nur einen Score gebe. Willnat sieht darin nicht nur eine Täuschung, sondern einen grundsätzlichen Grund, das private Geschäftsmodell der Schufa infrage zu stellen. Die Linke fordert stattdessen eine staatliche Stelle mit klaren gesetzlichen Regeln, demokratischer Kontrolle und echtem Datenschutz.

Auch die Union und die SPD reagierten kritisch. Susanne Hierl von der CDU/CSU-Fraktion verlangte vom Unternehmen eine Erklärung, wie die frühere Ankündigung eines einzigen Scores mit den weiterhin bestehenden zusätzlichen Bewertungsmodellen vereinbar sein soll. Carmen Wegge von der SPD sprach von einem Verstoß gegen das Transparenzversprechen selbst: "Es ist das Gegenteil von Transparenz", wenn ein Unternehmen wochenlang mit einer Transparenz-Offensive wirbt und dabei wesentliche Teile seiner neuen Geschäftsausrichtung verschweigt.

Der Grünen-Datenschutzexperte Lukas Benner formulierte es noch deutlicher. Millionen von Verbrauchern seien belogen worden, sagte er — denn statt eines transparenteren Systems gebe es nun ein noch komplizierteres und noch intransparenteres. Ein Unternehmen, das mit den Kundendaten von 68 Millionen Menschen arbeitet, müsse dies auf einer klaren Rechtsgrundlage und mit echter Transparenz tun. Die Schufa schade sich selbst und ihrem Ruf durch dieses Vorgehen.

Eine Fraktion im Bundestag stellte sich nicht gegen die Schufa: die AfD. Deren Verbraucherpolitiker Stefan Möller argumentierte, das Unternehmen ersetze lediglich branchenspezifische Bewertungen, die es bereits gegeben habe. Solange ein Bedarf dafür bestehe und die geltenden Regeln eingehalten würden, sehe die AfD kein Problem. Dass solche Bewertungen nicht hundertprozentig transparent seien, liege in der Natur der Sache, meinte Möller — und die Schufa habe ein berechtigtes Interesse, ihre Geschäftsgeheimnisse zu wahren.

Damit steht die Schufa unter Druck. Das Unternehmen hatte mit seinem Transparenzversprechen versucht, Vertrauen zurückzugewinnen. Stattdessen hat die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Realität das Gegenteil bewirkt: Mehrere Parteien stellen nun nicht nur die Praktiken des Unternehmens infrage, sondern auch sein Geschäftsmodell selbst. Für die 68 Millionen Menschen, deren Kreditwürdigkeit die Schufa bewertet, bleibt die zentrale Frage offen: Wie werden sie wirklich beurteilt, und wer kontrolliert das?

Millionen von Verbrauchern wurden belogen. Denn es gibt ein noch komplizierteres, noch intransparenteres System.
— Lukas Benner, Datenschutzexperte der Grünen-Bundestagsfraktion
Es ist das Gegenteil von Transparenz, wenn die größte Auskunft in Deutschland erst wochenlang mit einer Transparenz-Offensive wirbt und sich dann herausstellt, dass dabei wesentliche Teile der neuen Geschäftsausrichtung verschwiegen worden sind.
— Carmen Wegge, SPD-Verbraucherpolitikerin
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