Ostdeutschland: Industriechancen trotz Fachkräftemangel

Massenarbeitslosigkeit nach der Wende führte zur Abwanderung von Hunderttausenden Menschen aus strukturschwachen ostdeutschen Regionen, was zu einer überalterten Bevölkerung führte.
Alle Subventionen nutzen nichts, wenn die Arbeitskräfte fehlen
Ökonom Kemper beschreibt das zentrale Dilemma: Ostdeutschland hat Platz und Geld, aber nicht die Menschen.
Mark

Warum ist Ostdeutschland plötzlich so attraktiv für große Konzerne wie Tesla und TSMC, wenn dort doch Fachkräfte fehlen?

Mimi

Die Konzerne sehen die Infrastruktur und die Kosten. Billige Flächen, Subventionen, gute Anbindung nach Osten. Aber ja, sie stoßen dann auf das Problem, dass die Menschen fehlen, die diese Jobs ausfüllen könnten.

Luke

Moment – sind das wirklich neue Jobs, oder sind das einfach Fabriken, die anderswo hätten entstehen können? Und wie viele Menschen braucht Tesla wirklich in Grünheide?

Mimi

Das ist eine gute Frage. Die Zahlen in der Reportage sind da vage. Wir wissen, dass investiert wird, aber nicht, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich entstehen.

Mark

Und die Abwanderung nach der Wende – ist das wirklich noch das Hauptproblem, oder ist das einfach eine historische Erklärung für etwas, das heute andere Gründe hat?

Mimi

Es ist beides. Die Abwanderung vor 30 Jahren hat eine überalterte Bevölkerung hinterlassen. Aber heute gehen junge Menschen weg, weil es dort weniger attraktive Jobs gibt – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.

Luke

Die Studie sagt, dass nur 17 Prozent der Beschäftigten 1992 noch denselben Beruf ausübten wie 1989. Das ist dramatisch. Aber wie viele Menschen sind insgesamt abgewandert? Die Reportage nennt keine Gesamtzahl.

Mimi

Das ist richtig. Wir wissen, dass es Hunderttausende waren, aber die genaue Zahl wird nicht genannt. Es ist ein großes Loch in der Geschichte.

Mark

Holtemöller sagt, dass neue Jobs eher in Dienstleistungen entstehen, nicht in der Industrie. Bedeutet das, dass die ganzen Fabrikinvestitionen am Ende nicht so viel ändern?

Mimi

Genau das könnte es bedeuten. Die Fabriken entstehen, aber die Arbeitsplätze, die wirklich wachsen, sind in den Städten, nicht auf dem Land.

Luke

Aber Holtemöller sagt auch, dass in zehn Jahren der Westen ähnliche demografische Probleme haben wird. Das ist eine wichtige Perspektive – das ist nicht nur ein Ostproblem mehr.

  • Tesla eröffnete 2022 Gigafactory in Grünheide; TSMC investiert über 10 Milliarden Euro in Dresden
  • Nach der Wende 1992: Arbeitslosenquote stieg auf 10% bei Männern, 20% bei Frauen
  • Nur 17% der Beschäftigten übten 1992 noch denselben Beruf aus wie 1989
  • Massive Abwanderung junger Menschen führte zu überalterter Bevölkerung in strukturschwachen Regionen

Tesla, TSMC und Infineon investieren Milliarden in Ostdeutschland, doch strukturschwache Regionen leiden unter Bevölkerungsrückgang und fehlendem Unternehmertum. Die Abwanderung nach der Wende vor 30 Jahren führte zu einer überalterten Bevölkerung in ländlichen Gebieten, wo neue Industriearbeitsplätze entstehen könnten.

Ostdeutschland zieht mit niedrigen Immobilienpreisen und Subventionen große Konzerne an, doch der Fachkräftemangel und die Abwanderung junger Menschen gefährden das Wachstumspotenzial der Region.

Ostdeutschland hat das, was Fabriken brauchen: Land. Viel davon. Flächen, die bereits erschlossen sind, Immobilienpreise, die niedrig bleiben, eine geografische Nähe zu den wachsenden Märkten Osteuropas. Subventionen fließen reichlich. Und doch, ausgerechnet dort, wo neue Industriearbeitsplätze entstehen könnten, fehlen die Menschen, die diese Arbeitsplätze ausfüllen würden. Das ist das Paradox, das Ostdeutschland heute prägt.

Die großen internationalen Konzerne haben das Potenzial erkannt. Tesla eröffnete 2022 seine erste europäische Gigafactory im brandenburgischen Grünheide und produziert dort nicht nur Elektrofahrzeuge, sondern auch Antriebseinheiten und Komponenten. Im Dresdner Norden baut die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, kurz TSMC, eine hochmoderne Halbleiterfabrik – eine Investition von über zehn Milliarden Euro. Der Chiphersteller Infineon verdoppelt seine Produktionskapazität in Dresden und nahm im Juli ein neues Werk in Betrieb. Stephan Kemper, Ökonom bei der französischen Großbank BNP Paribas, sieht die Chancen deutlich: niedrige Immobilienpreise, gute Anbindung nach Osten, interessante Märkte, die sich von hier aus bedienen lassen. Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle fasst es prägnant zusammen: Die ostdeutsche Volkswirtschaft habe in den vergangenen Jahren sehr gut aufgeholt. Die Ost-West-Brille tauge immer weniger zur Erklärung von Unterschieden.

Aber die Region ist nicht homogen. Es gibt boomende Städte wie Leipzig und Jena. Und es gibt strukturschwache Regionen, vor allem im ländlichen Raum, wo es zu wenig Unternehmen und zu wenig Arbeitsplätze gibt. Martin Lück, Ökonom, sieht darin auch ein Problem des fehlenden Unternehmertums: Zu selten führt eine gute Idee zu einem skalierbaren Geschäftsmodell. Zu wenige dieser Unternehmen werden so groß, dass sie wirtschaftlich relevant sind und Tausende Arbeitsplätze schaffen.

Die tiefere Ursache liegt in der Geschichte. Nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie in den 1990er-Jahren kam es zu massiver Arbeitslosigkeit. In Sachsen-Anhalt etwa stieg die Arbeitslosenquote bis 1992 von null auf zehn Prozent bei Männern und auf 20 Prozent bei Frauen. Eine Studie der Rockwool Foundation Berlin zeigt das Ausmaß der Umwälzung: Nur 17 Prozent der Beschäftigten übten 1992 noch denselben Beruf aus wie 1989. Alexandra Spitz-Oener, stellvertretende Leiterin der Stiftung und Professorin an der Humboldt-Universität Berlin, nennt das eine berufliche Umwälzung in einem Ausmaß, das Westdeutsche schlicht nicht kannten. Viele Menschen fanden keinen neuen Job und wanderten ab – in die alten Bundesländer oder ins Ausland.

Diese Abwanderung vor 30 Jahren hat Konsequenzen bis heute. Dort, wo neue Industriearbeitsplätze entstehen könnten, wo genug Platz für Ansiedlungen wäre, leben heute vor allem ältere Menschen, die nicht mehr im Berufsleben sind. Die jungen Leute gehen weg, sagt Kemper. Sie suchen ihr Glück eher in den alten Bundesländern oder im Ausland. Das setzt eine Negativspirale in Gang: Je älter eine Bevölkerung wird und je weniger gut ausgebildete junge Menschen vorhanden sind, desto weniger attraktiv werden die Standorte für potenzielle Arbeitgeber. Alle Subventionen und die besten Businesspläne nutzen nichts, wenn die Arbeitskräfte fehlen.

Doch Holtemöller rechnet für die kommenden Jahre nur noch mit geringen Unterschieden in der wirtschaftlichen Dynamik zwischen Ost und West. Chancen gibt es überall dort, wo man auf Forschung, Entwicklung, Innovationen und Produktivitätssteigerungen setzt. Neue Arbeitsplätze werden entstehen – aber nicht so sehr aus dem industriellen Umfeld. Die Beschäftigung in der Industrie ist schon seit mehreren Jahren rückläufig. Neue Jobs wird es vielmehr in Dienstleistungsbereichen geben, und diese entstehen eher in urbanen Ballungsgebieten als im ländlichen Raum.

Holtemöller plädiert dafür, in strukturschwachen Regionen nicht gezielt Arbeitsplätze umlenken zu wollen, sondern die Daseinsvorsorge sicherzustellen – Schulen, Krankenhäuser, Einkaufsmöglichkeiten. Und er betont: Das ist längst kein ostdeutsches Phänomen mehr. Solche Entwicklungen finden auch in anderen Bundesländern statt. Zwar ist die demografische Schrumpfung in strukturschwachen ostdeutschen Regionen durch die Abwanderung vor 30 Jahren bereits viel stärker ausgeprägt als im Westen. Aber in etwa zehn Jahren könnte die Bevölkerungsstruktur im Westen ähnlich aussehen. Der demografische Wandel schreitet voran – das schrittweise Ausscheiden der Babyboomer-Jahrgänge aus dem Erwerbsleben wird auch den Westen treffen.

Die ostdeutsche Volkswirtschaft hat in den vergangenen Jahren sehr gut aufgeholt. Die Ost-West-Brille taugt immer weniger zur Erklärung von Unterschieden.
— Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle
Eine berufliche Umwälzung in einem Ausmaß, das Westdeutsche schlicht nicht kannten
— Alexandra Spitz-Oener, Rockwool Foundation Berlin
Vuoi la storia completa? Leggi l'originale su tagesschau ↗
Contattaci Domande frequenti