Nur 12 Prozent der Elite-Positionen sind mit Ostdeutschen besetzt, in der Wirtschaft und Justiz liegt der Anteil unter einem Prozent. Westdeutsche Führungskräfte prägen seit Jahrzehnten die Besetzungskriterien und Entscheidungsprozesse in Wirtschaft, Justiz und Medien.
Ostdeutsche in Eliten deutlich unterrepräsentiert – Soziologe fordert Quoten
Alle wesentlichen Entscheidungen werden im Westen getroffen
Warum ist das überhaupt wichtig? Es geht doch um einzelne Positionen – warum sollte es einen Unterschied machen, ob jemand aus dem Osten oder Westen kommt?
Weil Entscheidungen getroffen werden. Wenn alle, die entscheiden, die gleiche Brille aufhaben, sehen sie bestimmte Probleme nicht. Und wenn Ostdeutsche sich systematisch ausgeschlossen erleben, hat das politische Folgen.
Aber Hartmann sagt selbst, dass auch Westdeutsche aus den unteren neunzig Prozent der Bevölkerung kaum in Elite-Positionen kommen. Ist das nicht das eigentliche Problem – nicht Ost-West, sondern Klasse?
Das ist wahr. Aber der Punkt ist: Im Osten ist es noch schlimmer. Selbst wenn man Klasse berücksichtigt, sind Ostdeutsche zusätzlich benachteiligt.
Und die Quoten – wie würde das konkret funktionieren? Wer würde das durchsetzen?
Das ist die offene Frage. Hartmann sagt, es braucht gesetzliche Vorgaben, ähnlich wie bei der Frauenquote. Aber das müsste der Bundestag beschließen.
Moment – die Frauenquote ist auch umstritten und hat nicht überall funktioniert. Und bei Ostdeutschen wäre es noch komplizierter: Wie definiert man das? Wo ist jemand aufgewachsen? Wo hat er studiert?
Das sind berechtigte Fragen. Aber Hartmann argumentiert: Wenn wir es nicht versuchen, ändert sich nichts. Und das ist seit 36 Jahren der Fall.
Was ist mit der Politik – da funktioniert es ja besser?
Weil Wähler es merken. Wenn eine Partei nur westdeutsche Kandidaten aufstellt, wird das bestraft. In der Wirtschaft und Justiz gibt es diese Kontrolle nicht.
Aber auch in der Politik sind noch immer die Hälfte der Minister in manchen Bundesländern Westdeutsche. Das ist nicht wirklich ein Erfolgsmodell.
O Pulso
- 36 Jahre nach der Wiedervereinigung: nur 12 Prozent der Elite-Positionen mit Ostdeutschen besetzt
- In DAX-Unternehmen: eine Person unter 250+ Vorständen aus dem Osten; null Vorstandsvorsitzende
- In der Justiz: nur ein halbes Dutzend Bundesrichter aus dem Osten
- In der Politik: etwa 20 Prozent Ostdeutsche vertreten – einziger Sektor mit annähernder Repräsentation
- Hartmann fordert verbindliche Quoten für Wirtschaft, Justiz und Medien
Nur 12 Prozent der Elite-Positionen sind mit Ostdeutschen besetzt, in der Wirtschaft und Justiz liegt der Anteil unter einem Prozent. Westdeutsche Führungskräfte prägen seit Jahrzehnten die Besetzungskriterien und Entscheidungsprozesse in Wirtschaft, Justiz und Medien.
36 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Ostdeutsche in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert. Soziologe Hartmann sieht kaum Fortschritte und fordert Quoten zur Besetzung von Spitzenpositionen.
Sechsunddreißig Jahre nach dem Mauerfall sitzen Ostdeutsche in den Schaltzentralen der Macht immer noch am Rande. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, hat das Problem kürzlich öffentlich benannt: Je höher die Führungsebene, desto seltener findet sich jemand, der im Osten aufgewachsen ist. Der Soziologe Michael Hartmann hat sich diese Verteilung genauer angesehen und kommt zu einer ernüchternden Bilanz: Von etwa 3.000 Menschen in den obersten Elitepositionen sind gerade einmal zwölf Prozent Ostdeutsche. Doch diese Zahl verschleiert das eigentliche Ausmaß des Problems.
Wenn man die Politik und öffentliche Verwaltung aus der Rechnung nimmt – Bereiche, in denen Ostdeutsche mit etwa zwanzig Prozent einigermaßen vertreten sind – fällt der Anteil unter zehn Prozent. In der Wirtschaft ist die Situation dramatisch: Unter mehr als 250 Vorständen der DAX-Unternehmen gibt es genau eine Person, die im Osten groß geworden ist. Bei den Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratschefs der hundert größten Unternehmen: niemand. In der Justiz sieht es kaum besser aus – nur ein halbes Dutzend Bundesrichter stammen aus dem Osten. Hartmann nennt das minimal.
Die Wurzeln dieses Ungleichgewichts liegen in den unmittelbaren Jahren nach 1989. Als die Mauer fiel, wurden alle Führungspositionen im Osten neu besetzt – mit Westdeutschen. Diese brachten ihre eigenen Mitarbeiter mit und ein fest verankertes Verständnis davon, wer für solche Positionen geeignet ist. Über Jahrzehnte hat sich diese westdeutsche Perspektive verfestigt, eine Art Brille, durch die Entscheidungsträger die Welt sehen. Sie bevorzugt Menschen, die in den oberen vier Prozent der Bevölkerung aufgewachsen sind – ein Muster, das in der westdeutschen Wirtschaft seit über hundert Jahren besteht und sich kaum verändert hat. Wer nicht in diese Kategorie passt, hat es schwer, unabhängig davon, ob er aus dem Westen oder Osten kommt.
Diese westdeutsche Dominanz hat konkrete Folgen. Alle wesentlichen wirtschaftlichen Entscheidungen werden im Westen getroffen. Wenn Volkswagen beschließt, das Werk in Zwickau zu schließen, entscheiden das die Manager in Wolfsburg – und der Osten muss umsetzen. In der Rechtsprechung prägen westdeutsche Erfahrungen und Perspektiven die Urteile. Hartmann sieht darin einen Mechanismus, der Ostdeutsche systematisch von Mitsprache ausschließt. Viele erleben das als Fremdbestimmung, als das Gefühl, von außen regiert zu werden. Das ist kein akademisches Problem – es hat politische Konsequenzen. Die AfD ist im Osten deutlich stärker als im Westen, und Hartmann sieht einen direkten Zusammenhang: Dieses Gefühl der Fremdbestimmung verstärkt Abwehrhaltungen und trägt zu politischen Verschiebungen bei.
Wie viel hat sich in den letzten Jahren wirklich bewegt? Hartmann antwortet knapp: kaum etwas. Eine Ostdeutsche sitzt inzwischen im Bundesverfassungsgericht – unter sechzehn Richtern. Das ist eine minimale Verbesserung nach so langer Zeit. Das alte Argument, dass Ostdeutsche anders ausgebildet worden seien und ein anderes Rechtssystem kannten, ist längst hinfällig. Die Menschen, die heute für Spitzenpositionen in Frage kämen, haben alle unter den Bedingungen eines einheitlichen Deutschlands studiert, viele sind sogar zur Schule gegangen, nachdem die Mauer fiel. Trotzdem passiert fast nichts – außer in der Politik, wo Wähler nicht dauerhaft nur westdeutsche Gesichter sehen wollen. Aber selbst dort: In Mecklenburg-Vorpommern waren noch immer die Hälfte der Ministerposten mit Westdeutschen besetzt, fünfunddreißig Jahre nach dem Mauerfall.
Hartmann zieht eine klare Schlussfolgerung: Ohne verbindliche Quoten wird sich das nicht ändern. Nicht in der Wirtschaft, nicht in der Justiz, nicht in den Medien – wo ebenfalls Westdeutsche dominieren und ostdeutsche Zeitungen meist Ableger westdeutscher Konzerne sind. Das Argument, dass sich das von selbst auswächst, wenn eine neue Generation nachrückt, hat sich als falsch erwiesen. Eine neue Generation ist längst da, und die Strukturen haben sich kaum bewegt. Ohne gesetzliche Vorgaben, so Hartmann, wird sich an dieser Unterrepräsentation nichts Wesentliches ändern.
Citações Notáveis
Ohne eine Quotierung werden in solchen Fragen, wenn es um wirkliche Spitzenpositionen geht, keine nennenswerten Veränderungen erreicht— Michael Hartmann, Soziologe
Die Personen, die jetzt in Frage kämen für solche Positionen, haben alle schon unter den Bedingungen eines einheitlichen Deutschlands studiert – dieses Argument ist inzwischen vollkommen hinfällig— Michael Hartmann