Deutsche Direktinvestitionen in China sind seit 2010 viermal schneller gestiegen als der Export dorthin, was eine asymmetrische wirtschaftliche Abhängigkeit schafft. Das IW fordert begrenzte Investitionsgarantien und klare Priorität für deutsche Wertschöpfung bei Interessenskonflikten zwischen Unternehmen und Standort.
Ökonomen warnen: Deutsche Steuerzahler dürfen nicht für China-Investitionen haften
Steuerzahler dürfen nicht für Unternehmensrisiken in China aufkommen
Warum ist es ein Problem, wenn deutsche Unternehmen viel in China investieren? Das schafft doch Arbeitsplätze und Gewinne.
Das stimmt, aber die Studie zeigt ein Ungleichgewicht. In den USA wachsen Investitionen und Export zusammen. In China sind die Investitionen viermal schneller gestiegen als der Export. Das bedeutet, deutsche Firmen bauen dort Fabriken für den chinesischen Markt auf, nicht um von dort zu exportieren.
Aber wie genau schadet das Deutschland? Wenn ein Unternehmen Gewinne macht, profitiert doch auch der Staat durch Steuern.
Das Problem ist das geopolitische Risiko. Wenn es zu einem Konflikt kommt – Stichwort Taiwan oder Sanktionen – können diese Investitionen plötzlich wertlos sein. Und bisher haben Hermes-Bürgschaften das Risiko teilweise auf den Staat übertragen.
Also sagen die Ökonomen, dass Steuerzahler für Unternehmensrisiken aufkommen?
Genau. Sie fordern, dass die Bundesregierung klar macht: Im Konfliktfall zahlt der Staat nicht. Unternehmen müssen ihre eigenen Risiken tragen.
Aber die Studie sagt auch, dass deutsche Unternehmen zunehmend ins Ausland investieren, weil es in Deutschland zu teuer ist. Das ist ein anderes Problem – Bürokratie, Energie, Löhne. Kann man das wirklich auf China-Investitionen reduzieren?
Nein, das ist richtig. Die Studie warnt vor zwei Dingen gleichzeitig: zu viel Abhängigkeit von China und zu hohe Kosten in Deutschland. Beides muss angegangen werden.
Wer trägt die Verantwortung dafür, dass es so weit gekommen ist?
Das Institut deutet an, dass auch die Bundesregierung Mitschuld trägt – durch Garantieprogramme, die Investitionen in China zu attraktiv gemacht haben.
Aber die Studie wurde vom Auswärtigen Amt mitfinanziert. Wie unabhängig ist diese Kritik an der Regierung wirklich?
Das ist eine faire Frage. Die Finanzierung durch das Auswärtigen Amt könnte bedeuten, dass die Regierung selbst diese Debatte führen will. Oder es könnte bedeuten, dass die Kritik politisch gewünscht ist. Das lässt sich aus der Studie allein nicht klären.
El Pulso
- Deutsche Direktinvestitionen in China vervierfacht sich von 2010 bis 2024, während Export sich nur verdoppelte
- Hermes-Bürgschaften sollen begrenzt, nicht gestrichen werden
- Automobilhersteller haben überproportional viel in China investiert
- Studie vom Institut der deutschen Wirtschaft, mitfinanziert vom Auswärtigen Amt
Deutsche Direktinvestitionen in China sind seit 2010 viermal schneller gestiegen als der Export dorthin, was eine asymmetrische wirtschaftliche Abhängigkeit schafft. Das IW fordert begrenzte Investitionsgarantien und klare Priorität für deutsche Wertschöpfung bei Interessenskonflikten zwischen Unternehmen und Standort.
Ökonomen des Instituts der deutschen Wirtschaft warnen vor Risiken großer deutscher Direktinvestitionen in China und fordern die Bundesregierung auf, klare Signale zu setzen, dass Steuerzahler nicht für Verluste im geopolitischen Konfliktfall aufkommen.
Eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft zeichnet ein beunruhigendes Bild: Deutsche Unternehmen haben ihre Investitionen in China in den vergangenen 15 Jahren massiv ausgeweitet, ohne dass die Öffentlichkeit oder die Politik die damit verbundenen Risiken angemessen diskutiert hätten. Die Analyse, die das Institut am Dienstag veröffentlicht und der F.A.Z. exklusiv vorliegt, kommt zu einem klaren Ergebnis: Sollte es zu einem geopolitischen Konflikt kommen, dürfen deutsche Steuerzahler nicht für die Verluste dieser Investitionen aufkommen.
Die Zahlen sind bemerkenswert. Während deutsche Direktinvestitionen in den USA seit 2010 parallel zum Export dorthin gewachsen sind und sich bis 2024 mehr als verdoppelt haben, zeigt sich bei China ein völlig anderes Muster. Die deutschen Direktinvestitionen in China haben sich im gleichen Zeitraum vervierfacht, während der Export sich nur verdoppelt hat und zuletzt sogar zurückging. Diese Asymmetrie ist das Kernproblem, das die Ökonomen Samina Sultan und Jürgen Matthes identifizieren. Sie deuten auf eine wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit hin, die Deutschland verwundbar macht.
Das Institut fordert die Bundesregierung auf, ein deutliches Signal zu setzen: Unternehmen müssen wissen, dass sie im Konfliktfall nicht auf staatliche Rettung rechnen können. Konkret empfehlen Sultan und Matthes, die sogenannten Hermes-Bürgschaften, also Investitionsgarantien für deutsche Investitionen in China, nicht vollständig zu streichen, aber deutlich zu begrenzen. Gleichzeitig soll die Regierung bei Interessenskonflikten zwischen in China tätigen Unternehmen und dem deutschen Standort klar Partei für Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland ergreifen. Das Institut warnt auch vor übermäßigen Anreizen, die Unternehmen dazu verleiten könnten, ihre Aktivitäten nach China zu verlagern.
Ein besonders kritischer Punkt der Studie betrifft den Technologietransfer. Wenn deutsche Unternehmen ihr Wissen an chinesische Partner weitergeben, berücksichtigen sie in ihren Kalkulationen nur ihre eigenen Kosten, nicht aber die gesamtwirtschaftlichen Schäden für Deutschland. Das Institut spricht hier von einem Marktversagen, das umso problematischer wird, wenn Unternehmen zunehmend freiwillig solche Kooperationen eingehen. Indirekt werfen die Autoren damit auch der Bundesregierung vor, durch ihre Garantieprogramme diese Entwicklung gefördert zu haben.
Die Studie erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Europäische Union neue handelspolitische Instrumente gegen China diskutiert. Auch deutsche Automobilhersteller und Maschinenbauer klagen zunehmend über den Wettbewerbsdruck durch chinesische Konkurrenten auf den Weltmärkten – ein Phänomen, das unter dem Stichwort "Chinaschock" bekannt ist. Sultan und Matthes teilen diese Sorgen und plädieren für Gegenmaßnahmen wie Ausgleichszölle gegen chinesische Subventionen, die den internationalen Wettbewerb verzerren.
Doch die Ökonomen warnen auch vor einem anderen Problem: In neueren Umfragen geben deutsche Unternehmen zunehmend niedrigere Kosten als Hauptmotiv für Auslandsinvestitionen an. Das ist ein Alarmzeichen, denn solche Investitionen gehen tendenziell auf Kosten von Investitionen im Inland. "Das zeigt, dass der Kostennachteil Deutschlands zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts gefährdet", heißt es in der Studie. Das Institut fordert daher dringend Maßnahmen zur Senkung der Kostenlast in Deutschland – durch weniger Bürokratie, niedrigere Energiekosten und geringere Arbeitskosten.
Insgesamt bescheinigen die Autoren deutschen Direktinvestitionen im Ausland positive Effekte für die heimische Wirtschaft, wenn sie richtig ausgerichtet sind. Das Beispiel USA zeigt, dass Investitionen und Export sich gegenseitig verstärken können. Bei China aber ist genau das Gegenteil passiert: Die Investitionen sind explodiert, während der Export stagniert. Das deutet darauf hin, dass deutsche Unternehmen dort vor allem für den chinesischen Markt produzieren, nicht um von dort aus zu exportieren. Die Studie legt nahe, dass Deutschland diese Strategie überdenken muss – bevor es zu spät ist.
Citas Notables
Der Kostennachteil Deutschlands gefährdet zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts— Institut der deutschen Wirtschaft
Investitionsgarantien für China sollten deutlich begrenzt werden— Samina Sultan, Institut der deutschen Wirtschaft